krimis in Europa
n°5 Mai-Juni-July 2006

 

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Tagungsbericht: „Verbrochene Welt“

Von Achim Saupe

 

Die Evangelische Akademie Iserlohn richtete im Januar 2006 zum zweiten Mal eine hochkarätig besetzte Krimi-Tagung aus, die von dem Essener Literaturwissenschaftler und Herausgeber mehrer Bände zum Kriminalroman Jochen Vogt initiiert wurde. Abseits des Sydikats, der Vereinigung deutscher Krimiautoren, traf man hier an zwei Tagen neben Wissenschaftlern Literaturkritikern und Krimi-Bloggern auch auf ein paar (zukünftige) Krimiautoren, die ihre Ideen im informellen Gespräch darlegten. Während im Jahr 2005 noch mit dem Thema „Wiederkehr des Bösen“ der Bezug von Kirche und Krimi überdeutlich wurde (Kriminalromane als Apokryphe der Bibel), leuchtete man diesmal unter dem Titel „Verbrochene Welt“ die internationale Krimiszene nach neueren Tendenzen, nationalen und regionalen Eigenheiten aus. Und dies im eiskalten Iserlohn, einer unbedeutenden Stadt zwischen Ruhrgebiet und Sauerland, von der mir ein ortsansässiger Taxifahrer berichtete, dass es sich um ein Zentrum des Verbrechens handele: In der Sylvesternacht waren zwei Personen erschossen worden, zudem wusste er von einem Sexualmord an einer älteren Frau zu berichten, die angeblich mit 17 Messerstichen erstochen wurde. Bevor ich den ersten Vortrag hörte, hatte ich fast schon wieder Lust, abzureisen: Der Realität des Verbrechens wollte ich mich nicht aussetzen, und auch die Anwesenheit eines Ex-Agenten konnte kaum beruhigen.

 

Global Crime

In einer Tour de Force bot zunächst Thomas Wörtche (Herausgeber der Krimireihe Metro im Unionsverlag und Krimikritiker in der Wochenzeitung Freitag) einen Überblick über die internationale Krimiszene, wobei er sich auf unbekanntere Krimiregionen konzentrierte. Vorläufer einer sich globalisierenden Krimiszenerie sah er bei Eric Ambler, Henry Keating oder aber Ross Thomas. Als Verleger der Metro-Reihe standen dann Krimis aus Asien, Afrika, Mittel- und Lateinamerika als neu zu entdeckende Krimikontinente im Blickfeld seiner Ausführungen und damit Romane von Yasmina Khadra (Algerien), von Pepetela (Angola), Leonardo Padura (Kuba) und Nury Vittachi aus Hongkong.

Die subversive Kraft, die der Kriminalroman entwickeln kann, machte Wörtche vor allem an Leonardo Padura deutlich. Padura nutze das hardboiled- Genre, um soziale Missstände in Kuba aufzuzeigen und betreibe so auch innerkubanische Systemkritik. Gerade die internationale Wahrnehmung verschaffe dem Autor Freiräume innerhalb des Zensursystems.

Anhand der Romane von Nury Vittachi und seinem Fengshui-Detektivs C.F. Wong wies Wörtche darauf hin, dass hier die westlich geprägte rationalistische Aufklärung des Verbrechen in eine Region übertragen werde, in der es keine eigene kriminalliterarische Erzähltradition gebe.

Beim Flug über die Krimiwelt wurde deutlich, dass bisher allein die lateinamerikanische Krimiszene eigene Gattungsspielarten entwickelt habe, die einerseits in der Verbindung von magischem Realismus und Kriminalschema zu sehen sei, andererseits an so unterschiedlichen Herangehensweisen wie bei Paco Ingnacio Taibo II oder den an der klassischen Detektivgeschichte orientierten Werken Jorge Luis Borges festgemacht werden könne.

