krimis in Europa
n°6 August-September-Oktober 2006

 

Tod einer Langstreckenfresserin

Helga Anderle

In Wien geboren, wuchs Helga Anderle zum Teil dort und auch in Valencia (Spanien) auf. Sie studierte in Spanien, Frankreich, der Schweiz und Frankreich Linguistik und arbeitete für internationale Organisationen in Genf. Seit den Siebzigerjahren ist sie journalistisch für verschiedene deutsche und österreichische Medien tätig. Sie blickt auf zahlreiche Veröffentlichungen zurück (Erzählungen, Essays und Kriminalromane), gab Zeitschriften und Anthologien in Österreich und anderswo heraus (z. B. in Australien, der BRD, Spanien, Japan, Korea, CSSR, Bulgarien, Schweiz, Mexiko und die USA).

Herausgeberin der ersten internationalen Anthologie von Frauenkrimis, die in mehreren Ländern erschien. Mitherausgeberin einer internationalen Anthologie von Autoren der AIEP (Internationale Vereinigung der Kriminalschriftsteller), veröffentlichte sie auch eine Anthologie ihrer eigenen Erzählungen (Fischer Verlag, Frankfurt/M.) und schrieb das Drehbuch zu einem österreichischen Fernsehfilm. 2004 gewann sie mit ihrer Erzählung "Winterreise" den internationalen Wettbewerb zur Erinnerung an den bulgarischen Autor Attanas Mandajieff.

(Übersetzung: Elfriede Müller)

 

In der Nachkriegszeit war das Café hinter der Oper ein beliebter Treff des Schwarzhandels und der internationalen Geheimdienste gewesen. In den Jahren danach verirrten sich nur selten ausländische Touristen hierher, großteils wurde es von Einheimischen, Cello spielenden Zahnärzten, inkontinenten Hofratswitwen, wirrköpfigen Weltverbessern, Komparsen aus der Oper und pensionierten Beamten bevölkert, die sich in dem vergammelten, plüschigen Ambiente wohlfühlten. Mit der Übernahme durch einen japanischen Konzern und der unsensiblen Renovierung in den späten Siebziger Jahren, hatte man ihm seinen dekadenten, morbiden Charme exorziert, und damit auch die Stammgäste vertrieben. Seitdem wurde das Lokal in erster Linie von japanischen Reisegruppen frequentiert, die sich gegenseitig beim Verspeisen typischer Wiener Mehlspeisen fotografierten, beziehungsweise mit der Aufforderung „Please, take picture!“, den Ober dazu einspannten.

Aber auch die beiden mittelalterlichen Damen, wiewohl unverkennbar hiesiger Provenienz, hielten ihn ganz schön auf Trab. Sie hatten, sichtlich pikiert über das fernöstliche Tohuwabohu, zweimal den Platz getauscht, und sich endlich, abgeschirmt von einem täuschend echten Plastikphilodendron, in der abgelegensten Nische niedergelassen, sodaß er bei jeder Bestellung die ganze Länge des Lokals durchqueren mußte. Zuerst hatten sie Kaffee – eine Melange, eine Schale Gold - dazu Apfelstrudel und Heidelbeerschnitte konsumiert; etwas später hatte ihn die hochgewachsene, elegante Blondine hergewunken und etwas Hochprozentiges verlangt. Ohne lange zu überlegen, hatte er ihnen den steirischen Himbeergeist – seinen Lieblingsschnaps - empfohlen. Die andere – klein, in einem grauen, viel zu engen Kostüm und einer mißglückten Dauerwelle Marke Drahtwaschel, hatte anfangs zwar protestiert, war jedoch bereits beim ersten Stamperl auf den Geschmack gekommen. Nach dem dritten waren ihre Gesichtszüge augenfällig entgleist, dafür lief nun ihr Mundwerk wie geschmiert. Kein Wunder, daß sie schwankte, als sie schließlich aufstand, um sich von ihrer Gastgeberin zu verabschieden. Vorsorglich behielt er sie im Auge. Als sie den ersten Stuhl auf ihrem Weg polternd umstieß, war er sofort herbeigeeilt, hatte sie diskret am Ellbogen gefaßt, und um alle Hindernisse herum, sicher zur Tür gelotst.

Draußen, von der kühlen Abendluft einigermaßen wieder ernüchtert, begann es der Molligen zu dämmern, daß sie sich von einer Machiavellistin ersten Ranges einkochen und nach Strich und Faden hatte ausfratscheln lassen. Natürlich war sie über die Einladung verwundert und anfangs mißtrauisch gewesen. Aber das raffinierte Weibsbild hatte sie zuerst mit Schmeicheleien eingelullt, ihr dann mit Schnaps die Zunge gelöst – und schon hatte sie alles über ihre Chefin ausgeplaudert. Es hatte richtig gutgetan, sich einmal den ganzen Frust von der Seele zu reden, zumal sie im Gegenzug auch einige hochinteressante Dinge erfahren hatte. Das konnte lustig werden, wenn die fette Kuh am Montag eiskalt von der Neuigkeit überrascht wurde ...

Aufgekratzt und bestensgelaunt entschied sich die Blonde vor dem Nachhausefahren noch für einen Auslagenbummel durch die Kärntner Straße. Sie konnte sich gratulieren, daß ihr die Idee zu dem Kaffeeklatsch gekommen war. Dank dieser unglaublich dämlichen Tratschtante, war sie jetzt über alles bis ins kleinste Detail im Bilde und hatte noch drei Tage Zeit, um sich die beste Vorgangsweise zu überlegen. Wenn sie in der Redaktion erst einmal das Kommando hatte, würde sie die Plaudertasche - diese illoyale, unattraktive, geistig minderbemittelte Person – bei der ersten Gelegenheit sofort an die Luft setzen.

 

*

So präzise Madame Zolara Fußballergebnisse, Wahlausgänge und sonstige die Nation bewegende Ereignisse vorhersagte, mit ihrer Prognose – Österreich darf sich auf einen Traumsommer freuen – lag die populäre, rothaarige Seherin völlig daneben. Für Ende Juli war es viel zu kalt, am Wochenende hatte es in den Bergen sogar geschneit. Entsprechend eisig war der Wind, der an diesem Montag-Vormittag durch Wien pfiff. In der Redaktion der Gourmetzeitschrift „La Table Ronde“ hatten einige Leute sogar ihre Jacken und Mäntel anbehalten, um nicht zu frieren. Nur Leonore Kröger fror nicht, schwitzend hockte sie – nach einwöchiger Absenz - wieder an ihrem Schreibtisch.

Obwohl sie seit 24 Stunden nichts als Zwieback und Tee zu sich genommen hatte, kam sie sich aufgedunsen wie ein Germknödel vor. Es war schlichtweg paradox: In der vergangenen Woche hatte sie beim Abklappern der Hochburgen heimischer Gastronomie tagtäglich die besten Champagner, Weine und Liköre gesüffelt, und dazu die exquisitesten Kreationen der genialsten Chefköche des Landes verzehrt. Aber was jedem Feinspitz wie eine Traumreise durchs Schlaraffenland vorkommen mochte, für einen Profi-Esser war es das reinste Martyrium. Noch Tage danach quälten sie die üblichen Beschwerden aller Gourmet-Kritiker: Saures Aufstoßen, Sodbrennen, Völlegefühl, Verstopfung und geradezu groteske Blähungen. Trotz des lauwarmen Kamillentees um den sie Anni, ihre Sekretärin, gebeten hatte, und der Tabletten, die sie laufend schluckte, hörte es nicht auf in ihrem Magen zu zwicken und rumoren. Schade, dass sie es nicht fertig brachte, sich einfach den Finger in den Rachen zu stecken. Mit dieser Methode verschafften sich viele ihrer weniger zimperlichen Kollegen Erleichterung.

Erfahrungsgemäß beruhigte sich ihr gepeinigtes Verdauungssystem nach ein paar Tagen strikter Diät. Weitaus schlimmer waren hingegen die langfristigeren Folgen. Mit jeder Fresstour setzten sich an Bauch, Hüften und Beinen unweigerlich neue Fettwülste an, sodass aus ihrer seit jeher walkürenhaften Figur allmählich ein unförmiger Koloss geworden war. Wenn man sie redaktionsintern „Venus von Kilo“ titulierte, so war das geradezu geschmeichelt.

