Tagungsbericht: „Verbrochene
Welt“
Von Achim Saupe
Die
Evangelische Akademie Iserlohn richtete im Januar 2006 zum zweiten
Mal eine hochkarätig besetzte Krimi-Tagung aus, die von dem
Essener Literaturwissenschaftler und Herausgeber mehrer Bände
zum Kriminalroman Jochen Vogt initiiert wurde. Abseits des Sydikats, der
Vereinigung deutscher Krimiautoren, traf man hier an zwei Tagen
neben Wissenschaftlern Literaturkritikern und Krimi-Bloggern auch
auf ein paar (zukünftige)
Krimiautoren, die ihre Ideen im informellen Gespräch darlegten.
Während im Jahr 2005 noch mit dem Thema „Wiederkehr des Bösen“ der
Bezug von Kirche und Krimi überdeutlich wurde (Kriminalromane
als Apokryphe der Bibel), leuchtete man diesmal unter dem Titel „Verbrochene
Welt“ die internationale Krimiszene nach neueren Tendenzen, nationalen
und regionalen Eigenheiten aus. Und dies im eiskalten Iserlohn, einer
unbedeutenden Stadt zwischen Ruhrgebiet und Sauerland, von der mir
ein ortsansässiger Taxifahrer berichtete, dass es sich um ein
Zentrum des Verbrechens handele: In der Sylvesternacht waren zwei
Personen erschossen worden, zudem wusste er von einem Sexualmord
an einer älteren
Frau zu berichten, die angeblich mit 17 Messerstichen erstochen wurde.
Bevor ich den ersten Vortrag hörte, hatte ich fast schon wieder
Lust, abzureisen: Der Realität des Verbrechens wollte ich
mich nicht aussetzen, und auch die Anwesenheit eines Ex-Agenten
konnte kaum beruhigen.
Global Crime
In
einer Tour de Force bot zunächst
Thomas Wörtche
(Herausgeber der Krimireihe Metro im Unionsverlag und Krimikritiker
in der Wochenzeitung Freitag)
einen Überblick über die internationale Krimiszene, wobei
er sich auf unbekanntere Krimiregionen konzentrierte. Vorläufer
einer sich globalisierenden Krimiszenerie sah er bei Eric Ambler,
Henry Keating oder aber Ross Thomas. Als Verleger der Metro-Reihe
standen dann Krimis aus Asien, Afrika, Mittel- und Lateinamerika
als neu zu entdeckende Krimikontinente im Blickfeld seiner Ausführungen
und damit Romane von Yasmina Khadra (Algerien), von Pepetela (Angola),
Leonardo Padura (Kuba) und Nury Vittachi aus Hongkong.
Die
subversive Kraft, die der Kriminalroman entwickeln kann, machte
Wörtche vor allem an Leonardo Padura deutlich.
Padura nutze das hardboiled- Genre,
um soziale Missstände in Kuba aufzuzeigen und betreibe so auch
innerkubanische Systemkritik. Gerade die internationale Wahrnehmung
verschaffe dem Autor Freiräume innerhalb des Zensursystems.
Anhand
der Romane von Nury Vittachi und seinem Fengshui-Detektivs C.F.
Wong wies Wörtche darauf hin, dass hier die westlich geprägte
rationalistische Aufklärung des Verbrechen in eine Region übertragen
werde, in der es keine eigene kriminalliterarische Erzähltradition
gebe.
Beim
Flug über die Krimiwelt wurde deutlich, dass bisher allein
die lateinamerikanische Krimiszene eigene Gattungsspielarten entwickelt
habe, die einerseits in der Verbindung von magischem Realismus und
Kriminalschema zu sehen sei, andererseits an so unterschiedlichen Herangehensweisen
wie bei Paco Ingnacio Taibo II oder den an der klassischen Detektivgeschichte
orientierten Werken Jorge Luis Borges festgemacht werden könne.
