Verlag
El tercer nombre • 2006 • 202 S.
Das
unbedeutende und einsame Leben von Jaime Areta, eines jungen und
introvertierten Informatikers, ändert sich schlagartig in
jener Nacht, in der er während einer seiner zahllosen morbiden
Suchen nach Pornobildern im Internet auf Noelia stößt,
ein Mädchen, in das er lange zuvor einmal unsterblich aber unglücklich
verliebt war. Nach Jahren, in denen er keinen Kontakt mehr zu ihr
hatte, ebenso wenig wie mit dem Freundeskreis, zu denen beide einst
gehörten, tritt unerwartet Vergangenes zu Tage, das er längst
vergessen glaubte und das nun erneut und vor allem sehr lebhaft auftaucht.
Eine Erinnerung, die in expliziten, nackten Bilden wieder vor ihm
steht. Überzeugt davon, dass, wie es so schön heißt, "keine
Nostalgie tragischer ist als die Sehnsucht nach etwas, das nie geschah",
ist er sich der Tatsache bewusst, dass das Leben uns nur selten eine
zweite Chance bietet, und dass wir es uns schuldig sind, diese auch
zu nutzen. Jaime scheut keine Anstrengungen, um diese Frau zu finden,
der er einst verfiel und die heute seinen Weg wieder kreuzt. Die
Suche nach dem Aufenthaltsort von Noelia und die Gründe, die
ihn in den Kreis der bedrohlichen Welt des Pornogeschäfts eintauchen
lassen, führen schließlich dazu, dass Jaime mit einer
Welt, in der Korruption, Erpressung, Morde und Frauenhandel den Ton
angeben, viel stärker in Berührung kommt als es der einfache
Austausch von Pornobildern hätte erahnen lassen.
Dieser spannende Plot ist Ausgang von Puppen
hinter Glas, dem
zweiten Roman des jungen madrilenischen Autors Pedro de Paz. Eine
handlungsreiche Intrige, die die dunkelsten Seiten der neuen Technologien
aufzeigt. Das Umfeld, in dem das Verbrechen geschieht, wandelt sich,
und es ist nicht mehr zwingend notwendig, dass die Kriminalliteratur
vom perfekten Verbrechen getragen wird, von Herrschern erzählt,
die etwas zu verbergen haben oder skrupellosen Politikern, die von
Macht und Geld besessen sind. In dieser Welt, die von Cybernetzwerken
und der Informationsgesellschaft beherrscht ist, müssen sich
die Romanstränge den neuen Begebenheiten anpassen, und dies
auf Kosten der Wahrhaftigkeit und des Realismus', die das Krimigenre
normalerweise einfordert.
Wenngleich die Handlung
des Romans zuweilen ein wenig stereotyp und wenig überzeugend anmuten mag und ein
Hang hin zum Konspirativen, das einer bestimmten Form des Thrillers
sehr eigen ist, besteht, so liest sich dieser unterhaltsame Roman doch
zügig. Der gute Aufbau
und die Handlungshöhepunkte, die den Leser immer wieder zu überraschen
vermögen, ohne jemals dem Genre des Hintertreppenromans zu verfallen,
fesseln den Leser so sehr, dass es schwer fällt, ihn nicht in
einem Zuge zu verschlingen. Gut könnte der Plot für ein Drehbuch
herhalten. Der Stil des Autors passt sich von Anfang bis Ende auf präzise
Weise an die Spannung des Erzählstranges an. Packend und fesselnd
verleiht die Geschichte dem Roman einen Rhythmus, der im Takt der Handlungshöhepunkte
schlägt. Diese zwei Register entsprechen den zwei tragenden Themen
des Romans, dessen Handlungsstrang von der Suche auf zwei verschiedenen
Ebenen getragen wird. Neben der Suche nach dem Aufenthaltsort Noelias,
die dem Protagonisten Jahre nach ihrem letzten Treffen in Form eines
pornographischen Bildes wieder erscheint, erzählt Puppen
hinter Glas von der Suche nach
sich selbst, deren Ziel es ist, der bereits abgeschlossenen Vergangenheit
einen Sinn zu verleihen. Denn auch wenn das Leben uns so manches Mal
eine zweite Chance gibt, so vermag diese nie so zu sein wie die erste
einst gewesen.