In Wien geboren, wuchs
Helga Anderle zum Teil dort und auch in Valencia (Spanien) auf.
Sie studierte in Spanien, Frankreich, der Schweiz und Frankreich
Linguistik und arbeitete für internationale Organisationen
in Genf. Seit den Siebzigerjahren ist sie journalistisch für verschiedene
deutsche und österreichische Medien tätig. Sie blickt auf
zahlreiche Veröffentlichungen zurück (Erzählungen, Essays
und Kriminalromane), gab Zeitschriften und Anthologien in Österreich
und anderswo heraus (z. B. in Australien, der BRD, Spanien, Japan,
Korea, CSSR, Bulgarien, Schweiz, Mexiko und die USA).
Herausgeberin der
ersten internationalen Anthologie von Frauenkrimis, die in mehreren
Ländern erschien. Mitherausgeberin einer internationalen
Anthologie von Autoren der AIEP (Internationale Vereinigung der Kriminalschriftsteller),
veröffentlichte sie auch eine Anthologie ihrer eigenen Erzählungen
(Fischer Verlag, Frankfurt/M.) und schrieb das Drehbuch zu einem österreichischen
Fernsehfilm. 2004 gewann sie mit ihrer Erzählung "Winterreise" den
internationalen Wettbewerb zur Erinnerung an den bulgarischen Autor
Attanas Mandajieff.
(Übersetzung: Elfriede Müller)
In der Nachkriegszeit war das
Café hinter der Oper ein beliebter
Treff des Schwarzhandels und der internationalen Geheimdienste gewesen.
In den Jahren danach verirrten sich nur selten ausländische Touristen
hierher, großteils wurde es von Einheimischen, Cello spielenden
Zahnärzten, inkontinenten Hofratswitwen, wirrköpfigen Weltverbessern,
Komparsen aus der Oper und pensionierten Beamten bevölkert, die
sich in dem vergammelten, plüschigen Ambiente wohlfühlten.
Mit der Übernahme durch einen japanischen Konzern und der unsensiblen
Renovierung in den späten Siebziger Jahren, hatte man ihm seinen
dekadenten, morbiden Charme exorziert, und damit auch die Stammgäste
vertrieben. Seitdem wurde das Lokal in erster Linie von japanischen Reisegruppen
frequentiert, die sich gegenseitig beim Verspeisen typischer Wiener Mehlspeisen
fotografierten, beziehungsweise mit der Aufforderung „Please, take picture!“,
den Ober dazu einspannten.
Aber auch die beiden mittelalterlichen
Damen, wiewohl unverkennbar hiesiger Provenienz, hielten ihn ganz
schön auf Trab. Sie hatten, sichtlich
pikiert über das fernöstliche Tohuwabohu, zweimal den Platz
getauscht, und sich endlich, abgeschirmt von einem täuschend echten
Plastikphilodendron, in der abgelegensten Nische niedergelassen, sodaß er
bei jeder Bestellung die ganze Länge des Lokals durchqueren mußte.
Zuerst hatten sie Kaffee – eine Melange, eine Schale Gold - dazu Apfelstrudel
und Heidelbeerschnitte konsumiert; etwas später hatte ihn die hochgewachsene,
elegante Blondine hergewunken und etwas Hochprozentiges verlangt. Ohne
lange zu überlegen, hatte er ihnen den steirischen Himbeergeist – seinen
Lieblingsschnaps - empfohlen. Die andere – klein, in einem grauen, viel
zu engen Kostüm und einer mißglückten Dauerwelle Marke
Drahtwaschel, hatte anfangs zwar protestiert, war jedoch bereits beim
ersten Stamperl auf den Geschmack gekommen. Nach dem dritten waren ihre
Gesichtszüge augenfällig entgleist, dafür lief nun ihr
Mundwerk wie geschmiert. Kein Wunder, daß sie schwankte, als sie
schließlich aufstand, um sich von ihrer Gastgeberin zu verabschieden.
Vorsorglich behielt er sie im Auge. Als sie den ersten Stuhl auf ihrem
Weg polternd umstieß, war er sofort herbeigeeilt, hatte sie diskret
am Ellbogen gefaßt, und um alle Hindernisse herum, sicher
zur Tür gelotst.
Draußen, von der kühlen Abendluft einigermaßen wieder
ernüchtert, begann es der Molligen zu dämmern, daß sie
sich von einer Machiavellistin ersten Ranges einkochen und nach Strich
und Faden hatte ausfratscheln lassen. Natürlich war sie über
die Einladung verwundert und anfangs mißtrauisch gewesen. Aber
das raffinierte Weibsbild hatte sie zuerst mit Schmeicheleien eingelullt,
ihr dann mit Schnaps die Zunge gelöst – und schon hatte sie alles über
ihre Chefin ausgeplaudert. Es hatte richtig gutgetan, sich einmal den
ganzen Frust von der Seele zu reden, zumal sie im Gegenzug auch einige
hochinteressante Dinge erfahren hatte. Das konnte lustig werden, wenn
die fette Kuh am Montag eiskalt von der Neuigkeit überrascht
wurde ...
Aufgekratzt und bestensgelaunt
entschied sich die Blonde vor dem Nachhausefahren noch für einen Auslagenbummel durch die Kärntner Straße.
Sie konnte sich gratulieren, daß ihr die Idee zu dem Kaffeeklatsch
gekommen war. Dank dieser unglaublich dämlichen Tratschtante, war
sie jetzt über alles bis ins kleinste Detail im Bilde und hatte
noch drei Tage Zeit, um sich die beste Vorgangsweise zu überlegen.
Wenn sie in der Redaktion erst einmal das Kommando hatte, würde
sie die Plaudertasche - diese illoyale, unattraktive, geistig minderbemittelte
Person – bei der ersten Gelegenheit sofort an die Luft setzen.
*
So präzise Madame Zolara Fußballergebnisse, Wahlausgänge
und sonstige die Nation bewegende Ereignisse vorhersagte, mit ihrer Prognose – Österreich
darf sich auf einen Traumsommer freuen – lag die populäre, rothaarige
Seherin völlig daneben. Für Ende Juli war es viel zu kalt,
am Wochenende hatte es in den Bergen sogar geschneit. Entsprechend eisig
war der Wind, der an diesem Montag-Vormittag durch Wien pfiff. In der
Redaktion der Gourmetzeitschrift „La Table Ronde“ hatten einige Leute
sogar ihre Jacken und Mäntel anbehalten, um nicht zu frieren. Nur
Leonore Kröger fror nicht, schwitzend hockte sie – nach einwöchiger
Absenz - wieder an ihrem Schreibtisch.
Obwohl sie seit 24 Stunden
nichts als Zwieback und Tee zu sich genommen hatte, kam sie sich aufgedunsen
wie ein Germknödel vor. Es war schlichtweg
paradox: In der vergangenen Woche hatte sie beim Abklappern der Hochburgen
heimischer Gastronomie tagtäglich die besten Champagner, Weine und
Liköre gesüffelt, und dazu die exquisitesten Kreationen der
genialsten Chefköche des Landes verzehrt. Aber was jedem Feinspitz
wie eine Traumreise durchs Schlaraffenland vorkommen mochte, für
einen Profi-Esser war es das reinste Martyrium. Noch Tage danach quälten
sie die üblichen Beschwerden aller Gourmet-Kritiker: Saures Aufstoßen,
Sodbrennen, Völlegefühl, Verstopfung und geradezu groteske
Blähungen. Trotz des lauwarmen Kamillentees um den sie Anni, ihre
Sekretärin, gebeten hatte, und der Tabletten, die sie laufend schluckte,
hörte es nicht auf in ihrem Magen zu zwicken und rumoren. Schade,
dass sie es nicht fertig brachte, sich einfach den Finger in den Rachen
zu stecken. Mit dieser Methode verschafften sich viele ihrer weniger
zimperlichen Kollegen Erleichterung.
Erfahrungsgemäß beruhigte sich ihr gepeinigtes Verdauungssystem
nach ein paar Tagen strikter Diät. Weitaus schlimmer waren hingegen
die langfristigeren Folgen. Mit jeder Fresstour setzten sich an Bauch,
Hüften und Beinen unweigerlich neue Fettwülste an, sodass aus
ihrer seit jeher walkürenhaften Figur allmählich ein unförmiger
Koloss geworden war. Wenn man sie redaktionsintern „Venus von Kilo“ titulierte,
so war das geradezu geschmeichelt.
