krimis in Europa
n°6 August-September-Oktober 2006

 

 

Vorbemerkung

Der folgende Text, ein Essay von Moez Lahmédi, bedient sich intertextueller Hilfsmittel, um den Montagevorgang in Texten aus dem Bereich der Kriminalliteratur zu untersuchen.
Die Intertextualitätsforschung als moderne Verkörperung theoretischer Ansätze seitens der vergleichenden Literaturwissenschaft scheint - nach stockenden Anfängen - in ihrer jüngsten Entwicklung die Ziele und Grenzen der Textuntersuchung besser definiert zu haben und will sich auf die Spuren von Intertexten im Text selbst konzentrieren, auf Intertexte, die Sie, ebenso wie Links im Internet, zu anderen Texten führen, von denen einige sich auch unterwegs inspirieren lassen. Ganz direkt oder eher auf verhüllte, implizite Weise.
Der Detektivroman ist ein perfektes Forschungsgebiet für diesen Ansatz. Der Noir wird ohne zusätzliche Begrifflichkeiten schwieriger zu fassen sein.
Der ultimative Noir wird vielleicht derjenige mit dem geringsten Vorkommen an Intertexten seiner eigenen literarischen Gattung sein. In diesem Fall muss der Leser der perfekte Empfänger mit breit gestreuten Literaturkenntnissen sein, um sich ein Urteil bilden zu können.
Doch bis wir an diesen Punkt kommen, wandeln Sie doch auf den interessanten Spuren von Moez Lahmédi im Bereich dieser Literatur.

Etienne Borgers (14.05.06)


Intertextualität im Kriminalroman:
Besonderheiten und Spielräume

Essay von Moez Lahmédi
Übersetzung: Andrea Stephani

Moez Lahmédi, 29, ist Französischlehrer in Haffouz (Kairouan, Tunesien) und Doktorand der Faculté des Lettres et des Sciences Humaines der Universität von Sousse. Neben der Kriminalliteratur bildet die Literatursoziologie seinen inhaltlichen Schwerpunkt. Er ist Kontaktperson des Fachbereichs Kommunikation der Katholischen Universität Louvain/Leuven (UCL) in Belgien.

 

"Für einen Augenblick glaube ich zu begreifen, was einst der Sinn und das Faszinosum einer heutzutage unvorstellbaren Berufung gewesen sein muß: der des Kopisten. Der Kopist lebte gleichzeitig in zwei Zeitdimensionen, in der des Lesens und in der des Schreibens; er konnte schreiben ohne die Angst vor der Leere, die sich vor der Feder auftut; und er konnte lesen ohne die Angst, dass sein Tun sich nicht in einem greifbaren Gegenstand niederschlägt."

Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht , dtv, 2005, S. 214

 

Der literarische Text, zu dem auch der Kriminalroman zählt und der vom lateinischen Wort « texere » abgeleitet wird, das die Tätigkeit des Webens bezeichnet, ist per definitionem ein hyphologischer Raum (von hyphos "Spinnennetz"), welcher ein äußerst komplexes Netz palimpsestartiger Beziehungen und Zusammenhänge bildet1: Intertextualität, Hypertextualität und Metatextualität sind die drei wichtigsten (intra-) narrativen Mechanismen (Paratextualität und Architextualität betreffen unsere Auffassung nach nur die "Bekleidung" des Textkörpers), bei denen der Krimirezensent während seiner Reise auf dem Planet der Zeichen unbedingt verweilen muss.

Intertextualität im Kriminalroman erweist sich bei genauer Betrachtung als eine Variante literarischer Intertextualität und bedeutet, dass jeder Kriminaltext eines Prä-Textes bedarf, d. h. einer Reihe von (literarischen, bildlichen, kinematographischen, etc.) Intertexten, um eine gewisse Literarität zu erlangen. Literarität ist hier zu verstehen als "Fähigkeit des Textes, einen singulären Bedeutungszuwachs zu bewirken"2. Ausgehend von den Formulierungen in früheren Kriminalromanen, erfindet der Krimiautor eine neue Textalchimie: Seine Worte tragen neben den Spuren des schreibenden Ich auch jene Spuren sämtlicher angerufener und Text gewordener Alter Ego. Jeder Text eines Kriminalromans ist also das Palimpsest, die Nachahmung, das Faksimile anderer Texte.

