"Mein Leben ist ein derartiges Chaos, dass selbst eine Katze
ihre Jungen darin nicht wiederfinden würde." gefällt
es Laurence Biberfeld über ihre Anfänge als Schriftstellerin
zu erzählen. "Ich habe früh den Abflug gemacht und
habe mich bei erster Gelegenheit auf die Fresse gelegt. Ich habe
einige Jahre zwischen Paris und Toulouse Platte gemacht und von Gelegenheitsjobs
gelebt, dann habe ich als Externe mein Abitur nachgemacht, und gleich
im Anschluss zu meiner großen Überraschung die Aufnahmeprüfung
zum Lehramt bestanden. Nach drei Jahren, die von verschiedenen Auseinandersetzungen
geprägt waren, habe ich Dank der bevorstehenden Geburt meiner
ersten Tochter mein Diplom gemacht. Die permanente Aufsässigkeit
und der damit einhergehende komplette Mangel an Benimm, haben dafür
gesorgt, dass ich ungewisse und völlig abgelegene Stellen auf
dem Land bekam, die sonst keiner wollte. Ich habe immer geschrieben,
aber ich musste erst einmal dreißig werden, bevor es mir gelang,
meinen ersten Roman fertig zu stellen: Ich war zu unorganisiert.
Eines meiner Manuskripte lag ein Jahr bei Grasset herum, bevor es
abgelehnt wurde. Eine schwere Prüfung. Ich bekam zwei weitere
Kinder und bin weiterhin oft hierhin und dahin umgezogen (bis heute
vierzigmal). '99 habe ich meinen Job aufgegeben, um ernsthaft zu
schreiben und da auch Zeit hineininvestieren zu können. Seither
habe ich sechs roman noirs verfasst." (Internetchat, 25. April
2005)
Mit ihrem ersten Roman, La
B. A. de Cardamone (2002)
legte Laurence Biberfeld ein bemerkenswertes Debut in der "Série
Noire" vor. Seit Daniel Pennacs geschätzter Familie Malaussène
ist einem keine so zerzauste Randgruppen-Familie mehr begegnet. Lisa,
die Heldin, ist Frau, die ihr Leben im Griff hat, das dennoch nicht
einfach ist. Ohne Arbeit bringt sie vier Kinder, vier Katzen und
einen Hund durch. Ihr ehemaliger Lebensgefährte, der sich nicht
damit zufrieden gibt, sie dreizehn Jahre lang geschlagen zu haben,
träumt davon, ihr wieder Gewalt anzutun. Ihr gelegentlicher
Freund, Sandro, ist ein Erzieher, der sich vergeblich bemüht,
Jugendliche auf den rechten Weg zurückzuführen. Er wird
eines nachts getötet, als er auf der Suche nach Cardamone ist,
einer schlecht gelaunten, aufreizenden Nervensäge von vierzehn
Jahren, die sich einen Spaß daraus macht, denen auf den Nerven
herumzutrampeln, die ihr nahe kommen. Trotz all dieser Prüfungen
hält Lisa die Moral, ein Lächeln und alle ihre Energie
aufrecht. Statt Trübsal zu blasen, schaut sie nach vorne; sie
hilft dem Kommisar Machin (er heißt tatsächlich "Dingsda" auf
französisch), der den Tod Sandros weniger aufrichtig untersucht,
als sie glaubt; und sie findet noch die Kraft, sich um zwei oder
drei andere Streuner zu kümmern, trotz Cardamone und der Bedrohung
durch einen Mörder, der immer noch frei herumläuft.
"Nichts ist endgültig. Man muss Stellung beziehen, selbst
in schwierigen Situationen", könnte als wichtigste Lehre
von La B. A. de Cardamone gelten. Dieser Roman ist eine
Würdigung der tapferen Mütter, die trotz aller Widrigkeiten
ein Lächeln bewahren. Seine Stärke liegt in den zündenden
Dialogen wie in der einzigartigen Weise die Personen zu skizzieren,
von denen keine unberührt lässt.
