krimis in Europa
n°6 August-September-Oktober 2006

 

 

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Ein unschuldig zu "lebenslänglich"
Verurteilter schreibt über sein Exil.

Ma Cavale (Meine Flucht)
Cesare Battisti

Grasset/Rivages • 2006 374 Seiten

Claude Mesplède
Übersetzung: Elfriede Müller

 

Das Erscheinen von Ma cavale (Meine Flucht) liefert neue Informationen über eine Angelegenheit, die die französischen Zeitungskolumnen seit zwei Jahren beschäftigt. Wo befindet sich der Schriftsteller Cesare Battisti? In Italien ohne Beweise zu "lebenslänglich" verurteilt, ist er auf der Flucht, seit die französische Justiz beschlossen hat, ihn auszuweisen. Ohne die Zusage des französischen Präsidenten von 1985 einzuhalten, der denjenigen italienischen Aktivisten Asyl und Schutz anbot, die bereit waren, mit dem bewaffneten Kampf zu brechen. Dieser "beunruhigende, erschreckende, aber auch leidenschaftliche Bericht", schreibt Bernard-Henri Lévy in seinem Vorwort, ist der Bericht eines flüchtigen Mannes, der behaupte, die Verbrechen nicht begangen zu haben, deren er beschuldigt werde.

Im ersten Teil erzählt Battisti seine Kindheit im Zeichen des Schnauzbartträgers (Stalin), seine Revolte, die Tausende von Italienern mit einschloss, die sich gegen ein heruntergekommenes System wandten, seinen Eintritt in den bewaffneten Kampf im Rahmen der PAC (Bewaffnete Proletarier für den Kommunismus), einer Gruppe, die er verließ, als der Tod von Aldo Moro bekannt wurde. "Ich habe niemals getötet", schreibt er. "Ich bin schuldig (...), bei einer bewaffneten Gruppe mit subversivem Ziel mitgemacht und Waffen getragen zu haben. Ich habe niemals auf jemanden gezielt." Er beschreibt ausführlich seine Begegnung mit Pietro Mutti, einem Ehemaligen, der ihn für vier Verbrechen verantwortlich macht, ohne dafür Beweise zu liefern. Der Kronzeuge profitierte im Gegenzug von der Milde der italienischen Richter, die über seine Person schrieben: "Dieser Ehemalige ist an Zauberkunststücke gewöhnt."

Battisti schreibt über sein Leben in Frankreich während der langen Jahre des Exils, über seine Kinder, seine Liebe zu Paris, seinen Schriftstellerberuf, seine Krimifreunde. Dann von seiner Verhaftung, dem Gefängnis, dem Warten und der Flucht.

Der Anfang der Autobiographie ist in der ersten Person geschrieben, wohingegen er eine Distanz schafft, um auf emotionale Weise von seinem Exil zu erzählen, und er das "ich" aufgibt und in der dritten Person fortfährt, um die Züge einer Person namens Auguste anzunehmen. Es ist das erste Mal, dass er auf Französisch schreibt, so als wollte er seine Zuneigung zu dem Land ausdrücken, das ihn aufnahm, selbst wenn es ihn verraten hat. Sein künstlerisches Gespür und sein Esprit illustrieren diesen schizophrenen Bericht, in dem sich die Angst, der Schmerz, die Gewissensbisse in einem einzigen Begehren mischen: um jeden Preis zu leben. In ihrer Einleitung fasst Fred Vargas zusammen: "Die Wahrheit, so schrieb Cesare letztes Jahr, ist transparent wie ein Wassertropfen an einem Faden, der herunterfallen möchte. Eines Tages wird sie fallen."

Vorwort von Bernard-Henri Lévy. Einleitung von Fred Vargas.

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