Es half nichts in Selbstmitleid zu versinken. Sie sollte sich besser zusammen reißen und zur Tagesordnung übergehen. Jeder Beruf hatte seine Schattenseiten, auch ihrer. Zu den unangenehmsten gehörten vor allem die vielen Schmähbriefe und Drohanrufe, natürlich immer anonym, mit denen sie jedes Mal nach Erscheinen ihrer Kolumne rechnen musste. Erst heute morgen hatte Anni wieder einen ganzen Stapel übelster Ergüsse auf ihrem Schreibtisch abgeladen.

Selbstverständlich war sie bereit sich einer offenen, fairen Diskussion zu stellen. Aber mit anonymen Drohungen konnte man sie nicht Kleinkriegen. Schließlich war sie die Kröger, die unumstrittene Doyenne der Gourmetkritik. Es war ihr alleiniges Verdienst, das Schnitzel- und Schweinsbratenland auf internationales kulinarisches Niveau gebracht zu haben. Mochte man sie noch so hassen, ohne sie würde die heimische Gastronomie immer noch in ihrem Dauerschlaf dahindämmern.

Kochen war ein faszinierendes Metier. Leonore hatte nichts gegen die soliden Handwerker, ihre Bewunderung galt jedoch jenen genialen Köchen, die mit Kreativität, Einsatz und Leidenschaft das Kochen zur Kunst erhoben. Der Großteil hatte die Ochsentour durch französische, Schweizer oder fernöstliche Drei-Stern-Restaurants absolviert. Andere wiederum hatten jahrelang die Gaumen von Kreuzfahrtpassagieren verwöhnt, ehe sie sich mit ihren Ersparnissen und Bankkrediten an das Risiko wagten, ein eigenes Lokal zu eröffnen. Es war verdammt schwer, sich an die Spitze zu kochen. Oft dauerte es Jahre, bis aus einem Geheimtipp, eine Pilgerstätte der Hohen Kochkunst wurde, für die passionierte Feinschmecker freudig die mühsamste Anreise in Kauf nahmen.

In ihrer Macht lag es, diesen Prozess zu beschleunigen. Je hymnischer sie sich über ein Lokal äußerte, desto früher folgten die immer auf der Suche nach neuen Geschmackserlebnissen befindlichen Genießer ihren Empfehlungen. Wehe jedoch, wenn sie einen mit einer Haube liebäugelnden Koch als Stümper enttarnte. Dann konnte das Lokal nur noch Busladungen voller sonntäglicher Schnitzeltouristen abfüttern oder gleich den Konkurs anmelden...

Inzwischen war es Mittag, ihr elender Zustand unverändert, und sie hatte noch nicht einmal Zeile ihres Berichts geschrieben. Als ob sie Gedanken lesen konnte, kam ihre Sekretärin mit einer Kanne frischgebrühtem Tee herein. „Brauchen Sie sonst noch was, ich mach jetzt Essenspause!“ Den Türgriff schon in der Hand, fiel ihr noch etwas ein. „Nicht vergessen, Frau Kröger, um 5 Uhr will der neue Verlagsleiter mit Ihnen sprechen!“

Als Leonore ansetzte, um sich zu bedanken, entkam ihr stattdessen ein unfreiwilliger Rülpser. „Pardon“, entschuldigte sie sich beschämt. „Ach übrigens, Anni, Sie haben mir noch gar nicht erzählt, was inzwischen in der Redaktion los war. Gibt es irgendwelche Reaktionen auf meine Boykottaufrufe? Hat man sich schon geeinigt, wer...“. Sie erhielt keine Antwort. Die Sekretärin war bereits gegangen.

Mühsam stemmte sich Leonore aus ihrem Sessel. Am liebsten wäre sie nach Hause gegangen. Andererseits konnte sie sich nicht erlauben, die Besprechung abzusagen. Was sie jetzt unbedingt brauchte, war frische Luft. Es blieben ihr nur noch knappe zwei Stunden, sich entsprechend auf das Meeting mit dem Verlagsleiter vorzubereiten.

Bestimmt würde er ihr den Selbstmord des Chefkochs von den „ Drei Dragonern “ vorhalten. Der Vorfall hatte der Zeitung sehr geschadet, kaum noch ein Restaurant wollte bei ihnen inserieren. Alle gaben ihr die Schuld, obwohl sie lediglich ihre objektive Meinung geäußert hatte, dass das Niveau der Küche kaum zu unterbieten, der Service schlecht war, und man in jedem Vorstadtbeisel ein besseres Beuschel vorgesetzt bekam, als in dem Nobel- und Nepplokal.

Ebenso gut konnte es aber auch um die Briefe gehen, die sie noch vor ihrer Tour an alle Hauben-Restaurants verschickt hatte, um sich ihrer Loyalität zu versichern. Nur gut, dass ihr noch rechtzeitig zu Ohren gekommen war, dass die Konkurrenz gegen ihr Hauben-Monopol putschte und die Verleihung einer Trophée Gourmet plante. Eine Schwachsinnsidee, die sich diese Bohnenstange vom Feinspitz ausgedacht haben musste. Kein Restaurant würde es wagen, sich dem Boykott, zu dem sie in ihren Briefen unmissverständlich aufgefordert hatte, zu widersetzen.

Von den paar Schritten war ihr schwindlig geworden. Ächzend ließ sie sich wieder in ihren Bürostuhl sinken. Eine Windbö rüttelte an den Fenstern, der kalte Luftzug jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Für einen kurzen Augenblick verdunkelte ein Schatten das Fenster, aber bevor ihr benebeltes Gehirn die beiläufigen Wahrnehmungen zu den Reflexrelais durchschalten konnte, um ihnen Adrenalinausstoß, Flucht oder Abwehr zu signalisieren – war es bereits zu spät.

Sie fühlte den Stoß im Rücken, aber keinen Schmerz. Vom Schaden, den das Schlachtermesser in ihrem Inneren angerichtet hatte, ahnte sie nicht das geringste. Schon überschwemmte der Blutstrom aus den durchtrennten Gefäßen die beiden Herzkammern. Bald war die Löschpapierunterlage auf ihrem Schreibtisch mit Blut vollgesogen und aus dem kleinen Rinnsal, das sich unter ihrem rechten Brustkorb bildete, liefen die ersten Tropfen senkrecht den Ärmel hinunter. Kurzfristig sammelten sie sich an der Kuppe des Mittelfingers, bis sich der erste vorwitzige Tropfen löste und in einer mikroskopisch kleinen Fontäne auf dem Boden aufschlug. Mit jedem weiteren Tropfen vergrößerte sich die Blutlache auf dem Boden.

Kurz bevor Leonore endgültig das Bewusstsein verlor, durfte sie als letzte Gnade noch das ultimative Geschmackserlebnis auskosten, dem sie zeitlebens vergeblich nachgelaufen war. Wie durch ein Wunder liebkoste eine superbe Sauce Hollandaise die Geschmackknospen auf ihrer Zunge, der als harmonische Ergänzung das Zartbittere einer Spargelspitze folgte. Dann war sie tot.

 

*

Annis Schrei war bis in den letzten Winkel der Redaktion zu hören und ließ allen Anwesenden das Blut in den Adern stocken. Magnetisch angezogen von dem Heulton, lief einer nach dem anderen hinaus auf den Gang. Vor Schreck war Anni die Kaffeetasse aus der Hand gefallen, ihr Kleid war von der schwarzen Brühe völlig durchnässt. Wie versteinert stand sie vor der Tür und deutete stumm mit der ausgestreckten, zitternden Rechten in Richtung Schreibtisch.

Leonores massiger Oberkörper begrub den Großteil der Tischplatte unter sich. Aus der Entfernung erinnerte der Anblick an ein Walross, das am Meeresufer gestrandet war. Das längliche Ding, das aus ihrem Rücken ragte, war unverkennbar der Griff eines Schlachtermessers.

Meyer, der Art-Direktor, fand als erster die Sprache wieder. „Was für ein Gemetzel, ekelhaft! Jemand muss die Rettung rufen!“ Alle starrten gebannt auf die grausige Szene, keiner rührte sich. Endlich gab sich Gerda, die Anzeigenleiterin, einen Ruck. „Ich hab beim Roten Kreuz einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht, vielleicht lebt sie noch!“

„Das sieht doch ein Blinder, die ist so tot wie der Ötzi. Das ist ein Fall für die Polizei, kaum anzunehmen, dass sie sich beim Rückenkratzen selbst ... die hat jemand erstochen!“ interpretierte Tillmann, der stellvertretende Chefredakteur kennerisch das dargebotene Tableau.

