Lena Blaudez
Auteur
des Romans Noirs et Journaliste, Berlin
Ein Mensch in Uniform, was ist das?
So einer wie du und ich. Oder doch irgendwie anders?
Einfach nur ordentlich
angezogen und ein wertvolles Mitglied einer gleichgekleideten Gruppe?
Ein autoritäres Vollstreckungsorgan
einer Macht? Oder ein garycoopermäßiger Held à la
High Noon?
Anfang der 80iger in Berlin, Hauptstadt
der DDR, forderte ein Mensch in Uniform (MiU): "Zeigen Sie mal Ihren
Personalausweis! Aha! 0.30 Uhr und Sie laufen hier rum, obwohl Sie
gar nicht hier wohnen. Das notier ich mir aber mal. Sie sind wohl
auch so eine, die Schwerter zu Pflugscharen machen will, was?"
Mitte
der 80iger an der ungarisch-juguslawischen Grenze forderte ein MiU: "Geben
Sie doch lieber zu, dass Sie abhauen wollten! Was meinen Sie, wie
sich das anfühlt, wenn ich meine Zigarette auf
Ihrem Handgelenk ausdrücke?"
Anfang der 90iger in Lagos, Nigeria,
forderte ein MiU mit MPi im Anschlag: "Give me money or you are dead!"
Mitte der 90iger in Cotonou, Benin, forderte ein MiU: "Aussteigen!
Sie sind eine Einbahnstraße verkehrt herum gefahren, deshalb
wird Ihr Wagen konfisziert. . Ok. 500 CFA und die Sache ist vergessen.
Gehen wir einen trinken? Ich lad Sie ein."
Ende der 90iger in Berlin,
Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, forderte ein MiU: "Absteigen!
Fahrrad fahren auf dem Bürgersteig
macht 20 Euro. . Nee, da ham Sie Recht: Ich selbst würd auf
der Kaiser-Friedrich auch nicht mein Leben riskieren. Macht aber
20 Euro."
Was also ist ein Mensch in Uniform? So einer wie du und
ich, ganz gleich. Oder doch irgendwie gleicher?

Hilfe!
Die Polizei ist überall
Etienne Borgers
Übersetzung: Sarah Florence
Gaebler
Der Kriminalroman nutzt und benutzt die Polizei...
Doch ursprünglich hat sich der Kriminalroman vor allem auf
der Grundlage des privaten Ermittlers entwickelt, ob Amateur oder
Profi, und war damit Erbe der Tradition der Abenteuergeschichten
der Fortsetzungsromane des 19. Jahrhunderts, der sich in rätselhafte
Intrigen stürzte. Wenig später schon war die Polizei dann
bereits Teil des Ganzen, sie trat als Helfer des Privatermittlers
auf, war in erster Linie aber auch Sinnbild für die Justiz und
das Verhängen von Strafen für das Verbrechen. Man schaue
nur auf Edgar Poe oder auf Conan Doyle mit seinen Sherlock-Holmes-Abenteuern,
die als wichtige Phase in der angelsächsischen Tradition gelten
dürfen.
Allenthalben auf der Suche nach Gleichgewicht
und Normalität,
lag das Bestreben der Kriminalromane der ersten Stunde in der Wiederherstellung
von Ordnung und Normalität in einer Gesellschaft, die in der
Darstellung urplötzlich der Unordnung des Verbrechens erlegen
war. Beliebt war dabei die Bluttat, die schlimmste aller Grenzüberschreitungen,
das Unhinnehmbare, dem gegenüber der Ermittler als Held auftritt
und der darum kämpft, des Rätsels Lösung zu finden.
Seine Suche und sein Kampf müssen letzten Endes dazu führen,
dass Ordnung, Gleichgewicht und Anstand wiederhergestellt werden,
in einer unveränderten Gesellschaft, die nur selten in ihren
Grundfesten in jenem fiktionalen Text kritisiert wird, der aus diesen
Geschichten entstand.
Im Verlauf der verschiedenen Entwicklungen
und der Entstehung der Varianten im Kriminalroman kommen viele
Autoren schließlich
zu der Erkenntnis, dass jene, die alltäglich mit dem nicht Hinnehmbaren
in Berührung kommen, in den Rängen der polizeilichen Institutionen
arbeiten: in den Abteilungen der Mordermittlung. Und unweigerlich
ist der zweite wiederkehrende Held, den der Kriminalroman im 20.