Es half nichts in Selbstmitleid
zu versinken. Sie sollte sich besser zusammen reißen und zur Tagesordnung übergehen. Jeder Beruf
hatte seine Schattenseiten, auch ihrer. Zu den unangenehmsten gehörten
vor allem die vielen Schmähbriefe und Drohanrufe, natürlich
immer anonym, mit denen sie jedes Mal nach Erscheinen ihrer Kolumne rechnen
musste. Erst heute morgen hatte Anni wieder einen ganzen Stapel übelster
Ergüsse auf ihrem Schreibtisch abgeladen.
Selbstverständlich war sie bereit sich einer offenen, fairen Diskussion
zu stellen. Aber mit anonymen Drohungen konnte man sie nicht Kleinkriegen.
Schließlich war sie die Kröger, die unumstrittene Doyenne
der Gourmetkritik. Es war ihr alleiniges Verdienst, das Schnitzel- und
Schweinsbratenland auf internationales kulinarisches Niveau gebracht
zu haben. Mochte man sie noch so hassen, ohne sie würde die heimische
Gastronomie immer noch in ihrem Dauerschlaf dahindämmern.
Kochen war ein faszinierendes
Metier. Leonore hatte nichts gegen die soliden Handwerker, ihre Bewunderung
galt jedoch jenen genialen Köchen,
die mit Kreativität, Einsatz und Leidenschaft das Kochen zur Kunst
erhoben. Der Großteil hatte die Ochsentour durch französische,
Schweizer oder fernöstliche Drei-Stern-Restaurants absolviert. Andere
wiederum hatten jahrelang die Gaumen von Kreuzfahrtpassagieren verwöhnt,
ehe sie sich mit ihren Ersparnissen und Bankkrediten an das Risiko wagten,
ein eigenes Lokal zu eröffnen. Es war verdammt schwer, sich an die
Spitze zu kochen. Oft dauerte es Jahre, bis aus einem Geheimtipp, eine
Pilgerstätte der Hohen Kochkunst wurde, für die passionierte
Feinschmecker freudig die mühsamste Anreise in Kauf nahmen.
In ihrer Macht lag es, diesen
Prozess zu beschleunigen. Je hymnischer sie sich über ein Lokal äußerte, desto früher folgten
die immer auf der Suche nach neuen Geschmackserlebnissen befindlichen
Genießer ihren Empfehlungen. Wehe jedoch, wenn sie einen mit einer
Haube liebäugelnden Koch als Stümper enttarnte. Dann konnte
das Lokal nur noch Busladungen voller sonntäglicher Schnitzeltouristen
abfüttern oder gleich den Konkurs anmelden...
Inzwischen war es Mittag, ihr
elender Zustand unverändert, und
sie hatte noch nicht einmal Zeile ihres Berichts geschrieben. Als ob
sie Gedanken lesen konnte, kam ihre Sekretärin mit einer Kanne frischgebrühtem
Tee herein. „Brauchen Sie sonst noch was, ich mach jetzt Essenspause!“ Den
Türgriff schon in der Hand, fiel ihr noch etwas ein. „Nicht vergessen,
Frau Kröger, um 5 Uhr will der neue Verlagsleiter mit Ihnen sprechen!“
Als Leonore ansetzte, um sich
zu bedanken, entkam ihr stattdessen ein unfreiwilliger Rülpser. „Pardon“, entschuldigte sie sich beschämt. „Ach übrigens,
Anni, Sie haben mir noch gar nicht erzählt, was inzwischen in der
Redaktion los war. Gibt es irgendwelche Reaktionen auf meine Boykottaufrufe?
Hat man sich schon geeinigt, wer...“. Sie erhielt keine Antwort. Die
Sekretärin war bereits gegangen.
Mühsam stemmte sich Leonore aus ihrem Sessel. Am liebsten wäre
sie nach Hause gegangen. Andererseits konnte sie sich nicht erlauben,
die Besprechung abzusagen. Was sie jetzt unbedingt brauchte, war
frische Luft. Es blieben ihr nur noch knappe zwei Stunden, sich entsprechend
auf das Meeting mit dem Verlagsleiter vorzubereiten.
Bestimmt würde er ihr
den Selbstmord des Chefkochs von den „ Drei
Dragonern “ vorhalten. Der Vorfall hatte der Zeitung sehr geschadet,
kaum noch ein Restaurant wollte bei ihnen inserieren. Alle gaben ihr
die Schuld, obwohl sie lediglich ihre objektive Meinung geäußert
hatte, dass das Niveau der Küche kaum zu unterbieten, der Service
schlecht war, und man in jedem Vorstadtbeisel ein besseres Beuschel
vorgesetzt bekam, als in dem Nobel- und Nepplokal.
Ebenso gut konnte es aber auch
um die Briefe gehen, die sie noch vor ihrer Tour an alle Hauben-Restaurants
verschickt hatte, um sich ihrer Loyalität zu versichern. Nur gut, dass ihr noch rechtzeitig zu Ohren
gekommen war, dass die Konkurrenz gegen ihr Hauben-Monopol putschte und
die Verleihung einer Trophée Gourmet plante. Eine Schwachsinnsidee,
die sich diese Bohnenstange vom Feinspitz ausgedacht haben
musste. Kein Restaurant würde es wagen, sich dem Boykott, zu dem sie in
ihren Briefen unmissverständlich aufgefordert hatte, zu widersetzen.
Von den paar Schritten war
ihr schwindlig geworden. Ächzend ließ sie
sich wieder in ihren Bürostuhl sinken. Eine Windbö rüttelte
an den Fenstern, der kalte Luftzug jagte ihr eine Gänsehaut über
den Rücken. Für einen kurzen Augenblick verdunkelte ein Schatten
das Fenster, aber bevor ihr benebeltes Gehirn die beiläufigen Wahrnehmungen
zu den Reflexrelais durchschalten konnte, um ihnen Adrenalinausstoß,
Flucht oder Abwehr zu signalisieren – war es bereits zu spät.
Sie fühlte den Stoß im Rücken, aber keinen Schmerz.
Vom Schaden, den das Schlachtermesser in ihrem Inneren angerichtet hatte,
ahnte sie nicht das geringste. Schon überschwemmte der Blutstrom
aus den durchtrennten Gefäßen die beiden Herzkammern. Bald
war die Löschpapierunterlage auf ihrem Schreibtisch mit Blut vollgesogen
und aus dem kleinen Rinnsal, das sich unter ihrem rechten Brustkorb bildete,
liefen die ersten Tropfen senkrecht den Ärmel hinunter. Kurzfristig
sammelten sie sich an der Kuppe des Mittelfingers, bis sich der erste
vorwitzige Tropfen löste und in einer mikroskopisch kleinen Fontäne
auf dem Boden aufschlug. Mit jedem weiteren Tropfen vergrößerte
sich die Blutlache auf dem Boden.
Kurz bevor Leonore endgültig das Bewusstsein verlor, durfte sie
als letzte Gnade noch das ultimative Geschmackserlebnis auskosten, dem
sie zeitlebens vergeblich nachgelaufen war. Wie durch ein Wunder liebkoste
eine superbe Sauce Hollandaise die Geschmackknospen auf ihrer Zunge,
der als harmonische Ergänzung das Zartbittere einer Spargelspitze
folgte. Dann war sie tot.
*
Annis Schrei war bis in den
letzten Winkel der Redaktion zu hören
und ließ allen Anwesenden das Blut in den Adern stocken. Magnetisch
angezogen von dem Heulton, lief einer nach dem anderen hinaus auf den
Gang. Vor Schreck war Anni die Kaffeetasse aus der Hand gefallen, ihr
Kleid war von der schwarzen Brühe völlig durchnässt. Wie
versteinert stand sie vor der Tür und deutete stumm mit der ausgestreckten,
zitternden Rechten in Richtung Schreibtisch.
Leonores massiger Oberkörper begrub den Großteil der Tischplatte
unter sich. Aus der Entfernung erinnerte der Anblick an ein Walross,
das am Meeresufer gestrandet war. Das längliche Ding, das aus ihrem
Rücken ragte, war unverkennbar der Griff eines Schlachtermessers.
Meyer, der Art-Direktor, fand
als erster die Sprache wieder. „Was für
ein Gemetzel, ekelhaft! Jemand muss die Rettung rufen!“ Alle starrten
gebannt auf die grausige Szene, keiner rührte sich. Endlich gab
sich Gerda, die Anzeigenleiterin, einen Ruck. „Ich hab beim Roten Kreuz
einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht, vielleicht lebt sie noch!“
„Das sieht doch ein Blinder, die ist so tot wie der Ötzi. Das ist
ein Fall für die Polizei, kaum anzunehmen, dass sie sich beim Rückenkratzen
selbst ... die hat jemand erstochen!“ interpretierte Tillmann, der
stellvertretende Chefredakteur kennerisch das dargebotene Tableau.
