Schatten
des Wahns
Stachelmanns dritter Fall
Christian v. Ditfurth
Informationen über
dieses Buch: www.stachelmann.de
* * *
Things they do look awful cold
I
hope I die before I get old
Talkin' 'bout my generation
Pete
Townshend (The Who), "My Generation"
1.
Sie traten
aus dem Haus Kettengasse 25. Drei hatten sich eingehakt, einer ging
vorneweg zu einem VW-Käfer, der um die Ecke im Unteren
Faulen Pelz stand, an der Mauer des Gefängnisses. Über ihnen
hing der Vollmond hinter Stacheldraht.
Sie sagten
kein Wort. Der Mann, der eng zwischen zwei anderen ging, schien unwillig
zu sein. Er drehte zwei- oder dreimal den Kopf zurück,
als wollte er bleiben. Dabei fielen ihm lange braune Locken ins Gesicht,
sodass er den Kopf schüttelte, um etwas sehen zu können.
Es wirkte, als wollte er nein sagen. Doch er wehrte sich nicht.
Sie mussten
alle auf der Fahrerseite einsteigen, so dicht stand der Wagen an
der Mauer. Der Mann, der vorne gegangen war, klappte den Fahrersitz
vor, dann schob sich einer der beiden, die den Langhaarigen eingehakt
hatten, auf die Rückbank. Er trug einen roten Vollbart. Die beiden
anderen drückten den Langhaarigen hinein, dann quetschte sich
der andere Begleiter daneben. Er hatte ein hageres Gesicht mit hervorstehendem
Kinn. „Was soll das?“, sagte der Langhaarige in einem Ton, in dem Ungläubigkeit
mitschwang.
Sie hatten
geklingelt in der Wohnung im Dachgeschoss und ihn gleich herausgezerrt,
als er die Tür geöffnet hatte. Woher hatten
sie gewusst, dass er allein war? Marianne und Ingo waren noch nicht
zurück vom Kino. Was hatten sie vor? Er spürte die Angst,
aber dann sagte er sich, sie wollten ihn nur erschrecken. Die tun keinem
was, die nicht.
„Wirst schon sehen“,
sagte der Mann, der sich hinters Steuer gesetzt hatte.
Da schüttelte sich der Langhaarige, er drängte zur Tür,
wollte den Fahrersitz nach vorn drücken, aber die beiden neben
ihm hatten keine Mühe, ihn zu halten.
„Lass den Quatsch“, sagte der mit dem Kinn, der links vom Langhaarigen
saß.
Der Langhaarige
fiel zurück auf die Bank.
Der Motor
startete erst nach dem vierten Versuch. Der Fahrer gab zu viel Gas,
dann nahm er den Fuß abrupt vom Pedal, stieg auf die
Bremse und würgte den Motor ab. Die Insassen wurden durchgeschüttelt. „Reiß dich
zusammen!“, brüllte der Vollbart auf der Rückbank. „Kannst
du nicht mehr fahren, oder was?“
Der Fahrer
antwortete nicht. Er startete den Motor erneut, trat die Kupplung
und legte den ersten Gang ein. Der Motor heulte kurz auf, dann beschleunigte
der Wagen ruckartig, hätte fast ein parkendes
Auto gerammt, und endlich wurde die Fahrt ruhiger.
Sie fuhren
langsam die Friedrich-Ebert-Anlage hinunter. An der großen
Kreuzung ging es rechts ab in die Sofienstraße, dann über
die Brücke nach Neuenheim. In Handschuhsheim bog der Wagen wieder
rechts ab, den Hang hinauf; der Weg wurde immer kurviger. Die Scheinwerfer
tanzten die Böschung entlang, Büsche und Bäume trugen
noch kein Laub. War der Langhaarige erst überrascht, dann erstaunt
gewesen, so griff jetzt wieder die Angst nach ihm, langsam und von
unten. Der Darm wurde unruhig, dann der Magen, schließlich kam
der Schweiß, und er fragte: „Was habt ihr vor?“
„Mach dir nicht ins Hemd“,
sagte der Mann mit dem Kinn neben ihm, ohne ihn anzusehen.
Schweigend
fuhren sie in den Wald. Der Langhaarige kannte die Gegend, grau ragte
die Ruine des St.-Michaels-Klosters im Mondlicht. Hier hatten sie
im letzten Sommer unter Bäumen gesessen, Joints geraucht und
Bier getrunken. Aber jetzt war hier niemand, die Kneipe noch nicht
geöffnet. Der Fahrer steuerte den Käfer auf den großen
Parkplatz hinter der Gaststätte. Sie waren die Einzigen. Dann
stiegen sie aus, und die beiden von der Rückbank hakten den Langhaarigen
wieder unter. Der ließ sich mitziehen, er war allein, die waren
zu dritt. Sie führten ihn weg von der Gaststätte weiter in
den Wald hinein. Sie näherten sich der rund gemauerten Bühne
der Thingstätte von hinten. Die beiden führten den Langhaarigen
durch den Eingang zwischen den beiden Flügeln, dann sah er die
Treppen und Sitzreihen aus Stein, die sich steil nach oben streckten.