Annis hysterisches Kreischen übertönte mühelos die aufgeregten Spekulationen, mit denen Tillmanns Worte aufgenommen wurden. „Ein Mord, das überleb ich nicht!“

„Eine Leiche reicht, sparen Sie sich das Theater!“, rief Tillmann sie scharf zur Ordnung.

Der Notarzt vom Johanniterdienst warf nur einen Blick auf Leonore. Seine Bemühungen kamen zu spät. Er und seine Truppe machten auf dem Absatz kehrt.

Als nächstes traf die Polizei ein. Zuerst zwei Uniformierte, die nicht zuständig und von der Situation eindeutig überfordert waren. Dann kamen drei Zivile, von denen der Korpulenteste und Älteste das Sagen hatte. Krauses Haar, untersetzt, mit einem Gesicht, in dem sich das Phlegma eines gutmütigen Bernhardiners wiederspiegelte, stellte sich der Mann als Gruppeninspektor Schöberl vor. Als erste Maßnahme schickte er in brüskem Ton das geschockte Redaktionspersonal wieder an seine Arbeitsplätze zurück. “Bitte, meine Herrschaften machen's keine Spumpanadeln, sondern folgen Sie unseren Anweisungen! Und dass mir ja keiner davon spaziert, bevor wir nicht alle befragt haben!“

Bald herrschte am Tatort hektische Aktivität und Lärm. Nach etwa einer halben Stunde, gab Schöberl den Leichnam zum Abtransport frei. „Passts ja auf Leuteln, net dass euch an Bruch hebts!“

Die Pathologin, eine forsch auftretende Blondine mit ausgeprägtem Überbiss, wimmelte seine Fragen kurzangebunden ab. „Ich nehm´ sie jetzt mit, nach der Untersuchung weiß ich mehr. Der Tod ist erst vor kurzem eingetreten, sie ist noch ganz warm“.

Schöberl steckte das blutige Schlachtermesser in eine Plastiktüte. „Das Corpus delicti muss besonders sorgfältig auf Fingerabdrücke untersucht werden,“ instruierte er seine Mitarbeiter. Woher es stammte, war bereits geklärt. Anni Hofer, die Sekretärin der Ermordeten, hatte sofort bemerkt, dass aus dem sechsteiligen Messer-Set auf dem Regal hinter dem Schreibtisch, eines fehlte. „Das Geschenk eines Anzeigenkunden. Frau Kröger hat es im Büro gelassen, weil ihr die Messer zu scharf waren ... sie hat Angst gehabt, sich damit zu verletzen !“

Mit einem schnalzenden Geräusch entledigte sich Schöberl seiner Gummihandschuhe. Zu dumm, dass sein Kollege Hirschmann seit heute in Urlaub war. Jetzt hatte er den Fall auf dem Hals. Schöne Bescherung. Mitten in der Saure-Gurkenzeit ein Mord im Journalistenmilieu. Ein gefundenes Fressen für die Zeitungsschmieranten. Hoffentlich ergab sich bald etwas, damit er der gierigen Meute das Maul stopfen konnte.

Der Inspektor trat ans Fenster, den breiten Rücken gebeugt unter der Last der Verantwortung, die Hände vor Anspannung fest geballt, sodass die Knöchel weiß hervortraten. Er war immer gern Polizist gewesen, hatte nie etwas anderes sein wollen. In letzter Zeit fühlte er sich nur noch wie ein Hamster in seinem Laufrad. ... Zwei Jahre fehlten ihm noch bis zur Pension. Ausschlafen, faulenzen, Tomaten pflanzen im Schrebergarten, angeln gehen. Wer weiß, mit wie vielen Verbrechen er sich noch herumschlagen musste, bevor es soweit war. Demnächst stand seine Beförderung an. Die konnte er sich abschminken, wenn er den Kröger-Mord nicht vorher aufgeklärt hatte.

Das Fenster ging in einen trostlosen Lichtschacht hinaus. Auf dem gegenüberliegenden schmalen Fenstersims balzte ein Täuberich um die Gunst eines Weibchens. Ansonsten nichts als graue Wände, von denen der Verputz bröckelte, schmutzstarrende Fensterscheiben und im Parterre, neben überquellenden Müllcontainern, eine ausrangierte Matratze. Die trostlose Hinterseite eines straßenseitig auf Hochglanz polierten Jugendstil-Gebäudes. Außen hui, innen pfui! Irgendwie symptomatisch für diese Stadt.

Der weitläufige helle Raum, in dem üblicherweise die Redaktionskonferenzen abgehalten wurden, war kurzfristig als Vernehmungszimmer requiriert worden. Als erstes nahm sich der Inspektor Anni Hofer, die Sekretärin des Mordopfers vor. Blass und immer noch mitgenommen, nahm sie ihm gegenüber Platz. Mit einem Taschentuch rieb sie über die feuchte Vorderseite ihres Kleides.

Gesehen hatte sie nichts. Sie schwor Stein und Bein, dass sie ihren Platz höchstens für zehn Minuten verlassen hatte, um Kaffee zu kochen. Trotzdem hatte sie von der Kaffeeküche aus, den Eingang im Auge behalten. Nicht einmal eine Maus wäre unbemerkt hereingekommen.

„Sie kannten die Tote gut. Haben Sie einen Verdacht, wer?...“

Frau Hofer wich seinem Blick aus, sah zu Boden und schüttelte den Kopf. „Gourmetkritiker machen sich überall Feinde. Meine Chefin hat ständig Morddrohungen gekriegt, massenhaft Briefe, Anrufe, selbstverständlich immer anonym. Nachdem sich der Chefkoch von den Drei Dragonern wegen ihrem Verriss den Strick gegeben hat, ist´s besonders arg geworden...“

„Am besten Sie geben uns eine Liste ... die Lokale werden wir alle unter die Lupe nehmen müssen.“ Kaum war der Satz draußen, bereute er ihn schon. Wenn auf die Frau Verlass war, dann musste der Täter in der Redaktion sitzen. Wie wäre er sonst unbemerkt hereingekommen? Schöberl starrte auf das feuchte und zerknitterte Kleid. Es gelang ihm aber nicht, sich die Frau mit der Ausstrahlung einer Valium-Tablette, mit einem Schlachtermesser in der Hand vorzustellen.

„Und wie war Ihr Verhältnis? War Ihre Chefin in der Redaktion beliebt?“, fragte er vorsichtig.

„Was mich angeht, ich bin gut mit ihr ausgekommen“, antwortete die Hofer rasch.

„Und die anderen?“

Wieder schüttelte sie den Kopf. „Na ja, es war kein Honiglecken mit ihr ... Frau Kröger war sehr anspruchsvoll, eine typische Jungfrau ... So jemand handelt sich nicht nur Sympathien ein ... aber, dass sie einer von uns ... unmöglich!“

Schöberl schwieg einen Moment. „Und ihr Privatleben? Gibt es da irgendwelche Zores? Eifersüchtige Liebhaber, oder so was in der Art?“

„Liebhaber?,“ die Sekretärin lachte kurz auf. „Entschuldigen Sie, wenn ich lache, Sie haben sich doch ein Bild von ihr machen können, oder? Nein, nein... Frau Kröger ist ganz in ihrer Arbeit aufgegangen. Außer ihrer Mutter und ein paar Katzen gab es niemanden ... aber berufliche Zores hatte sie jede Menge!“

Der Inspektor horchte auf. „In welcher Hinsicht denn?“

„Nicht, dass Sie mich für eine Tratschen halten ... aber auf den Chefredakteursposten hat sie vergeblich gespitzt ... ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass ihre Tage in der Redaktion gezählt ...“. Die Sekretärin verstummte abrupt, als habe sie schon zuviel gesagt. „Am besten Sie reden selber mit unserer neuen Geschäftsleitung, heute wäre die Bombe geplatzt, wenn Frau Kröger nicht vorher...“

Bevor Schöberl die Sekretärin entließ, bat er sie noch einmal um die anonymen Briefe, sowie die Aufzeichnungen der letzten Verrisse.