Tatsächlich funktionieren intertextuelle Kriminalromane oder intertextuelle Literatur ganz ähnlich wie die Synästhesie, in dem Sinne, dass der Wortlaut in der Erinnerung des Lesers einen anderen Wortlaut oder einen anderen zuvor gelesenen Text zu Tage fördern kann, sei es durch die Struktur seiner Syntax oder seinen semantischen Gehalt. In Die Lust am Text spricht Barthes im übrigen von der Intertextualität als einer " zirkularen Erinnerung "3. Natürlich beschränkt sich der Wert der intertextuellen Zusammenhänge für den Text nicht auf diese mnestische Funktion; hinter der Dialektik des Selben und des Anderen öffnen sich noch weitere Spielräume:

Intertextualität, so Sophie Rabau, beschränkt sich nicht auf die simple Feststellung, das die Texte in Beziehung treten (Intertextualität) mit einem oder mehreren anderen Texten (Intertext). Sie lädt uns dazu ein, unsere Art des Verständnisses literarischer Texte zu überdenken und Literatur als einen Raum oder ein Netz zu betrachten, als eine Bibliothek, wenn man so will, in der jeder Text die anderen Texte verändert und diese im Gegenzug ihn4.

Der Text, sei er nun Literatur oder Krimi, ist also ein reagierendes Objekt, das nur als polychrome und plurireferenzielle Romantextur gelesen werden kann und darf.

Beim Kriminalroman (und hier wenden wir uns dem ersten Unterschied zwischen intertextueller Literatur und intertextuellem Kriminalroman zu) dient das intertextuelle Vorgehen häufig der Kenntlichmachung des Genres. Verweise des Autors, ob durch Zitate (explizite Intertexte) oder Anspielungen (implizite Intertexte), auf Ermittler, Texte oder berühmte Krimiklischees, zielen darauf ab, das Werk klar als Teil der Gattung Kriminalroman kenntlich zu machen. Der Empfänger, von dem erwartet wird, dass er die emblematischen Figuren der Gattung kennt, weiß sehr wohl, dass der vom Autor unterbreitete Lesevertrag im wesentlichen kriminalliterarischer Natur ist, weshalb er bei der Lektüre des Textes seine Vermutungen und Erwartungen nicht "unabhängig von den Erfahrungen [lesen wird] , die aus anderen Texten [der Kriminalliteratur] gewonnen wurden"5. Der Intertext reiht auf diese Weise den Text ein6. Er reiht ihn ein, und zugleich exponiert er ihn. Uri Eisenzweig bemerkt, dass das intertextuelle Spiel nie ohne Hintergedanken gespielt wird, denn " die Logik des kriminalliterarischen Lesevertrags verlangt, dass man das Gefühl hat, es existiere (tatsächlich oder möglicherweise) eine Textserie gleicher Art wie der Text, den man gerade liest, und dass zugleich jene Serie von diesem Text übertroffen wird "7.

Diese Logik des Übertreffens, die bei der literarischen Intertextualität übrigens nicht anzutreffen ist, bewahrt die Gattung vor Auszehrung und Erstarrung: Die Intertextualität ermöglicht der Kriminalliteratur Wandel, Entwicklung und stetes Auferstehen aus ihrer Asche.

Die intertextuelle Verknüpfung stellt zugleich einen der Hauptparameter des Leseprozesses dar. Intertextuelle Verweise tragen dazu bei, den Leser in eine Empfangsposition zu bringen, die ihm Sicherheit gibt und zugleich Überraschungen bereit hält: Sicherheit, weil, wie wir bereits angedeutet haben, alle kriminalliterarischen Texte apokrypher Natur sind, d. h. sie sind Palimpseste nicht nur eines Urmodells (Whodunit), sondern auch anderer Texte. Die Wiederholung, die Wiederverwendung und das Wiederkäuen des bereits Gesagten verschaffen, wie Jean-Claude Vareille betont, ein besonderes Vergnügen, ein Vergnügen, " das jener Neigung des Lebens entspringt, einer gewissen Laxheit oder Trägheit zu gehorchen, jenem Hang zur Rückkehr in seinen Urzustand, der jedem Wesen eigen ist. (...) Die Wiederholung nimmt uns die existenzielle Angst vor dem Auftauchen des Neuen, den Stress des negativen Denkens. Sie veranschaulicht das Gesetz des geringsten Aufwandes "8.