Irgendwo schrie ein Kauz. Geraschel im Wald, der Langhaarige spürte,
wie der Vollbart rechts neben ihm zuckte. Erst jetzt entdeckte der
Langhaarige den langen, dicken Gegenstand in der Hand des Fahrers.
Sie näherten sich der Stahlgittertür des linken Bühnenflügels,
von den Sitzreihen aus gesehen. Das lange Ding entpuppte sich als Bolzenschneider
mit Hebelgriffen. Der Fahrer setzte die Zange an den Bügel des
Vorhängeschlosses, drückte die Griffe zusammen und zog sie
auseinander. Das wiederholte er an einer zweiten Stelle des Schlossbügels,
und mit einem Klacken fiel das Schloss auf den Steinboden. Dann hatte
der Fahrer eine Taschenlampe in der Hand. Er öffnete die Gittertür,
leuchtete in den Raum hinein und sagte: „Los!“
Die beiden
anderen führten den Langhaarigen in den Lichtkreis.
Es roch nach Fäulnis. Eine Ratte huschte durch das Licht hinaus
aus dem Raum. Einer schloss die Gittertür, dann sagte der Fahrer: „Knie
dich hin!“ Er leuchtete dem Langhaarigen ins Gesicht, dann fiel der
Schein der Taschenlampe auf den Boden vor dem Langhaarigen. „Dahin!“
Der Langhaarige blieb stehen.
Der mit
dem Kinn trat dem Langhaarigen in die rechte Kniekehle. Der schrie
auf und sackte zu Boden. Dann kniete er. „Ihr seid wahnsinnig“,
sagte er. Nun hatte er nur noch Angst.
„Du bist ein Verräter“,
sagte der Fahrer.
Der Langhaarige
starrte ihn und schüttelte den Kopf. „Nein, nein!“
Dann hatte
der Vollbart eine Pistole in der Hand, der Fahrer sah sie und fragte: „Was
machst du?“
Der Langhaarige begann zu zittern.
Der Vollbart
stellte sich hinter den Langhaarigen. Der mit dem Kinn schaute auf
die Pistole, dann auf den Langhaarigen. Der Fahrer sagte: „Wir
wollen alles wissen.“ Auch er klang zittrig.
„Ich habe nichts verraten“,
sagte der Langhaarige.
„Du kennst doch den Wieland“,
sagte der Fahrer.
„Du hast
ihn mir mal gezeigt, daher kenn ich ihn.“
„Du bist
mit ihm gesehen worden.“
„Nein“, sagte der Langhaarige. „Doch, ich habe ihn mal um Feuer gebeten.“ Er
erzählte nicht, wie es ihn gereizt hatte, Wieland nahe zu kommen.
So einen genau zu sehen.
„Er war
bei dir zu Hause.“
„Er ist gekommen und hat mich bedrängt, mit ihm zu reden.“ Das
war Wochen, nachdem er ihn um Feuer gebeten hatte. Wieland schien ihn
nicht wieder zu erkennen.
Der mit
dem Kinn trat dem Langhaarigen ins Gesicht. „Sag die Wahrheit,
du Schwein!“, brüllte er. Der Langhaarige fiel auf die Seite. „Los,
hoch“, sagte der Fahrer. „Stell dich nicht so an.“ Der Langhaarige
stöhnte und hockte sich wieder auf die Knie. Er betastete die
Stelle, wo ihn der Tritt getroffen hatte.
„Wenn uns jemand hört“,
zischte der Vollbart.
„Um die Zeit, hier, bestimmt nicht“,
sagte der Fahrer.
„Wegen diesem Schwein werden wir lebenslang Scherereien haben“, sagte
der Fahrer. Der Vollbart drückte dem Langhaarigen die Pistole
ins Genick.
„Wo hast du die her?“,
fragte der mit dem Kinn. Er klang unsicher.
„Von meinem Alten, aus dem Krieg, ist eine 08, durchschlägt alles.“ Der
Vollbart war stolz.
Dann begannen
sie wieder, den Langhaarigen zu befragen und zu quälen.
Der aber bestritt alles. Die drei anderen erregten sich immer mehr.
Sie fragten, schlugen und traten. Der Langhaarige fiel immer wieder
um, die anderen zerrten ihn immer wieder auf die Knie. Längst
blutete der Langhaarige aus Gesichtswunden. Er kniete im eigenen Urin.
„Die Flasche hat sich in die Hose gemacht, es stinkt!“,
rief der Fahrer hysterisch.
„Bringen wir es zu Ende. Gestehst du deinen Verrat, dann geben wir
dir eine Chance.“ Der Vollbart trat dem Langhaarigen ins Kreuz, nicht
fest, eher als Aufmunterung. Sie bauten ihm eine Brücke. Der Langhaarige
schüttelte den Kopf, vielleicht weil er nichts mehr verstand,
vielleicht weil er nein sagen wollte.
Den Schuss
hörte er nicht mehr. Die Neunmillimeterkugel aus dem
letzten Krieg drang in seinen Hinterkopf ein und ließ das Gesicht
nach vorne platzen. Dann drang der Knall durch die Gittertür aus
dem Raum, raste die steinernen Sitzreihen und Treppen hoch und verlor
sich im Wald. Mit einem Ächzen sank der Langhaarige zur Seite.
