Verlag "Lengua de Trapo" • 2006 • 133
S.
Völlig gefesselt von einer Dissertation über die symbolischen
Darstellungen der Finsternis und von der Aufzucht eines Schweins
in seiner heimischen Badewanne, das er sich hält, um der Lebensmittelknappheit,
die sein Land geißelt, zu entgehen, führt Professor Claudio
Cañizares ein unspektakuläres Dasein ohne nennenswerte
Höhepunkte. Diese absolut mittelmäßige Existenz nimmt
an jenem Tag ein Ende, da er durch Zufall erfährt, dass sein
Leben in Gefahr ist. Von dem Moment an, als er merkt, dass zwei Männer
ihn verfolgen, um seinem Leben ein Ende zu setzen, beginnt der Protagonist
des Romans, sein Leben radikal zu verändern. Von da an scheint
es nur noch zwei Ziele im Leben des Professors zu geben: Herausbekommen,
weshalb sein Leben in Gefahr ist und mit denen abrechnen, die darauf
angesetzt sind, seinem Leben ein Ende zu setzen. Je näher Cañizares
seinem Ziel kommt, desto mehr scheint er einer unbändigen und
rachsüchtigen Paranoia zu verfallen. Ab hier offenbart sich
der Roman als doppelte Intrige. Neugierig und beängstigt zugleich
verfolgt dieser nicht nur die Ungewissheit, die den Protagonisten
umgibt, sondern auch den ungewissen Ausgang der Welle der Bestialität
und des Horrors, die den bis dahin so friedlichen Lebenstrott des
Professors erfasst. Seine Schicksalswendung scheint von dem in seinem
Bad versteckten Ferkel bestimmt, dessen gefräßige Bestialität
zu einem Schlüsselmoment des Romans wird.
Trotz der komplexen
Verflechtungen des Romans, in dem verschiedene Perspektiven, plötzliche Registerwandel,
unvermittelte Zeitsprünge
und Textpolyphonie konvergieren, vermag Die
Bestien - der zweite
Roman des in Spanien lebenden kubanischen Autors Ronaldo Menéndez,
der bereits mehrere Erzählbände verfasst hat - bis zum Schluss
das Mysterium zu wahren, das ganz am Ende die Erzählstrange zusammenführt.
Das Rätsel mündet in einen ebenso unerwarteten wie brillanten
Schluss, als der Autor alle Bruchstücke zu einem Ganzen zusammenfügt.
Ohne den Leser jemals zu täuschen, der von der ersten Seite des
Romans an über alle notwendigen Begebenheiten zur Auflösung
des Rätsels, das den Protagonisten beschäftigt, verfügt,
führt der Autor nach und nach auf eindringliche Weise Landschaften
und Personen ein, die über ihre Funktion im Plot selbst hinaus
vor allem dazu dienen, den gesellschaftlichen Kontext zu erläutern,
in den sich der Komplott einfügt. Letzterer entspinnt sich auf
einer vor Hitze und Armut erstickenden Insel, die einem Polizeistaat
unterworfen ist. Doch weder die nicht nachlassende Spannung, noch die
lokal gefärbte Beschreibung der karibischen Gesellschaft - die
an keiner Stelle explizit erwähnt wird und doch unverkennbar ist - machen
allein den geschickten und ausdrucksvollen Stil Menéndez' aus.
Menéndez reflektiert in Die Bestien die
irrationale Gewalt, die uns umgibt. Brutal und doch voll schwarzem
Humor erinnert der Tonfall dieses Romans ebenso an die Tradition
des französischen Existenzialismus
wie an Paul Austers Die New York-Trilogie oder
an die nackte und gewalttätige Ästhetik des Cineasten Quentin
Tarantino. Der Roman vermag auf diese Weise eine Intrige zu entspinnen,
deren Ende ebenso beängstigend wie pervers ist und gleichzeitig
eine komplexe Reflexion mit universeller Dimension birgt.