Die von Wörtche präsentierten Global Crime Stories versuchen meist, die gesellschaftliche Zergliederung in politischen und wirtschaftlichen Transformations- und Demokratisierungsprozessen zu fassen. Das Kriminalschema eigne sich dabei einerseits für die Binnenkommunikation in den Herkunftsländern, andererseits böte die Adaption dieses spezifisch europäischen und amerikanischen Genres die Möglichkeit, der wohlstandssaturierten „ersten Welt“ genau jene Problemen vor Augen zu führen, die sie miterzeugt habe.

 

Der Erlenmeierkolben des Forensikers

Der Berliner Germanist Brittnacher widmete sich der britischen und amerikanischen Krimi-Szenerie. Brittnacher war anders als Wörtche nicht auf der Suche nach dem literarisch hochwertigen Kriminalroman, sondern auf der Spur der Massenkultur. Aufgrund der Unüberschaubarkeit des englischsprachigen Krimimarktes suchte er nach neuen Tendenzen und Variationen des Genres.

Brittnacher, Spezialist für Horrorliteratur, verwies zunächst auf hybride Kriminalromane, in denen es zu einer Vermischung von Kriminalfällen mit Okkultismus oder phantastischen Elementen komme wie in den Romanen von John Connolly. Pointiert hielt er dazu fest: „Wenn Geister sprechen, schweigt die Sozialkritik.“

Eine weitere signifikante neuere kriminalliterarische Erzählform sah er in der Verbindung von Kriminalroman, Thriller und courtroom-drama, wobei er nicht nur den Justiz-Politik-Polizei-Paranoiker John Grisham im Auge hatte. Trotz der Relativierung des Schuldbegriffes ist das erste Gebot des Kriminalromans solcher Art, dass jemand Büßen muss: Eine Affirmation des amerikanischen Rechtssystems mit neuem „moralischen Fundamentalismus, der an der moralischen Missbilligung des Verbrechens keine Zweifel lässt.

Dann ging es um den Mythos Serienkiller. Zwei Linien der Aufklärung seien hier zu erkennen. Zunächst die Aufklärung durch den Profiler, der sich anhand von psychologischen Gutachten und einer semiotisch-hermeneutischen Methodik in die Seele des Serienkillers einfühle. Einen historischen Anknüpfungspunkt sah Brittnacher in dem Werk des britischen Romantikers Thomas de Quincey Mord als schöne Kunst betrachtet. Hier werde der Mord als ästhetisches Sujet präsentiert, dem der Kriminalroman eine ebenso elegante Lösung entgegenstellt.

Der psychologisch orientierte Profiler werde jedoch zunehmend vom Forensiker und Gerichtsmediziner abgelöst, wie in den Romanen von Patricia D. Cornwell oder Kathy Reichs. Mit handfesten, naturwissenschaftlich untermauerten Fakten werden hier die (Serien-) Täter überführt. Während Sherlock Holmes Zugriff auf die Naturwissenschaften noch wie das Wirken eines göttlichen Alchemisten wirke, seien hier naturwissenschaftlich ausgebildete Handwerker bei der Arbeit zu sehen. Der forensische Krimis tendiert dazu, das Böse aus seinen sozialen Kontexten herauszulösen und in einen biologistisch-genetischen Diskurs zu überführen: Der soziale Ursprung des Verbrechens werde im „Erlenmeierkolben des Forensikers eingedampft“, wie Brittnacher es anschaulich formulierte.