Tillmann, seines Zeichens stellvertretender Chefredakteur, war der Nächste. Bereits um die 60, korrekter grauer Anzug mit Weste, dezente hellgraue Krawatte, das weiße, immer noch volle Haar sorgfältig gefönt, schien er den aussterbenden Typus des Salonlöwen verkörpern zu wollen. Kaum war die Tür hinter ihm zu, legte er auch schon ungefragt los.

„Ich hab´s ja gewusst, dass es so kommen würde ... Weiber sind als Gourmetkritiker ungeeignet ... von den Finessen der Haute Cuisine haben sie keinen Schimmer ... Mir reicht es schon, dass sich bei meinen Weinseminaren immer mehr von diesen karrierewütigen Tussis anmelden ... überall wollen sie mitmischen, in der Wirtschaft, in der Politik, bei den Philharmonikern... jetzt wollen sie auch noch als Vinologinnen brillieren“. Sein Redefluss stoppte erst, als ihm die Luft ausging. Schöberl nützte die Pause, um ihm eine Frage zu stellen.

Tillmann schnaubte verächtlich. „Feinde? Die alte Schabracke hatte mehr, als ein Hund Flöhe ... überall ist sie mit ihrer arroganten, besserwisserischen Art angeeckt ... Sie haben sicher schon vom Selbstmord ...?“

Schöberl nickte.

„Als Chefredakteurin hätte sie uns glatt ruiniert, und das sage ich nicht, weil ich selbst gern ...“ Der Satz blieb unvollendet. Spuck´s schon aus, suggerierte ihm der Inspektor.

Aber Tillmann zuckte nur mit den Achseln. „Tja, ich muss Sie leider enttäuschen, ich hab ein Alibi ... ich war den ganzen Nachmittag in der Druckerei...“

Meyer, der Art-Direktor, ließ ausrichten, dass er im Moment unabkömmlich sei. Schöberl machte ihn im Foto-Studio ausfindig. Anders, als die blassen Figuren, die er bisher kennen gelernt hatte, war Meyer recht auffallend gestylt. Seine große, klapprige Gestalt steckte in abenteuerlich gemusterten Klamotten, die dunklen Locken waren im Nacken zu einem Zopf gebändigt, und sein Gehabe war das einer hippen Disco-Queen.

Von Scheinwerfern und einem Schlangengewühl von Kabeln umgeben, war er gerade dabei, ein kulinarisches Stillleben zu komponieren. Mittelpunkt des Geschehens war ein runder Tisch mit erlesenem Porzellan, feinstem Silber und einem blau-weißen Blumenarrangement. Vorne, auf einem Teller, prangte ein Stück Sachertorte.

Es schüttelte Schöberl unwillkürlich, als er mit ansehen musste, wie ein Fotoassistent einen riesigen Klacks Rasierschaum auf die Torte spritzte. „Kommt auf dem Foto besser rüber als Schlagobers,“ erklärte Meyer lachend. „Schaun´S lieber weg, sonst vergeht Ihnen noch der Appetit!“ Er bat Schöberl zu warten, bis die Aufnahme im Kasten war. Als das ungenießbare Fotoobjekt anschließend im Mülleimer landete, schaute Schöberl dennoch bedauernd hinterher.

„Ich war seit acht Uhr im Studio, außerdem bin ich so ein friedfertiges Lämmchen, dass ich niemals ... ich will gar nicht dran denken, was ich künftig für Alpträume haben werde ... das viele Blut, igitt! Wer in Frage kommen könnte? Bestimmt ein Racheakt ... die Kröger war eine Puristin, die Geißel mittelmäßiger Gastronomie ... zeitgeistiges Larifari, modisches Chichi, Effekthascherei waren ihr zutiefst zuwider ... päpstlicher als der Papst, dabei ist sie schon mal übers Ziel hinausgeschossen!“

Der Inspektor sammelte seine Truppe ein. Auch aus den Befragungen seiner Mitarbeiter hatte sich kein konkreter Verdacht ergeben.

*

Als sich Schöberl am nächsten Morgen eine Portion Rasierschaum ins Gesicht. pappte, überlief ihn eine Gänsehaut. Von Kindheit an war er ein Zuckergoscherl, hoffentlich blieb ihm kein Sachertorten-Trauma.

Aus dem Autopsiebericht, der gegen Mittag auf seinem Schreibtisch landete, ging nichts hervor, was Licht in den Fall gebracht hätte. Quasi als Fleißaufgabe hatte man festgestellt, dass die Tote unter anderem an einer akuten Leberentzündung und einer schweren Gastritis litt, und dass sie es beim desolaten Zustand ihres Verdauungssystems höchstens noch ein Jahr gemacht hätte. Wie nicht anders erwartet, hatten die von dem breiten Messer verursachten schweren inneren Blutungen zum Tod geführt, der um 15.30 Uhr eingetreten war.

Todesursache, Tatzeit, sowie die Tatwaffe gaben keinerlei Rätsel auf. Lediglich die Fragen, wer der Mörder war, und wie er ungesehen hereinkommen konnte. Offenbar war die Tote in der Redaktion nicht sonderlich beliebt gewesen. Gut möglich, dass ihn einer der Befragten, insbesondere die Sekretärin, angelogen hatte.

Andererseits erschienen dem Inspektor die Hinweise auf einen Racheakt aus der Branche plausibel. Wenn er sie erhärten wollte, musste er wohl oder übel die Restaurants abklappern, die Frau Kröger verrissen hatte.

Bei der Kochkünsten seiner Frau und dem Fraß, mit dem er in der Kantine abgefüttert wurde, war Schöberls Geschmackssinn für die Haute Cuisine verdorben. Allein beim Gedanken man könnte ihm bei seinem Besuch die Verkostung von Schnecken oder gar Froschschenkeln anbieten, würgte es ihn.

Ganz oben auf der Liste, die ihm die Sekretärin gegeben hatte, stand die Blaue Ente. Schöberl rief an, um sicher zu gehen, dass er nicht mitten in die Stoßzeit hineinplatzte. Dann machte er sich auf den Weg. Das Lokal war noch geschlossen. Der Oberkellner, in legerem Pullover und Jeans, ließ ihn beim Hintereingang herein. Schöberl lehnte den angebotenen Champagner dankend ab, zu einer Tasse Kaffee sagte er aber nicht nein. An den Besuch der Verstorbenen, erinnerte sich der Kellner noch lebhaft.

„Sie ist inkognito gekommen, allein. Als Hauptgang hat sie Lammfrikassee mit Basilikum bestellt und dazu einen Beaujolais. Kaum hat sie den Wein gekostet, hat sie den Mund verzogen und behauptet, daß er zu warm ist und hat verlangt, dass ich ihr einen Kübel mit Eiswürfeln bringe! Das muss man sich einmal vorstellen! Ein ungeheuerliches Sakrileg! Am Lamm hat sie nur herumgeschnuppert und es sofort weggeschoben. So ein muffeliges Stallvieh ist bestenfalls als Hundefutter geeignet ... Auf die Tour hat sie weitergemacht, bis es mir zu bunt geworden ist, und ich den Küchenchef geholt habe. Da ist der Wirbel erst richtig losgegangen ... peinlich dieses Aufsehen! Auf das Dessert hat sie verzichtet, und stattdessen die Rechnung verlangt. Die Haube hätten wir uns verspielt, hat sie bei ihrem Abgang erklärt, sie sei nämlich im Gegensatz zu den übrigen Anwesenden kein bloßer Geldbeutel, der sich für snobistische Effekthascherei teures Geld aus der Tasche ziehen lasse, sondern die Kröger von „ La Table Ronde “. Diese eingebildete Schnepfe!“

Der Küchen- und Schweißdünste verströmende Chef bestätigte, dass es sich so und nicht anders zugetragen hatte. “Aber unserem Ruf hat es zum Glück nicht geschadet, denn unmittelbar nach dem Vorfall hat uns die Homolka vom „ Feinspitz “ für die Trophée Gourmet vorgeschlagen!“

Beide Männer gaben bereitwillig zu, dass sie die Kröger liebend gerne an Ort und Stelle abgemurkst hätten. Für die Tatzeit hatten sie jedoch ein Alibi. „Was glauben´S, was an dem Tag los war, von der Früh an, haben wir wie deppert geschuftet. Am Abend haben wir ein Charity-Dinner für Kosovo-Flüchtlinge ausrichten müssen ... 200 Gäste, jede Menge Prominenz aus Politik, Kunst und Wirtschaft, sogar die „Seitenblicke“ waren da...“, erklärte der Chefkoch stolz. Schöberl verzichtete dankend auf die Aufzählung der Menügänge und nahm rasch seinen Abschied.