Die drei standen erstarrt vor der Leiche. Der mit dem Kinn übergab
sich.
2.
Es war
die Erleuchtung. Sie blendete ihn, doch bescherte sie ihm ein Glücksgefühl, wie er es nie zuvor erlebt hatte. Endlich kam
sie. Sie wollte ihm irgendetwas sagen, etwas Wichtiges. Gewiss, dass
er bald den Durchbruch erleben würde, dass nur wenige Schritte
fehlten dazu. Ein bisschen musste er sich noch anstrengen, aber es
war schon fast alles fertig. Die Erleuchtung rückte ihm näher
und gleißte immer heller. Dann spürte er sie, sie war warm,
schön warm. Dann wurde sie heiß. Sie kam noch dichter heran.
Nun schmerzte sie, er kreuzte die Arme vor seinem Gesicht. Brandblasen
wuchsen auf seinen Händen und Armen. Gleich würde die Erleuchtung
ihm die Hände wegbrennen, dann die Arme, dann den Kopf. Die Schmerzen
waren höllisch.
Er schrie
vor Angst und Schmerz. Dann schlug er die Augen auf. Vorsichtig starrte
er in die Dunkelheit. Bald sah er Umrisse des Schranks, daneben das
alte Bücherregal, in dem sie Bücher aufbewahrte, die
er längst zum Altpapiercontainer getragen hätte. Sie hustete,
ohne aufzuwachen. Er sah nur den Schattenriss ihres Gesichts im Dämmerlicht,
das die Straßenlaterne warf. Sie atmete langsam und gleichmäßig.
Er mühte sich, den Schmerz im Rücken zu besänftigen,
indem er seinen Körper vorsichtig hin- und herschob auf der Matratze.
Es half wenig, er stand auf.
Er tastete
sich zur Tür, trat auf etwas Hartes, einen Bleistift
vielleicht, und stöhnte auf. Als er im Flur stand und die Schlafzimmertür
geschlossen hatte, drehte er das Licht an. Er setzte sich aufs Klo,
pinkelte, wusch und trocknete sich die Hände. Dann ging er in
die Küche. Die Uhr zeigte halb vier. Er goss sich ein Glas mit
Wasser ein und trank es aus. Er setzte sich an den Tisch, blätterte
im Hamburger Abendblatt, eine Gerichtsreportage, da fiel ihm Ines ein.
Der Prozess war vorbei, er würde sie nie wieder sehen. Er dachte
an die Nacht, die sie miteinander verbracht hatten, die Erinnerung
reizte ihn. Er schloss die Augen und versuchte sich vorzustellen, wie
Ines aussah. Aber die Konturen verschwammen. Dann blätterte er
weiter, ohne recht zu verstehen, was er überflog.
Die Küchentür öffnete sich. Anne blieb im Türrahmen
stehen: „Was ist? Schmerzen?“
„Ja, auch.“
„Auch?“
„Mich hat die Erleuchtung geweckt“,
sagte Stachelmann.
Sie starrte
ihn ungläubig an. „Aber sonst geht es dir gut?“ Sie
trat in die Küche und schloss die Tür. „Wir wecken noch Felix.“ Sie
gähnte. „Und wie sieht die aus, die Erleuchtung?“
„Hell natürlich, sie blendet. Und sie verbrennt einem erst Hände
und Arme, dann den Rest.“
Sie ließ ihre Augen über seine Hände und Arme wandern
und schüttelte den Kopf. „Und dir geht es wirklich gut, bis auf
die Schmerzen?“
Er nickte. „Warum
bist du aufgewacht?“
Sie stellte
sich hinter einen Küchenstuhl und stützte die
Hände auf dessen Lehne. „Ich habe einen Mist geträumt.“
Er schaute ihr fragend in die Augen.
„Na ja, dass du schon wieder den Detektiv spielst, und diesmal geht
es schief.“ Sie lachte müde.
Er grinste
sie an. „Nein, zweimal reicht. Wirklich. Beim ersten Mal
war ich zu neugierig, mein Fehler. Beim zweiten Mal hatte ich keine
Wahl. Und damit hat es sich.“
Sie setzte
sich auf den Stuhl, stützte die Ellbogen auf den Tisch
und legte das Kinn in die Hände. „Hast du denn auch über
die andere Sache nachgedacht?“
„Die andere Sache? Ach so. Ja, natürlich.“
„Und was
ist das Ergebnis?“
„Es gibt
keines, noch nicht.“
„Du machst
es uns schwer, Josef, immer so schwer. Warum nur?“
„Ich nehme
es ernst, das ist was anderes. Komm, geh schlafen, solche Nachtdiskussionen
bringen uns nicht weiter.“
„Die am Tag aber auch nicht.“ Sie stand auf und schaute ihn zärtlich
an. „Versuch doch auch zu schlafen. Sonst bist du morgen, nee heute
wieder so zerschlagen.“
„Mal sehen,
nachher.“
Sie verließ die Küche und schloss die Tür. Er starrte
auf die Tür, als könnte er hindurchsehen. Ihr Streit, wann
hatte er begonnen? Und um was ging es eigentlich? War Streit überhaupt
das richtige Wort? Seit Wochen lief es so, und es zerrte an beider
Nerven.
