Clément
Duprest, der Held des neuen Romans von Didier Daeninckx, erinnert
an Hannah Arendts Beschreibung der Täter des Nationalsozialismus
in ihrem Werk Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht
von der Banalität
des Bösen (München 1964). So gut sich Duprest
in eine historische Abhandlung einfügen mag, so wenig taugt
er zu einer Romanfigur. Seine exemplarische Karriere als Beamter
des Polizeiapparats, Kommunisten- und Judenverfolger, die er unter
dem Vichy-Régime beginnt, in der Republik fortsetzt und 1981
aus Altersgründen beendet, ist eine Tour de Force durch die
Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie sie bisher nur Jean-Patrick
Manchette in Die Blutprinzessin (La
princesse du sang, Paris
1996) wagte.
Duprest bleibt blutleer und affektfrei,
bis auf eine Ausnahme: als er das Geburtstagsgeschenk seines Sohnes,
eine Jeans der Firma Levi-Strauss, wegschmeißt, den Sohn anbrüllt und seine Frau schlägt,
weil sie die Hose gekauft hatte. Sonst führt er ein kleinbürgerliches,
langweiliges Leben in einer abgestumpften Ehe und geht emotionslos
seiner Verfolgungstätigkeit nach. Die Welt um ihn herum ändert
sich, aber Duprest bleibt immer derselbe. Im Gegensatz zu den anderen
Romanen von Daeninckx erfahren die Leser nichts, was nicht auch in
der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung dargestellt wäre.
Der Roman schildert bekannte Fakten, auch wenn er an Bei Erinnerung
Mord (Meurtre pour mémoire, 1984) anknüpft, wo Daeninckx
das Massaker an Hunderten von Algeriern am 17. Oktober 1961 zum ersten
Mal beschrieben und den dafür Hauptverantwortlichen, den Kollaborateur
und Mitterrand-Freund Maurice Papon, entlarvt hat.
Am stärksten sind die Textstellen, die von der Zeit des Algerienkriegs
und der Entkolonialisierung erzählen. Vor allem wo Daeninckx
die Musikclubs der Orientalszene beschreibt, die Duprest ausspioniert:
"Ein Mann mit fiebrigen Augen trat aus
den Kulissen der Restaurantküche
hervor, um sich mitten ins Orchester gleiten zu lassen. (.) Die Stimmung
war auf ihrem Höhepunkt und der Kommissar erkannte die für
die Sicherheit des Künstlers zuständigen vier Algerier
auf einen Blick an ihren ausgebeulten Taschen. Auch wenn er den Eindruck
hatte, ständig dieselben endlosen Melodien zu hören, die
seit Beginn des Abends gespielt wurden, spürte er an der Publikumsreaktion,
dass die Persönlichkeit des Sängers ihnen eine unvergleichliche
Ausdrucksstärke verlieh. Eine Art orientalische Marseillaise. Sie
handelten von Wache stehenden Kämpfern, von Widerstand und Erinnerung,
vom Sieg über das Joch der Franzosen, hier, mitten in Paris,
zwei Schritte von der Säule der Bastille entfernt. ("Un
homme aux yeux enfiévrés venait de sortir des coulisses
dans la cuisine du restaurant pour se glisser au centre de l'orchestre.
(.) L'émotion était à son comble, et le commissaire
repéra aussitôt, à leurs poches gonflées,
les quatre Algériens chargés de veiller sur la sécurité de
la vedette. S'il avait l'impression d'entendre les mêmes mélodies
sans fin que celles qui se succédaient depuis le début
de la soirée, il sentait bien aux réactions du public
que la personnalité de l'interprête leur donnait une
incomparable gravité. Une sorte de Marsellaise à la
sauce orientale. Il y était question de combattants montant
la garde, de résistance de de mémoire, de la victoire
sur le joug des Français, là, en plein Paris, à deux
pas de la colonne de la Bastille." (S. 253f.) Bei
dem Künstler handelt es sich um Farid Ali, 1919 in Algerien
geboren, der zur Künstlergruppe der FLN gehörte, nachdem
er im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte.
Amüsant lesen sich die Verweise auf bekannte Persönlichkeiten
aus dem Kulturleben Frankreichs und die Beschreibung, wie Duprest
sie überwacht. So schildert er den Werdegang Yves Montands,
von seinen ersten Auftritten bis zu seiner Heirat mit Simone Signoret,
und auch wie er die Kommunistische Partei unterstützte. Auf
diese Weise schafft Daeninckx eine weitere Kontinuität durch
einen Protagonisten, die seinem Plot gut tut.
Daeninckx beschreibt präzise die historische Chronologie Frankreichs
seit 1942, hetzt aber von Ereignis, zu Ereignis und bleibt so oft
auf der Oberfläche haften. Keinen Platz in der Chronologie haben
mögliche Plots wie die Geschichte der Photoautomaten, die unter
dem Vichyregime mit der Verfolgung von Juden und Kommunisten einen
Aufschwung erlebten, oder die Widersprüche innerhalb der algerischen
Befreiungsbewegung oder der antikolonialistischen Bewegungen überhaupt.
Die Verfolgung der Juden im besetzten
Paris schildert Patrick Rotman in seinem Roman über die jüdische
Einheit des kommunistischen Widerstandes, die FTP-MOI, L'âme
au poing (Paris 2004),
weitaus genauer. Auch er beschreibt einen Polizisten, der, als der
Kalte Krieg ausbricht, auf seine Karteikarten aus der Vichyzeit zurückgreift
und zudem noch das Kreuz der Ehrenlegion für seine Beteiligung
an der Résistance erhält. Die Atmosphäre in den
letzten Tagen des besetzen Paris in einem Kriminalroman zu beschreiben,
gelang noch niemand besser als Dominique Manotti in Le
corps noir (Paris 2004), worin sie die Aktivität der französischen
Gestapo schildert. Auch über den Algerienkrieg hat Daeninckx
schon aufregender geschrieben, und der bei Babel Noir in diesem Jahr
erschienene und in dieser Europolar-Ausgabe rezensierte Roman Alger
la Noire von Maurice
Attia vermittelt uns das Klima in einem von der OAS terrorisierten
Land anschaulicher als Daeninckx' Überflug. Dadurch, dass Daeninckx
so viele Ereignisse beschreiben will, beschreibt er letztendlich
fast gar keins.
Ganz auf die Persönlichkeit seines negativen Helden fixiert, erlaubt
er diesem keine Entwicklung. Auch den Veränderungen in der französischen
Gesellschaft können historisch nicht bewanderte Leser im Roman
kaum folgen. Aber immerhin gelingt es Daeninckx, bestechend schaurig
zu schildern, wie Duprest unbehelligt an seiner Karriere strickt, indem
er detailversessen Karteikarten anfertigt und verwaltet, in denen sich
seine Überwachungstätigkeit niederschlägt, gleichgültig
wer in Frankreich gerade herrscht.