Im Steinkrug hatte man ebenfalls bereits vom Tod der Gourmetkritikerin gehört, auch hier weinte man ihr keine Träne nach. Der Lokalbesitzer und sein junger Chef waren sich einig, dass sie noch nie zuvor so blamiert worden waren, wie von dieser Schlampe. „An der Gänseleber ist zu viel Fett ... die Sauce zum Hecht ein Trauerspiel, total überwürzt und pampig. Sie müssen noch viel lernen, bevor sie sich Hoffnungen auf eine Auszeichnung machen können, junger Mann“, imitierte der Koch im Falsett Frau Krögers Stimme. „Sie hat mich coram publico abgekanzelt, wie einen Lehrbuben!“ Der junge Mann machte Schöberl gegenüber kein Hehl daraus, dass er die Gourmetkritikerin rüde beschimpft und kurzerhand hinausgeworfen hatte. „Wer immer es getan hat, sollte einen Orden bekommen. Die fette Blunzen hat nichts Besseres verdient!“ Aber zu Schöberls Leidwesen hatte der zornige Maestro des Kochlöffels ebenfalls ein Alibi, an dem nicht zu rütteln war.

*

Die ganze Nacht wälzte sich Schöberl unruhig im Bett herum. Immer wieder schreckte er aus Alpträumen hoch, in denen er unter Fleischbergen und Lawinen aus Schlagobers erstickte. Dabei hatte er noch längst nicht alle Restaurants abgeklappert. Wenn er Pech hatte, konnten sich die Ermittlungen endlos lange hinziehen.

Am Morgen fühlte er sich wie zerschlagen und wäre am liebsten im Bett geblieben. Aber bevor dieser verflixte Fall nicht gelöst war, konnte er sich keine Schwachheiten leisten. Lustlos tauchte er sein Kipferl in den Milchkaffee.

„Jessas, wie du heut wieder ausschaust, machst dich noch ganz kaputt mit dem Fall!“, bemerkte seine Frau.

„Wenn's nicht wegen der Beförderung wär, tät ich mir eh keinen Haxen ausreißen“, brummte Schöberl grantig. Er hörte, wie seine Frau mit der Zeitung raschelte und ahnte, was jetzt kommen würde.

Im Gegensatz zu ihm, glaubte seine Frau felsenfest an die Macht der Sterne, und las ihm häufig das Horoskop aus der Zeitung vor. Einmal war dabei die Rede von einem unverhofften Geldregen gewesen und sie hatte ihn beschworen, unbedingt einen Lottoschein auszufüllen. Zu faul für die Kreuzelschreiberei, hatte er stattdessen einen Hunderter riskiert und ein paar Brieflose erstanden. Von Geldregen freilich keine Spur, für die läppischen 200 Schilling hatte er seiner Frau einen hübschen Blumenstrauß gekauft. Sie war völlig aus dem Häuschen gewesen, weil die Vorhersagung eingetroffen war.

Inzwischen war seine Frau fündig geworden. „Passt wie die Faust aufs Auge. Hör dir an, was dein heutiges Horoskop sagt!“, rief sie erregt. „Mit Routine allein, lässt sich Ihr Problem nicht bewältigen. Gehen Sie neue Wege. Auch solche, die Ihnen auf den ersten Blick verrückt erscheinen!“

Schöberl schüttelte ärgerlich den Kopf. „Verschon mich gefälligst mit dem Blödsinn!“

„Neue Wege“, wiederholte sie nachdenklich. Aus ihrem schier überwältigenden Fundus an Lebensweisheiten hatte sie sogleich eine Lösung parat. „Ich habs! Warum gehst du nicht zu Madame Zolara, sie kann dir bestimmt helfen!“

Schöberl legte sein abgebissenes Kipferl beiseite. „Die Fernseh-Astrologin?“

Durch ihre allgegenwärtige Präsenz in den Medien hatte sogar der Inspektor schon von Madame Zolara gehört. Die rothaarige Seherin hielt mit ihren Weissagungen via Radio, Zeitungen und Fernsehen die ganze Nation in Bann. Im Chor der Weltuntergangspropheten, die sich zum Millennium in grauenhaften Apokalypse-Szenarien suhlten, tat sich ihre Stimme wohltuend hervor. Ihr zufolge würde das magische Datum nicht mit dem Ende der Welt einhergehen.

Im allgemeinen hielt Schöberl nichts von Astrologie und dem irrationalen Glauben, dass ferne Planeten über menschliches Schicksal regierten. Als Polizist war er es gewohnt, sich auf Fakten und Beweise zu stützen. Allein diesmal brachten ihn seine Ermittlungen nicht weiter. Der Fall war an einem toten Punkt angelangt. Er brauchte es ja nicht an die große Glocke zu hängen, dass er eine Astrologin zu Rate zog. In seiner verzweifelten Lage war es den Versuch wert. Was konnte er dabei schon verlieren?

Auf dem Weg ins Büro verbannte er die verrückte Idee wieder aus seinen Gedanken. Noch war er nicht soweit. Erst als sich auch in den nächsten Tagen kein Hauch einer Spur oder eines Verdachts in dem Mordfall Kröger-Akt finden ließ, niemand an die Tür klopfte um reumütig ein freiwilliges Geständnis abzulegen, keiner seiner Mitarbeiter von einer überraschenden Wendung berichten konnte, und der dumpfe Schmerz, der hinter seiner Stirn pochte immer ärger wurde, platzte dem sonst eher phlegmatischen Kriminalisten der Kragen. In einem ungewohnten Anfall von Wut, knallte er den Hefter auf den Tisch. Die Kollegen zuckten zusammen und zogen in Erwartung eines Donnerwetters die Köpfe ein.

Es gab keines. Stattdessen quetschte sich Schöberl hinter dem Schreibtisch hervor, nahm seinen Trenchcoat und verließ gruß- und kommentarlos die Stätte seines unergiebigen Grübelns. Vielleicht half ein Spaziergang an der frischen Luft seinen Gedanken auf die Sprünge...

Ziellos irrte er umher, ohne auf seine Umgebung zu achten. Obwohl die Temperatur inzwischen gestiegen war blies ein kalter Wind. Seine Wut hatte sich während des Gehens in Luft aufgelöst, auch die Kopfschmerzen waren verschwunden. Unschlüssig sah er sich um. In dem Viertel war er noch nie gewesen. Am Straßenrand parkten nur wenige Autos, kein Mensch ließ sich blicken. Er war zwei Stunden herumgelaufen und fand sich nun vor dem eleganten Portal eines Jahrhundertwendebaus wieder.

Gleich neben dem Eingang prangte ein auf Hochglanz poliertes Messingschild, das sein ratloses Konterfei wiederspiegelte. Unter Zuhilfenahme seiner Lesebrille gelang es ihm, die eingravierten Lettern zu entziffern: Madame Zolara, Astrologin, Lebensberatung. Sein Herz klopfte heftig. War es Vorsehung oder Zufall, dass er ausgerechnet hier gelandet war?

Der Vorschlag seiner Frau kam ihm mit einem Mal gar nicht so abwegig vor. Er würde es auf den Versuch ankommen lassen und bald herausfinden, wie gut die Astrologin ihr Handwerk beherrschte. Bevor er ins Haus trat, vergewisserte er sich, dass ihn niemand beobachtete. Fehlte gerade noch, dass ein Reporter hinter ihm herschnüffelte. Mit dem Mut der Verzweiflung stieß er das Tor auf, aber mit jeder Stufe die er nahm, wuchsen seine Hoffnung und Zuversicht.

Aus Madame Zolaras Büro wehte dem Inspektor der vertraute Duft von Räucherstäbchen entgegen. Immer, wenn seine Frau ein Gericht anbrennen ließ, versuchte sie das Malheur mit Sandelholz oder Patchouli-Schwaden zu überdecken. Sie behauptete, die exotischen Aromen würden das Gemüt aufhellen und zu innerer Ruhe verhelfen. Bis jetzt hatte Schöberl nie etwas derartiges an sich beobachtet. Er bekam nichts als Kopfschmerzen und Niesanfälle davon.