Annis hysterisches Kreischen übertönte mühelos die aufgeregten
Spekulationen, mit denen Tillmanns Worte aufgenommen wurden. „Ein Mord,
das überleb ich nicht!“
„Eine Leiche reicht, sparen Sie sich das Theater!“,
rief Tillmann sie scharf zur Ordnung.
Der Notarzt vom Johanniterdienst
warf nur einen Blick auf Leonore. Seine Bemühungen kamen zu spät.
Er und seine Truppe machten auf dem Absatz kehrt.
Als nächstes traf die Polizei ein. Zuerst zwei Uniformierte, die
nicht zuständig und von der Situation eindeutig überfordert
waren. Dann kamen drei Zivile, von denen der Korpulenteste und Älteste
das Sagen hatte. Krauses Haar, untersetzt, mit einem Gesicht, in dem
sich das Phlegma eines gutmütigen Bernhardiners wiederspiegelte,
stellte sich der Mann als Gruppeninspektor Schöberl vor. Als erste
Maßnahme schickte er in brüskem Ton das geschockte Redaktionspersonal
wieder an seine Arbeitsplätze zurück. “Bitte, meine Herrschaften
machen's keine Spumpanadeln, sondern folgen Sie unseren Anweisungen!
Und dass mir ja keiner davon spaziert, bevor wir nicht alle befragt
haben!“
Bald herrschte am Tatort hektische
Aktivität und Lärm. Nach
etwa einer halben Stunde, gab Schöberl den Leichnam zum Abtransport
frei. „Passts ja auf Leuteln, net dass euch an Bruch hebts!“
Die Pathologin, eine forsch
auftretende Blondine mit ausgeprägtem Überbiss,
wimmelte seine Fragen kurzangebunden ab. „Ich nehm´ sie jetzt mit,
nach der Untersuchung weiß ich mehr. Der Tod ist erst vor kurzem
eingetreten, sie ist noch ganz warm“.
Schöberl steckte das blutige Schlachtermesser in eine Plastiktüte. „Das
Corpus delicti muss besonders sorgfältig auf Fingerabdrücke
untersucht werden,“ instruierte er seine Mitarbeiter. Woher es stammte,
war bereits geklärt. Anni Hofer, die Sekretärin der Ermordeten,
hatte sofort bemerkt, dass aus dem sechsteiligen Messer-Set auf dem Regal
hinter dem Schreibtisch, eines fehlte. „Das Geschenk eines Anzeigenkunden.
Frau Kröger hat es im Büro gelassen, weil ihr die Messer
zu scharf waren ... sie hat Angst gehabt, sich damit zu verletzen
!“
Mit einem schnalzenden Geräusch entledigte sich Schöberl seiner
Gummihandschuhe. Zu dumm, dass sein Kollege Hirschmann seit heute in
Urlaub war. Jetzt hatte er den Fall auf dem Hals. Schöne Bescherung.
Mitten in der Saure-Gurkenzeit ein Mord im Journalistenmilieu. Ein gefundenes
Fressen für die Zeitungsschmieranten. Hoffentlich ergab sich
bald etwas, damit er der gierigen Meute das Maul stopfen konnte.
Der Inspektor trat ans Fenster,
den breiten Rücken gebeugt unter
der Last der Verantwortung, die Hände vor Anspannung fest geballt,
sodass die Knöchel weiß hervortraten. Er war immer gern Polizist
gewesen, hatte nie etwas anderes sein wollen. In letzter Zeit fühlte
er sich nur noch wie ein Hamster in seinem Laufrad. ... Zwei Jahre fehlten
ihm noch bis zur Pension. Ausschlafen, faulenzen, Tomaten pflanzen im
Schrebergarten, angeln gehen. Wer weiß, mit wie vielen Verbrechen
er sich noch herumschlagen musste, bevor es soweit war. Demnächst
stand seine Beförderung an. Die konnte er sich abschminken, wenn
er den Kröger-Mord nicht vorher aufgeklärt hatte.
Das Fenster ging in einen trostlosen
Lichtschacht hinaus. Auf dem gegenüberliegenden
schmalen Fenstersims balzte ein Täuberich um die Gunst eines Weibchens.
Ansonsten nichts als graue Wände, von denen der Verputz bröckelte,
schmutzstarrende Fensterscheiben und im Parterre, neben überquellenden
Müllcontainern, eine ausrangierte Matratze. Die trostlose Hinterseite
eines straßenseitig auf Hochglanz polierten Jugendstil-Gebäudes.
Außen hui, innen pfui! Irgendwie symptomatisch für diese
Stadt.
Der weitläufige helle Raum, in dem üblicherweise die Redaktionskonferenzen
abgehalten wurden, war kurzfristig als Vernehmungszimmer requiriert worden.
Als erstes nahm sich der Inspektor Anni Hofer, die Sekretärin des
Mordopfers vor. Blass und immer noch mitgenommen, nahm sie ihm gegenüber
Platz. Mit einem Taschentuch rieb sie über die feuchte Vorderseite
ihres Kleides.
Gesehen hatte sie nichts. Sie
schwor Stein und Bein, dass sie ihren Platz höchstens für zehn Minuten verlassen hatte, um Kaffee
zu kochen. Trotzdem hatte sie von der Kaffeeküche aus, den Eingang
im Auge behalten. Nicht einmal eine Maus wäre unbemerkt hereingekommen.
„Sie kannten die Tote gut.
Haben Sie einen Verdacht, wer?...“
Frau Hofer wich seinem Blick
aus, sah zu Boden und schüttelte den
Kopf. „Gourmetkritiker machen sich überall Feinde. Meine Chefin
hat ständig Morddrohungen gekriegt, massenhaft Briefe, Anrufe, selbstverständlich
immer anonym. Nachdem sich der Chefkoch von den Drei Dragonern wegen
ihrem Verriss den Strick gegeben hat, ist´s besonders arg geworden...“
„Am besten Sie geben uns eine Liste ... die Lokale werden wir alle unter
die Lupe nehmen müssen.“ Kaum war der Satz draußen, bereute
er ihn schon. Wenn auf die Frau Verlass war, dann musste der Täter
in der Redaktion sitzen. Wie wäre er sonst unbemerkt hereingekommen?
Schöberl starrte auf das feuchte und zerknitterte Kleid. Es
gelang ihm aber nicht, sich die Frau mit der Ausstrahlung einer Valium-Tablette,
mit einem Schlachtermesser in der Hand vorzustellen.
„Und wie war Ihr Verhältnis? War Ihre Chefin in der Redaktion beliebt?“,
fragte er vorsichtig.
„Was mich angeht, ich bin gut mit ihr ausgekommen“,
antwortete die Hofer rasch.
„Und die anderen?“
Wieder schüttelte sie den Kopf. „Na ja, es war kein Honiglecken
mit ihr ... Frau Kröger war sehr anspruchsvoll, eine typische Jungfrau
... So jemand handelt sich nicht nur Sympathien ein ... aber, dass sie
einer von uns ... unmöglich!“
Schöberl schwieg einen Moment. „Und ihr Privatleben? Gibt es da
irgendwelche Zores? Eifersüchtige Liebhaber, oder so was in
der Art?“
„Liebhaber?,“ die Sekretärin lachte kurz auf. „Entschuldigen Sie,
wenn ich lache, Sie haben sich doch ein Bild von ihr machen können,
oder? Nein, nein... Frau Kröger ist ganz in ihrer Arbeit aufgegangen.
Außer ihrer Mutter und ein paar Katzen gab es niemanden ...
aber berufliche Zores hatte sie jede Menge!“
Der Inspektor horchte auf. „In
welcher Hinsicht denn?“
„Nicht, dass Sie mich für eine Tratschen halten ... aber auf den
Chefredakteursposten hat sie vergeblich gespitzt ... ich weiß aus
zuverlässiger Quelle, dass ihre Tage in der Redaktion gezählt
...“. Die Sekretärin verstummte abrupt, als habe sie schon zuviel
gesagt. „Am besten Sie reden selber mit unserer neuen Geschäftsleitung,
heute wäre die Bombe geplatzt, wenn Frau Kröger nicht vorher...“
Bevor Schöberl die Sekretärin entließ,
bat er sie noch einmal um die anonymen Briefe, sowie die Aufzeichnungen
der letzten Verrisse.
Tillmann, seines Zeichens stellvertretender
Chefredakteur, war der Nächste.