Jahrhundert hervorbringt, derjenige, der im Herzen des Rechtssystems
steht, der im Dienste der Polizei steht. Damit war der Weg zurück
zu den Wurzeln des französischen Kriminalromans getan, in dem
Polizisten und ihre offiziellen Ermittlungen im Herzen der Geschichte
standen, von Vidocq bis Gaboriau. Zeitgenössisch natürlich
und den Begebenheiten der Epoche des jeweiligen Autors angepasst.
Diese Entwicklung führte schließlich zur meisterhaften
Erschaffung der Figur des Kommissar Maigret durch Simenon, die vom
Ende der 20er-Jahre an zur tragenden Person von knapp 80 Bänden
wurde und deren Einfluss auf dieses Genre der Literatur von ungeheurem
Ausmaß war.
Über verschiedene Wege wurde die Hauptfigur des Polizisten
für den Kriminalroman unverzichtbar - ebenso im frankophonen
wie auch im angelsächsischen Bereich.
Und doch hat die amerikanische Tradition
einen Archetypen hervorgebracht, der im modernen Kriminalroman
besonders fest verwurzelt ist: den Privatdetektiv. Er verkörpert den privaten Ermittlungsprofi,
der sich in einer wesentlich realistischeren Welt durchschlägt,
als es bis dato der Fall war. Eine Figur, die sich manchmal als Verfechter
der Gerechtigkeit sieht und deren Taten nicht immer von Erfolg gekrönt
sind. Das Leben spielt dem Privatdetektiv oft übel mit und die
Gesellschaft akzeptiert er nicht immer so wie er sie vorfindet. Die
amerikanische Tradition des Kriminalromans konzentriert sich schließlich
auch auf die Rolle des Polizisten, sei es in den Thrillern, die Action
und Ermittlungen miteinander verknüpfen, oder in den Romans
Noirs . Der Übergang hin zum Protagonisten des Polizisten
geht vor allem auch deshalb so schnell von statten, als der Mythos
des amerikanischen Privatdetektivs vom Ende der 50er-Jahre an in
allen Formen des Kriminalromans des Genre Noir bis hin
zu den überzeichneten Parodien über die Maßen zum
Einsatz kommt.
Zumal auch die meisterhafte Umsetzung
dieser Figur im Film von den 40er-Jahren an nicht vergessen werden
darf. Dort ist die Figur des "Privaten" direkt
aus dem amerikanischen "hard boiled" Kriminalroman und dem Genre
Noir übernommen und bringt die ersten Meisterwerke des Film
Noir hervor - und die der überzogenen Darstellung des
Mythos des Privatdetektivs.
Eines der wohl frappierendsten Beispiele
für die Rückkehr
des Polizisten als Protagonisten nach der Ära der Privatdetektive
ist das Polizeirevier des 87. Bezirks von Mc Bain und seinen Polizisten,
eine Saga, die 1956 ihren Lauf nimmt und bis heute anhält.
Zudem ist seit den 80er-Jahren der
massive Einzug der Polizei in den angelsächsischen, vor allem jedoch in den amerikanischen
Kriminalromanen zu beobachten. Doch von nun an wird ganz dick aufgetragen
und es kommen Gerichtsmediziner, Spezialeinheiten gegen alles nur
Erdenkliche (von der Anti-Drogen-Einheit bis hin zur Anti-Terror-Einheit),
Polizisten der "Polizei aller Polizeien" (die berühmten "Internal
Affairs"), Polizisten der Kriminalpolizei, Schutzeinheiten und all
jene, die mir an dieser Stelle nicht einfallen mögen, zum Einsatz.
Auch nicht vergessen darf man den Einzug
der wissenschaftlichen Abteilungen der verschiedenen Polizeidienste
in den 90er-Jahren, als subtile Fortführung des Gerichtsmediziners, der ebenfalls
auf dem besten Wege war, in der Kriminalliteratur über die Maßen
eingesetzt zu werden. Von da an sind es die wissenschaftlichen Spezialisten,
die bevorzugt als Schlüsselpersonen in den Intrigen auftauchen
und zu des Rätsels Lösung beitragen.
Eines muss man sich sehr deutlich vor Augen halten: Zum Ende des
20. Jahrhunderts und zu Beginn des 21. hat der Kriminalroman geradezu
eine Invasion der Polizei erlebt.