Überraschungen, weil der Überraschungseffekt durch die Abweichung ("Agrammatikalität"9) vom Urmodell oder von anderen Texten erzeugt wird und er folglich das ganze Werk zu einer spannenden Lektüre macht. So gesehen zeichnet sich ein origineller Autor dadurch aus, dass er erfolgreich den Vorhersagen und Erwartungen seines Lesers zuwider schreibt, dass er, wenn das Spiel mit dem Text zu Ende geht (und hier sagt uns Genette, dass " echtes Spiel immer auch ein Stück Perversion enthält"10), "einen völlig unerwarteten Zug gewagt hat, der noch von keiner Szenographie verzeichnet war, so daß er seiner Kühnheit und Neuheit wegen in die Geschichte eingegangen ist und der Leser das Vergnügen hat, daß seinen Vorhersagen widersprochen wird"11.

Die Gewitztheit des Krimiautors zeigt sich also in seiner Fähigkeit, der logischen Verkettung der Ereignisse und Indizien einen Handlungsausgang abzugewinnen, der den Erwartungen des Lesers nicht entspricht12. Der Mord an Roger Ackroyd von Agatha Christie ist in dieser Hinsicht ein sehr erhellendes Beispiel; was diesen Roman so gelungen macht, ist der Umstand, dass der Leser am Ende der Erzählung entdeckt, dass der Erzähler selbst der von der Polizei gesuchte Verbrecher ist. Halten wir zudem fest, dass Uri Eisenzweigs Theorie über le récit impossible (eine Theorie, die Christophe Gelly auf die Romane von Poe, Wilkie Collins, Charles Dickens und Conan Doyle anwendet13) unter anderem auf der Grundaussage beruht, der Rückgriff auf die intertextuelle Strategie ziele vor allem auf die Beseitigung der ewigen Inkongruenz von Ermittlungsbericht und Verbrechensgeschichte. Die dem Erzählprojekt Kriminalroman inhärente Enttäuschung (die zur Auflösung führenden Elemente sind immer extratextueller Natur) wird kompensiert durch das Vergnügen an der intertextuellen Lektüre. Wir können daher die intertextuelle Strategie in die "Kunstgriffe des Trostes "14 einreihen, die Eco in De Superman au surhomme erwähnt.

Im literarischen Roman (dem Roman-Roman, um den Ausdruck von Japrisot aufzugreifen), in dem die Erzählung einzig und allein der "Reihenfolge der Geschehnisse"15 folgt (die Kriminalerzählung hält sich an die "Reihenfolge der Enthüllungen"16), ist der Überraschungseffekt nicht die Hauptsache; der Text behauptet sich vor allem durch seinen Stil, durch sein Ethos . Ist ein Autor literarischer Romane originell, heißt das nichts anderes, als dass er einen abweichenden Stil hat.

Es ist jedoch anzumerken, dass die intertextuelle Aneignung älterer Texte im Kriminalroman keinesfalls, wie Eisenzweig meint, ein Akt der Geringschätzung ist. Anders gesagt ist das Prinzip der Gattungskonkurrenz (besser sein als die anderen) nicht der einzige Antrieb im intertextuellen Prozess, denn Anspielungen und Verweise auf andere können auch eine aufwertende Bedeutung haben. Im Paradies der Ungeheuer von Daniel Pennac beispielsweise werden bestimmte Intertexte, so Die gräßliche Bescherung in der Via Merulana , ausdrücklich positiv hervorgehoben:

(...) Monsieur Risson , spricht der Erzähler, (...) findet geschlossenen Auges, was ich suche: ein wieder aufgelegtes Taschenbuch des guten alten Gadda : DIE GRÄSSLICHE BESCHERUNG IN DER VIA MERULANA. Da ich im Augenblick nichts Besseres zu tun habe, vertiefe ich mich in die Wonnen der ersten Seite. Die ich auswendig kenne .

"(...): allgegenwärtig, allwissend in den dunklen Affären (...)"17 (S. 138)

Wie lässt sich diese Subversion der Codes und Gattungsriten erklären?