Bereits um die 60, korrekter grauer Anzug mit Weste, dezente hellgraue
Krawatte, das weiße, immer noch volle Haar sorgfältig gefönt,
schien er den aussterbenden Typus des Salonlöwen verkörpern
zu wollen. Kaum war die Tür hinter ihm zu, legte er auch schon
ungefragt los.
„Ich hab´s ja gewusst, dass es so kommen würde ... Weiber
sind als Gourmetkritiker ungeeignet ... von den Finessen der Haute Cuisine
haben sie keinen Schimmer ... Mir reicht es schon, dass sich bei meinen
Weinseminaren immer mehr von diesen karrierewütigen Tussis anmelden
... überall wollen sie mitmischen, in der Wirtschaft, in der Politik,
bei den Philharmonikern... jetzt wollen sie auch noch als Vinologinnen
brillieren“. Sein Redefluss stoppte erst, als ihm die Luft ausging. Schöberl
nützte die Pause, um ihm eine Frage zu stellen.
Tillmann schnaubte verächtlich. „Feinde? Die alte Schabracke hatte
mehr, als ein Hund Flöhe ... überall ist sie mit ihrer
arroganten, besserwisserischen Art angeeckt ... Sie haben sicher
schon vom Selbstmord ...?“
Schöberl nickte.
„Als Chefredakteurin hätte sie uns glatt ruiniert, und das sage
ich nicht, weil ich selbst gern ...“ Der Satz blieb unvollendet. Spuck´s
schon aus, suggerierte ihm der Inspektor.
Aber Tillmann zuckte nur mit
den Achseln. „Tja, ich muss Sie leider
enttäuschen, ich hab ein Alibi ... ich war den ganzen Nachmittag
in der Druckerei...“
Meyer, der Art-Direktor, ließ ausrichten, dass er im Moment unabkömmlich
sei. Schöberl machte ihn im Foto-Studio ausfindig. Anders, als die
blassen Figuren, die er bisher kennen gelernt hatte, war Meyer recht
auffallend gestylt. Seine große, klapprige Gestalt steckte in abenteuerlich
gemusterten Klamotten, die dunklen Locken waren im Nacken zu einem Zopf
gebändigt, und sein Gehabe war das einer hippen Disco-Queen.
Von Scheinwerfern und einem
Schlangengewühl von Kabeln umgeben,
war er gerade dabei, ein kulinarisches Stillleben zu komponieren. Mittelpunkt
des Geschehens war ein runder Tisch mit erlesenem Porzellan, feinstem
Silber und einem blau-weißen Blumenarrangement. Vorne, auf einem
Teller, prangte ein Stück Sachertorte.
Es schüttelte Schöberl unwillkürlich, als er mit ansehen
musste, wie ein Fotoassistent einen riesigen Klacks Rasierschaum auf
die Torte spritzte. „Kommt auf dem Foto besser rüber als Schlagobers,“ erklärte
Meyer lachend. „Schaun´S lieber weg, sonst vergeht Ihnen noch der
Appetit!“ Er bat Schöberl zu warten, bis die Aufnahme im Kasten
war. Als das ungenießbare Fotoobjekt anschließend im Mülleimer
landete, schaute Schöberl dennoch bedauernd hinterher.
„Ich war seit acht Uhr im Studio, außerdem bin ich so ein friedfertiges
Lämmchen, dass ich niemals ... ich will gar nicht dran denken, was
ich künftig für Alpträume haben werde ... das viele Blut,
igitt! Wer in Frage kommen könnte? Bestimmt ein Racheakt ... die
Kröger war eine Puristin, die Geißel mittelmäßiger
Gastronomie ... zeitgeistiges Larifari, modisches Chichi, Effekthascherei
waren ihr zutiefst zuwider ... päpstlicher als der Papst, dabei
ist sie schon mal übers Ziel hinausgeschossen!“
Der Inspektor sammelte seine Truppe ein. Auch aus den Befragungen seiner
Mitarbeiter hatte sich kein konkreter Verdacht ergeben.
*
Als sich Schöberl am nächsten Morgen eine Portion Rasierschaum
ins Gesicht. pappte, überlief ihn eine Gänsehaut. Von Kindheit
an war er ein Zuckergoscherl, hoffentlich blieb ihm kein Sachertorten-Trauma.
Aus dem Autopsiebericht, der
gegen Mittag auf seinem Schreibtisch landete, ging nichts hervor, was
Licht in den Fall gebracht hätte. Quasi
als Fleißaufgabe hatte man festgestellt, dass die Tote unter anderem
an einer akuten Leberentzündung und einer schweren Gastritis litt,
und dass sie es beim desolaten Zustand ihres Verdauungssystems höchstens
noch ein Jahr gemacht hätte. Wie nicht anders erwartet, hatten die
von dem breiten Messer verursachten schweren inneren Blutungen zum Tod
geführt, der um 15.30 Uhr eingetreten war.
Todesursache, Tatzeit, sowie
die Tatwaffe gaben keinerlei Rätsel
auf. Lediglich die Fragen, wer der Mörder war, und wie er ungesehen
hereinkommen konnte. Offenbar war die Tote in der Redaktion nicht sonderlich
beliebt gewesen. Gut möglich, dass ihn einer der Befragten, insbesondere
die Sekretärin, angelogen hatte.
Andererseits erschienen dem
Inspektor die Hinweise auf einen Racheakt aus der Branche plausibel.
Wenn er sie erhärten wollte, musste er
wohl oder übel die Restaurants abklappern, die Frau Kröger
verrissen hatte.
Bei der Kochkünsten seiner Frau und dem Fraß, mit dem er
in der Kantine abgefüttert wurde, war Schöberls Geschmackssinn
für die Haute Cuisine verdorben. Allein beim Gedanken man könnte
ihm bei seinem Besuch die Verkostung von Schnecken oder gar Froschschenkeln
anbieten, würgte es ihn.
Ganz oben auf der Liste, die
ihm die Sekretärin
gegeben hatte, stand die Blaue Ente. Schöberl rief an, um sicher zu gehen,
dass er nicht mitten in die Stoßzeit hineinplatzte. Dann machte
er sich auf den Weg. Das Lokal war noch geschlossen. Der Oberkellner,
in legerem Pullover und Jeans, ließ ihn beim Hintereingang herein.
Schöberl lehnte den angebotenen Champagner dankend ab, zu einer
Tasse Kaffee sagte er aber nicht nein. An den Besuch der Verstorbenen,
erinnerte sich der Kellner noch lebhaft.
„Sie ist inkognito gekommen, allein. Als Hauptgang hat sie Lammfrikassee
mit Basilikum bestellt und dazu einen Beaujolais. Kaum hat sie den Wein
gekostet, hat sie den Mund verzogen und behauptet, daß er zu warm
ist und hat verlangt, dass ich ihr einen Kübel mit Eiswürfeln
bringe! Das muss man sich einmal vorstellen! Ein ungeheuerliches Sakrileg!
Am Lamm hat sie nur herumgeschnuppert und es sofort weggeschoben. So
ein muffeliges Stallvieh ist bestenfalls als Hundefutter geeignet ...
Auf die Tour hat sie weitergemacht, bis es mir zu bunt geworden ist,
und ich den Küchenchef geholt habe. Da ist der Wirbel erst richtig
losgegangen ... peinlich dieses Aufsehen! Auf das Dessert hat sie verzichtet,
und stattdessen die Rechnung verlangt. Die Haube hätten wir uns
verspielt, hat sie bei ihrem Abgang erklärt, sie sei nämlich
im Gegensatz zu den übrigen Anwesenden kein bloßer Geldbeutel,
der sich für snobistische Effekthascherei teures Geld aus der Tasche
ziehen lasse, sondern die Kröger von „ La Table Ronde “.
Diese eingebildete Schnepfe!“
Der Küchen- und Schweißdünste verströmende Chef
bestätigte, dass es sich so und nicht anders zugetragen hatte. “Aber
unserem Ruf hat es zum Glück nicht geschadet, denn unmittelbar
nach dem Vorfall hat uns die Homolka vom „ Feinspitz “ für die
Trophée Gourmet vorgeschlagen!“
Beide Männer gaben bereitwillig zu, dass sie die Kröger liebend
gerne an Ort und Stelle abgemurkst hätten. Für die Tatzeit
hatten sie jedoch ein Alibi. „Was glauben´S, was an dem Tag los
war, von der Früh an, haben wir wie deppert geschuftet. Am Abend
haben wir ein Charity-Dinner für Kosovo-Flüchtlinge ausrichten
müssen ... 200 Gäste, jede Menge Prominenz aus Politik, Kunst
und Wirtschaft, sogar die „Seitenblicke“ waren da...“, erklärte
der Chefkoch stolz. Schöberl verzichtete dankend auf die Aufzählung
der Menügänge und nahm rasch seinen Abschied.