Entschlossen drückte er auf die Klingel. Von innen antwortete ihm ein Summer, und schon schnappte die Tür auf. Im Foyer versperrte ihm ein Paravent aus Rattangeflecht den Weg. Mehrere Klangmobiles bimmelten im Luftzug leise vor sich hin, zu denen sich das Geklingel der vielen Ketten und Amulette gesellte, mit denen die Empfangsdame geschmückt war. Sie war in ein buntes Netzwerk aus Häkelgarn gehüllt und balancierte ihre üppige Fülle auf atemberaubend hohen Stöckelschuhen. Mit wackeligen Schritten stolzierte sie ihm voran, und führte ihn sogleich ins Allerheiligste.

„Alles wird gut, eine weise Entscheidung mich aufzusuchen,“ sagte die attraktive Mitfünfzigerin im Business-Kostüm, die dem Inspektor entgegenkam und mit festem Druck seine Hand ergriff. Nach dem wandelnden Gesamtkunstwerk im Vorzimmer hatte er sich auf eine Steigerung gefasst gemacht. Aber so, wie sich Madame Zolara präsentierte, hätte sie auch in der Direktionsetage eines Geschäftsunternehmens eine gute Figur gemacht. Sein Zutrauen wuchs, als sie ihn mit einer angenehmen Altstimme aufforderte, Platz zu nehmen.

Schöberl reichte ihr seine Karte. „Bevor ich zur Sache komme, muss ich Sie um äußerste Diskretion bitten. Nicht dass Sie der Presse gegenüber ... “ begann er.

Die Astrologin verzog indigniert den Mund. „Aber, Herr Inspektor ... bei mir wird nicht geplauscht. In meiner Zunft ist man - wie doch auch in Ihrer - an die Schweigepflicht gebunden ...“

Schöberl seufzte erleichtert auf. Dann legte er ohne Umschweife seine Fakten auf den Tisch. Dabei musste er sich beschämt eingestehen, dass das Ergebnis seiner bisherigen Recherchen äußerst dürftig war. „Leider kann ich Ihnen nicht viel bieten,“ murmelte er entschuldigend, während er rasch sein Taschentuch hervorholte und hineinnieste.

Madame machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das ist Ihr Job und geht mich nichts an. Alles, was ich brauche, ist eine Liste der Verdächtigen und ihre Geburtsdaten“.

Schöberl nickte und griff in seine Jackentasche. Soviel hatte er von seiner Frau gelernt, dass er wusste, dass es in der Astrologie auf die Geburtsdaten ankam. Er hatte sie sich vorausschauend aus dem Meldeamt-Computer besorgt.

Sie nahm die Liste huldvoll entgegen. „Wenn die Daten stimmen, reicht es mir völlig,“ sagte sie. „Allerdings kann ich nicht sofort...“

Schöberl sah fasziniert zu, wie sie mit spitzen, rotlackierten Fingernägeln fahrige Kreise auf einer mit Schriftzeichen bemalten Unterlage zog. Ein nervöser Tick oder war es ihre Methode mit dem Jenseits Verbindung aufzunehmen? Madame Zolara schaute so entrückt zur Decke hinauf, dass er nicht wagte, sie zu fragen.

Als plötzlich das Telefon neben ihr läutete, beamte sich die Seherin im Bruchteil einer Sekunde in die Realität zurück. „Sie wissen doch, dass ich nicht gestört werden...“, bellte sie ins Telefon. Es gab ein kurzes Geplänkel mit der Sekretärin. Offenbar handelte es sich um einen wichtigen Klienten in akuter Bedrängnis. „Es geht jetzt nicht, er soll´s in zehn Minuten wieder versuchen“, sagte Madame Zolara und legte auf.

„Ja, dann will ich Sie nicht länger ...“, meinte Schöberl und erhob sich.

Madame Zolara überließ ihm ihre Hand. „Wie ich schon sagte, brauch ich etwas Zeit. Sagen wir bis morgen Abend!“

Den ganzen nächsten Tag über war Schöberl ziemlich abwesend bei der Arbeit. Die Stunden bis zur Dämmerung zogen sich endlos dahin. Als er sich auf den Weg machte, war der Himmel von Regenwolken verhangen. Kurz vor seinem Ziel fielen schon die ersten Tropfen. Die Vorzimmerdame nahm ihm den Mantel ab und bat ihn weiterzugehen. Madame Zolara erwartete ihn schon. Diesmal war ihr Schreibtisch mit merkwürdig aussehender Tabellen und Diagrammen bedeckt.. „Keiner der Verdächtigen auf Ihrer Liste kommt als Täter in Frage,“ eröffnete sie ihm gleich zu Beginn.

„Was?“ Schöberl war fassungslos. „Aber jemand muss es doch ...!“

Madame Zolara schüttelte energisch den Kopf. „Natürlich, aber es war mit ziemlicher Sicherheit kein Er!“

„Wer dann?“ platzte Schöberl heraus.

„Nun, das lässt sich nicht so einfach sagen. Keines der Horoskope weist direkt auf den Mörder hin. Aber ich verlasse mich ohnehin nicht allein auf die Sterne, sondern auch auf meine Intuition. Alles deutet darauf hin, dass es sich um ein weibliches Wesen handeln könnte.“

Schöberl hatte sich mehr erhofft, rein statistisch war die Hälfte der Bevölkerung weiblichen Geschlechts.

Madama Zolara spürte seine Enttäuschung. „Sie müssen ein Fisch sein, Sie geben viel zu schnell auf. Ich wollte Ihnen gerade erklären, dass jedes Sternzeichen nicht nur bestimmte typische Charaktereigenschaften aufweist, sondern, dass für jedes Tierkreiszeichen jeweils auch eine spezifische Art des Mordens charakteristisch ist.“

„Ich bin astrologisch nicht versiert, das müssen Sie mir näher erklären!“ bat er.

Na gut, bleiben wir gleich bei Ihnen,“ sagte Madame Zolara. „Ein Fisch, wie Sie, steht unter der Regentschaft des Neptun, dem alle Flüssigkeiten zugeordnet werden. Alkohol zum Beispiel, Essenzen, Öle, Drogen, Gift ... Wenn Fische töten, dann am liebsten durch Gift oder Ertränken...“

Schöberl blieb die Luft weg. Gespenstisch das Vermögen dieser Frau, in den dunkelsten Abgrund seiner Seele vorzudringen. Woher wusste sie nur von dem heroischen Kampf, den er jeden Morgen - während des Rasierens - mit sich austragen musste? Dank eiserner Beherrschung hatte er den Impuls bisher unterdrücken können, aber schon oft war er nahe dran gewesen, seine in der Wanne pritschelnde Frau zu ersäufen. Nur damit endlich ihr nervtötender Gesang verstummte.

Sein Gesicht lief rot an, er kam sich ertappt vor. Doch die Astro-Lady war so in Fahrt, dass sie ihn gar nicht beachtete. „Wassermänner, zum Beispiel, neigen dazu ihr Opfer unter Strom setzen, die Schützen, wiederum, ein Feuerzeichen, bevorzugen die Verbrennung...“

„Frau Kröger wurde mit einem Schlachtermesser erstochen. Welches Sternzeichen käme denn dafür in Frage“, unterbrach Schöberl ungeduldig.

Madame Zolara hatte wieder damit begonnen mit den Fingern auf der bekritzelten Unterlagen herumzukreisen und schien auf Empfang zu sein. Plötzlich stoppte sie.

Schöberl hielt gespannt den Atem an.

“... möglicherweise sind sowohl die Ermordete, wie auch die Mörderin im Zeichen der Jungfrau geboren. Da sehen Sie sich das an!“, forderte sie den Inspektor auf und stieß ihren Zeigefinger mitten ins Gekritzel. „Zur Tatzeit stand Pluto im Quadrat zum Mars. Pluto steht für Gewalt. Bei dieser unheilvollen Konstellation ist die Gefahr groß, dass der Betreffende Opfer einer Gewalttat wird. Ebenso gut kann es unter dem Einfluss von Pluto aber auch passieren, dass selbst ein durch und durch friedfertiger Mensch zum Mörder wird...“

Schöberl zuckte zusammen. Bei Madame Zolaras letzter Bemerkung, hatte es bei ihm geklingelt. Er versuchte sich zu erinnern ... Dieser Sachertortenschänder, dieser Meyer, hatte der sich nicht als friedfertiges Lämmchen bezeichnet?

