krimis in Europa
n°6 August-September-Oktober 2006

 

 

Fremdenlegion

Stephano di Marino
Übersetzung: Dieter Hartmann

 

Stephano di Marino

Als kürzlich der Roman eines Freundes vorgestellt wurde, vertrat dort ein Experte des Fachs die These, dass in Italien momentan eine neue Erzähler-,Schule' der Abenteuerliteratur im Entstehen sei; Schriftsteller, die es vorziehen ihre Storys vor einem exotischen Hintergrund zu erzählen statt weiterhin den mittlerweile verbrauchten Background der Stadt oder Provinz zu wählen. Es sind Erzähler, die sich weigern, das Stereotyp vom ,Kommissar mit menschlichem Antlitz' weiter zu reproduzieren, ein Schema, mit dem zwar Camillieri erfolgreich war, das aber durch wiederholtes Durchdeklinieren Gefahr läuft, ebenso zum Klischee zu verkommen wie das des knallharten Typs à la Mike Hammer.

Da ein großer Teil meiner eigenen literarischen Produktion, und dies seit vielen Jahren, dieser Spur des ,Abenteuerlichen' folgt, habe ich mich erstens gefragt, ob die These stimme und zweitens was die Gründe jener italienischen Autoren für diese Lust am ,Exotismus' sein könnte.

Auf die erste Frage fällt eine positive Antwort leicht. Außer dem Autor dieser Zeilen kann ich zahlreiche Autoren benennen, die diesen erzählerischen Weg beschritten haben: Giancarlo Narciso, Andrea Carlo Cappi, Gianfranco Nerozzi, Alfredo Colitto, Pino Caccucci, um nur die bekanntesten zu nennen. Doch bekannt sind keineswegs alle, und nicht unter ihren Namen. Cappi, Narciso, Nerozzi und ich selbst haben einige durchaus schmeichelhafte Erfolge mit Serials sammeln können: In Segretissimo , einer Zeitschrift zur Geschichte des Spionageromans seit den 60er Jahren, wurden unsere Serials unter vom Verleger verordneten Pseudonymen publiziert. Erst vor kurzem - und dies ist eine Bestätigung der Ausgangsthese - neigen die Wege der italienischen Autoren und ihres ,fremden' Alter Ego dazu, sich anzunähern, und die in populären Reihen für den Kioskverkauf erschienenen Romane werden vielleicht neu durchgesehen und überarbeitet wieder publiziert - nun mit den echten Namen, derer, die sie verfasst haben. Segretissimo war und ist noch immer ein hervorragendes Übungsfeld für all jene, die eine Vorliebe für die Abenteuererzählung hegen. Und man kann wirklich nicht behaupten, dass die Arbeit dieser aus Italienern bestehenden Fremdenlegion - die wie in der echten Fremdenlegion ihren wahren Namen aufgeben - das fantasielose Kopieren des Erfolgs etwa eines De Villiers wäre, um nur einen zu nennen. Es sind eigentlich linke Spionagestorys, ohne Zweifel von einem anarchistischen Geist durchdrungen, was kennzeichnend ist für die Gemütsverfassung der wahren Emigranten. Und hier berühren wir, so glaube ich, den Kern der Frage: Der Wunsch auszubrechen, Grenzen überschreiten, das Bedürfnis Figuren und Orte zu suchen, die anders sind als jene, welche uns die Mainstream-Fiction im Fernsehen auftischt oder die Dreigroschenheftchen mit ihrem auktorialen Anspruch, (einige meiner Kollegen mögen mich entschuldigen, aber dies ist das aktuelle Panorama des italienischen Krimis) besteht in diesem anarchistischen Geist desjenigen, der sich hier nicht wohl fühlt und der vielleicht auch in Übersee die ihm angemessene Dimension nicht findet, und der so immer ein Fremder auf fremder Erde bleibt - mit harter Miene. Die koloniale Vergangenheit Italiens in Erinnerung zu rufen ist fast paradox. Zu viel Zeit ist vergangen und die Helden unserer Handvoll Autoren besuchen selten die Schauplätze der imperial-faschistischen Besetzung. Sie bevorzugen den Orient, Osteuropa, Südamerika, Schauplätze, die sie zwar selbst gesehen haben, zu denen aber ein jeder von uns vor langer Zeit aufgebrochen ist, wahrscheinlich mit den Bildern im Kopf, die seine Phantasie ihm aus den Abenteuerromanen geschaffen hatte. Der Wunsch, den ungeliebten Alltag gegen einen mythischen Ort zu tauschen, auf die Gefahr hin, dort dann alle Träume zerbrechen zu sehen, ist vielleicht das gemeinsame Kennzeichen jener ,Schule', die sich zwar erst noch wird behaupten müssen, die aber bereits existiert. Gewiss hat sich auch Italien verändert. Als ich 1989 meinen ersten Roman, Per il sangue versato ("Für das vergossene Blut") schrieb, spielte die Handlung in einer Chinatown von Mailand, deren zarte exotische Aspekte ich mit viel Phantasie bunt ausmalte. Heute, sechzehn Jahre später, kehre ich mit einer Episode meiner Figur Il Professionista ("Der Profi") in ein multiethnisch gewordenes Mailand zurück, das heute immer stärker den Städten ähnelt, in die meine Phantasie in jenen Jahren ausgewandert war. Und falls es euch interessiert: MB92F (der Text wird 2007 in Segretissimo erscheinen) ist eine Story, bewegter und exotischer als viele, viele andere Geschichten, die in irgendeinem Winkel dieser Erde spielen. Und stellt auf ihre Weise eine Provokation dar.

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