Im Steinkrug hatte
man ebenfalls bereits vom Tod der Gourmetkritikerin gehört, auch hier weinte man ihr keine Träne nach. Der Lokalbesitzer
und sein junger Chef waren sich einig, dass sie noch nie zuvor so blamiert
worden waren, wie von dieser Schlampe. „An der Gänseleber ist zu
viel Fett ... die Sauce zum Hecht ein Trauerspiel, total überwürzt
und pampig. Sie müssen noch viel lernen, bevor sie sich Hoffnungen
auf eine Auszeichnung machen können, junger Mann“, imitierte der
Koch im Falsett Frau Krögers Stimme. „Sie hat mich coram publico
abgekanzelt, wie einen Lehrbuben!“ Der junge Mann machte Schöberl
gegenüber kein Hehl daraus, dass er die Gourmetkritikerin rüde
beschimpft und kurzerhand hinausgeworfen hatte. „Wer immer es getan hat,
sollte einen Orden bekommen. Die fette Blunzen hat nichts Besseres verdient!“ Aber
zu Schöberls Leidwesen hatte der zornige Maestro des Kochlöffels
ebenfalls ein Alibi, an dem nicht zu rütteln war.
*
Die ganze Nacht wälzte sich Schöberl unruhig im Bett herum.
Immer wieder schreckte er aus Alpträumen hoch, in denen er unter
Fleischbergen und Lawinen aus Schlagobers erstickte. Dabei hatte er noch
längst nicht alle Restaurants abgeklappert. Wenn er Pech hatte,
konnten sich die Ermittlungen endlos lange hinziehen.
Am Morgen fühlte er sich wie zerschlagen und wäre am liebsten
im Bett geblieben. Aber bevor dieser verflixte Fall nicht gelöst
war, konnte er sich keine Schwachheiten leisten. Lustlos tauchte
er sein Kipferl in den Milchkaffee.
„Jessas, wie du heut wieder ausschaust, machst dich noch ganz kaputt
mit dem Fall!“, bemerkte seine Frau.
„Wenn's nicht wegen der Beförderung wär, tät ich mir
eh keinen Haxen ausreißen“, brummte Schöberl grantig. Er hörte,
wie seine Frau mit der Zeitung raschelte und ahnte, was jetzt kommen
würde.
Im Gegensatz zu ihm, glaubte
seine Frau felsenfest an die Macht der Sterne, und las ihm häufig das Horoskop aus der Zeitung vor. Einmal
war dabei die Rede von einem unverhofften Geldregen gewesen und sie hatte
ihn beschworen, unbedingt einen Lottoschein auszufüllen. Zu faul
für die Kreuzelschreiberei, hatte er stattdessen einen Hunderter
riskiert und ein paar Brieflose erstanden. Von Geldregen freilich keine
Spur, für die läppischen 200 Schilling hatte er seiner Frau
einen hübschen Blumenstrauß gekauft. Sie war völlig aus
dem Häuschen gewesen, weil die Vorhersagung eingetroffen war.
Inzwischen war seine Frau fündig geworden. „Passt wie die Faust
aufs Auge. Hör dir an, was dein heutiges Horoskop sagt!“, rief sie
erregt. „Mit Routine allein, lässt sich Ihr Problem nicht bewältigen.
Gehen Sie neue Wege. Auch solche, die Ihnen auf den ersten Blick verrückt
erscheinen!“
Schöberl schüttelte ärgerlich den Kopf. „Verschon mich
gefälligst mit dem Blödsinn!“
„Neue Wege“, wiederholte sie nachdenklich. Aus ihrem schier überwältigenden
Fundus an Lebensweisheiten hatte sie sogleich eine Lösung parat. „Ich
habs! Warum gehst du nicht zu Madame Zolara, sie kann dir bestimmt
helfen!“
Schöberl legte sein abgebissenes Kipferl beiseite. „Die
Fernseh-Astrologin?“
Durch ihre allgegenwärtige Präsenz in den Medien hatte sogar
der Inspektor schon von Madame Zolara gehört. Die rothaarige Seherin
hielt mit ihren Weissagungen via Radio, Zeitungen und Fernsehen die ganze
Nation in Bann. Im Chor der Weltuntergangspropheten, die sich zum Millennium
in grauenhaften Apokalypse-Szenarien suhlten, tat sich ihre Stimme wohltuend
hervor. Ihr zufolge würde das magische Datum nicht mit dem Ende
der Welt einhergehen.
Im allgemeinen hielt Schöberl nichts von Astrologie und dem irrationalen
Glauben, dass ferne Planeten über menschliches Schicksal regierten.
Als Polizist war er es gewohnt, sich auf Fakten und Beweise zu stützen.
Allein diesmal brachten ihn seine Ermittlungen nicht weiter. Der Fall
war an einem toten Punkt angelangt. Er brauchte es ja nicht an die große
Glocke zu hängen, dass er eine Astrologin zu Rate zog. In seiner
verzweifelten Lage war es den Versuch wert. Was konnte er dabei schon
verlieren?
Auf dem Weg ins Büro verbannte er die verrückte Idee wieder
aus seinen Gedanken. Noch war er nicht soweit. Erst als sich auch in
den nächsten Tagen kein Hauch einer Spur oder eines Verdachts in
dem Mordfall Kröger-Akt finden ließ, niemand an die Tür
klopfte um reumütig ein freiwilliges Geständnis abzulegen,
keiner seiner Mitarbeiter von einer überraschenden Wendung berichten
konnte, und der dumpfe Schmerz, der hinter seiner Stirn pochte immer ärger
wurde, platzte dem sonst eher phlegmatischen Kriminalisten der Kragen.
In einem ungewohnten Anfall von Wut, knallte er den Hefter auf den Tisch.
Die Kollegen zuckten zusammen und zogen in Erwartung eines Donnerwetters
die Köpfe ein.
Es gab keines. Stattdessen
quetschte sich Schöberl hinter dem Schreibtisch
hervor, nahm seinen Trenchcoat und verließ gruß- und kommentarlos
die Stätte seines unergiebigen Grübelns. Vielleicht half ein
Spaziergang an der frischen Luft seinen Gedanken auf die Sprünge...
Ziellos irrte er umher, ohne
auf seine Umgebung zu achten. Obwohl die Temperatur inzwischen gestiegen
war blies ein kalter Wind. Seine Wut hatte sich während des Gehens in Luft aufgelöst, auch die Kopfschmerzen
waren verschwunden. Unschlüssig sah er sich um. In dem Viertel war
er noch nie gewesen. Am Straßenrand parkten nur wenige Autos, kein
Mensch ließ sich blicken. Er war zwei Stunden herumgelaufen und
fand sich nun vor dem eleganten Portal eines Jahrhundertwendebaus wieder.
Gleich neben dem Eingang prangte ein auf Hochglanz poliertes Messingschild,
das sein ratloses Konterfei wiederspiegelte. Unter Zuhilfenahme seiner
Lesebrille gelang es ihm, die eingravierten Lettern zu entziffern: Madame
Zolara, Astrologin, Lebensberatung. Sein Herz klopfte heftig. War es
Vorsehung oder Zufall, dass er ausgerechnet hier gelandet war?
Der Vorschlag seiner Frau kam
ihm mit einem Mal gar nicht so abwegig vor. Er würde es auf den Versuch ankommen lassen und bald herausfinden,
wie gut die Astrologin ihr Handwerk beherrschte. Bevor er ins Haus trat,
vergewisserte er sich, dass ihn niemand beobachtete. Fehlte gerade noch,
dass ein Reporter hinter ihm herschnüffelte. Mit dem Mut der Verzweiflung
stieß er das Tor auf, aber mit jeder Stufe die er nahm, wuchsen
seine Hoffnung und Zuversicht.
Aus Madame Zolaras Büro wehte dem Inspektor der vertraute Duft
von Räucherstäbchen entgegen. Immer, wenn seine Frau ein Gericht
anbrennen ließ, versuchte sie das Malheur mit Sandelholz oder Patchouli-Schwaden
zu überdecken. Sie behauptete, die exotischen Aromen würden
das Gemüt aufhellen und zu innerer Ruhe verhelfen. Bis jetzt hatte
Schöberl nie etwas derartiges an sich beobachtet. Er bekam nichts
als Kopfschmerzen und Niesanfälle davon.