Die
von Wörtche präsentierten Global Crime Stories versuchen
meist, die gesellschaftliche Zergliederung in politischen und wirtschaftlichen
Transformations- und Demokratisierungsprozessen zu fassen. Das Kriminalschema
eigne sich dabei einerseits für die Binnenkommunikation in den
Herkunftsländern, andererseits böte die Adaption dieses spezifisch
europäischen und amerikanischen Genres die Möglichkeit, der
wohlstandssaturierten „ersten Welt“ genau jene Problemen vor Augen
zu führen, die sie miterzeugt habe.
Der Erlenmeierkolben des Forensikers
Der
Berliner Germanist Brittnacher widmete sich der britischen und
amerikanischen Krimi-Szenerie. Brittnacher war anders als Wörtche
nicht auf der Suche nach dem literarisch hochwertigen Kriminalroman,
sondern auf der Spur der Massenkultur. Aufgrund der Unüberschaubarkeit
des englischsprachigen Krimimarktes suchte er nach neuen Tendenzen
und Variationen des Genres.
Brittnacher,
Spezialist für Horrorliteratur, verwies zunächst
auf hybride Kriminalromane, in denen es zu einer Vermischung von Kriminalfällen
mit Okkultismus oder phantastischen Elementen komme wie in den Romanen
von John Connolly. Pointiert hielt er dazu fest: „Wenn Geister
sprechen, schweigt die Sozialkritik.“
Eine
weitere signifikante neuere kriminalliterarische Erzählform
sah er in der Verbindung von Kriminalroman, Thriller und courtroom-drama, wobei
er nicht nur den Justiz-Politik-Polizei-Paranoiker John Grisham
im Auge hatte. Trotz der Relativierung des Schuldbegriffes ist
das erste Gebot des Kriminalromans solcher Art, dass jemand Büßen
muss: Eine Affirmation des amerikanischen Rechtssystems mit neuem „moralischen
Fundamentalismus, der an der moralischen Missbilligung des Verbrechens
keine Zweifel lässt.
Dann
ging es um den Mythos Serienkiller. Zwei Linien der Aufklärung
seien hier zu erkennen. Zunächst die Aufklärung durch den
Profiler, der sich anhand von psychologischen Gutachten und einer
semiotisch-hermeneutischen Methodik in die Seele des Serienkillers
einfühle. Einen historischen
Anknüpfungspunkt sah Brittnacher in dem Werk des britischen
Romantikers Thomas de Quincey Mord als schöne Kunst
betrachtet.
Hier werde der Mord als ästhetisches Sujet präsentiert,
dem der Kriminalroman eine ebenso elegante Lösung entgegenstellt.
Der
psychologisch orientierte Profiler werde jedoch zunehmend vom
Forensiker und Gerichtsmediziner abgelöst, wie in den Romanen
von Patricia D. Cornwell oder Kathy Reichs. Mit handfesten, naturwissenschaftlich
untermauerten Fakten werden hier die (Serien-) Täter überführt.
Während Sherlock Holmes Zugriff auf die Naturwissenschaften noch
wie das Wirken eines göttlichen Alchemisten wirke, seien hier
naturwissenschaftlich ausgebildete Handwerker bei der Arbeit zu sehen.
Der forensische Krimis tendiert dazu, das Böse aus seinen sozialen
Kontexten herauszulösen und in einen biologistisch-genetischen
Diskurs zu überführen: Der soziale Ursprung des Verbrechens
werde im „Erlenmeierkolben des Forensikers eingedampft“, wie Brittnacher
es anschaulich formulierte.