In ihrer Doktorarbeit, die den Titel "Parodie et transposi tion dans le roman policier contemporain. Exemples français et espagnols »18 ["Parodie und Transposition im zeitgenössischen Kriminalroman. Französische und spanische Beispiele »] trägt, vertritt Marion Girard Fran?ois die Meinung, dass die Aufwertung der textuellen Alterität es dem Autor nicht nur ermöglicht, sein Werk auf eine Ebene mit den von ihm zitierten Intertexten zu heben, sondern auch, diese Intertexte in Fährten umzuwandeln, d. h. in Glieder der langen Ereigniskette der Erzählung19. Soll die Übertragung des Intertextes gelingen und dieser nicht wie ein Fremdkörper im Textkorpus erscheinen, muss der Autor ihn natürlich seiner ursprünglichen Bedeutung berauben und ihn mit einer neuen Funktion innerhalb der Erzählung versehen20.

In Texten, die nicht kriminalliterarischer Natur sind, hat das intertextuelle Verfahren keine solche Fährtenfunktion. Fehlt ein Krimiplot, also ein Rätsel, wird die Umwandlung der Intertexte in Fährten so gut wie unmöglich. Die Wörter bleiben intransitiv - ein weiterer Unterschied zwischen Intertextualität in der Literatur und im Kriminalroman.

Es ist anzumerken, dass im intertextuell angelegten Kriminalroman die Fährtenfunktion, die den Text öffnet und ihn zu einem Sammelbecken für unzählige Bedeutungen und Interpretationen macht, untrennbar mit einer nicht minder wichtigen Funktion verbunden ist: der Spiegelfunktion. Indem es nämlich eine (teilweise)21 Spaltung zwischen Textuniversum und realem Universum bewirkt, führt das intertextuelle Verfahren unausweichlich zur Selbstreflexion des Leseaktes und des generativen Prozesses der Erzählung. Der Kriminalroman betrachtet sich also selbst und spiegelt uns sein eigenes Bild:

Das Bewusstsein, nichts als reine Fiktion zu sein, führt den Text zur Selbstreflexion, zur Spiegelung seiner selbst, indem er sich selbst verdoppelt und sich selbst denkt. Der Autor ist versucht durch eine kommentarische Schreibweise, die sich theatralisch in Frage stellt, auf sich selbst zurück kommt außerhalb jeglicher Referenz auf eine extralinguistische Realität22.

Intertextualität im Kriminalroman hat also unter anderem die Funktion, die Schreibweise des Textes von der Realität zu lösen und sie auf die reine Arbeit an der Form zu begrenzen (tatsächlich gilt dieser Aspekt für die klassische Detektivgeschichte und viel weniger für den Noir, in dem es mehr um die soziale Wirklichkeit als um Fragen der Ästhetik geht, auch wenn das eine das andere nicht ausschließt, wie bei Manchette). Das Buch ist zu einem Ort semischer Übersättigung geworden und konfrontiert so den Leser mit einer - zum Teil - geschlossenen Welt, in der die Lexeme lediglich noch auf sich selbst verweisen und das Wort nur vom Prozess seiner Vervielfachung spricht: " Im Blickpunkt von Literatur steht immer wieder Literatur."22

Intertextualität funktioniert also wie eine Brücke (eine Art "Stargate"), die den Leser Schritt für Schritt dem sternenübersäten Textuniversum näher bringt; dieses Potenzial des intertextuellen Verfahrens, den Akt des Schreibens zu "metatextualisieren" und das Werk somit in eine selbstreferenzielle Wortlogik einzupassen (Eco bezeichnet dies als "Logik der Bibliothek"), beweist, dass die intertextuelle Herangehensweise ein exzellentes Interpretationsmodell des Kriminalromans sein kann.

Zwei wichtige Anmerkungen zum intertextuellen Verfahren ganz allgemein dürfen nicht fehlen : Erstens gibt es keinen "Archi-Leser", einen Leser also, der zu einer perfekten intertextuellen Lektüre fähig wäre:

Da die Erinnerung jedes Einzelnen weder vollständig ist noch identisch mit der Erinnerung, die der Text in sich trägt, so Tiphaine Samoyault, öffnet die Lektüre sämtlicher intertextueller Erscheinungsformen - ihres Niederschlags im Text - unweigerlich der Subjektivität die Tür. Einzig Ireneo Funes, jene von Borges geschaffene Figur mit absolut lückenlosem Erinnerungsvermögen (...) wäre in der Lage, mit nur einem Blick alle Referenzen zu erfassen; doch würde er dadurch die Intertextualität ärmer machen, da ihre Bedeutung ja gerade in der Bandbreite ihrer Rezeption liegt, ein Phänomen, das es den Werken erlaubt, mehrere unterschiedliche Leben zu haben.23

So gesehen ist jede Lesart relativ. Sie ist nicht nur abhängig von einem umfassenden Wissen des Lesers, sondern auch von dessen Feinfühligkeit und Kooperationsfähigkeit.

