krimis in Europa
n°6 August-September-Oktober 2006

 

 

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Der affektfreie Täter

Itinéraire d'un salaud ordinaire
(Werdegang eines gewöhnlichen Arschlochs)

Didier Daeninckx

Gallimard • Paris 2006 13 Seiten

Elfriede Müller

 

Clément Duprest, der Held des neuen Romans von Didier Daeninckx, erinnert an Hannah Arendts Beschreibung der Täter des Nationalsozialismus in ihrem Werk Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen (München 1964). So gut sich Duprest in eine historische Abhandlung einfügen mag, so wenig taugt er zu einer Romanfigur. Seine exemplarische Karriere als Beamter des Polizeiapparats, Kommunisten- und Judenverfolger, die er unter dem Vichy-Régime beginnt, in der Republik fortsetzt und 1981 aus Altersgründen beendet, ist eine Tour de Force durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie sie bisher nur Jean-Patrick Manchette in Die Blutprinzessin (La princesse du sang, Paris 1996) wagte.

Duprest bleibt blutleer und affektfrei, bis auf eine Ausnahme: als er das Geburtstagsgeschenk seines Sohnes, eine Jeans der Firma Levi-Strauss, wegschmeißt, den Sohn anbrüllt und seine Frau schlägt, weil sie die Hose gekauft hatte. Sonst führt er ein kleinbürgerliches, langweiliges Leben in einer abgestumpften Ehe und geht emotionslos seiner Verfolgungstätigkeit nach. Die Welt um ihn herum ändert sich, aber Duprest bleibt immer derselbe. Im Gegensatz zu den anderen Romanen von Daeninckx erfahren die Leser nichts, was nicht auch in der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung dargestellt wäre. Der Roman schildert bekannte Fakten, auch wenn er an Bei Erinnerung Mord (Meurtre pour mémoire, 1984) anknüpft, wo Daeninckx das Massaker an Hunderten von Algeriern am 17. Oktober 1961 zum ersten Mal beschrieben und den dafür Hauptverantwortlichen, den Kollaborateur und Mitterrand-Freund Maurice Papon, entlarvt hat.

Am stärksten sind die Textstellen, die von der Zeit des Algerienkriegs und der Entkolonialisierung erzählen. Vor allem wo Daeninckx die Musikclubs der Orientalszene beschreibt, die Duprest ausspioniert:

"Ein Mann mit fiebrigen Augen trat aus den Kulissen der Restaurantküche hervor, um sich mitten ins Orchester gleiten zu lassen. (.) Die Stimmung war auf ihrem Höhepunkt und der Kommissar erkannte die für die Sicherheit des Künstlers zuständigen vier Algerier auf einen Blick an ihren ausgebeulten Taschen. Auch wenn er den Eindruck hatte, ständig dieselben endlosen Melodien zu hören, die seit Beginn des Abends gespielt wurden, spürte er an der Publikumsreaktion, dass die Persönlichkeit des Sängers ihnen eine unvergleichliche Ausdrucksstärke verlieh. Eine Art orientalische Marseillaise. Sie handelten von Wache stehenden Kämpfern, von Widerstand und Erinnerung, vom Sieg über das Joch der Franzosen, hier, mitten in Paris, zwei Schritte von der Säule der Bastille entfernt. ("Un homme aux yeux enfiévrés venait de sortir des coulisses dans la cuisine du restaurant pour se glisser au centre de l'orchestre. (.) L'émotion était à son comble, et le commissaire repéra aussitôt, à leurs poches gonflées, les quatre Algériens chargés de veiller sur la sécurité de la vedette. S'il avait l'impression d'entendre les mêmes mélodies sans fin que celles qui se succédaient depuis le début de la soirée, il sentait bien aux réactions du public que la personnalité de l'interprête leur donnait une incomparable gravité. Une sorte de Marsellaise à la sauce orientale. Il y était question de combattants montant la garde, de résistance de de mémoire, de la victoire sur le joug des Français, là, en plein Paris, à deux pas de la colonne de la Bastille." (S. 253f.) Bei dem Künstler handelt es sich um Farid Ali, 1919 in Algerien geboren, der zur Künstlergruppe der FLN gehörte, nachdem er im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte.

Amüsant lesen sich die Verweise auf bekannte Persönlichkeiten aus dem Kulturleben Frankreichs und die Beschreibung, wie Duprest sie überwacht. So schildert er den Werdegang Yves Montands, von seinen ersten Auftritten bis zu seiner Heirat mit Simone Signoret, und auch wie er die Kommunistische Partei unterstützte. Auf diese Weise schafft Daeninckx eine weitere Kontinuität durch einen Protagonisten, die seinem Plot gut tut.

Daeninckx beschreibt präzise die historische Chronologie Frankreichs seit 1942, hetzt aber von Ereignis, zu Ereignis und bleibt so oft auf der Oberfläche haften. Keinen Platz in der Chronologie haben mögliche Plots wie die Geschichte der Photoautomaten, die unter dem Vichyregime mit der Verfolgung von Juden und Kommunisten einen Aufschwung erlebten, oder die Widersprüche innerhalb der algerischen Befreiungsbewegung oder der antikolonialistischen Bewegungen überhaupt.

Die Verfolgung der Juden im besetzten Paris schildert Patrick Rotman in seinem Roman über die jüdische Einheit des kommunistischen Widerstandes, die FTP-MOI, L'âme au poing (Paris 2004), weitaus genauer. Auch er beschreibt einen Polizisten, der, als der Kalte Krieg ausbricht, auf seine Karteikarten aus der Vichyzeit zurückgreift und zudem noch das Kreuz der Ehrenlegion für seine Beteiligung an der Résistance erhält. Die Atmosphäre in den letzten Tagen des besetzen Paris in einem Kriminalroman zu beschreiben, gelang noch niemand besser als Dominique Manotti in Le corps noir (Paris 2004), worin sie die Aktivität der französischen Gestapo schildert. Auch über den Algerienkrieg hat Daeninckx schon aufregender geschrieben, und der bei Babel Noir in diesem Jahr erschienene und in dieser Europolar-Ausgabe rezensierte Roman Alger la Noire von Maurice Attia vermittelt uns das Klima in einem von der OAS terrorisierten Land anschaulicher als Daeninckx' Überflug. Dadurch, dass Daeninckx so viele Ereignisse beschreiben will, beschreibt er letztendlich fast gar keins.

Ganz auf die Persönlichkeit seines negativen Helden fixiert, erlaubt er diesem keine Entwicklung. Auch den Veränderungen in der französischen Gesellschaft können historisch nicht bewanderte Leser im Roman kaum folgen. Aber immerhin gelingt es Daeninckx, bestechend schaurig zu schildern, wie Duprest unbehelligt an seiner Karriere strickt, indem er detailversessen Karteikarten anfertigt und verwaltet, in denen sich seine Überwachungstätigkeit niederschlägt, gleichgültig wer in Frankreich gerade herrscht.

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