Verlag
Planeta • 353 S.
Anlässlich des Buch- und Literaturjahres hat die Stadt Barcelona
im Januar 2005 die herausragendsten europäischen Autoren der
Kriminalliteratur eingeladen. Drei Tage lang haben sich rund zwanzig
Schriftsteller, unter ihnen Donna Leon, Lorenzo Silva, Francisco
González Ledesma, Thierry Jonquet, Petros Márkaris,
Andreu Martín und Alicia Giménez Bartlett, versammelt,
um an runden Tischen, in Konferenzen und Leserveranstaltungen über
ihre eigenen Werke und das Genre, dem sie sich verschrieben haben,
zu diskutieren. Eines der Hauptthemen des Treffens, das im Februar
dieses Jahres erneut stattfand, war die Rolle der Kriminalliteratur
in der europäischen Kultur. Seitdem Autoren wie Manuel Vázquez
Montalbán, Jean-Patrick Manchette oder William McIllvaney
den Kriminalroman in den Sechziger- und Siebzigerjahren neu erfunden
haben und damit der Nachahmung der amerikanischen Vorbilder den Rücken
kehrten, um sozialkritische Inhalte einzuflechten, hat sich der Kriminalroman
des Alten Kontinents zu einem Genre entwickelt, das auch als handfestes
Instrumentarium genutzt wird, um die Gesellschaft zu definieren,
aktuelle Probleme zu hinterfragen und den Veränderungen, die
in den einzelnen Ländern zu Tage treten, Rechnung zu tragen.
All dies findet statt in einem aufgewühlten Kontext, der dem
Niedergang des Realsozialismus beigewohnt hat, dem Fall der Mauer,
dem Ende der Diktaturen in den mediterranen Ländern (Portugal,
Spanien, Griechenland), der Festigung der Europäischen Union
und den zunehmend global auftretenden Problemen, mit denen die modernen
Demokratien konfrontiert sind. Dank den Werken Camilieris, Márkaris'
oder Mankells wissen wir mehr über die Gesellschaft in Italien,
in Griechenland und in Schweden, als es uns die gescheiterte Kommunikationspolitik
der Regierungen im Namen der Interkulturalität und der Anpreisung
der Vorzüge einer Europäischen Verfassung zu vermitteln
wüsste. In vielen der Referats- und Diskussionsbeiträge
des vorliegenden Buches wird ein besonderes Augenmerk darauf gelegt,
dass die Kultur als Integrationsachse für die Basis in der EU
gestärkt werden muss. Gleichzeitig werden auf interessante und
vermittelnde Weise Überlegungen zu den Besonderheiten, die der
Bereich der Kriminalliteratur in den einzelnen Ländern aufweist,
angestellt.
Einerseits werden in diesem Werk die
Ergebnisse und die Beiträge
der Runden Tische zusammengetragen, andererseits werden die Texte,
die im Rahmen der Hommage an den anderthalb Jahre zuvor verstorbenen
Vázquez Montalbán verfasst wurden und im Verlauf des
Treffens im Rathaus Barcelonas vorgetragen wurden, in Form eines
Epilogs zusammengetragen. Angehörige, Kollegen und andere erinnern
sich an den aus Barcelona stammenden Autor. In Reminiszenz an ihn
ist der in der Tradition Unamunos stehende dramatische Monolog "Bevor
das Jahrtausend uns trennt" abgedruckt, in dem Pepe Carvalho seine
offen stehenden Rechnungen mit seinem Schöpfer begleicht und
das Ende beider prophezeit: "Requiem für einen Genießer",
die beiden letzten Abenteuer des ikonoklastischen Gourmet-Detektivs,
bevor der Autor 2003 verstarb. Leider trennte sie das Jahrtausend
dann eben doch.