Entschlossen drückte er auf die Klingel. Von innen antwortete ihm
ein Summer, und schon schnappte die Tür auf. Im Foyer versperrte
ihm ein Paravent aus Rattangeflecht den Weg. Mehrere Klangmobiles bimmelten
im Luftzug leise vor sich hin, zu denen sich das Geklingel der vielen
Ketten und Amulette gesellte, mit denen die Empfangsdame geschmückt
war. Sie war in ein buntes Netzwerk aus Häkelgarn gehüllt und
balancierte ihre üppige Fülle auf atemberaubend hohen Stöckelschuhen.
Mit wackeligen Schritten stolzierte sie ihm voran, und führte
ihn sogleich ins Allerheiligste.
„Alles wird gut, eine weise Entscheidung mich aufzusuchen,“ sagte die
attraktive Mitfünfzigerin im Business-Kostüm, die dem Inspektor
entgegenkam und mit festem Druck seine Hand ergriff. Nach dem wandelnden
Gesamtkunstwerk im Vorzimmer hatte er sich auf eine Steigerung gefasst
gemacht. Aber so, wie sich Madame Zolara präsentierte, hätte
sie auch in der Direktionsetage eines Geschäftsunternehmens
eine gute Figur gemacht. Sein Zutrauen wuchs, als sie ihn mit einer
angenehmen Altstimme aufforderte, Platz zu nehmen.
Schöberl reichte ihr seine Karte. „Bevor ich zur Sache komme, muss
ich Sie um äußerste Diskretion bitten. Nicht dass Sie der
Presse gegenüber ... “ begann er.
Die Astrologin verzog indigniert
den Mund. „Aber,
Herr Inspektor ... bei mir wird nicht geplauscht. In meiner Zunft
ist man - wie doch auch in Ihrer - an die Schweigepflicht gebunden
...“
Schöberl seufzte erleichtert auf. Dann legte er ohne Umschweife
seine Fakten auf den Tisch. Dabei musste er sich beschämt eingestehen,
dass das Ergebnis seiner bisherigen Recherchen äußerst dürftig
war. „Leider kann ich Ihnen nicht viel bieten,“ murmelte er entschuldigend,
während er rasch sein Taschentuch hervorholte und hineinnieste.
Madame machte eine wegwerfende
Handbewegung. „Das ist Ihr Job und geht
mich nichts an. Alles, was ich brauche, ist eine Liste der Verdächtigen
und ihre Geburtsdaten“.
Schöberl nickte und griff
in seine Jackentasche. Soviel hatte er von seiner Frau gelernt, dass
er wusste, dass es in der Astrologie auf die Geburtsdaten ankam. Er
hatte sie sich vorausschauend aus dem Meldeamt-Computer besorgt.
Sie nahm die Liste huldvoll
entgegen. „Wenn die Daten stimmen, reicht
es mir völlig,“ sagte sie. „Allerdings kann ich nicht sofort...“
Schöberl sah fasziniert zu, wie sie mit spitzen, rotlackierten
Fingernägeln fahrige Kreise auf einer mit Schriftzeichen bemalten
Unterlage zog. Ein nervöser Tick oder war es ihre Methode mit dem
Jenseits Verbindung aufzunehmen? Madame Zolara schaute so entrückt
zur Decke hinauf, dass er nicht wagte, sie zu fragen.
Als plötzlich das Telefon neben ihr läutete, beamte sich die
Seherin im Bruchteil einer Sekunde in die Realität zurück. „Sie
wissen doch, dass ich nicht gestört werden...“, bellte sie ins Telefon.
Es gab ein kurzes Geplänkel mit der Sekretärin. Offenbar handelte
es sich um einen wichtigen Klienten in akuter Bedrängnis. „Es geht
jetzt nicht, er soll´s in zehn Minuten wieder versuchen“, sagte
Madame Zolara und legte auf.
„Ja, dann will ich Sie nicht länger ...“, meinte Schöberl
und erhob sich.
Madame Zolara überließ ihm ihre Hand. „Wie
ich schon sagte, brauch ich etwas Zeit. Sagen wir bis morgen Abend!“
Den ganzen nächsten Tag über war Schöberl ziemlich abwesend
bei der Arbeit. Die Stunden bis zur Dämmerung zogen sich endlos
dahin. Als er sich auf den Weg machte, war der Himmel von Regenwolken
verhangen. Kurz vor seinem Ziel fielen schon die ersten Tropfen. Die
Vorzimmerdame nahm ihm den Mantel ab und bat ihn weiterzugehen. Madame
Zolara erwartete ihn schon. Diesmal war ihr Schreibtisch mit merkwürdig
aussehender Tabellen und Diagrammen bedeckt.. „Keiner der Verdächtigen
auf Ihrer Liste kommt als Täter in Frage,“ eröffnete sie
ihm gleich zu Beginn.
„Was?“ Schöberl war fassungslos. „Aber
jemand muss es doch ...!“
Madame Zolara schüttelte energisch den Kopf. „Natürlich,
aber es war mit ziemlicher Sicherheit kein Er!“
„Wer dann?“ platzte Schöberl
heraus.
„Nun, das lässt sich nicht so einfach sagen. Keines der Horoskope
weist direkt auf den Mörder hin. Aber ich verlasse mich ohnehin
nicht allein auf die Sterne, sondern auch auf meine Intuition. Alles
deutet darauf hin, dass es sich um ein weibliches Wesen handeln könnte.“
Schöberl hatte sich mehr erhofft, rein statistisch war die Hälfte
der Bevölkerung weiblichen Geschlechts.
Madama Zolara spürte seine Enttäuschung. „Sie müssen
ein Fisch sein, Sie geben viel zu schnell auf. Ich wollte Ihnen gerade
erklären, dass jedes Sternzeichen nicht nur bestimmte typische Charaktereigenschaften
aufweist, sondern, dass für jedes Tierkreiszeichen jeweils auch
eine spezifische Art des Mordens charakteristisch ist.“
„Ich bin astrologisch nicht versiert, das müssen Sie mir näher
erklären!“ bat er.
Na gut, bleiben wir gleich
bei Ihnen,“ sagte Madame Zolara. „Ein Fisch,
wie Sie, steht unter der Regentschaft des Neptun, dem alle Flüssigkeiten
zugeordnet werden. Alkohol zum Beispiel, Essenzen, Öle, Drogen,
Gift ... Wenn Fische töten, dann am liebsten durch Gift oder Ertränken...“
Schöberl blieb die Luft weg. Gespenstisch das Vermögen dieser
Frau, in den dunkelsten Abgrund seiner Seele vorzudringen. Woher wusste
sie nur von dem heroischen Kampf, den er jeden Morgen - während
des Rasierens - mit sich austragen musste? Dank eiserner Beherrschung
hatte er den Impuls bisher unterdrücken können, aber schon
oft war er nahe dran gewesen, seine in der Wanne pritschelnde Frau zu
ersäufen. Nur damit endlich ihr nervtötender Gesang verstummte.
Sein Gesicht lief rot an, er
kam sich ertappt vor. Doch die Astro-Lady war so in Fahrt, dass sie
ihn gar nicht beachtete. „Wassermänner,
zum Beispiel, neigen dazu ihr Opfer unter Strom setzen, die Schützen,
wiederum, ein Feuerzeichen, bevorzugen die Verbrennung...“
„Frau Kröger wurde mit einem Schlachtermesser erstochen. Welches
Sternzeichen käme denn dafür in Frage“, unterbrach Schöberl
ungeduldig.
Madame Zolara hatte wieder
damit begonnen mit den Fingern auf der bekritzelten Unterlagen herumzukreisen
und schien auf Empfang zu sein. Plötzlich
stoppte sie.
Schöberl hielt gespannt
den Atem an.
“... möglicherweise sind sowohl die Ermordete, wie auch die Mörderin
im Zeichen der Jungfrau geboren. Da sehen Sie sich das an!“, forderte
sie den Inspektor auf und stieß ihren Zeigefinger mitten ins Gekritzel. „Zur
Tatzeit stand Pluto im Quadrat zum Mars. Pluto steht für Gewalt.
Bei dieser unheilvollen Konstellation ist die Gefahr groß, dass
der Betreffende Opfer einer Gewalttat wird. Ebenso gut kann es unter
dem Einfluss von Pluto aber auch passieren, dass selbst ein durch und
durch friedfertiger Mensch zum Mörder wird...“
Schöberl zuckte zusammen. Bei Madame Zolaras letzter Bemerkung,
hatte es bei ihm geklingelt. Er versuchte sich zu erinnern ... Dieser
Sachertortenschänder, dieser Meyer, hatte der sich nicht als friedfertiges
Lämmchen bezeichnet?