Dabei dürfen auch nicht die Polizeiserien im Fernsehen außer
Acht gelassen werden. Auch dort ist der Zuwachs enorm, zumal die
Serien im äußerst populären Medium Fernsehen heute
die flächendeckende Verbreitung übernommen haben, die die
Genreliteratur, die auch Kriminalromane umfasste, einst im 20. Jahrhundert
bis in die 70er-Jahre hinein übernahm. Die in Polizeiserien
gezeigten Polizeidetektive, Kommissare, Streifenpolizisten und die
Fachleute der wissenschaftlichen Einheiten sind dort seit den 80er-Jahren
auf dem Vormarsch. Und so sind sie heute in den französischen,
englischen und amerikanischen Fernsehprogrammen allgegenwärtig
und keiner entkommt ihnen mehr.
Selbst wenn bei all der Vielfalt von
Romanen und Fernsehserien, die den Polizisten als Hauptfigur verwenden,
auch Autoren zu finden sind, die diesen amtlichen Helden der modernen
Gesellschaft in finstere, so manch einmal gar düstere Gefilde dringen lassen, kommt man
nicht umhin zu erkennen, dass uns in der Großzahl der Geschichten,
die man uns erzählt, die Figur des Friedensstifters des Beginns
des Rätselromans wieder aufgetischt wird. Nun jedoch in der
Haut eines Polizisten, so dass der Eindruck der Suche nach Normalität
und Gleichgewicht in der modernen Gesellschaft verstärkt wird,
und dies mittels einer Figur, die den offiziellen und verbrieften
Auftrag dazu erhalten hat.
Weshalb? Sucht die Gesellschaft, in
der wir heute leben, so sehr nach Bestätigung, dass es notwendig ist, das beruhigende Bild
einer paternalistischen und repressiven Macht zu zeichnen, die der
Polizist in der Fiktion verkörpert? Handelt es sich um den Ansatz
einer Beruhigung, die ein Publikum einfordert und die es allem Anschein
nach nicht in sich selbst zu finden vermag? Ist das der Exorzismus
der eigenen Dämonen? Derjenigen der Gesellschaft?
Andererseits ist das Mysterium - und die Suche nach einer Erklärung
dafür - eines der Hauptbestandteile der menschlichen Psyche,
ein Urbedürfnis, das den Wurzeln der Menschheit entspringt,
ein verzerrtes Bild der existenziellen Fragen, die in unserem Inneren
verborgen liegen. Es ist ein Mysterium, das bewegt, das der Ursprung
der wissenschaftlichen Neugier ist, des Aberglaubens, der Religionen . und
des Kriminalromans im Allgemeinen.
Das Mysterium, das vom Magier interpretiert
und gelöst werden
kann. Wie die beliebten wissenschaftlichen Ermittler, die mit der
Magie hantieren, verfügen auch sie über ein ihrer Kaste
vorbehaltenes Wissen, das dem Normalsterblichen verborgen bleibt.
Die Ermittler wissen das Mysterium anhand der Magie zu erklären
und so finden sie auch den Weg aus der Krise. Vom Leser, bzw. dem
Zuschauer, fordert man lediglich eins: all dem Glauben zu schenken.
Die Entspannung ist schließlich die Belohnung.
Gleichzeitig ist die Polizei, die uns
im Alltäglichen umgibt,
bemüht, sich modern zu geben, ohne dass an dieser Stelle wirklich
klar ist, wie man dieses Charakteristikum zu werten hat. Zweifelsohne
gibt es eine Polizei, die - wie auch schon in der Vergangenheit - dazu
angehalten ist, dem Bürger ihre Dienste direkt zu erweisen,
indem sie ihm Schutz bietet und zur Hilfe eilt.
Der Straßenverkehr ist zweifelsohne der Bereich, in dem sich
diese Fähigkeit am Besten offenbaren lässt: unmittelbar
im Dienste des Bürgers. In anderen Bereichen, in denen die Polizei
tätig ist, hingegen bleiben ihre Rolle wie auch ihre Ziele höchst
diffus und zufallsbedingt. Die Staatsmacht jedoch, egal in welcher
Form, ist nach wie vor die treibende Kraft hinter der bewaffneten
Hand der Polizei, eine politische Macht, die jederzeit bereit ist,
die Waffen gegen jene zu erheben, die sie eigentlich zu beschützen
hat. Diese "moderne" Polizei hat sich nur modern zeigen können,
um den Bürger besser kontrollieren zu können, ihn besser
im Zaum zu halten und um die Supervermögenden und die Machthaber
besser zu beschützen. Wie schon in der Vergangenheit . Es verändert
sich nicht viel.