Doch heute, angesichts des unaufhaltsamen Aufstiegs des E-Books und des fortschreitenden Übergangs vom A4-Format zum HTML-Format, ist eine intertextuelle Archi-Lektüre unserer Auffassung nach machbar geworden. Durch die Nutzung neuer hypertextueller Funktionen (Software zum Schreiben, Lesen, Verlegen und Archivieren, zur Dokumentenrecherche, für Teamarbeit, usw.)24 kann der Text in elektronischer Form aller Welt zugänglich gemacht werden; jeder Leser kann einfach per Mausklick Anmerkungen und eigene Kommentare einfügen. Die Lust an dieser «Orgie» wäre sicher intensiver als die (Lese-)Lust mit sich allein. Zudem erlaubt diese neue Auffassung vom literarischen Werk dem Leser, wirklich mit dem Text zu spielen.

Die Konstruktion eines "intertextuell" programmierten "Companion Office", das intertextuelle Anmerkungen und Vorschläge leisten kann, ist ebenfalls ein machbares Projekt.

Unsere zweite Anmerkung betrifft die Eröffnungsfunktion - oder sagen wir lieber die Funktion des Aufkeimens - des intertextuellen Kriminalromans. Denn jeder Krimitext trägt in sich die Saat und die Verheißungen anderer Texte. Anders gesagt wohnt jedem Text die Fähigkeit inne, seinerseits zum Intertext zu werden. Auf der Rückseite eines jeden Buches gibt es folglich ein verborgenes "Fortsetzung folgt", das jeder Autor in ein neues Schreibprojekt investieren kann.

Und so erweist sich das intertextuelle Arbeiten als eines der definierenden Grundelemente der Kriminalliteratur; wie Shelley seinen Doktor Frankenstein, erschafft der Krimiautor seinen Text ausgehend von Fragmenten und Übertragungen aus unterschiedlichen Textkörpern. Dieser Eingriff verhindert das Koagulieren der Bedeutung und fördert folgerichtig ihre Zirkulation. In diesem Sinn ist der Krimiautor bloß.

.derjenige, der Vorlagen plagiiert, parodiert, abkupfert, zusammenstellt und auseinander pflückt und auf diese Weise Bücher macht, die nicht nur niemandes Büchern ähneln, sondern auch den Eindruck vermitteln, die Vorlagen hätten sie kopiert und künftige Bücher wären gezwungen, ihnen zu gleichen.25

Der Kriminalroman wird so zu einem wahren Monster, das alles frisst, was ihm in den Weg kommt: die anderen Texte, den Autor, der keinen Einfluss mehr auf sein Geschöpf hat, und den Leser, der aus freien Stücken den Sprung in die Tiefen des fiktionalen Abgrunds wählt. Das erinnert an den Satz von Ricardou: " Literatur verschlingt alles ; sie ist jenes Monster, das die Sprache in dem Maße zerstört, in dem sie sie konsumiert ".26

 