Dann fuhr
er zusammen, als hätte ein Blitz ihn getroffen. Es
war die Klingel. Einmal, zweimal, dreimal schrillte sie durch die Wohnung.
Da sprang er auf, der Stuhl fiel nach hinten um und schlug laut auf
den Linoleumboden. Als er die Küchentür aufriss, hörte
er Felix weinen.
Anne kam
aus dem Schlafzimmer. „Das kann nur ein Besoffener sein,
verdammt.“ Sie verschwand in Felix' Zimmer. Stachelmann fragte zornig
in die Gegensprechanlage: „Sind Sie verrückt?“
„Polizei“, sagte eine leise Frauenstimme. „Machen
Sie auf, bitte.“
Die Stimme
berührte etwas in ihm. Er hatte sie schon einmal gehört,
irgendwann. Stachelmann drückte auf den Knopf, der die Haustür öffnete.
Dann eilte er ins Badezimmer, zog sich den Bademantel an, trat zurück
in den Flur und wartete. Die Schritte auf der Treppe näherten
sich rasch. Es waren leise, schnelle Schritte. Dann sah er sie. Natürlich,
er kannte sie. Das war doch Ossis Kollegin. Wie hieß sie noch
mal? Sie war klein und hatte kurze schwarze
Haare. Sie ähnelt Anne, dachte Stachelmann, nicht nur der Haare
wegen. Etwas zierlicher. Sie hatte rote Augen, als wäre sie erkältet.
Oder als hätte sie geweint.
„Entschuldigung“, sagte sie. „Es ist früh.“ Ihre
Augen sagten: Ich kann nicht anders.
Stachelmann
führte sie in die Küche, füllte Kaffeepulver
in einen Filter und Wasser in die Maschine, dann schaltete er die Kaffeemaschine
ein. Die Polizistin setzte sich auf einen Stuhl und nestelte an ihrem
Pullover, den sie unter dem Anorak trug. Warum ist sie gekommen? Bestimmt
nicht wegen mir oder Anne. Sie war fertig mit den Nerven und würde
etwas sagen, wenn sie es für richtig hielt. Wenn seiner Mutter
etwas passiert war? Ein Verbrechen? Aber sie will doch zu Anne, woher
sollte sie wissen, dass du hier bist? Es beruhigte ihn ein wenig. Aber
wenn Annes Mutter etwas geschehen war? Furchtbar, wo sich doch der
Vater schon erschossen hatte, ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen.
Er spürte, wie die Ungewissheit ihn zu quälen begann. Er
stellte drei Kaffeebecher sowie Zucker und Milch auf den Tisch. Die
Polizistin schien es nicht zu bemerken. Sie nestelte am Ausschnitt
des Pullovers und starrte auf die Tischplatte. Dann schluckte sie zweimal
und sagte: „Wir kennen uns.“
Stachelmann
nickte. Er setzte sich ihr gegenüber.
Dann sagte
sie: „Ossi ist tot. Heute Nacht.“
Er schaute
sie streng an, als vermutete er einen geschmacklosen Scherz. Dann
fiel ihm ein: „Sie sind Frau Nebel.“
„Hebel“, sagte sie. „Carmen
Hebel. Nennen Sie mich Carmen, das hat Ossi auch getan.“
Ossi war
tot. „Tot?“
Sie nickte.
Eine Träne lief vom Auge über den Wangenknochen
und den Mundwinkel bis zum Kinn, dort blieb sie hängen.
Stachelmann
starrte die Träne an. Er hörte Felix schreien.
„Als wir einmal hier vorbeigefahren sind, hat Ossi mir erzählt,
dass Sie manchmal bei Ihrer Freundin wohnen. Er hat ein bisschen geschwärmt
von Ihrer Freundin, hatte sogar ihren Namen in sein Adressbuch geschrieben.
Und einmal haben wir Sie hier vorbeigebracht, Sie haben es gewiss vergessen.“ Er
hatte es nicht vergessen.
Die Kaffeemaschine spotzte leise, dann zischte und fauchte sie.
Er wollte
fragen, wie es geschehen war, spürte aber, es war besser,
sie erzählen zu lassen, auch wenn seine Ungeduld ihn plagte.
Anne trat
ein, Felix schrie nicht mehr. Sie stellte sich hinter Stachelmann
und legte ihre Hände auf seine Schultern. Sie fragte nicht, sondern
schaute Carmen an.
Aber die
sah es nicht, hatte offenbar nicht einmal bemerkt, dass Anne in die
Küche gekommen war. Carmen starrte aus feuchten Augen immer
nur auf die Tischplatte. „Er sitzt da an seinem Schreibtisch ... sein
Kopf auf der Schreibtischplatte ... auf einem Stapel Papier, einer
Art Akte, in der er vor seinem Tod vielleicht gelesen hat.“ Sie schüttelte
den Kopf. „Nein, er ist jetzt in der Rechtsmedizin, und sie haben ihn
vielleicht schon aufgeschnitten.“ Sie schüttelte wieder den Kopf.