Außer dass die Moderne der politischen Macht erlaubt, den
schwachen Geschöpfen der Gesellschaft nach Belieben systematisch
und zynisch zugleich über immer weniger unabhängige Massenmedien
eine Heidenangst einzujagen und sie dazu zu bringen, einer blökenden
Viehherde gleich, noch mehr "moderne" Kontrollmechanismen einzufordern,
denen sie schließlich als erste zum Opfer fallen werden. Mit
dem polizeilichen Übereifer als Hintergrund.
Mit üblen Machenschaften und ohne wirklich Verantwortung in
grundlegenden Fragen zu übernehmen, lebt diese Polizei in Europa
im Elan ihrer großartigen Tradition des Klüngels mit dem "Homo
politicus".
Wenn es jedoch darum geht, die wichtigsten
Protagonisten aufzulisten, dürfen wir nicht die Psychologen aller Art vergessen, Helfershelfer,
die der Justiz und den Technokraten zur Seite stehen. Es sind Psychologen,
die heute den so genannten Kriminalroman völlig in Beschlag
genommen haben . wenn es einmal nicht die Gerichtssäle der Justiz
im wirklichen Leben sind.
Sie sind es, die ebenfalls als Prediger
einer falschen Wissenschaft einen religiösen Status in unseren modernen Zeiten erlangt haben,
diese Psychologen, die zu Komplizen aller denkbaren Medienmanipulationen
geworden sind, die versteckte Unterstützer der Werbung, der
Fernsehmedien und ... der Darstellung vom Politischen für den
Wähler sind. Sie sind allgegenwärtig, und auch sie sind
zu Magiern der heutigen Kriminalliteratur geworden. Schauen Sie sich
doch nur ihre Thriller und die geläufigen Bestseller an.
Und wir sind noch nicht am Ende, denn
schon bald wird man sie massiv herbeirufen. Erst kürzlich hat man "entdeckt", dass die Stigmata
des Verbrechers bereits im Alter von drei Jahren nachweisbar sind.
Ich gehe davon aus, dass man schon bald wieder Schädel und die
Länge der Nasen vermessen wird, nebst magischen Tests, die dazu
dienen sollen, den Geist zu messen. Schöne Zeiten, die da auf
uns zukommen . Das Bündnis zwischen dem Magier und Pinocchio.
In der Wirklichkeit wie in der Krimi-Fiktion. In unserem alltäglichen
Leben .
Der Verkehrspolizist möge mir verzeihen, doch ich erkenne nicht
die dem Bürger nahe stehende Polizei, auf die die politische
Propaganda so viel Wert legt. In Thrillern und den traditionellen
modernen Kriminalromanen hingegen ist sie allgegenwärtig . Dort
begegnet man überall Polizisten!
Die Hochliteratur, die vor über
50 Jahren ihren Posten aufgab, nimmt sich nicht mehr der wahren
Probleme der Gesellschaft an und ist auch keine Hilfe. Es ist in
diesem Sinne dringend geboten, sich auf den Roman Noir zu
besinnen, der häufig sehr pessimistisch
daherkommt, der jedoch das einzige Genre gewesen zu sein scheint,
das Themen wie Korruption, polizeiliche Verfehlungen und den wahren
Kampf gegen das Böse und den Mord mit Weitblick betrachtet hat.
Der Roman Noir wird das einzige
Heilmittel gegen den Polizeivirus und das autoritäre Fieber sein, der letzte Schutzwall angesichts
der Sicherheitspandemie, die zu verbreiten den Hexenlehrlingen so sehr
gefällt. Jene Hexenlehrlinge, die - ganz oben an der Macht - beanspruchen,
unsere Führer und Beschützer zu sein. Und uns regieren.

Über
die Langweiligkeit der Polizei
Michael koltan
Fribourg,
Philosoph und Musiker
Eigentlich
ist es seltsam: So gut wie nie wird in der Literatur über
den Kriminalroman darüber theoretisiert, daß in der Regel
nicht zwei, sondern eigentlich drei Parteien involviert sind: Der
Täter, der Ermittler und die Polizei. Daß die Polizei
so selten als eigene Partei erkannt wird, liegt an der Verachtung,
die sie sich von vornherein zugezogen hat: "Der vielgerühmte
Scharfsinn der Pariser Polizei ist nur Schlauheit, weiter nichts." räsonniert
Dupin in Poes Doppelmord in der Rue Morgue. "Die erreichten
Erfolge sind ja zuweilen überraschend groß, doch verdankt
sie dieselben meist nur ihrem Fleiß und ihrer Rührigkeit.