Bibliographie

  • Roland BARTHES, Die Lust am Text, Suhrkamp, 1974, aus dem Französischen von Traugott König, frz. Originaltitel : Le Plaisir du texte, Du Seuil, 1973.
  • Ghislain BOURQUE, « La littérarisation », in La littérarité, collectif, Presses de l'Université Laval, 1991.
  • Roger CAILLOIS, Puissances du roman, Approches de l'imaginaire, Gallimard, 1966.
  • Umberto ECO, De Superman au surhomme, Grasset, 1993. Titel der ital. Originalfassung : Il superuomo di massa, Milano : Cooperativa Scrittori, 1976. Revised ed., Milano: Bompiani, 1978.
  • Umberto ECO, Lector in fabula, dtv, München, 1990, aus dem Italienischen von Heinz G. Held.
  • Uri EISENZWEIG, Le Récit impossible, Forme et sens du roman policier, Christian Bourgois, 1986.
  • Uri EISENZWEIG, « un Concept plein d'intérêts », in Texte, n° 2, (l'intertextualité  : intertexte, autotexte, intratexte), Toronto, Trintexte, 1983.
  • Franck EVRARD, Lire le roman policier, DUNOD, Paris, 1996.
  • Nathalie FERRAND, Banques de données et hypertextes pour l'étude du roman, Coll « Ecritures électroniques », PUF, 1997.
  • Christophe GELLY, Le récit policier anglophone, genèse d'une poétique, Thèse de doctorat, soutenue à l'université Lyon 2, 1999 (Thèse électronique).
  • Marion GIRARD FRANCOIS, Parodie et transposition dans le roman policier contemporain, Thèse de doctorat soutenue à l'Université Lyon 2, 2000 (Thèse électronique).
  • Gérard GENETTE, Palimpseste, Edition suhrkamp, Frankfurt, 1993, aus dem Französischen von Wolfram Bayer und Dieter Hornig.
  • Laurent JENNY, « La Stratégie de la forme », in Poétique, n° 27, 1976.
  • Sophie RABAU, L'intertextualité, Flammarion, 2002.
  • J. RICARDOU, Problèmes du Nouveau Roman, coll « Poétique », Seuil, Paris, 1978.
  • Paul RICOUR, Du texte à l'action, L'herméneutique II, coll « Esprit », Seuil.
  • M. SCHNEIDER, Voleurs de mots, Essai sur le plagiat, la psychanalyse et la pensée, Coll « Connaissance de l'inconscient », Gallimard, 1985.
  • J.C. VAREILLE , L'homme masqué, le justicier et le détective, Presses universitaires de Lyon, 1998.

 