Dann sagte sie noch leiser: „Und wenn er sich umgebracht hat? Warum?
Und wenn ihn jemand ermordet hat? Warum? Ich verstehe es nicht.“
Stachelmann
spürte, wie Annes Hände seine Schultern fester
drückten. Carmens Gesicht hob sich, sie schaute Anne an aus nassen
Augen. Die drehte sich weg zur Kaffeemaschine, zog die Kanne heraus
und goss ein in die drei Becher auf dem Tisch. Dann setzte sie sich
an den Tisch, rührte in ihrem Becher, obwohl sie weder Zucker
noch Sahne hineingegeben hatte. Der Löffel kratzte am Becherrand,
Stachelmann schaute kurz hin, ärgerte sich einen Augenblick, aber
dann war es ihm egal.
„Ich habe ihn gefunden“, sagte Carmen. „So gegen Mitternacht oder
kurz danach. Ich kam aus dem Präsidium ...“ Sie trank einen Schluck
Kaffee. „Wir waren befreundet.“ Sie trank hastig mehrere Schlucke. „Es
war eigentlich schön, aber auch nicht leicht. Und da gab es dieses
Problem, das er vor aller Welt versteckt hat.“
„Welches Problem?“,
fragte Anne sanft.
„Alkohol“, erwiderte Carmen. „Ich hab versucht, ihn davon abzubringen.
Manchmal hab ich geglaubt, es sei geglückt. Aber dann habe ich
wieder eine Flasche gefunden. Wissen Sie, er hat sie versteckt, wenn
er wusste, dass ich kam. Zwei oder drei Mal in der Woche. Zusammenziehen
wollte ich nicht mit ihm.“ Es klang, als machte sie sich einen Vorwurf.
Als hätte sie seinen Tod verhindern können, wenn sie mit
ihm zusammen gezogen wäre.
Stachelmann
versank noch tiefer in sich. Er musste nichts sagen oder fragen.
Anne würde es tun, und er würde zuhören und
nachdenken. Er dachte an die Szene am Flughafen, als er fast erschossen
worden wäre und Ossi ihn gerettet hatte. Ossi, der mal die Revolution
herbeigesehnt hatte und dann doch Polizist geworden war. Wie er Stachelmann
anrief, nachdem er in der Zeitung gelesen hatte von einem Vortrag,
den Stachelmann gehalten hatte. Wie er Stachelmann half, sich vom Mordverdacht
zu befreien. Ines tauchte wieder auf in seinen Gedanken. Sie hatte
Ossi auch gekannt. Natürlich hatte der so getan, als wollte er
mit ihr anbändeln. Ossi konnte nicht anders. Er war ein Angeber
gewesen, doch dahinter steckte einer, der nicht nur geprotzt hatte.
Der seine Unsicherheit versteckte. Aber der war nun tot, vielleicht
hatte er sich umgebracht.
„Woran ist er gestorben?“, fragte Anne. Stachelmann hörte
es wie hinter einer Wand.
„Er hat wohl Gift geschluckt“, sagte Carmen mit monotoner Stimme. „Der
Arzt schließt aus, dass er einen Herzinfarkt oder so was bekommen
hat. Er saß auf einem Stuhl, der Oberkörper lag auf der
Schreibtischplatte. Er ist nicht auf die Platte gefallen, dann hätte
man eine Verletzung gefunden. Ich stelle mir vor, er ist vornüber
gesunken. Und die Akten haben den Kopf geschützt, wie ein Polster.
Komische Akten, Flugblätter, irgendwas aus Heidelberg, altes Zeug.
Ihr Name taucht darin auch auf, gleich auf dem ersten Blatt.“ Sie hob
kurz ihren Kopf, um Stachelmann anzusehen. Der las in ihren Augen Trauer,
aber auch Angst. Vor was hatte sie Angst?
Stachelmann
versuchte sich vorzustellen, wie Ossi tot am Schreibtisch gesessen
hatte. Aber er bekam das Bild nicht in den Kopf. Was er da hörte
und sah, schien ihm weit weg zu sein, wie verschleiert durch eine
Nebelwolke.
„Ich habe zuerst die Kollegen gerufen, den Rechtsmediziner. Ich habe
der Spurensicherung geholfen, Taut kam sogar, der Hauptkommissar verlässt
ungern sein Büro. Schon gar nicht sein Bett.“ Ein Lächeln
lief über ihr Gesicht und verschwand. „Dann wollte ich mit Ihnen
sprechen.“ Sie hob wieder den Kopf und schaute Stachelmann kurz ins
Gesicht. Dann starrte sie erneut auf die Platte. „Aber Sie sind nicht
ans Telefon gegangen. Dann fiel mir ein ...“ Sie warf einen Blick auf
Anne, um gleich wieder ihre vorherige Haltung einzunehmen. „Ich hab's
nicht ausgehalten. Wo sollte ich hin?“
Stachelmann
griff über den Tisch und nahm ihre Hand. Sie hatte
feingliedrige Finger. Stachelmann drückte die Hand, dann ließ er
sie los. „Das war ganz richtig“, sagte er. „Ich war sowieso wach ...
