Sophie
Colpaert: Wie sind Sie auf dieses
Kiezrestaurant gekommen, das einen so wichtigen Platz in den
Romanen einnimmt?
Dominique
Sylvain: Ich habe einige Zeit
neben dem Passage Brady gewohnt, vor langer Zeit. Das ist eine
Passage voller Düfte, denn man riecht die
Gewürze schon lange, bevor man überhaupt da ist. Diese
exotische Sensualität von Paris ist mir im Gedächtnis geblieben.
Als ich Lust bekam, eine lebenslustige Heldin wie Lola Jost in Szene
zu setzen, habe ich dann ganz spontan an dieses Viertel des 10. Arrondissement
gedacht, das sehr volkstümlich und gleichzeitig sehr exotisch
ist, da dort verschiedene Kulturen aufeinander treffen. Ich habe Les
belles de jour comme de nuit vollständig erfunden. Ich
denke, die Tatsache, dass ist eine Französin bin, die seit einiger
Zeit in Asien lebt, hat da auch mitgespielt. Das ist bestimmt eine Übertragung.
S.C.: Lola
Jost genießt die Küche von Maxime Duchamp, "ihre
Kantine", aber man sieht sie nie kochen. Paradox oder nicht?
D.S.: Lola
ist aus dem Alter raus, wo man sich zu viele Umstände
macht. Wie sie so oft sagt, hat sie genug getan. Öfter als notwendig
war. Seitdem sie bei der Polizei gekündigt hat, lässt sie
sich leben. Oft genug kriegt sie Depressionen und verkriecht sich
dann in ihrem Unterschlupf in der Rue de l'Echiquier. Ihre Ausflüge
ins Belles und das Wiedersehen des Chefs und Kochs Maxime
Duchamp, einer ihrer besten Freunde, sind sehr wichtig für sie.
Es geht dabei um die Freude am guten Essen, aber auch um menschlichen
Kontakt. Lola die Bärin kommt aus ihrer Höhle und befindet
sich dann wieder im wirklichen Leben, mit wirklichen Menschen. Übrigens
trifft sie auch in diesem Restaurant Ingrid zum ersten Mal. Das ist
kein Zufall.
S.C.: Am
Tisch von Lady Mba entdeckt Lola Jost mit großer Freude
eine andere Küche als die französische. Werden Sie
sie weiter via das Essen reisen lassen?
D.S.: Das weiß ich noch nicht.
Das nächste Abnteuer spielt
teilweise in New Orleans. Vielleicht wird sie sich dann mal an einem
Jambalaya erfreuen.Aber es ist schwer sie zufrieden zu stellen,
denn man muss zugeben, dass sie sehr frankreichbezogen ist. Ingrid
dient dazu, ihren Horizont zu erweitern, und nicht nur den gastronomischen.
S.C.: Bis
jetzt haben Sie über Ermittler geschrieben, die mit
Essen nicht viel am Hut hatten. Der Kommissar Clémenti
lebte von Müsliriegeln, Louise Morvan aß, was ihr
unterkam. Was Alex Bruce und Martine Lewine anging, so ernährten
die sich noch weniger als die zwei anderen. Wie kam es zu dieser
Wende?
D.S.: Mit dieser neuen Serie
mit Ingrid und Lola wollte ich sympathischere Figuren. Geerdete.
Die Ernährung drückt das am besten aus.
Und ich habe auch mehr von mir selbst in diese zwei Figuren gelegt.
Und ich gebe zu, dass ich sehr gerne esse. Für mich ist ein
Essen eine Reise. Meine anderen Figuren waren eher am Sex interessiert.
Ein schwieriges Thema, vor allem in einem Krimi. Aber ich begebe
mich dort auch wieder hin. Im nächsten wird Ingrid ziemlich
heiße Abenteuer erleben. All das wegen des Frühlings und
eines unwiderstehlichen Bullen. Und Lola ist immer noch genauso hungrig
und durstig.
S.C.: Gibt
es Übersetzungspläne?
D.S.: Die Serie gibt es auf
deutsch, niederländisch, finnisch, russisch
und japanisch. Gerade hab ich übrigens meinen japanischen Übersetzer
getroffen und er hat mich umgehauen. Er ist so phantastisch gründlich.
S.C.: Haben
Sie da ein Feed-Back, wie die Serie in diesen Ländern
aufgenommen wird, von nichtfranzösischen Lesern?
D.S.: Noch nicht. Die Übersetzungen
in Deutschland (List Verlag) und den Niederlanden (De Geus) laufen
gerade. Passage du Désir und
La Fille du Samourai werden wahrscheinlich Ende 2006 in
Japan erscheinen (Shogakukan). Was die Romane angeht, die schon ins
Finnische (Like) und Russsische (Inostranka) übersetzt wurden,
so hab ich da nichts gehört, außer dass die beiden Verleger
an mir dran bleiben. Aber dadurch, dass ich in Japan lebe, bin ich
von den Infos ziemlich abgeschnitten.
S.C.: Und
das Kino?
D.S.: Ein Produzent möchte Passage
du Désir kaufen.
Wir verhandeln gerade. Was mich stört, ist dass ich selten so über
französische Komödien wie über englische z.B. gelacht
habe. Oder bestimmte anspruchsvolle amerikanische. In Frankreich
gibt es entweder den groben Humor, der einen fertig macht, oder den
intellektuellen Humor, der das gleiche bewirkt. Aber dazwischen,
gar nix. Das stört mich. Belle-Maman mit Deneuve und
Lindon hat mir gut gefallen, und Les grands Ducs mit Marielle
(klasse) und Rochefort. Diese Filme fand ich toll, aber anscheinend
sind sie nicht so gut gelaufen. Ich gebe zu, dass ich mit Les
Bronzes nichts anfangen kann.

. Und jetzt auch in die Rubrik
Lektüren
dieser 6. Ausgabe von Europolar schauen, dort finden Sie eine Kritik
von Manta corridor,
ihrem letzten Roman.
Der
Jambalaya ist ein typisches Gericht aus dem Süden der
Vereinigten Staaten, eine Art Bouillabaisse/Paella, mit Wurst, Schinken,
Cayennegewürz, Paprika, Krabben, Austern, usw.