Die Astrologin machte seine Überlegungen jedoch sogleich zunichte. „Sie haben sich schon lange genug verzettelt. Sie sollten im Umfeld der Toten nach einer weiblichen Person Ausschau halten, die im Zeichen der Jungfrau geboren ist, dann haben Sie die Täterin!“, erklärte sie dezidiert.

Schöberl fröstelte bei der Bestimmtheit ihrer Aussage, als hätte ihn soeben der Hauch des Jenseits gestreift. Er bedankte sich überschwänglich bei der Seherin und eilte hinaus. Im Vorzimmer hielt ihn das lebende Gesamtkunstwerk auf, und drückte ihm einen Zettel in die Hand, auf den vier Ziffern gemalt waren. 6 5 0 0, las er, ohne zu verstehen.

„Madame Zolaras Honorar,“ klärte ihn die Vorzimmerdame auf. „Im Prinzip lässt sie uns gewöhnlich Sterbliche bereitwillig und unentgeltlich an ihrem Wissen teilhaben. Ihre Begabung ist ein Geschenk Gottes, sie versteht sich nur als Instrument, das zwischen oben und unten vermittelt ... Andererseits nimmt es sie spirituell immer so mit, dass sie lange Erholungsphasen braucht ...und sie hat natürlich auch ihre Spesen...“

Ihre langwierigen Erklärungen wären nicht notwendig gewesen. Schöberl öffnete seine Brieftasche und bezahlte, ohne mit der Wimper zu zucken. Während er beschwingten Schrittes ins Büro zurückeilte, arbeiteten seine grauen Zellen auf Hochtouren. Madame Zolara hatte ihn aus der Sackgasse herausgeführt. Auf einmal taten sich eine ganze Reihe bisher vernachlässigter ermittlerischer Möglichkeiten vor ihm auf ...

Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Das Fenster in Frau Krögers Büro war offen gewesen ... die Mörderin musste sich vom Dach abgeseilt haben. Rasch ergänzte er das Täterprofil. Die Betreffende musste schwindelfrei, gelenkig, unerschrocken und sportlich sein. Mit Sicherheit war sie kaltblütig und reaktionsschnell, sonst hätte sie nicht mit einem Griff das breiteste Messer erwischt und das überrumpelte Opfer blitzschnell und hinterrücks erstochen.

Schöberl war sich sicher, dass es von nun an nur noch ein Kinderspiel war, die Täterin zu eruieren. Er hatte sich bei seinen Ermittlungen viel zu sehr auf die Haubenköche konzentriert. War da im Umfeld der Kröger nicht noch von einer anderen Auszeichnung die Rede gewesen?

Als er am nächsten Morgen im Büro bestens gelaunt den Radetzky-Marsch vor sich hinpfiff, trug ihm das reihum böse Blicke seiner Kollegen ein. Davon unbeirrt wählte der Inspektor die Nummer der Redaktion von La Table Ronde, und ließ sich mit Frau Krögers Sekretärin verbinden.

Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf den Tisch, bis er sie endlich am Apparat hatte. Nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln, bat er sie um die Erklärung, was es mit dieser anderen Auszeichnung auf sich hatte.

Frau Hofer sog hörbar die Luft ein. „Sprechen Sie von der Trophée Gourmet?“ Ein paar Mal musste er dazwischen fragen, und sie von nebensächlichen Ausschweifungen zurückholen. Im Anschluss an das Gespräch, fasste er seine Notizen zusammen. Aus Anni Hofers Aussage kristallisierten sich drei Anhaltspunkte heraus. Punkt 1: Noch am heutigen Abend würde das Konkurrenzblatt „ Feinspitz“ im Rahmen einer festlichen Gala im Palais Pallavicini eine Reihe von Köchen mit der neuen Auszeichnung namens „Tropheé Gourmet“ in den Kochadel erheben. Punkt 2: Dem Verlagschef der „ Table Ronde “ war es gelungen, die Erfinderin der neuen Auszeichnung vom Feinspitz abzuwerben. Punkt 3: Die Betreffende würde bereits im Herbst bei „ La Table Ronde “ als Chefredakteurin anfangen.

Der Personalchef, dem sein nächster Anruf galt, bestätigte, was ihm die Sekretärin bereits gesagt hatte. Der Inspektor fragte nach dem Geburtsdatum der Chefredakteurin in spe.

„Frau Eva-Maria Homolka ist am 14. September geboren“, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen.

Schöberl war überrascht. „Sie wissen das Datum auswendig?“

„Unser neuer Verlagsleiter hat einen Astro-Fimmel und wollte, dass wir sie astrologisch durchchecken lassen, bevor wir sie einstellen ... aus Zeitmangel bin ich noch nicht dazugekommen“, erklärte der Personalchef.

Schöberl war wie elektrisiert. Sofort scheuchte er seine Mitarbeiter auf. Nun musste alles sehr schnell gehen.

Trotzdem war es bereits kurz vor zehn, als Schöberl mit hängender Zunge am Josephsplatz eintraf. Die feierliche Zeremonie, der ein Gala-Dinner vorangegangen war, war schon zu Ende. Einige Gäste kamen ihm auf der barocken Treppe entgegen, der festlich geschmückte Saal hatte sich – bis auf einige wenige kleine Grüppchen – geleert, und die Kellner waren bereits dabei, die Tische abzuräumen.

Obwohl er sie nicht kannte, brauchte er Frau Homolka nicht lange zu suchen. Beladen mit Blumenbouquets, stand sie inmitten einer kleinen Runde nahe des Rednerpults, und nahm selig lächelnd, und offensichtlich geschmeichelt, Wangenküsschen und Gratulationen entgegen. In einem anthrazitfarbenen, hochgeschlossenen Abendkleid, die langen blonden Haare streng geknotet, und einer dunklen Hornbrille als einzigem modischen Accessoire, wirkte sie kühl und kontrolliert, auch wenn sie im Augenblick in Hochstimmung sein musste.

Schöberl war kein Unmensch, und so wartete er bis sich die Runde lichtete. Inzwischen hatte sie den Inspektor bemerkt und taxierte ihn des öfteren mit abschätzenden Blicken. Als sie wieder hersah, trat er näher, nannte seinen Namen und bat, sie ungestört sprechen zu dürfen.

„Moment noch“, sagte sie leicht verärgert, drehte Schöberl kurz den Rücken zu und drückte dem Mann, der die ganze Zeit neben ihr ausgeharrt hatte, die Blumen in die Hand. „Schorschi, hol schon den Wagen, ich komm gleich!“

Endlich schenkte sie Schöberl ihre Aufmerksamkeit. „Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir? Sie sehen ja was los ist, ich hab jetzt keine Zeit!“, fuhr sie ihn unwirsch an.

„Mit Verlaub, Gnädigste, ich fürchte, bald werden Sie mehr Zeit haben, als Ihnen lieb ist. Ich bin mit den Ermittlungen im Mordfall Kröger befasst, und muss Sie bitten mitzukommen!“ Für einen Augenblick schwankte sie, als würde ihr der Boden entzogen, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle und folgte dem Inspektor, als hätte er sie zu einem Spaziergang eingeladen.

Im Büro angelangt, fackelte Schöberl nicht lange herum, sondern sagte ihr die Tat auf den Kopf zu. Inzwischen war das Fenster auf seine Veranlassung noch einmal gründlich untersucht worden. Dabei hatte man ein langes blondes Haar als Beweismittel sicherstellen können. Der Gentest stand zwar noch aus, aber Schöberl hielt ohnehin nicht viel von Kommissar Computer. Für ihn gab es keinen Zweifel, dass er die Mörderin vor sich hatte. Mit seiner altbewährten Verhörmethode würde er sie schon knacken.

Er ließ sie stundenlang im Vernehmungszimmer schmoren, verweigerte ihr Kaffee und Zigaretten, und richtete schließlich eine 100 Watt Lampe gnadenlos auf ihr Gesicht. Dahinter im Schatten, beobachteten er und sein Assistent hochkonzentriert jede Nuance ihres Mienenspiels. Bereit, sofort, und mit der Sensibilität eines Seismographen, auf die kaum wahrnehmbaren Anzeichen von Schuld, einem Beben der Stimme, dem Heben der Brauen, dem Zittern der Finger, zu reagieren.

