krimis in Europa
n°6 August-September-Oktober 2006

 

 

Der Krimi bittet zu Tisch

 

Claude Mesplède, Zwei Kochbücher

Claude Mesplède, Drei Fiktionen zu « Krimis und Gastronomie

Corinne Naidet, Kochbuch aus der Série Noire und Alkoholische Getränke aus der Série Noire

Corinne Naidet, Simenon et Maigret passent à table - Robert Jullien Courtine

 


Zwei Kochbücher

Claude Mesplède
Übersetzung: Kathrin Schielke

Manual práctico de cocina negra y criminal (Praktisches Handbuch zur schwarzen und kriminellen Küche), Montsé Clavé (Spanien).

Montsé Clavé ist die Freundin von Paco Camarasa, der in Barcelona die Krimi-Buchhandlung "Negra y criminal" leitet. Sie hat ein spannendes Buch veröffentlicht, in dem sie 45 Rezepte gesammelt hat, die 45 Autoren verschiedener Nationalitäten in ihren Büchern genannt haben. Dem hat sie noch rund 10 eigene Rezepte zugefügt, alle haben mit dem Kriminalroman zu tun.
Als große Koch-Spezialistin hatte Montsé schon sechs Bücher zu diesem Thema veröffentlicht, z. B.  Mexikanische Küche, Einheimische und fremde Küche, Gerichte vom Ebre usw.

La Mafia se met à table (Die Mafia speist) - Jacques Kermoal und Martine Bartolomei.

Ein französisches Buch zur Gastronomie, um das man nicht herum kommt. Beim Verlag Actes Sud 1992 veröffentlicht und immer noch aktuell, mit mehr als 200 Seiten über die Mafia und sizilianische Rezepte.


Drei Fiktionen zu « Krimis und Gastronomie

Claude Mesplède
Übersetzung: Kathrin Schielke

Coup de gigot (Lammkeule) - Roald Dahl, in « Bizare, bizarre », Folio.

Diese berühmte Kurzgeschichte, die in Frankreich unter drei verschiedenen Titeln veröffentlicht wurde, ist auch ein Meisterwerk schwarzen Humors dank des von Alfred Hitchcock gedrehten TV-Films. Darin schlägt die Schauspielerin Barbara Bel Geddes (die durch die Serie Dallas berühmt wurde) ihren Polizisten-Ehemann mit einer tiefgekühlten Lammkeule tot. Einige Stunden später lädt sie dann die Kollegen des Toten, die in der Sache ermitteln, ein, die Keule, die sie im Ofen zubereitet hat, zu essen. So lassen die Ermittler also die Tatwaffe verschwinden.

Congrès gastronomique (Gastronomischer Kongress) - José Gaspar, da Natividade (n° 597 du Masque), Portugal.

Im Hotel Monumental in Lissabon findet ein internationaler gastronomischer Kongress statt. Einer der Gäste stirbt an einer Pilzvergiftung. Einige andere Teilnehmer werden erstochen oder erwürgt. Aber die Lieblingsfigur des Autors, der englische Detektiv und Feinschmecker Sam Brown, der gerade in Portugal weilt, ermittelt und löst den Fall.

 

Les cuisines du diable (In Teufelsküchen) - Alain Germain

Wenn Gastronomie sich auf Verbrechen reimt, ist das Gespenst des Hauses Bo rgia nicht weit ...

Der Autor: Alain Germain ist ein Bühnenmensch : Regisseur, Choreograf, Kostümbildner, Architekt und Bühnenausstatter. Diplom der Arts Décoratifs und der Beaux-Arts. 1972 gründete er seine eigene Theatergruppe. Les cuisines du diable ist sein achter Roman.

In Paris haben es sich die Gäste eines großen Restaurants leider angewöhnt, am Ende des Menus abrupt zusammenzubrechen. Männer, deren Körpergewicht auch auf einen natürlichen Tod schließen lassen könnte. Der Kommissar Legrand und sein Freund, der Doktor Hauterive haben sich just entschieden, ihr zehnjähriges Zusammenleben im «Au Faisan bleu» zu feiern, als einer der Gäste gerade zusammengebrochen ist. Die beiden Männer interessieren sich für den Fall und sie tun sich zusammentun, um dieses seltsame Rätsel zu lösen, das sie bis zu einem mittelalterlichen Kochbuch führen wird, wo man entdeckt, dass Pflanzen nicht nur in der Medizin Verwendung fanden.


