krimis in Europa
n°6 August-September-Oktober 2006

 

 

>> Rezensionen

Doppelte Suche

Munecas tras el cristal
(Puppen hinter Glas)

Pedro de Paz

Verlag El tercer nombre • 2006 • 202 S.

Javier Sánchez Zapatero
Übersetzung: Sarah Florence Gaebler

 

Das unbedeutende und einsame Leben von Jaime Areta, eines jungen und introvertierten Informatikers, ändert sich schlagartig in jener Nacht, in der er während einer seiner zahllosen morbiden Suchen nach Pornobildern im Internet auf Noelia stößt, ein Mädchen, in das er lange zuvor einmal unsterblich aber unglücklich verliebt war. Nach Jahren, in denen er keinen Kontakt mehr zu ihr hatte, ebenso wenig wie mit dem Freundeskreis, zu denen beide einst gehörten, tritt unerwartet Vergangenes zu Tage, das er längst vergessen glaubte und das nun erneut und vor allem sehr lebhaft auftaucht. Eine Erinnerung, die in expliziten, nackten Bilden wieder vor ihm steht. Überzeugt davon, dass, wie es so schön heißt, "keine Nostalgie tragischer ist als die Sehnsucht nach etwas, das nie geschah", ist er sich der Tatsache bewusst, dass das Leben uns nur selten eine zweite Chance bietet, und dass wir es uns schuldig sind, diese auch zu nutzen. Jaime scheut keine Anstrengungen, um diese Frau zu finden, der er einst verfiel und die heute seinen Weg wieder kreuzt. Die Suche nach dem Aufenthaltsort von Noelia und die Gründe, die ihn in den Kreis der bedrohlichen Welt des Pornogeschäfts eintauchen lassen, führen schließlich dazu, dass Jaime mit einer Welt, in der Korruption, Erpressung, Morde und Frauenhandel den Ton angeben, viel stärker in Berührung kommt als es der einfache Austausch von Pornobildern hätte erahnen lassen.

Dieser spannende Plot ist Ausgang von Puppen hinter Glas, dem zweiten Roman des jungen madrilenischen Autors Pedro de Paz. Eine handlungsreiche Intrige, die die dunkelsten Seiten der neuen Technologien aufzeigt. Das Umfeld, in dem das Verbrechen geschieht, wandelt sich, und es ist nicht mehr zwingend notwendig, dass die Kriminalliteratur vom perfekten Verbrechen getragen wird, von Herrschern erzählt, die etwas zu verbergen haben oder skrupellosen Politikern, die von Macht und Geld besessen sind. In dieser Welt, die von Cybernetzwerken und der Informationsgesellschaft beherrscht ist, müssen sich die Romanstränge den neuen Begebenheiten anpassen, und dies auf Kosten der Wahrhaftigkeit und des Realismus', die das Krimigenre normalerweise einfordert.

Wenngleich die Handlung des Romans zuweilen ein wenig stereotyp und wenig überzeugend anmuten mag und ein Hang hin zum Konspirativen, das einer bestimmten Form des Thrillers sehr eigen ist, besteht, so liest sich dieser unterhaltsame Roman doch zügig. Der gute Aufbau und die Handlungshöhepunkte, die den Leser immer wieder zu überraschen vermögen, ohne jemals dem Genre des Hintertreppenromans zu verfallen, fesseln den Leser so sehr, dass es schwer fällt, ihn nicht in einem Zuge zu verschlingen. Gut könnte der Plot für ein Drehbuch herhalten. Der Stil des Autors passt sich von Anfang bis Ende auf präzise Weise an die Spannung des Erzählstranges an. Packend und fesselnd verleiht die Geschichte dem Roman einen Rhythmus, der im Takt der Handlungshöhepunkte schlägt. Diese zwei Register entsprechen den zwei tragenden Themen des Romans, dessen Handlungsstrang von der Suche auf zwei verschiedenen Ebenen getragen wird. Neben der Suche nach dem Aufenthaltsort Noelias, die dem Protagonisten Jahre nach ihrem letzten Treffen in Form eines pornographischen Bildes wieder erscheint, erzählt Puppen hinter Glas von der Suche nach sich selbst, deren Ziel es ist, der bereits abgeschlossenen Vergangenheit einen Sinn zu verleihen. Denn auch wenn das Leben uns so manches Mal eine zweite Chance gibt, so vermag diese nie so zu sein wie die erste einst gewesen.

PicoSearch

© 2005 europolar Home | Impressum | Redaktion | Archiv | Links | Webmaster | Inhaltsverzeichnis | Webmaster: Emma