krimis in Europa
n°6 August-September-Oktober 2006

 

 

Gespräch mit Dominique Sylvain

• Juni 2006

Sophie Colpaert
Übersetzung: Katrin Schielke

 

Sophie Colpaert: Wie sind Sie auf dieses Kiezrestaurant gekommen, das einen so wichtigen Platz in den Romanen einnimmt?

Dominique Sylvain: Ich habe einige Zeit neben dem Passage Brady gewohnt, vor langer Zeit. Das ist eine Passage voller Düfte, denn man riecht die Gewürze schon lange, bevor man überhaupt da ist. Diese exotische Sensualität von Paris ist mir im Gedächtnis geblieben. Als ich Lust bekam, eine lebenslustige Heldin wie Lola Jost in Szene zu setzen, habe ich dann ganz spontan an dieses Viertel des 10. Arrondissement gedacht, das sehr volkstümlich und gleichzeitig sehr exotisch ist, da dort verschiedene Kulturen aufeinander treffen. Ich habe Les belles de jour comme de nuit vollständig erfunden. Ich denke, die Tatsache, dass ist eine Französin bin, die seit einiger Zeit in Asien lebt, hat da auch mitgespielt. Das ist bestimmt eine Übertragung.

S.C.: Lola Jost genießt die Küche von Maxime Duchamp, "ihre Kantine", aber man sieht sie nie kochen. Paradox oder nicht?

D.S.: Lola ist aus dem Alter raus, wo man sich zu viele Umstände macht. Wie sie so oft sagt, hat sie genug getan. Öfter als notwendig war. Seitdem sie bei der Polizei gekündigt hat, lässt sie sich leben. Oft genug kriegt sie Depressionen und verkriecht sich dann in ihrem Unterschlupf in der Rue de l'Echiquier. Ihre Ausflüge ins Belles und das Wiedersehen des Chefs und Kochs Maxime Duchamp, einer ihrer besten Freunde, sind sehr wichtig für sie. Es geht dabei um die Freude am guten Essen, aber auch um menschlichen Kontakt. Lola die Bärin kommt aus ihrer Höhle und befindet sich dann wieder im wirklichen Leben, mit wirklichen Menschen. Übrigens trifft sie auch in diesem Restaurant Ingrid zum ersten Mal. Das ist kein Zufall.

S.C.: Am Tisch von Lady Mba entdeckt Lola Jost mit großer Freude eine andere Küche als die französische. Werden Sie sie weiter via das Essen reisen lassen?

D.S.: Das weiß ich noch nicht. Das nächste Abnteuer spielt teilweise in New Orleans. Vielleicht wird sie sich dann mal an einem Jambalaya erfreuen.Aber es ist schwer sie zufrieden zu stellen, denn man muss zugeben, dass sie sehr frankreichbezogen ist. Ingrid dient dazu, ihren Horizont zu erweitern, und nicht nur den gastronomischen.

S.C.: Bis jetzt haben Sie über Ermittler geschrieben, die mit Essen nicht viel am Hut hatten. Der Kommissar Clémenti lebte von Müsliriegeln, Louise Morvan aß, was ihr unterkam. Was Alex Bruce und Martine Lewine anging, so ernährten die sich noch weniger als die zwei anderen. Wie kam es zu dieser Wende?

D.S.: Mit dieser neuen Serie mit Ingrid und Lola wollte ich sympathischere Figuren. Geerdete. Die Ernährung drückt das am besten aus. Und ich habe auch mehr von mir selbst in diese zwei Figuren gelegt. Und ich gebe zu, dass ich sehr gerne esse. Für mich ist ein Essen eine Reise. Meine anderen Figuren waren eher am Sex interessiert. Ein schwieriges Thema, vor allem in einem Krimi. Aber ich begebe mich dort auch wieder hin. Im nächsten wird Ingrid ziemlich heiße Abenteuer erleben. All das wegen des Frühlings und eines unwiderstehlichen Bullen. Und Lola ist immer noch genauso hungrig und durstig.

S.C.: Gibt es Übersetzungspläne?

D.S.: Die Serie gibt es auf deutsch, niederländisch, finnisch, russisch und japanisch. Gerade hab ich übrigens meinen japanischen Übersetzer getroffen und er hat mich umgehauen. Er ist so phantastisch gründlich.

S.C.: Haben Sie da ein Feed-Back, wie die Serie in diesen Ländern aufgenommen wird, von nichtfranzösischen Lesern?

D.S.: Noch nicht. Die Übersetzungen in Deutschland (List Verlag) und den Niederlanden (De Geus) laufen gerade. Passage du Désir und La Fille du Samourai werden wahrscheinlich Ende 2006 in Japan erscheinen (Shogakukan). Was die Romane angeht, die schon ins Finnische (Like) und Russsische (Inostranka) übersetzt wurden, so hab ich da nichts gehört, außer dass die beiden Verleger an mir dran bleiben. Aber dadurch, dass ich in Japan lebe, bin ich von den Infos ziemlich abgeschnitten.

S.C.: Und das Kino?

D.S.: Ein Produzent möchte Passage du Désir kaufen. Wir verhandeln gerade. Was mich stört, ist dass ich selten so über französische Komödien wie über englische z.B. gelacht habe. Oder bestimmte anspruchsvolle amerikanische. In Frankreich gibt es entweder den groben Humor, der einen fertig macht, oder den intellektuellen Humor, der das gleiche bewirkt. Aber dazwischen, gar nix. Das stört mich. Belle-Maman mit Deneuve und Lindon hat mir gut gefallen, und Les grands Ducs mit Marielle (klasse) und Rochefort. Diese Filme fand ich toll, aber anscheinend sind sie nicht so gut gelaufen. Ich gebe zu, dass ich mit Les Bronzes nichts anfangen kann.

 

. Und jetzt auch in die Rubrik Lektüren dieser 6. Ausgabe von Europolar schauen, dort finden Sie eine Kritik von Manta corridor, ihrem letzten Roman.

 

Der Jambalaya ist ein typisches Gericht aus dem Süden der Vereinigten Staaten, eine Art Bouillabaisse/Paella, mit Wurst, Schinken, Cayennegewürz, Paprika, Krabben, Austern, usw.

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