Die Astrologin machte seine Überlegungen jedoch sogleich zunichte. „Sie
haben sich schon lange genug verzettelt. Sie sollten im Umfeld der Toten
nach einer weiblichen Person Ausschau halten, die im Zeichen der Jungfrau
geboren ist, dann haben Sie die Täterin!“, erklärte sie
dezidiert.
Schöberl fröstelte bei der Bestimmtheit ihrer Aussage, als
hätte ihn soeben der Hauch des Jenseits gestreift. Er bedankte sich überschwänglich
bei der Seherin und eilte hinaus. Im Vorzimmer hielt ihn das lebende
Gesamtkunstwerk auf, und drückte ihm einen Zettel in die Hand,
auf den vier Ziffern gemalt waren. 6 5 0 0, las er, ohne zu verstehen.
„Madame Zolaras Honorar,“ klärte ihn die Vorzimmerdame auf. „Im
Prinzip lässt sie uns gewöhnlich Sterbliche bereitwillig und
unentgeltlich an ihrem Wissen teilhaben. Ihre Begabung ist ein Geschenk
Gottes, sie versteht sich nur als Instrument, das zwischen oben und unten
vermittelt ... Andererseits nimmt es sie spirituell immer so mit, dass
sie lange Erholungsphasen braucht ...und sie hat natürlich auch
ihre Spesen...“
Ihre langwierigen Erklärungen wären nicht notwendig gewesen.
Schöberl öffnete seine Brieftasche und bezahlte, ohne mit der
Wimper zu zucken. Während er beschwingten Schrittes ins Büro
zurückeilte, arbeiteten seine grauen Zellen auf Hochtouren. Madame
Zolara hatte ihn aus der Sackgasse herausgeführt. Auf einmal taten
sich eine ganze Reihe bisher vernachlässigter ermittlerischer Möglichkeiten
vor ihm auf ...
Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Das Fenster in
Frau Krögers Büro war offen gewesen ... die Mörderin musste
sich vom Dach abgeseilt haben. Rasch ergänzte er das Täterprofil.
Die Betreffende musste schwindelfrei, gelenkig, unerschrocken und sportlich
sein. Mit Sicherheit war sie kaltblütig und reaktionsschnell, sonst
hätte sie nicht mit einem Griff das breiteste Messer erwischt und
das überrumpelte Opfer blitzschnell und hinterrücks erstochen.
Schöberl war sich sicher, dass es von nun an nur noch ein Kinderspiel
war, die Täterin zu eruieren. Er hatte sich bei seinen Ermittlungen
viel zu sehr auf die Haubenköche konzentriert. War da im Umfeld
der Kröger nicht noch von einer anderen Auszeichnung die Rede
gewesen?
Als er am nächsten Morgen im Büro bestens gelaunt den Radetzky-Marsch
vor sich hinpfiff, trug ihm das reihum böse Blicke seiner Kollegen
ein. Davon unbeirrt wählte der Inspektor die Nummer der Redaktion
von La Table Ronde, und ließ sich mit Frau Krögers
Sekretärin verbinden.
Ungeduldig trommelte er mit
den Fingern auf den Tisch, bis er sie endlich am Apparat hatte. Nach
den üblichen Höflichkeitsfloskeln, bat
er sie um die Erklärung, was es mit dieser anderen Auszeichnung
auf sich hatte.
Frau Hofer sog hörbar die Luft ein. „Sprechen Sie von der Trophée
Gourmet?“ Ein paar Mal musste er dazwischen fragen, und sie von nebensächlichen
Ausschweifungen zurückholen. Im Anschluss an das Gespräch,
fasste er seine Notizen zusammen. Aus Anni Hofers Aussage kristallisierten
sich drei Anhaltspunkte heraus. Punkt 1: Noch am heutigen Abend würde
das Konkurrenzblatt „ Feinspitz“ im Rahmen einer festlichen
Gala im Palais Pallavicini eine Reihe von Köchen mit der neuen Auszeichnung
namens „Tropheé Gourmet“ in den Kochadel erheben. Punkt 2:
Dem Verlagschef der „ Table Ronde “ war es gelungen, die
Erfinderin der neuen Auszeichnung vom Feinspitz abzuwerben.
Punkt 3: Die Betreffende würde bereits im Herbst bei „ La Table Ronde “ als
Chefredakteurin anfangen.
Der Personalchef, dem sein
nächster Anruf galt, bestätigte,
was ihm die Sekretärin bereits gesagt hatte. Der Inspektor fragte
nach dem Geburtsdatum der Chefredakteurin in spe.
„Frau Eva-Maria Homolka ist am 14. September geboren“,
kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen.
Schöberl war überrascht. „Sie
wissen das Datum auswendig?“
„Unser neuer Verlagsleiter hat einen Astro-Fimmel und wollte, dass wir
sie astrologisch durchchecken lassen, bevor wir sie einstellen ... aus
Zeitmangel bin ich noch nicht dazugekommen“, erklärte der Personalchef.
Schöberl war wie elektrisiert.
Sofort scheuchte er seine Mitarbeiter auf. Nun musste alles sehr schnell
gehen.
Trotzdem war es bereits kurz
vor zehn, als Schöberl mit hängender
Zunge am Josephsplatz eintraf. Die feierliche Zeremonie, der ein Gala-Dinner
vorangegangen war, war schon zu Ende. Einige Gäste kamen ihm auf
der barocken Treppe entgegen, der festlich geschmückte Saal hatte
sich – bis auf einige wenige kleine Grüppchen – geleert, und die
Kellner waren bereits dabei, die Tische abzuräumen.
Obwohl er sie nicht kannte,
brauchte er Frau Homolka nicht lange zu suchen. Beladen mit Blumenbouquets,
stand sie inmitten einer kleinen Runde nahe des Rednerpults, und nahm
selig lächelnd, und offensichtlich
geschmeichelt, Wangenküsschen und Gratulationen entgegen. In einem
anthrazitfarbenen, hochgeschlossenen Abendkleid, die langen blonden Haare
streng geknotet, und einer dunklen Hornbrille als einzigem modischen
Accessoire, wirkte sie kühl und kontrolliert, auch wenn sie im
Augenblick in Hochstimmung sein musste.
Schöberl war kein Unmensch, und so wartete er bis sich die Runde
lichtete. Inzwischen hatte sie den Inspektor bemerkt und taxierte ihn
des öfteren mit abschätzenden Blicken. Als sie wieder hersah,
trat er näher, nannte seinen Namen und bat, sie ungestört sprechen
zu dürfen.
„Moment noch“, sagte sie leicht verärgert, drehte Schöberl
kurz den Rücken zu und drückte dem Mann, der die ganze Zeit
neben ihr ausgeharrt hatte, die Blumen in die Hand. „Schorschi, hol
schon den Wagen, ich komm gleich!“
Endlich schenkte sie Schöberl ihre Aufmerksamkeit. „Wer sind Sie?
Was wollen Sie von mir? Sie sehen ja was los ist, ich hab jetzt keine
Zeit!“, fuhr sie ihn unwirsch an.
„Mit Verlaub, Gnädigste, ich fürchte, bald werden Sie mehr
Zeit haben, als Ihnen lieb ist. Ich bin mit den Ermittlungen im Mordfall
Kröger befasst, und muss Sie bitten mitzukommen!“ Für einen
Augenblick schwankte sie, als würde ihr der Boden entzogen, dann
hatte sie sich wieder unter Kontrolle und folgte dem Inspektor, als hätte
er sie zu einem Spaziergang eingeladen.
Im Büro angelangt, fackelte Schöberl nicht lange herum, sondern
sagte ihr die Tat auf den Kopf zu. Inzwischen war das Fenster auf seine
Veranlassung noch einmal gründlich untersucht worden. Dabei hatte
man ein langes blondes Haar als Beweismittel sicherstellen können.
Der Gentest stand zwar noch aus, aber Schöberl hielt ohnehin nicht
viel von Kommissar Computer. Für ihn gab es keinen Zweifel, dass
er die Mörderin vor sich hatte. Mit seiner altbewährten Verhörmethode
würde er sie schon knacken.
Er ließ sie stundenlang im Vernehmungszimmer schmoren, verweigerte
ihr Kaffee und Zigaretten, und richtete schließlich eine 100 Watt
Lampe gnadenlos auf ihr Gesicht. Dahinter im Schatten, beobachteten er
und sein Assistent hochkonzentriert jede Nuance ihres Mienenspiels. Bereit,
sofort, und mit der Sensibilität eines Seismographen, auf die
kaum wahrnehmbaren Anzeichen von Schuld, einem Beben der Stimme,
dem Heben der Brauen, dem Zittern der Finger, zu reagieren.