Wo diese beiden Eigenschaften nicht ausreichen, mißlingen alle
ihre Anstrengungen." Polizisten sind im klassischen Detektivroman
nichts als langweilige Beamte, die, vor tatsächliche Probleme
gestellt, schon aus Prinzip scheitern und einen genialen Detektiv
zu Rate ziehen müssen.
Der Übergang zum hardboiled-Roman verbesserte die Situation
nicht: Lauteten die Anklagepunkte bislang nur Unfähigkeit und
Langweiligkeit, werden sie nun durch Brutalität und Korruption
ersetzt. Die cops werden nun zu Gegenspielern des private eye, die
dessen Ermittlungen vor allem behindern. Dieses Schema wird dann
bei James Ellroy in seiner LA-Trilogie so weit ausgereizt, daß es
nur noch cops in unterschiedlichen Graden der Verkommenheit gibt,
während die Identifikationsgestalt des Privatdetektivs, der
Platzhalter des Lesers, völlig fehlt.
Merkwürdigerweise gibt es allerdings auch eine Schule des Kriminalromans,
der gerade die Langweiligkeit des Polizisten glorifiziert. Als Erfinder
dieser rezeptfreien Variante eines nebenwirkungsfreien Schlafmittels
gilt der Belgier Georges Simenon mit seinem Kommissar Maigret; doch
was lange Zeit als rein belgische Marotte galt, feiert in jüngster
Zeit unerklärliche Verkaufserfolge. Das fängt bei Mankell
an und hört noch nicht einmal bei Donna Leons unsäglichem
Kommissar Bruschetta auf. Was allerdings die Attraktivität dieser
Romane ausmacht, so wird mir diese ebenso verborgen bleiben wie die
der Musik von Peter Gabriel oder Filmen mit Robin Williams.

Carabinieri
e Polizia
Simona Mammano
Übersetzung: Dieter Hartmann
Simona
Mammano, geboren in Bologna, studierte Philosophie und schrieb
ihre Abschlussarbeit zum Thema der Autonarration. Sie ist bei
der Staatspolizei beschäftigt
und arbeitet mit der Anti-Mafia-Bezirksdirektion der Staatsanwaltschaft
von Bologna zusammen. Sie ist Mitglied der Provinz-Direktion der
Polizei-Gewerkschaft Siulp in Bologna, für die sie seit 1997
den Franco-Fedeli-Literaturpreis für den besten italienischen
Polizei-Roman betreut. Für die
Gewerkschaft Siulp ist sie als Kooperationspartnerin am Workshop
für
Kommunikation der Juristischen Fakultät der Universität
von Urbino beteiligt. Außerdem berät sie einige italienische
Schriftsteller. Für die Monatszeitschrift Polizia e
Democrazia schreibt sie Artikel zu aktuellen Themen und
hat dort auch eine Literatur-Rubrik unter dem Namen L'angolo
del giallo ("Krimi-Ecke"). Weiterhin arbeitet sie für Thriller
Magazine (www.thrillermagazine.it)
sowie für die von Renzo Cremante und Loriano Macchiavelli
gegründete Vierteljahresschrift Delitti di Carta ,
für die sie die Rubrik Procedure betreut.
Ich habe mich immer gefragt, welchen Nutzen die Leute eigentlich
darin sehen, dass wir zwei verschiedene Polizeien haben: die Carabinieri und
die Polizia. Es gibt auch noch die Finanzpolizei der Guardia
di Finanza, aber die hat zum Glück andere Aufgaben.
Doch was meine ich genau mit "die Leute"? Für uns in Uniform
ist es die nicht weiter differenzierte Masse an Menschen, die nicht
den Ordnungskräften angehören: "die Zivilisten", "die
Bürger", wie sie definiert werden. In gewissem Sinne wird
die Welt mittels einer klaren Trennlinie in "wir" und "sie" geteilt.