Vom neo-polar zur „österreichischen
Anmutung“
Tobias Gohlis (Kritiker der ZEIT)
widmete sich sodann dem französischen neo-polar,
wobei er diese Bezeichnung eher als Selbstzuschreibung der Autoren
denn als eine literaturwissenschaftliche Kategorie verstanden wissen
wollte. Auf den für das Verständnis
des französischen neo-polars so wichtigen politischen
Hintergrund solcher Autoren wie Jean Amila, Jean-Patrick Manchette,
Jean-Bernard Pouy oder Didier Daeninckx ging er nur kurz ein. Für
Gohlis waren drei Elemente konstituierend für den neo-polar :
die Reflektion der Zeitgeschichte, die expressive Bildsprache und
die tiefe Ironie. Die rompols von Fred Vargas ordnete Gohlis
dann in die von ihm ausgerufene Kategorie des post-polars ein:
Eine Rückkehr zur Poesie deute sich hier an, gewissermaßen
eine Trostliteratur, die im Zeichensystem von Träumen und Ängsten
das Versprechen auf eine vernünftige Welt nur im surrealen Raum
anbieten könne.
Kathrin
Fischer (Hessischer Rundfunk) verortete den österreichischen
Kriminalroman im Einklang mit Moritz Baßler in der Tradition
der Wiener Moderne und der Ästhetik Thomas Bernhards. So geadelt,
erschien der österreichische Kriminalroman als postmoderne Variante
des Erzählens, der die Frage nach der (Un)Einholbarkeit der Wirklichkeit
durch die Sprache ins Zentrum stellt. Jene „österreichische Anmutung“ – die
grotesken Handlungsverläufe und teilweise absurden Plots, die
retardierenden Reflexionen und ein hohes sprachliches Bewusstsein – versuchte
Fischer anhand von Heinrich Steinfest und Wolf Haas zu verdeutlichen.
Die Kriminalromane von Alfred Komarek verweigern sich jedoch dieser
Interpretationslinie. Dass der österreichische zur Zeit wesentlich
erfolgreicher als der deutsche Kriminalroman ist, wurde mit einem Bonmot
von Thomas Bernhard beantwortet: „Es ist die gemeinsame Sprache,
die uns trennt.“
Über Putin-Wähler, italienische Kochrezepte und
türkische Kommunisten
Am
zweiten Tag ging es dann von Russland über Italien in die
Türkei. Der russische Krimi seit der Perestroika stand im Zentrum
der Ausführungen des Potsdamer Slawisten Norbert Franz. Kurz verwies
er auf den sozialistischen Krimi seit der Chruschtschow-Ära, der
sich ganz auf die Rechtserziehung des Volkes konzentrierte. Von der
Aufhebung der Zensur 1987 profitierten u.a. die Brüder Arkadij
und Georgij Vajner, die schon zu Sowjetzeiten erfolgreich waren. Nun
konnten sie ein zurückgehaltenes Manuskript aus den 1960er Jahren
veröffentlichen, in dem es um den sowjetischen Antisemitismus
ging. Dass die russische Kriminalliteratur nach 1990 einen Boom verzeichnete,
mag kaum verwundern, bietet sich doch das Genre dafür an, die
neuen Realitäten und den von Gewalt, Kriminalität und kollektive Ängsten
begleiteten Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung zu literarisch
auszugestalten.
Der
zeitgenössische russische Krimi wird vor allem von Erfolgsautorinnen
wie Alexandra Marinina bestimmt, die 20 Jahre lang im Moskauer Juristischen
Institut des Innenministeriums arbeitete, zuletzt als Oberstleutnant
der Miliz. Ihre mittlerweile über 20 Bücher, die Auflagen
von bis zu 20 Millionen erreichen, sind geprägt von einem Misstrauen
gegenüber dem Demokratisierungsprozess. Der Einsatz der Heldin
Anastasija Kamenskaja für Recht und Ordnung spreche wohl vor allem
die Welt der Putin-Wähler an. Warum besonders Frauen erfolgreich
im Krimigeschäft in Russland sind, fand keine überzeugende
Erklärung. Als Kontrapunkt verwies Norbert Franz auf Boris Akunin,
der vor allem durch sein Ausspielen verschiedenster literarischer Erzählformen
glänze, und mit seinen vielfältigen intertextuellen Verweisen
auf die russische Literatur das „Leseland Russland“ anspreche.