Sie war eine harte Nuss. Ihre Widerborstigkeit irritierte den Inspektor, aber er ließ nicht locker und wartete geduldig. Der Morgen dämmerte schon, als Eva-Maria Homolka schließlich vom stundenlangen Verhör zermürbt zusammenbrach und mit bebender Stimme gestand, dass sie ihre Erzfeindin und verhasste Konkurrentin aus dem Weg geräumt hatte.

Schöberl lehnte sich zufrieden zurück, ließ Kaffee bringen und offerierte ihr eine Zigarette. Sie nahm einen Lungenzug, als befürchtete sie, es könnte die Letzte sein.

„Ganz schön riskant durchs Fenster hereinzuklettern. Hatten Sie keine Angst abzustürzen?“ wollte er von ihr wissen.

Sie schüttelte den Kopf. „Die Abseilaktion war ein Klacks für mich, ich bin schon seit Jahren Mitglied des Alpenvereins. Für den Fall eines Absturzes war ja die Matratze da“, verriet sie nicht ohne Stolz.

Mehr als das Wie interessierte sich der Inspektor jedoch für das Warum. „Warum haben Sie Frau Kröger umgebracht? Sie müssen für diese unmenschliche Bluttat doch einen Grund gehabt haben?“

Es war ihr anzumerken, dass sie sich über Schöberls Wortwahl ärgerte. „ So einen schönen Tod hat diese Kanaille gar nicht verdient... kurz und schmerzlos ... sie hat es nicht einmal mitgekriegt, so schnell ging es...“

„Und das Motiv?“, wiederholte Schöberl.

Die Homolka schnaubte verächtlich. „Sie war das boshafteste, missgünstigste, besserwisserischste Individuum, das man sich denken kann. Was glauben Sie, wie vielen erstklassigen Restaurants dieses Miststück die Haube verweigert hat? Ein Koch hat sich sogar ihretwegen umgebracht ... Das konnte man nicht länger hinnehmen ... also habe ich mir die Trophée Gourmet ausgedacht, um das elitäre Monopol der Kröger ein für allemal zu zerschlagen!“

„Wusste Frau Kröger davon?“ unterbrach sie der Inspektor.

„Ich hab natürlich alle beschworen, absolutes Stillschweigen zu bewahren, damit sie mir nicht dazwischenfunkt. Aber die Branche ist ein Tratschnest!“

„Und hat sie dazwischengefunkt?“

„Das kann man wohl sagen. Von ihrer redseligen Sekretärin habe ich erfahren, dass sie noch am gleichen Tag Hunderte Briefe verschickt hat, mit der Aufforderung, die Verleihung zu boykottieren. Aber sie hat sich verrechnet. Die Branche ist voll auf die Trophée abgefahren, Sie haben ja selbst gesehen, was heute Abend los war!“ Sie machte eine Pause, um sich eine Zigarette anzuzünden. In Gedanken schien sie ihren Triumph noch einmal richtig auszukosten. Der Inspektor ließ ihr Zeit.

„Irgendwie hat auch der neue Verlagsleiter der Table Ronde davon gehört, jedenfalls hat er mich zu einem Gespräch eingeladen, und mir kurz darauf die Chefredaktion angeboten.“ Ein Lächeln huschte über ihr angespanntes Gesicht. „Sie werden das nicht verstehen, das ist ... wie ein Ritterschlag von der Queen! Aber meine größte Genugtuung war, der Kröger den Chefsessel vor ihrer Nase wegzuschnappen!“

„Sie haben Sie doch auf allen Fronten geschlagen, warum mussten Sie sie dann noch umbringen?“ fragte Schöberl verwundert.

„Obwohl meine Nominierung noch nicht offiziell war, muss sie geahnt haben, dass was im Busch ist ... sie hat mich angerufen und massivst bedroht!“

„Womit denn?“

Die Homolka gab keine Antwort, sondern bat um ein Glas Wasser. Schöberl holte es ihr selbst. Er war froh über die Pause und die Gelegenheit, sich kurz die Beine zu vertreten. Sein Assistent gähnte und streckte sich ausgiebig. Nur die Homolka zeigte keinerlei Ermüdungserscheinungen.

Schöberl setzte sich wieder. „Frau Kröger hat Sie also bedroht ... was hatte sie denn gegen Sie in der Hand?“

„Dieses Luder wollte publik machen, dass ich mich für wohlwollende Kritiken kaufen lasse ... wenn das die Runde gemacht hätte, wäre mein Ruf dahin gewesen ... dabei hab ich nie Geld genommen ... ich hab mich lediglich einige Male mit ein paar Freunden zum Essen einladen lassen. Auch wenn es Ihnen läppisch vorkommt, in unserem Metier ist das ruinös. So knapp vorm Ziel abzustürzen ... ich musste sie stoppen...“

„Aber es war doch nur eine Drohung, Sie konnten doch nicht wissen...“

„Man hat so seine Tricks,“ sagte sie mit einem hämischen Grinsen. „Die dumme Plaudertasche von ihrer Sekretärin hat mir nach ein paar Schnäpsen den Schlachtplan bis ins kleinste Detail verraten. Ihre Chefin hat ihr Punkt für Punkt die ganze Liste meiner Verfehlungen diktiert, mit der Absicht, sie am Montag dem Verlagsleiter vorzulegen ... Mir ist nichts anderes übriggeblieben, als ihr zuvorkommen..." Erst jetzt zuckten ihre Schultern und sie begann hemmungslos zu heulen.

Schöberl schaltete das Aufnahmegerät aus. Die Ermittlung war abgeschlossen.

Im Büro herrschte Hochstimmung über die gute Nachricht. Schöberls Chef war voll des Lobes, als er ihm das unterzeichnete Geständnis vorlegte. „Ehrlich gesagt, wie nichts weitergegangen ist, wollt ich Ihnen den Fall schon entziehen. Tja, ich hätte Sie fast unterschätzt ... Gratuliere, tolle Leistung! Sie können selbstverständlich damit rechnen, dass ich Ihre Beförderung befürworte. Ganz unter uns, wie haben Sie den Fall so rasch klären können?“

Schöberl polierte seine Brille und meinte kryptisch: „Die Sterne helfen denen, die an sie glauben.“

*

Als Schöberl endlich mit dem Papierkram fertig war und nach Hause gehen konnte, war es bereits Mittag. Es roch nach Räucherstäbchen, als er die Tür zu seiner Wohnung aufsperrte. Messerscharf schloss er daraus, dass seiner Frau das Gulasch, das sie ihm vorsetzte, angebrannt war. Durch seinen Erfolg milde gestimmt, überging der Inspektor das kulinarische Fiasko und aß seine Portion tapfer auf. Seine Frau hatte etwas gut, ohne ihren Hinweis auf die Astrologin wäre der Fall nicht so rasch vorangekommen.

Frau Schöberl war angenehm überrascht, dass ihr Mann kommentarlos seinen Teller leerte. Sonst meckerte er andauernd über ihre Kochkünste. Sie zog jedenfalls den richtigen Schluss aus seinem Verhalten. „Du hast den Fall gelöst, hab ich recht? Na bravo, jetzt wirst du sicher befördert.“

Schöberl hob erstaunt die Augenbrauen. „Bist du jetzt auch schon unter die Hellseher gegangen? Woher weißt du...?“

Ein überlegenes Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus. „Die Sterne lügen nicht. Da steht´s Schwarz auf Weiß“, sagte sie, und reichte ihm die Zeitung.

Schöberl schob sich die Lesebrille auf die Nase und las...“Der negative Saturneinfluß, der Ihnen zuletzt zu schaffen machte, wird von einem positiven Merkuraspekt abgelöst. Merkur hilft Ihnen, ein Geheimnis zu enthüllen und begünstigt Ihr berufliches Fortkommen.“

„Meinst du nicht, dass das gefeiert gehört?“ Ohne seine Zustimmung abzuwarten, holte Frau Schöberl den Sekt, den sie bereits eingekühlt hatte.

Als sie mit den Gläsern anstießen, versprach sich der Inspektor insgeheim, sich künftig beim Spötteln über den Astro-Fimmel seiner Gattin zurückzuhalten. Angesichts der Erkenntnis, dass das Verbrechen niemals schlief, und ihm noch zwei lange Jahre bis zur Pensionierung fehlten, stand er sogleich auf und kramte sein Notizbuch hervor, um Madame Zolaras Telefonnummer mit Tinte einzutragen. Für alle Fälle...

© Helga Anderle


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