wir waren sowieso wach.“
„Er hat viel von Ihnen erzählt. Über
die Zeit in Heidelberg.“
Von einer
anderen Zeit hätte er auch nichts erzählen können,
da er Stachelmann davor nicht gekannt und danach lange Zeit nicht mehr
gesehen hatte. Stachelmann ahnte, dass Ossi sich selbst nicht zu kurz
hatte kommen lassen in seinen Berichten aus bewegter Zeit. Demonstrationen,
Flugblätter verteilen, Seminare umfunktionieren oder sprengen,
Prügeleien mit der Polizei. Manchmal war Stachelmann die Protzerei
peinlich gewesen. Es fiel ihm ein, wie Ossi Anne und später Ines
beeindrucken wollte, so aufdringlich, dass es niemanden beeindrucken
könnte. Stachelmann nickte. „Ja, da haben wir manches miteinander
erlebt.“ Und damals war Ossi auch noch nicht so ein Angeber gewesen,
vollendete er den Satz im Kopf. Er muss sich verändert haben,
als es abwärts ging mit ihm. Als er nicht Anwalt wurde, als er
seine Ideale verlor, als er Polizist wurde, was so ziemlich das Gegenteil
war von dem Anwalt der Bewegung, der Revolutionäre vor dem Gericht
des Klassenfeinds heraushaute oder wenigstens ihre Verurteilung in
ein Fanal ummünzte. Und nun war er tot, vielleicht hatte er sich
selbst getötet. Irgendwie wäre das konsequent. Stachelmann überlegte,
wie Ossi sich gefühlt haben mochte in seinen letzten Stunden.
An was hat er gedacht? Bestimmt an seine große Zeit, in Heidelberg,
als Hinz und Kunz ihn kannten als den roten Ossi , und diesen
Ehrennamen trug er nicht seiner Haarfarbe wegen.
„Er hat Sie beneidet“, sagte Carmen. „Sie haben es geschafft, er wurde
Polizist. Verstehen Sie mich nicht falsch, er war ein guter Polizist.
Und auch nicht der Einzige, der zu viel trank. Aber manchmal“ – sie
suchte nach einem Wort – „manchmal war er so traurig. Und mir fiel
auf, dann sprach er kaum. Wenn doch, machte er Andeutungen über
die Zeit des Studiums, Satzfetzen, und Ihr Name fiel dann häufig.“ Sie
schüttelte den Kopf. „Und dann hat er den Kopf geschüttelt.“ Sie
schüttelte wieder ihren Kopf. „Und dann hat er gelacht, ein bisschen
gequält, und so mit der Hand gewischt.“ Sie wischte über
den Tisch, als wollte sie Schmutz beseitigen. „Als würde er die
Erinnerung wegwischen.“ Ihre Hand bewegte sich noch einmal über
den Tisch, langsam, vorsichtig, und sie schien einem Gedanken zu folgen.
Stachelmann
drängte es, wieder ihre Hand zu nehmen. Doch er unterließ es.
„Er lebte in seiner Erinnerung. Sie quälte
ihn und sie half ihm, auch wenn das jetzt komisch klingt.“
„Nein“, sagte Anne. „Das kann ich verstehen. Vielleicht weil Ossi
früher mal was war und ihm das Selbstbewusstsein gab, aber wenn
er schlecht drauf war, dann zeigte ihm die Erinnerung seinen Abstieg.“ Sie
setzte an, ihre Hand auf den Mund zu legen. „Er empfand es dann so,
glaube ich. Dabei ist es doch kein Abstieg, wenn man Kriminalkommissar
wird.“
„Wenn er daran gearbeitet hätte, wäre er längst Hauptkommissar
geworden.“ Carmen zog ein Taschentuch aus der Jeans und trocknete sich
die Augen.
Stachelmann dachte an die Akten, auf denen Ossis Kopf gelegen hatte.
„Wollen Sie ihn noch einmal sehen?“,
fragte Carmen.
Stachelmann überlegte, er stellte sich den Leichnam vor in der
Rechtsmedizin, weiß, schlaff. „Nein, aber ich möchte gern
in die Wohnung.“
Carmen überlegte. „Die ist versiegelt. Aber ich werde Taut fragen,
der kennt Sie und macht vielleicht eine Ausnahme. Womöglich finden
Sie etwas oder können was erklären. Ich fahre jetzt ins Präsidium
und ruf Sie dann an.“
Stachelmann
nannte ihr seine Nummer am Historischen Seminar. Carmen schrieb sich
die Nummer auf, steckte ihren Notizblock in die Anoraktasche, dann
verharrte sie einige Augenblicke. Sie stand auf, fasste an die Tischkante,
als wollte sie sich festhalten, und dann drehte sie sich weg. Sie
murmelte etwas und verließ die Küche, Stachelmann
hörte die Wohnungstür klacken.
Sie saßen schweigend zusammen. Stachelmann schaute sich um,
als säße er zum ersten Mal in Annes Küche. Anne trommelte
lautlos mit den Fingern auf die Tischplatte. Stachelmann blickte zur
Uhr an der Wand. Es war kurz nach sechs, draußen dämmerte
der Morgen mit Streulicht.