Steffen
Richter konzentrierte sich weniger auf italienische Krimiautoren
als vielmehr auf das Italien des Krimis in Werken von Donna Leon,
Magdalen Nabb oder aber Veit Heinichen. Der Kriminalroman springt
hier in die Lücke einer aussterbenden Kultur der Reiseliteratur. Nicht fehlen
dürfen dabei Einblicke in die italienische Küche, wobei man
sich hier jedoch lieber auf die Rezeptvorschläge eines Italieners
verlassen sollte, wie sie von Commissario Salvo Montalbano in den
Kriminalromanen von Andrea Camilleri vorgestellt werden.
Börte Sagaster führte in den Kriminalroman der Türkei
ein. Im Vordergrund standen vor allem aktuelle Autoren wie Celil Oker,
Hasan Dogan, Mehmed Murad Somer oder Esmahan Aykol. Der bedeutendste
Vertreter des aktuellen türkischen Kriminalromans, den sie in
ihren Ausführungen hervorhob, ist der 1960 geborene Ahmet Ümit. Ümit,
der sich seit Ende der siebziger Jahre in der Türkischen Kommunistischen
Partei (TKP) engagierte, während der Militärdiktatur 1980-1990
in den Untergrund ging und 1985/86 an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften
in Moskau studierte, beschloss mit dreißig Jahren, dass er als
Schriftsteller mehr bewirken könne als in den eng begrenzten Handlungsräumen
der Politik. Ein Glücksfall für die türkische Kriminalliteratur.
Erstarrte Hierarchien, Machtmissbrauch und vor allem die Diskriminierung
von Minoritäten (u.a. wird auch der Völkermord an den Armeniern
thematisiert) sind wiederkehrende Themen in seinen Büchern, wobei
er zeitgenössische und historische Perspektiven miteinander verknüpft
wie in dem weit ausholenden Roman Patasana (2000) . In Sis ve Gece
aus dem Jahr 1996 (deutsch: Nacht und Nebel , Zürich: Unionsverlag
2005) geht es um den türkischen Geheimdienstler und Ich-Erzähler
Oberst Sedat, der an einer Mordaktion gegen vermeintliche Terroristen
teilnimmt. Eine Geschichte, die sich an Erydikes von Sophokles orientiert:
Die Suche nach Unheil und Schuld führt auf den Protagonisten zurück,
denn Oberst Sedat war an dem Mord seiner verschwundenen Geliebten beteiligt,
wie er später selbst herausfinden wird. Doch neben der Anklage
der türkischen Geheimdienste lösen sich die Kategorien von
Gut und Böse in einer zerrissenen Gesellschaft auf, deren Ordnungsprinzipien
auf wackeligen Füßen stehen. Innerhalb der Fiktion, so Sagaster,
können auch in der Türkei kritische Themen angesprochen werden,
deren öffentliche Thematisierung ansonsten oft zu einer Prozesslawine
führen würde.
Local Knowledge und die Literaturpolizei
Dass
globalisierte Verbrechen zu Gast in Iserlohn: Der Krimi mit allen
seinen Facetten bietet die Möglichkeiten zur engagierten gesellschaftlichen
Auseinandersetzung, und dient dabei doch immer auch der Festschreibung,
im besten Fall der Modellierung von Ordnungsvorstellungen und Werthierarchien.
Der Leser, der sich auf die transkulturelle Vielfalt der Kriminalliteratur
einlässt, bekommt ein local knowledge der kulturellen
und milieuspezifischen Rahmenbedingungen des Verbrechens präsentiert,
die eine ethnografische Lektüre diesseits und jenseits der Globalisierung
ermöglichen.
Zum
Ende der Tagung kam dann noch der Ruf nach der Literaturpolizei:
Die Suche nach „literarischen
Qualität“, nach „Kriterien“, wie
man den gut geschriebenen von dem schlecht geschriebenen Krimi abgrenzen
könnte, wurde als Fragestellung für eine Folgetagung leicht
verzweifelt in den Raum gestellt. Verwundert durfte man da doch schon
sein: War doch die Ordnungsmacht des Literatursystems – Literaturkritiker
und Literaturwissenschaftler – schon anwesend.