 

Vom neo-polar zur „österreichischen Anmutung“

Tobias Gohlis (Kritiker der ZEIT) widmete sich sodann dem französischen neo-polar, wobei er diese Bezeichnung eher als Selbstzuschreibung der Autoren denn als eine literaturwissenschaftliche Kategorie verstanden wissen wollte. Auf den für das Verständnis des französischen neo-polars so wichtigen politischen Hintergrund solcher Autoren wie Jean Amila, Jean-Patrick Manchette, Jean-Bernard Pouy oder Didier Daeninckx ging er nur kurz ein. Für Gohlis waren drei Elemente konstituierend für den neo-polar : die Reflektion der Zeitgeschichte, die expressive Bildsprache und die tiefe Ironie. Die rompols von Fred Vargas ordnete Gohlis dann in die von ihm ausgerufene Kategorie des post-polars ein: Eine Rückkehr zur Poesie deute sich hier an, gewissermaßen eine Trostliteratur, die im Zeichensystem von Träumen und Ängsten das Versprechen auf eine vernünftige Welt nur im surrealen Raum anbieten könne.

Kathrin Fischer (Hessischer Rundfunk) verortete den österreichischen Kriminalroman im Einklang mit Moritz Baßler in der Tradition der Wiener Moderne und der Ästhetik Thomas Bernhards. So geadelt, erschien der österreichische Kriminalroman als postmoderne Variante des Erzählens, der die Frage nach der (Un)Einholbarkeit der Wirklichkeit durch die Sprache ins Zentrum stellt. Jene „österreichische Anmutung“ – die grotesken Handlungsverläufe und teilweise absurden Plots, die retardierenden Reflexionen und ein hohes sprachliches Bewusstsein – versuchte Fischer anhand von Heinrich Steinfest und Wolf Haas zu verdeutlichen. Die Kriminalromane von Alfred Komarek verweigern sich jedoch dieser Interpretationslinie. Dass der österreichische zur Zeit wesentlich erfolgreicher als der deutsche Kriminalroman ist, wurde mit einem Bonmot von Thomas Bernhard beantwortet: „Es ist die gemeinsame Sprache, die uns trennt.“

 

Über Putin-Wähler, italienische Kochrezepte und türkische Kommunisten

Am zweiten Tag ging es dann von Russland über Italien in die Türkei. Der russische Krimi seit der Perestroika stand im Zentrum der Ausführungen des Potsdamer Slawisten Norbert Franz. Kurz verwies er auf den sozialistischen Krimi seit der Chruschtschow-Ära, der sich ganz auf die Rechtserziehung des Volkes konzentrierte. Von der Aufhebung der Zensur 1987 profitierten u.a. die Brüder Arkadij und Georgij Vajner, die schon zu Sowjetzeiten erfolgreich waren. Nun konnten sie ein zurückgehaltenes Manuskript aus den 1960er Jahren veröffentlichen, in dem es um den sowjetischen Antisemitismus ging. Dass die russische Kriminalliteratur nach 1990 einen Boom verzeichnete, mag kaum verwundern, bietet sich doch das Genre dafür an, die neuen Realitäten und den von Gewalt, Kriminalität und kollektive Ängsten begleiteten Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung zu literarisch auszugestalten.

Der zeitgenössische russische Krimi wird vor allem von Erfolgsautorinnen wie Alexandra Marinina bestimmt, die 20 Jahre lang im Moskauer Juristischen Institut des Innenministeriums arbeitete, zuletzt als Oberstleutnant der Miliz. Ihre mittlerweile über 20 Bücher, die Auflagen von bis zu 20 Millionen erreichen, sind geprägt von einem Misstrauen gegenüber dem Demokratisierungsprozess. Der Einsatz der Heldin Anastasija Kamenskaja für Recht und Ordnung spreche wohl vor allem die Welt der Putin-Wähler an. Warum besonders Frauen erfolgreich im Krimigeschäft in Russland sind, fand keine überzeugende Erklärung. Als Kontrapunkt verwies Norbert Franz auf Boris Akunin, der vor allem durch sein Ausspielen verschiedenster literarischer Erzählformen glänze, und mit seinen vielfältigen intertextuellen Verweisen auf die russische Literatur das „Leseland Russland“ anspreche.