„Hast
du ihn gemocht?“
„Weiß nicht“,
sagte Stachelmann.
„Das musst
du doch wissen.“
„Na, ich habe ihn monatelang nicht treffen wollen.“ Womöglich
hätte ich es verhindern können, dachte er. Wenn er sich umgebracht
hat, dann vielleicht weil er einsam war. Nein, das war er doch nicht.
Er hatte was mit Carmen. Aber man kann etwas mit jemandem haben und
trotzdem einsam sein. Er hat dich beneidet, obwohl es da nichts zu
beneiden gab. Du hättest es ihm ausreden können. Manchmal
reicht eine Kleinigkeit, um einem den Rest zu geben. Vielleicht war
der Neid so eine Kleinigkeit. Er erinnerte sich, wie sie damals in
dieser Kneipe, dem Tokaja, gesessen und über den Holler-Fall gesprochen
hatten, über einen Serienmörder, der eine ganze Familie töten
wollte, einen nach dem anderen, quasi im Jahrestakt. Im Tokaja hatte
er dann auch mit Ines etwas angefangen, was er besser nie angefangen
hätte. Er würde nie wieder in diese Gaststätte gehen.
Immer wenn er dort war, wurde er in ein Verbrechen verwickelt. Damals,
als er mit Ossi im Tokaja gewesen war, da hätte er merken können,
wie neidisch Ossi war auf ihn. Er hätte energischer widersprechen
müssen. „Er hat sich nicht zum Besseren entwickelt. Man soll ja
nichts Schlechtes sagen über Tote, aber früher war er ein
Kerl, hier in Hamburg, fast dreißig Jahre später, kam er
mir manchmal vor wie ein Aufschneider, wie einer, der sich selbst belügt.“
„Er verbarg etwas Dunkles in sich. Ossi war nett, aber ein bisschen
aufdringlich, gerade gegenüber Frauen. Er hat getrunken, na gut,
da kenn ich noch ein paar andere, die deshalb nicht zu Bösewichten
werden. Doch war da etwas, das mich abgestoßen hat. Etwas Klebriges.
Vielleicht spinne ich ja.“ Anne schaute Stachelmann in die Augen.
Der wich
dem Blick aus. „Ossi war wichtig für mich, damals, als
wir gemeinsam studiert haben. Mir kam das immer vor, als wären
es viele Semester gewesen. Ich hab vorhin nachgezählt, es waren
nur drei. Er war älter als ich, hat mich hin und wieder beschützt.
Das rechne ich ihm hoch an, auch wenn er es weniger für mich getan
hat als für sein Ego. Aber wenn man ein Vierteljahrhundert später
immer noch an alten Geschichten hängt ...“
„Du bist ungerecht, das hat euch verbunden, und deswegen hat er mit
den alten Geschichten angefangen. Alles andere wäre doch abwegig
gewesen. Rate mal, worüber wir beim letzten Klassentreffen gesprochen
haben.“
„Er hat in den alten Geschichten gelebt. Was für
ein kleines Leben, ein paar Jahre, und seitdem ist alles Abstieg.“
Sie schwiegen.
Stachelmann schenkte Anne und sich Kaffee nach. Ihr Löffel klang
im Becher wie eine kleine Glocke fernab.
„Das bist
du ihm schuldig.“
„Was?“
„Dass
du in seine Wohnung gehst. Dir diese komischen Akten anschaust. Die
sollen ja aus Heidelberg stammen.“
„Hm.“
„Das ist doch keine Sache. Schau sie dir an, dann erzähl der
Polizei, was drin steht und was sie bedeuten. Ich stell mir das so
vor: Ossi hat in alten Akten, gewissermaßen in alten Zeiten geblättert,
in großartigen Zeiten, wie er fand, dann hat ihn der Jammer gepackt,
und er hat sich umgebracht, weil er nicht sehen konnte, wie es jemals
wieder gut werden könnte.“
„Wenn es so wäre, wie du sagst, dann hätte er sich erschossen
und nicht vergiftet. War es Freitod, dann offenbar mit Vorbereitung.
Man hat normalerweise nicht genug Tabletten oder gar Gift im Haus,
das muss man erst besorgen. Also war es eher so: Er will sich umbringen,
aus welchem Grund auch immer, er bereitet alles vor, und bevor er die
Tabletten schluckt, erinnert er sich noch einmal an die gute alte Zeit.
Er will mit einer schönen Erinnerung abtreten. Vielleicht hat
er Mist gebaut im Dienst und hat Angst, dass es rauskommt, vielleicht
leidet er unter Depressionen, wundern würde es mich nicht, vielleicht
hatte er einfach die Nase voll von einem beschissenen Leben.“
Sie schaute
ihn fragend an. „Selbstmord ist schrecklich.“
„Keineswegs“, sagte er. „Freitod
ist kein Mord, sondern jedermanns gutes Recht.“
Wieder
ein langer Blick, traurig. Er sah, wie sie eine Frage stellen wollte,
sie dann aber nicht aussprach. Sie sagte etwas anderes: „Du
hast keine Depressionen?“
Die Frage erstaunte ihn. Was hatte er damit zu tun? Er war ja sonst
bereit, alles auf sich zu beziehen, Schuld zu suchen, wo andere keine
fanden. Sie kannte ihn doch, nein, er war manchmal niedergeschlagen,
aber Depressionen sind was anders. Sie sind eine Krankheit.
