krimis in Europa
n°6 August-September-Oktober 2006

 

 

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Eine untypische französische Schriftstellerin

Laurence Biberfeld
6 novembre 1960, Toulouse

Jean-Marc Laherrère & Claude Mesplède
Übersetzung: Michael Koltan

 

"Mein Leben ist ein derartiges Chaos, dass selbst eine Katze ihre Jungen darin nicht wiederfinden würde." gefällt es Laurence Biberfeld über ihre Anfänge als Schriftstellerin zu erzählen. "Ich habe früh den Abflug gemacht und habe mich bei erster Gelegenheit auf die Fresse gelegt. Ich habe einige Jahre zwischen Paris und Toulouse Platte gemacht und von Gelegenheitsjobs gelebt, dann habe ich als Externe mein Abitur nachgemacht, und gleich im Anschluss zu meiner großen Überraschung die Aufnahmeprüfung zum Lehramt bestanden. Nach drei Jahren, die von verschiedenen Auseinandersetzungen geprägt waren, habe ich Dank der bevorstehenden Geburt meiner ersten Tochter mein Diplom gemacht. Die permanente Aufsässigkeit und der damit einhergehende komplette Mangel an Benimm, haben dafür gesorgt, dass ich ungewisse und völlig abgelegene Stellen auf dem Land bekam, die sonst keiner wollte. Ich habe immer geschrieben, aber ich musste erst einmal dreißig werden, bevor es mir gelang, meinen ersten Roman fertig zu stellen: Ich war zu unorganisiert. Eines meiner Manuskripte lag ein Jahr bei Grasset herum, bevor es abgelehnt wurde. Eine schwere Prüfung. Ich bekam zwei weitere Kinder und bin weiterhin oft hierhin und dahin umgezogen (bis heute vierzigmal). '99 habe ich meinen Job aufgegeben, um ernsthaft zu schreiben und da auch Zeit hineininvestieren zu können. Seither habe ich sechs roman noirs verfasst." (Internetchat, 25. April 2005)

Mit ihrem ersten Roman, La B. A. de Cardamone (2002) legte Laurence Biberfeld ein bemerkenswertes Debut in der "Série Noire" vor. Seit Daniel Pennacs geschätzter Familie Malaussène ist einem keine so zerzauste Randgruppen-Familie mehr begegnet. Lisa, die Heldin, ist Frau, die ihr Leben im Griff hat, das dennoch nicht einfach ist. Ohne Arbeit bringt sie vier Kinder, vier Katzen und einen Hund durch. Ihr ehemaliger Lebensgefährte, der sich nicht damit zufrieden gibt, sie dreizehn Jahre lang geschlagen zu haben, träumt davon, ihr wieder Gewalt anzutun. Ihr gelegentlicher Freund, Sandro, ist ein Erzieher, der sich vergeblich bemüht, Jugendliche auf den rechten Weg zurückzuführen. Er wird eines nachts getötet, als er auf der Suche nach Cardamone ist, einer schlecht gelaunten, aufreizenden Nervensäge von vierzehn Jahren, die sich einen Spaß daraus macht, denen auf den Nerven herumzutrampeln, die ihr nahe kommen. Trotz all dieser Prüfungen hält Lisa die Moral, ein Lächeln und alle ihre Energie aufrecht. Statt Trübsal zu blasen, schaut sie nach vorne; sie hilft dem Kommisar Machin (er heißt tatsächlich "Dingsda" auf französisch), der den Tod Sandros weniger aufrichtig untersucht, als sie glaubt; und sie findet noch die Kraft, sich um zwei oder drei andere Streuner zu kümmern, trotz Cardamone und der Bedrohung durch einen Mörder, der immer noch frei herumläuft.

"Nichts ist endgültig. Man muss Stellung beziehen, selbst in schwierigen Situationen", könnte als wichtigste Lehre von La B. A. de Cardamone gelten. Dieser Roman ist eine Würdigung der tapferen Mütter, die trotz aller Widrigkeiten ein Lächeln bewahren. Seine Stärke liegt in den zündenden Dialogen wie in der einzigartigen Weise die Personen zu skizzieren, von denen keine unberührt lässt.