Steffen Richter konzentrierte sich weniger auf italienische Krimiautoren als vielmehr auf das Italien des Krimis in Werken von Donna Leon, Magdalen Nabb oder aber Veit Heinichen. Der Kriminalroman springt hier in die Lücke einer aussterbenden Kultur der Reiseliteratur. Nicht fehlen dürfen dabei Einblicke in die italienische Küche, wobei man sich hier jedoch lieber auf die Rezeptvorschläge eines Italieners verlassen sollte, wie sie von Commissario Salvo Montalbano in den Kriminalromanen von Andrea Camilleri vorgestellt werden.

Börte Sagaster führte in den Kriminalroman der Türkei ein. Im Vordergrund standen vor allem aktuelle Autoren wie Celil Oker, Hasan Dogan, Mehmed Murad Somer oder Esmahan Aykol. Der bedeutendste Vertreter des aktuellen türkischen Kriminalromans, den sie in ihren Ausführungen hervorhob, ist der 1960 geborene Ahmet Ümit. Ümit, der sich seit Ende der siebziger Jahre in der Türkischen Kommunistischen Partei (TKP) engagierte, während der Militärdiktatur 1980-1990 in den Untergrund ging und 1985/86 an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften in Moskau studierte, beschloss mit dreißig Jahren, dass er als Schriftsteller mehr bewirken könne als in den eng begrenzten Handlungsräumen der Politik. Ein Glücksfall für die türkische Kriminalliteratur. Erstarrte Hierarchien, Machtmissbrauch und vor allem die Diskriminierung von Minoritäten (u.a. wird auch der Völkermord an den Armeniern thematisiert) sind wiederkehrende Themen in seinen Büchern, wobei er zeitgenössische und historische Perspektiven miteinander verknüpft wie in dem weit ausholenden Roman Patasana (2000) . In Sis ve Gece aus dem Jahr 1996 (deutsch: Nacht und Nebel , Zürich: Unionsverlag 2005) geht es um den türkischen Geheimdienstler und Ich-Erzähler Oberst Sedat, der an einer Mordaktion gegen vermeintliche Terroristen teilnimmt. Eine Geschichte, die sich an Erydikes von Sophokles orientiert: Die Suche nach Unheil und Schuld führt auf den Protagonisten zurück, denn Oberst Sedat war an dem Mord seiner verschwundenen Geliebten beteiligt, wie er später selbst herausfinden wird. Doch neben der Anklage der türkischen Geheimdienste lösen sich die Kategorien von Gut und Böse in einer zerrissenen Gesellschaft auf, deren Ordnungsprinzipien auf wackeligen Füßen stehen. Innerhalb der Fiktion, so Sagaster, können auch in der Türkei kritische Themen angesprochen werden, deren öffentliche Thematisierung ansonsten oft zu einer Prozesslawine führen würde.

 

Local Knowledge und die Literaturpolizei

Dass globalisierte Verbrechen zu Gast in Iserlohn: Der Krimi mit allen seinen Facetten bietet die Möglichkeiten zur engagierten gesellschaftlichen Auseinandersetzung, und dient dabei doch immer auch der Festschreibung, im besten Fall der Modellierung von Ordnungsvorstellungen und Werthierarchien. Der Leser, der sich auf die transkulturelle Vielfalt der Kriminalliteratur einlässt, bekommt ein local knowledge der kulturellen und milieuspezifischen Rahmenbedingungen des Verbrechens präsentiert, die eine ethnografische Lektüre diesseits und jenseits der Globalisierung ermöglichen.

Zum Ende der Tagung kam dann noch der Ruf nach der Literaturpolizei: Die Suche nach „literarischen Qualität“, nach „Kriterien“, wie man den gut geschriebenen von dem schlecht geschriebenen Krimi abgrenzen könnte, wurde als Fragestellung für eine Folgetagung leicht verzweifelt in den Raum gestellt. Verwundert durfte man da doch schon sein: War doch die Ordnungsmacht des Literatursystems – Literaturkritiker und Literaturwissenschaftler – schon anwesend.

 


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