Sie war eine harte Nuss. Ihre
Widerborstigkeit irritierte den Inspektor, aber er ließ nicht locker und wartete geduldig. Der Morgen dämmerte
schon, als Eva-Maria Homolka schließlich vom stundenlangen Verhör
zermürbt zusammenbrach und mit bebender Stimme gestand, dass sie
ihre Erzfeindin und verhasste Konkurrentin aus dem Weg geräumt
hatte.
Schöberl lehnte sich zufrieden zurück, ließ Kaffee bringen
und offerierte ihr eine Zigarette. Sie nahm einen Lungenzug, als befürchtete
sie, es könnte die Letzte sein.
„Ganz schön riskant durchs Fenster hereinzuklettern. Hatten Sie
keine Angst abzustürzen?“ wollte er von ihr wissen.
Sie schüttelte den Kopf. „Die Abseilaktion war ein Klacks für
mich, ich bin schon seit Jahren Mitglied des Alpenvereins. Für den
Fall eines Absturzes war ja die Matratze da“, verriet sie nicht ohne
Stolz.
Mehr als das Wie interessierte
sich der Inspektor jedoch für das
Warum. „Warum haben Sie Frau Kröger umgebracht? Sie müssen
für diese unmenschliche Bluttat doch einen Grund gehabt haben?“
Es war ihr anzumerken, dass
sie sich über Schöberls Wortwahl ärgerte. „ So
einen schönen Tod hat diese Kanaille gar nicht verdient... kurz
und schmerzlos ... sie hat es nicht einmal mitgekriegt, so schnell
ging es...“
„Und das Motiv?“, wiederholte Schöberl.
Die Homolka schnaubte verächtlich. „Sie war das boshafteste, missgünstigste,
besserwisserischste Individuum, das man sich denken kann. Was glauben
Sie, wie vielen erstklassigen Restaurants dieses Miststück die Haube
verweigert hat? Ein Koch hat sich sogar ihretwegen umgebracht ... Das
konnte man nicht länger hinnehmen ... also habe ich mir die Trophée
Gourmet ausgedacht, um das elitäre Monopol der Kröger ein für
allemal zu zerschlagen!“
„Wusste Frau Kröger davon?“ unterbrach
sie der Inspektor.
„Ich hab natürlich alle
beschworen, absolutes Stillschweigen zu bewahren, damit sie mir nicht
dazwischenfunkt. Aber die Branche ist ein Tratschnest!“
„Und hat sie dazwischengefunkt?“
„Das kann man wohl sagen. Von ihrer redseligen Sekretärin habe
ich erfahren, dass sie noch am gleichen Tag Hunderte Briefe verschickt
hat, mit der Aufforderung, die Verleihung zu boykottieren. Aber sie hat
sich verrechnet. Die Branche ist voll auf die Trophée abgefahren,
Sie haben ja selbst gesehen, was heute Abend los war!“ Sie machte eine
Pause, um sich eine Zigarette anzuzünden. In Gedanken schien sie
ihren Triumph noch einmal richtig auszukosten. Der Inspektor ließ ihr
Zeit.
„Irgendwie hat auch der neue
Verlagsleiter der Table Ronde davon
gehört, jedenfalls hat er mich zu einem Gespräch eingeladen,
und mir kurz darauf die Chefredaktion angeboten.“ Ein Lächeln huschte über
ihr angespanntes Gesicht. „Sie werden das nicht verstehen, das ist ...
wie ein Ritterschlag von der Queen! Aber meine größte Genugtuung
war, der Kröger den Chefsessel vor ihrer Nase wegzuschnappen!“
„Sie haben Sie doch auf allen Fronten geschlagen, warum mussten Sie
sie dann noch umbringen?“ fragte Schöberl verwundert.
„Obwohl meine Nominierung noch
nicht offiziell war, muss sie geahnt haben, dass was im Busch ist ...
sie hat mich angerufen und massivst bedroht!“
„Womit denn?“
Die Homolka gab keine Antwort,
sondern bat um ein Glas Wasser. Schöberl
holte es ihr selbst. Er war froh über die Pause und die Gelegenheit,
sich kurz die Beine zu vertreten. Sein Assistent gähnte und streckte
sich ausgiebig. Nur die Homolka zeigte keinerlei Ermüdungserscheinungen.
Schöberl setzte sich wieder. „Frau Kröger
hat Sie also bedroht ... was hatte sie denn gegen Sie in der Hand?“
„Dieses Luder wollte publik machen, dass ich mich für wohlwollende
Kritiken kaufen lasse ... wenn das die Runde gemacht hätte, wäre
mein Ruf dahin gewesen ... dabei hab ich nie Geld genommen ... ich hab
mich lediglich einige Male mit ein paar Freunden zum Essen einladen lassen.
Auch wenn es Ihnen läppisch vorkommt, in unserem Metier ist das
ruinös. So knapp vorm Ziel abzustürzen ... ich musste sie
stoppen...“
„Aber es war doch nur eine
Drohung, Sie konnten doch nicht wissen...“
„Man hat so seine Tricks,“ sagte sie mit einem hämischen Grinsen. „Die
dumme Plaudertasche von ihrer Sekretärin hat mir nach ein paar Schnäpsen
den Schlachtplan bis ins kleinste Detail verraten. Ihre Chefin hat ihr
Punkt für Punkt die ganze Liste meiner Verfehlungen diktiert, mit
der Absicht, sie am Montag dem Verlagsleiter vorzulegen ... Mir ist nichts
anderes übriggeblieben, als ihr zuvorkommen..." Erst jetzt
zuckten ihre Schultern und sie begann hemmungslos zu heulen.
Schöberl schaltete das Aufnahmegerät
aus. Die Ermittlung war abgeschlossen.
Im Büro herrschte Hochstimmung über die gute Nachricht. Schöberls
Chef war voll des Lobes, als er ihm das unterzeichnete Geständnis
vorlegte. „Ehrlich gesagt, wie nichts weitergegangen ist, wollt ich Ihnen
den Fall schon entziehen. Tja, ich hätte Sie fast unterschätzt
... Gratuliere, tolle Leistung! Sie können selbstverständlich
damit rechnen, dass ich Ihre Beförderung befürworte. Ganz unter
uns, wie haben Sie den Fall so rasch klären können?“
Schöberl polierte seine Brille und meinte kryptisch: „Die
Sterne helfen denen, die an sie glauben.“
*
Als Schöberl endlich mit dem Papierkram fertig war und nach Hause
gehen konnte, war es bereits Mittag. Es roch nach Räucherstäbchen,
als er die Tür zu seiner Wohnung aufsperrte. Messerscharf schloss
er daraus, dass seiner Frau das Gulasch, das sie ihm vorsetzte, angebrannt
war. Durch seinen Erfolg milde gestimmt, überging der Inspektor
das kulinarische Fiasko und aß seine Portion tapfer auf. Seine
Frau hatte etwas gut, ohne ihren Hinweis auf die Astrologin wäre
der Fall nicht so rasch vorangekommen.
Frau Schöberl war angenehm überrascht, dass ihr Mann kommentarlos
seinen Teller leerte. Sonst meckerte er andauernd über ihre Kochkünste.
Sie zog jedenfalls den richtigen Schluss aus seinem Verhalten. „Du hast
den Fall gelöst, hab ich recht? Na bravo, jetzt wirst du sicher
befördert.“
Schöberl hob erstaunt die Augenbrauen. „Bist du jetzt auch schon
unter die Hellseher gegangen? Woher weißt du...?“
Ein überlegenes Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus. „Die
Sterne lügen nicht. Da steht´s Schwarz auf Weiß“,
sagte sie, und reichte ihm die Zeitung.
Schöberl schob sich die Lesebrille auf die Nase und las...“Der
negative Saturneinfluß, der Ihnen zuletzt zu schaffen machte, wird
von einem positiven Merkuraspekt abgelöst. Merkur hilft Ihnen, ein
Geheimnis zu enthüllen und begünstigt Ihr berufliches Fortkommen.“
„Meinst du nicht, dass das gefeiert gehört?“ Ohne seine Zustimmung
abzuwarten, holte Frau Schöberl den Sekt, den sie bereits eingekühlt
hatte.
Als sie mit den Gläsern anstießen, versprach sich der Inspektor
insgeheim, sich künftig beim Spötteln über den Astro-Fimmel
seiner Gattin zurückzuhalten. Angesichts der Erkenntnis, dass das
Verbrechen niemals schlief, und ihm noch zwei lange Jahre bis zur Pensionierung
fehlten, stand er sogleich auf und kramte sein Notizbuch hervor, um Madame
Zolaras Telefonnummer mit Tinte einzutragen. Für alle Fälle...
© Helga Anderle