Ihr zweiter Roman, Le Chien de Solférino (2004), bringt eine Veränderung im Ton, in der Konstruktion und im Stil. Régis und Maris hatten sehr früh geheiratet und Kinder bekommen. Fünfzehn Jahre später bemerkt Régis, der voller frauenfeindlicher Vorurteile steckt, die er vor allem über seine eigene entwickelt hat, nicht, dass Marie, die noch als Kind von ihrem Vater vergewaltigt worden war, alle Leidenschaft verloren hat und nicht weiß, wie sie es anstellen soll, ihn loszuwerden. Das Drama spitzt sich als Folge einer Begegnung zu, zweifellos die unwahrscheinlichste, die die junge Frau jemals gemacht hat, als sie die Wege des alten Resistancekämpfers Richard alias Capitaine Ricardo kreuzt, ein hässlicher, hinkender, zu dicker, verheirateter und geschwätziger Fünfziger. In einander verliebt, beschließen sie, sich Régis zu entledigen. Schließlich greifen die Bullen ein (eine Truppe, die sich um aggressive Hunde, kleine Dealer und streunende Kinder kümmert), worauf alle Figuren im Spiel sind. Über das ach so klassische Thema des infernalischen Trios komponiert Laurence Biberfeld, indem sie die Blickwinkel und die zwischenzeitlichen Hin und Hers vervielfacht, eine schöne und originelle Variation voller Humanität und perfekter Beherrschung des Handwerks.

Mit ihrem dritten Werk, La Vieille au grand chapeau (2005), versucht sie sich mit überraschender Meisterschaft an einem Thriller. Ihre Heldin, Tintin, eine Journalistin, die darauf besteht, sich wie ein Mann zu kleiden, führt eine Untersuchung über migrantische Schwarzarbeit in Frankreich durch. Durch Zufall entdeckt sie, dass einer der Migranten mit einer besonderen Form der Hepatitis, der Hepatitis Klein, infiziert ist und damit die Gefahr in sich trägt, blitzartig eine Epidemie ausbrechen zu lassen. Mit Unterstützung ihres Ex-Liebhabers Popov bricht sie auf, um Recherchen in einem Flüchtlingslager an der afghanisch-usbekischen Grenze anzustellen, wo merkwürdige Geschäfte abgewickelt werden.

Auch Évasion rue Quincampoix (2004) geht auf ihr Konto. Dieser Kurzroman erzählt voller Witz und Realismus die Streifzüge einer Pariser Heranwachsenden, die zwischen den Vorhöfen von Beaubourg und der Place Saint-Michel auf der Straße lebt.

Die Originalität von Laurence Biberfeld besteht darin, dass sie Geschichten erzählt, die man noch nirgendwo gelesen hat. Sie versteht es, den Alltag zu beschreiben, indem sie Personen schafft, denen man tagtäglich begegnen kann, die aber auch fiktionale Personen bleiben. Biberfeld hat einen effizienten und direkten Stil, der Härte und bissigen Humor in Form köstlicher Formulierungen zusammenführt.

 

Bibliographie

La B. A. de Cardamone (Gallimard, Série noire n° 2660, 2002)
Le Chien de Solférino (Gallimard, Série noire n°2711, 2004)
La Vieille au grand chapeau (Gallimard, Série noire n° 2732, 2005) [novella]
Évasion rue Quincampoix ("Noir Urbain", Autrement, 2004). [nouvelle]
Esmeralda et le zombi (in "Du noir dans le vert II", L'Écailler du sud, 2003)

 

Infernalisches Trio (oder Dreieck): Ein Ausdruck, dessen Erfindung sich Mesplède selbst zuschreibt und der ein Paar plus den Liebhaber oder die Geliebte eines der Elemente des Paares bezeichnet. Ziel des Spiels ist es, das überflüssige Element zu eliminieren.

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