Mit Ossis
Abgang hatte er nichts zu schaffen. Obwohl, wenn er öfter
mit ihm gesprochen hätte? Er wehrte den Gedanken ab. Aber der
kam wieder. „Ich hätte mich öfter mit ihm treffen sollen.
Seit dieser Geschichte mit Griesbach hab ich ihn nicht mehr gesehen.
Obwohl er mir geholfen hat. Wir haben ein-, nein zweimal miteinander
telefoniert, er hat angerufen, um zu quatschen.“
„Übertreib nicht“, sagte sie. „Als brächte sich jeder um,
den du nicht mit deinem Besuch beglückst. Red dir das nicht ein.“
„Wenn ich doch nur eine Ahnung gehabt hätte. Eine Andeutung Ossis,
das hätte genügt.“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch,
die Kaffeebecher klapperten. Anne erschrak. Mit Ärger im Blick
stand sie auf und verließ wortlos die Küche.
Stachelmann
saß noch lange, trank einen weiteren Becher Kaffee,
erinnerte sich. Und fragte sich, ob Ossi nicht Recht gehabt hatte,
wenn er sich getötet hatte. Er überlegte, wie oft er mit
dem Gedanken gespielt hatte abzutreten. Einfach so, ihr könnt
mich alle mal. Der Gedanke reizte ihn. Wenn einem das Leben zur Qual
wird, warum soll man es nicht beenden?
***
17. April 1978
Dieses
Schwein. Verräter sind wie Wanzen. Die zerquetscht
man auch. Obwohl, Wanzen können nicht wählen, ob sie Wanzen
sein wollen. Also sind Verräter schlimmer. Den Feind sieht man
klar vor Augen, und er sieht dich. Die Faschisten und ihre – naiven???
Sie müssten es doch wissen!!! Also wollen sie es!!! – Helfer
bekämpfen uns mit allen Mitteln. Demokratie, dass ich nicht
lache. Wenn die „Demokratie“ die falschen Ergebnisse produziert,
wird sie abgeschafft. Beispiel Pinochet. Aber ein Verräter ist
doppelt gefährlich. Er zersetzt die eigenen Reihen, er verrät
deine Taktik an den Feind. Wie viele Kriege wurden durch Verrat entschieden?
Wir sind auch im Krieg. Sie töten uns. Und wir töten sie,
wenn es notwendig ist. Ich will nicht töten, es ist eklig. Und
hoffentlich muss ich es nicht. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre
es gewesen, der das Schwein abgeknallt hat, ich müsste dauernd
dran denken. Ich war sauer, als es passiert war, stinksauer. Mir
hatte niemand was gesagt. Man will es doch vorher wissen, wenn man
bei einer Hinrichtung mitmacht. Auch ein Revolutionär muss sich
auf so was vorbereiten. Es hätte doch nichts gekostet, mir wenigstens
was anzudeuten. Ich hätte trotzdem mitgemacht, oder? Doch, Verräter
sind schlimmer als Wanzen.
Habe
Angelika gesehen, zufällig, beim neuen Italiener in
der Hauptstraße. Irgendwer hat gesagt, sie habe einen scharfen
Hintern. Das stimmt. Ich glaube, sie hat mir zugelächelt. Zuletzt
bei der Demo gegen die Fahrpreiserhöhungen sind wir eine Weile
nebeneinander gelaufen. Sie hat mir erzählt vom Stress vor der
Germanistikklausur. Und ich habe erzählt, ich hätte beim
Studium ausgesetzt, eine revolutionäre Pause. Da hat sie gelacht,
aber ich bilde mir ein, sie hat mich ein bisschen bewundert. Weil
ich konsequent bin. Wenn wir nicht aufpassen, hat sie gesagt, dann
sind bald die Faschisten am Drücker. Und dann schicken sie uns
wieder nach Auschwitz. Das hat sie also verstanden.
Ich
muss noch an mir arbeiten. Das mit dem Hintern ist sexistisch,
würden die Genossinnen der Frauengruppe sagen. Die Frau reduziert
auf ihre Geschlechtsmerkmale. Sie haben ja Recht. Und ich werde nichts
sagen darüber. Meine Gedanken hinken den heutigen Anforderungen
der Revolution hinterher. Im Kopf bin ich manchmal noch richtig reaktionär.
Ich muss an mir arbeiten.
Wenn
ich Angelika erzählen
würde von der Hinrichtung,
was würde sie sagen? Auch, dass es konsequent gewesen sei? Das
war es doch.
Vorabdruck
mit freundlicher Genehmigung des Verlags Kiepenheuer & Witsch,
Köln.
© 2006 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln.
>> http://www.kiwi-extrablatt.de/revolverblatt
>>
www.kiwi-extrablatt.de