Notes

1 Für Eisenzweig (Le Récit impossible, Forme et sens du roman policier [Die unmögliche Erzählung. Form und Bedeutung des Kriminalromans], Christian Bourgois, 1986, S. 153f.) "ist transtextuelles Handeln in der gesamten literarischen Produktion präsent. In gewisser Hinsicht kann man darin sogar ein wesentliches Phänomen jedes Text-Seins überhaupt sehen." Rückseite
2 Ghislain Bourque, « La littérarisation », in La littérarité , collectif, Presses de l'Université Laval, 1991, p. 32. Rückseite
3 Roland Barthes, Die Lust am Text , Bibliothek Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1974, aus dem Französischen von Traugott König, S. 53; Titel der frz. Originalfassung: Le Plaisir du texte , Seuil, 1973. Rückseite
4 In: L'Intertextualité (textes choisis par Sophie Rabau), Flammarion, 2002, S. 15. Rückseite
5 Umberto Eco, Lector in fabula , dtv, München 1990, S. 101. Rückseite
6 Franck Evrard, Lire le roman policier , DUNOD, Paris, 1996, p. 85 :  "Zahlreiche intertextuelle Verweise auf legendäre Ermittler (Ödipus, Dupin, Sherlock Holmes, Hercule Poirot, usw.) und ihre Methoden schmücken die Kriminaltexte, als stünde bereits am Anfang jedes Kriminalromans ein Rätsel geschrieben." Rückseite
7 In Le Récit impossible , op. cit., S. 171. Rückseite
8 L'homme masqué, le justicier et le détective, Presses universitaires de Lyon, 1998, S. 87. Rückseite
9 Uri Eisenzweig, « un Concept plein d'intérêts », in : Texte , n°2 ( l'intertextualité : intertexte, autotexte, intratexte ), Toronto, Trintexte, 1983, S. 166. Rückseite
10 Palimpsestes , coll. "Poétique", Seuil, 1982, S. 452. Rückseite
11 Eco, op. cit., S. 148. Rückseite
12 Uri Eisenzweig, Le Récit impossible , op. cit., S. 170f. :  "Denn zu den Leitlinien des Lesevertrags für Kriminalromane gehört die Hauptaufgabe des Schriftstellers: Er muss überraschen . Überraschen, das heißt die Hypothesen des Lesers Lügen strafen. Das heißt auch und vor allem, eine originelle und einzigartige erzählerische Lösung für ein altes und immer wiederkehrendes Problem finden (...) Der Lesevertrag für den Kriminalroman kann folglich nur in einem intertextuellen Rahmen erfüllt werden, denn Überraschungen geschehen nur vor dem Hintergrund eines fest etablierten Erwartungshorizonts." (Hervorhebung von U. Eisenzweig). Rückseite
13 Vgl. Le Récit policier anglophone, genèse d'une poétique [Die englischsprachige Kriminalerzählung. Genese einer Poetik], Thèse de doctorat, soutenue à l'université Lyon 2, 1999 (Dissertation im Internet). Rückseite
14 Grasset, 1993, S. 19. Rückseite
15 Roger Caillois, Puissances du roman, Approches de l'imaginaire , Gallimard, 1966, S. 179. Rückseite
16 Ebd. Rückseite
17 Daniel Pennac, Paradies der Ungeheuer , Kiepenheuer&Witsch, Köln, 2001, aus dem Französischen von Eveline Passet; Titel der frz. Originalausgabe: Au bonheur des ogres, Folio, Gallimard, 1985. Hervorhebungen vom Autor. Rückseite
18 Dissertation im Internet. Rückseite
19 Ebd.: "Das explizite Einbeziehen eines intertextuellen Verweises bedeutet eine Hommage an diesen und eine Selbsteinordnung in einen glanzvollen Zusammenhang, während man zugleich eine näher liegende, logischere, leichter einzubauende Referenz weit von sich weist. Es bedeutete aber auch die Vernichtung des Verweises, indem man ihm eine Interpretation auferlegt, indem man ihn in den Dienst seines eigenen Werkes stellt, indem das Einbeziehen auf die Gefahr hin geschieht, ihn seiner ursprünglichen Bedeutung zu berauben." Rückseite
20 Laurent Jenny, «  La Stratégie de la forme  », in : Poétique , n° 27, 1976, S. 267 : « [.] Der « zitierte » Text muss es zulassen, in gewisser Weise auf seine Transitivität zu verzichten: Er spricht nicht mehr, er wird gesprochen. Er bezeichnet nicht mehr, er impliziert. Er hat für sich genommen keine Bedeutung mehr, er gerät zum Material wie im bricolage mythique , wo vorgefundene Inhalte gesammelt und dann in anderen Zusammenhängen neu an- und damit untergeordnet werden." [zum bricolage mythique vgl. Claude Lévi-Strauss] Rückseite
21 Denn in jedem fiktionalen Werk - selbst in Science Fiction - steckt immer ein Stück Realität : « Hätte die Welt des Textes keinen zuzuordnenden Bezug zur realen Welt , so Paul Ricour, wäre Sprache nicht "gefährlich" im Sinne Hölderlins, der dies bereits vor Nietzsche und Walter Benjamin erklärte [...] So wenig die narrative Fiktion der Referenz entbehrt, so wenig entbehrt die der Geschichte eigene Referenz der Verwandtschaft mit der "produktiven" Referenz der fiktiven Erzählung." (Du texte à l'action, L'herméneutique II, coll. "Esprit", Seuil, S. 86 ). In Palimpseste (.) hat Genette eine ähnliche Bemerkung gemacht: " Ich höre wohl - andernfalls müßte man taub sein - den Einwand, den diese selbst teilweise Apologie der Literatur aus Literatur unweigerlich auslösen wird: diese Literatur der "Belesenheit", die sich auf andere Bücher stützt, wäre das Instrument oder der Ort eines Kontaktverlustes mit der "wahren" Wirklichkeit, die nicht in den Büchern zu Hause ist. Die Antwort ist einfach: Wir haben bereits die Probe darauf gemacht, daß eins das andere nicht verhindert, und Andromache und Doktor Faustus sind nicht wirklichkeitsferner als die Verlorenen Illusionen oder Madame Bovary." Rückseite
22 Lire le roman policier, op. cit ., S. 87. Rückseite
23 Jean-Claude Vareille, op. cit ., S. 100. Rückseite
24 Op. cit ., S. 69. Rückseite
25 Vgl. Banques de données et hypertextes pour l'étude du roman [Datenbanken und Hypertexte zur Untersuchung des Romans] , sous la direction de Nathalie Ferrand, coll. « Ecritures électroniques », PUF, 1997. Rückseite
26 M. Schneider, Voleurs de mots. Essai sur le plagiat, la psychanalyse et la pensée [Wortdiebe. Essai über das Plagiat, die Psychoanalyse und das Denken], coll. « Connaissance de l'inconscient », Gallimard, 1985, S. 72. Rückseite
27 Problèmes du Nouveau Roman , coll. « Poétique », Seuil, Paris, 1978, « S. 128. Rückseite

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