Doch wer sind "wir", jene Kategorie, die sich selbst in klarer
Abgrenzung von den Anderen definiert? Aus der Abgrenzung resultiert
eine Verschiedenheit von den Anderen. Warum fühlen nicht auch
wir uns als Bürger? Prägt uns die Arroganz der Macht,
die wir zu besitzen glauben, so sehr, dass wir zu den anderen nicht
dazugehören wollen?
Es gibt jedoch ein
weiteres Problem, das unsere Arbeit zusätzlich
erschwert: Es ist nicht
wie das zuvor erwähnte interner Natur, sondern praktischer,
und es kann zu Unverständnis zwischen uns und den Bürgern
führen. Es handelt sich um Folgendes: Im Inneren dieses "wir" gibt
es eine weitere Spaltung in ein "Wir, die Polizei" und ein "Wir,
die Carabinieri". Obwohl wir die gleichen Sicherheits- und Ermittlungs-Aufgaben
haben, oder gerade deswegen, agieren wir in Konkurrenz zueinander,
was bedeutet, dass das eine "wir" infolge einer Art Schizophrenie
nicht weiß, was das andere "wir" macht. Menschen und Ausrüstung
(die immer zu knapp sind) werden parallel eingesetzt, ohne dass
die einen über die Informationen verfügen könnten,
die die anderen bei ihren Ermittlungen gewonnen haben.
Um, was ansonsten
undenkbar wäre, doch zu einer Form der
Zusammenarbeit zu gelangen, ist man in meiner Stadt dazu übergegangen,
das Terrain in Einsatzzonen aufzuteilen, in denen nach einem genau
festgelegten Plan, den aber die meisten Leute natürlich nicht
kennen, abwechselnd entweder die Polizei oder die Carabinieri zuständig
sind. Wenn der Bürger also die Notrufnummer 113 wählt,
erhält er von der Telefonzentrale die Antwort: "Heute sind
die Carabinieri für diese Straße zuständig, sie
müssen mit denen sprechen. Soll ich Sie durchstellen?" Es
ist äußerst verwirrend.
Zwar ist es offensichtlich
notwendig, um die Zuständigkeit
der Einsatzkräfte für die verschiedenen Gebiete zu optimieren,
aber wie funktionieren dann die Ermittlungen? Jeder arbeitet nur
für sich.
Mit einer Metapher
könnte man sagen, dass es wie ein Konkurrenzverhältnis
zwischen zwei streitenden Brüdern ist, bei dem der Vater die
Aufgabe hat, darauf zu achten, dass zumindest gewisse Spielregeln
eingehalten werden. Diese undankbare Aufgabe fällt hier dem
Ermittlungsrichter zu, der in einem permanenten Drahtseilakt mit
größtem diplomatischen Geschick ständig das Gleichgewicht
halten muss.
Das Ganze gerät so zu einem ewigen Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen
den beiden "wir".
Doch was haben "sie", die
Zivilisten, die Bürger, von dem
Wettkampf? Sie können sich, wie in einem Rugby-Match, über
den aktuellen Spielstand auf dem Laufenden halten, oder sie können
anfangen, sich ernsthaft zu fragen, was denn der Nutzen dieser
Verschwendung sei. Und eine Antwort fordern.
Gefahrenpotential
Bulle
Klaus Viehmann (Berlin)
Praktischer
Tierarzt, Heft 81.
Summary:
Der Umgang mit freilaufenden
Bullen birgt vor allem dann ein Gefahrenpotential, wenn deren
Verhalten nicht richtig eingeschätzt wird.
Verhaltensbeobachtungen machen klar, dass Bullen mit zunehmenden
Alter immer weniger bereit sind, Zugriffe (...) zu tolerieren
und überhaupt
wenig Neigung haben, sich unterzuordnen. Sie zeigen das mit klaren
Zeichen sozialer Stärke(Breitseits stellen, Zungenausstrecken,
Speichelfluss, Röhren usw.), deren Missachtung durch den Menschen das
Konfliktpotential ansteigen lässt. Es werden praktische Hinweise
gegeben, um die Gefahr einer ernsten und folgenschweren Attacke durch
Bullen auf der Weide, im Laufstall und beim Umgang zu reduzieren.
Besonderes Gewicht wird darauf gelegt, dass durch eine frühzeitige
positive Ausgestaltung des Tier-Mensch-Verhältnisses ein wichtiger
Beitrag zur Handhabbarkeit von Bullen geleistet werden kann.
Schlüsselworter:
Verhalten, Gefahrenpotential, Bulle.
