krimis in Europa
n°6 August-September-Oktober 2006

 

 

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Gefräßige Bestialität

Las bestias
(Die Bestien)

Ronaldo Menéndez

Verlag "Lengua de Trapo" • 2006 • 133 S.

Javier Sánchez Zapatero
Übersetzung: Sarah Florence Gaebler

 

Völlig gefesselt von einer Dissertation über die symbolischen Darstellungen der Finsternis und von der Aufzucht eines Schweins in seiner heimischen Badewanne, das er sich hält, um der Lebensmittelknappheit, die sein Land geißelt, zu entgehen, führt Professor Claudio Cañizares ein unspektakuläres Dasein ohne nennenswerte Höhepunkte. Diese absolut mittelmäßige Existenz nimmt an jenem Tag ein Ende, da er durch Zufall erfährt, dass sein Leben in Gefahr ist. Von dem Moment an, als er merkt, dass zwei Männer ihn verfolgen, um seinem Leben ein Ende zu setzen, beginnt der Protagonist des Romans, sein Leben radikal zu verändern. Von da an scheint es nur noch zwei Ziele im Leben des Professors zu geben: Herausbekommen, weshalb sein Leben in Gefahr ist und mit denen abrechnen, die darauf angesetzt sind, seinem Leben ein Ende zu setzen. Je näher Cañizares seinem Ziel kommt, desto mehr scheint er einer unbändigen und rachsüchtigen Paranoia zu verfallen. Ab hier offenbart sich der Roman als doppelte Intrige. Neugierig und beängstigt zugleich verfolgt dieser nicht nur die Ungewissheit, die den Protagonisten umgibt, sondern auch den ungewissen Ausgang der Welle der Bestialität und des Horrors, die den bis dahin so friedlichen Lebenstrott des Professors erfasst. Seine Schicksalswendung scheint von dem in seinem Bad versteckten Ferkel bestimmt, dessen gefräßige Bestialität zu einem Schlüsselmoment des Romans wird.

Trotz der komplexen Verflechtungen des Romans, in dem verschiedene Perspektiven, plötzliche Registerwandel, unvermittelte Zeitsprünge und Textpolyphonie konvergieren, vermag Die Bestien - der zweite Roman des in Spanien lebenden kubanischen Autors Ronaldo Menéndez, der bereits mehrere Erzählbände verfasst hat - bis zum Schluss das Mysterium zu wahren, das ganz am Ende die Erzählstrange zusammenführt. Das Rätsel mündet in einen ebenso unerwarteten wie brillanten Schluss, als der Autor alle Bruchstücke zu einem Ganzen zusammenfügt. Ohne den Leser jemals zu täuschen, der von der ersten Seite des Romans an über alle notwendigen Begebenheiten zur Auflösung des Rätsels, das den Protagonisten beschäftigt, verfügt, führt der Autor nach und nach auf eindringliche Weise Landschaften und Personen ein, die über ihre Funktion im Plot selbst hinaus vor allem dazu dienen, den gesellschaftlichen Kontext zu erläutern, in den sich der Komplott einfügt. Letzterer entspinnt sich auf einer vor Hitze und Armut erstickenden Insel, die einem Polizeistaat unterworfen ist. Doch weder die nicht nachlassende Spannung, noch die lokal gefärbte Beschreibung der karibischen Gesellschaft - die an keiner Stelle explizit erwähnt wird und doch unverkennbar ist - machen allein den geschickten und ausdrucksvollen Stil Menéndez' aus. Menéndez reflektiert in Die Bestien die irrationale Gewalt, die uns umgibt. Brutal und doch voll schwarzem Humor erinnert der Tonfall dieses Romans ebenso an die Tradition des französischen Existenzialismus wie an Paul Austers Die New York-Trilogie oder an die nackte und gewalttätige Ästhetik des Cineasten Quentin Tarantino. Der Roman vermag auf diese Weise eine Intrige zu entspinnen, deren Ende ebenso beängstigend wie pervers ist und gleichzeitig eine komplexe Reflexion mit universeller Dimension birgt.

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