Ihr zweiter Roman, Le
Chien de Solférino (2004),
bringt eine Veränderung im Ton, in der Konstruktion und im Stil.
Régis und Maris hatten sehr früh geheiratet und Kinder
bekommen. Fünfzehn Jahre später bemerkt Régis, der
voller frauenfeindlicher Vorurteile steckt, die er vor allem über
seine eigene entwickelt hat, nicht, dass Marie, die noch als Kind
von ihrem Vater vergewaltigt worden war, alle Leidenschaft verloren
hat und nicht weiß, wie sie es anstellen soll, ihn loszuwerden.
Das Drama spitzt sich als Folge einer Begegnung zu, zweifellos die
unwahrscheinlichste, die die junge Frau jemals gemacht hat, als sie
die Wege des alten Resistancekämpfers Richard alias Capitaine
Ricardo kreuzt, ein hässlicher, hinkender, zu dicker, verheirateter
und geschwätziger Fünfziger. In einander verliebt, beschließen
sie, sich Régis zu entledigen. Schließlich greifen die
Bullen ein (eine Truppe, die sich um aggressive Hunde, kleine Dealer
und streunende Kinder kümmert), worauf alle Figuren im Spiel
sind. Über das ach so klassische Thema des infernalischen
Trios komponiert
Laurence Biberfeld, indem sie die Blickwinkel und die zwischenzeitlichen
Hin und Hers vervielfacht, eine schöne und originelle Variation
voller Humanität und perfekter Beherrschung des Handwerks.
Mit ihrem dritten Werk, La
Vieille au grand chapeau (2005),
versucht sie sich mit überraschender Meisterschaft an einem
Thriller. Ihre Heldin, Tintin, eine Journalistin, die darauf besteht,
sich wie ein Mann zu kleiden, führt eine Untersuchung über
migrantische Schwarzarbeit in Frankreich durch. Durch Zufall entdeckt
sie, dass einer der Migranten mit einer besonderen Form der Hepatitis,
der Hepatitis Klein, infiziert ist und damit die Gefahr in sich trägt,
blitzartig eine Epidemie ausbrechen zu lassen. Mit Unterstützung
ihres Ex-Liebhabers Popov bricht sie auf, um Recherchen in einem
Flüchtlingslager an der afghanisch-usbekischen Grenze anzustellen,
wo merkwürdige Geschäfte abgewickelt werden.
Auch Évasion rue Quincampoix (2004)
geht auf ihr Konto. Dieser Kurzroman erzählt voller Witz und Realismus die
Streifzüge einer Pariser Heranwachsenden, die zwischen den Vorhöfen
von Beaubourg und der Place Saint-Michel auf der Straße lebt.
Die Originalität von Laurence Biberfeld besteht darin, dass
sie Geschichten erzählt, die man noch nirgendwo gelesen hat.
Sie versteht es, den Alltag zu beschreiben, indem sie Personen schafft,
denen man tagtäglich begegnen kann, die aber auch fiktionale
Personen bleiben. Biberfeld hat einen effizienten und direkten Stil,
der Härte und bissigen Humor in Form köstlicher Formulierungen
zusammenführt.
Bibliographie
La B. A. de Cardamone (Gallimard, Série
noire n° 2660, 2002)
Le Chien de Solférino (Gallimard,
Série noire n°2711, 2004)
La Vieille au grand
chapeau (Gallimard, Série noire n° 2732, 2005) [novella]
Évasion
rue Quincampoix ("Noir Urbain",
Autrement, 2004). [nouvelle]
Esmeralda et le zombi (in "Du
noir dans le vert II", L'Écailler du sud, 2003)
Infernalisches
Trio (oder Dreieck): Ein Ausdruck,
dessen Erfindung sich Mesplède selbst
zuschreibt und der ein Paar plus den Liebhaber oder die Geliebte
eines der Elemente des Paares bezeichnet. Ziel des Spiels ist es,
das überflüssige Element zu eliminieren.