Les recettes de la Série Noire

Le livre de cuisine de la Série Noire (Kochbuch aus der Série Noire)
Arlette Lauterbach und Alain Raybaud (Gallimard 1999)

Le livre des alcools de la Série Noire (Alkoholische Getränke aus der Série Noire)
Arlette Lauterbach und Patrick Raynal (Gallimard 2001)

Corinne Naidet
dt. von Andrea Stephani

Zwei Sammlungen, die zwar schon älteren Datums, aber kein bisschen altbacken und nach wie vor im Handel erhältlich sind.

In der ersten gibt es 150 Romanauszüge zu entdecken, in denen die Akteure der Série Noire beim liebevollen Köcheln diverser Gaumenfreuden oder deren bloßer Erwähnung vor Wonne schmatzen. Wie schrieb schon Christine Ferniot in einem Artikel der Literaturzeitschrift Lire (2001) sehr treffend: "Bullen oder Ganoven überlassen niemals etwas dem Zufall, wenn es um gutes Essen geht. Die Zubereitung und der Genuss kleiner Gerichte sind unerlässliche Zutaten der spannendsten Krimis."

Die Autoren haben also eine Auswahl von 150 kulinarisch bedeutsamen Textpassagen getroffen, aus denen sie 298 Rezepte herausgeholt haben (Originalgerichte und ihre Abwandlungen). All jene, die Literatur und gutes Essen gleichermaßen lieben, werden hier voll auf ihre Kosten kommen, wenn sie etwa Kabeljauzungen in Bierteig ( beignets de langue de morue) zubereiten, von denen in Total Cheops von Jean-Claude Izzo die Rede ist, oder die Alligator Sauce Piquante, auf die die Charaktere von Chester Himes so versessen sind (fehlt nur noch der Alligator!) Und immer wieder wird die Kochkunst im mediterranen Kriminalroman à la Montalban-Izzo-Camilleri angeführt... Das Buch führt uns vor Augen, dass die hartgesottenen Kerle dieser Welt sich auch gerne mal an den Herd stellen.

Das zweite Werk ist Jean-Claude Izzo gewidmet und wurde von Joelle Jolivet illustriert. Es hätte eigentlich vor dem Livre de cuisine de la Série Noire erscheinen sollen, wohl um zu belegen, dass in der littérature noire mehr getrunken als gegessen wird. In der Tat warten die Figuren in einem Kriminalroman nur selten bis zum Essen, um sich die Kehle zu befeuchten, die Hucke voll zu saufen, sich einen Schluck zu genehmigen oder sich einen auf die Lampe zu gießen. Abgesehen von trockenen Alkoholikern wie Matt Scudder, der der Feder von Lawrence Block entsprungen ist, oder einigen Sonderlingen, sind Wassertrinker unter den Helden des Noir eine ausgesprochene Seltenheit... Dieses Buch präsentiert folgerichtig 302 Cocktails, hausgemachte Liköre, warme Getränke, in Alkohol eingelegte Früchte, Desserts, Saucen und gegorene Getränke, die alle einen gemeinsamen Hauptbestandteil haben: Alkohol.

302 Rezepte - eines für fast jeden Tag im Jahr, wenn man einen Ruhetag pro Woche einplant.

302 Rezepte aus 124 Romanen, dazu einen Blick auf die Textpassage, in der das fragliche Getränk vorkommt. Mit Bezeichnungen, die einem den Mund wässrig machen: Rusty Nail, Bloody Cesar, Orage Tropical, Czarina, Arriba und dergleichen mehr - die Poesie der Schnapsdrosseln...

Als Zugabe dann noch das sehr kluge Vorwort von Jean-Marie Laclavetine. Ein Geschenk für Geist und Gaumen.


Simenon et Maigret passent à table
Robert Jullien Courtine

Verlag Robert Laffont • 1974 (2003)

Corinne Naidet
dt. von Andrea Stephani

(Simenon und Maigret bitten zu Tisch. Die klassischen französischen Bistrorezepte der Madame Maigret, 1997, TB Diogenes, dt. Übersetzung von Pierre F. Sommer. Vergriffen).

Das Bild von Kommissar Maigret, wie er am Tresen eines kleinen, grauen Bistros ein Sandwich und ein kleines Bier bestellt, ist wohl bekannt, häufig ist es in Fernsehverfilmungen zu sehen. Dabei vergisst man ganz Madame Maigret, die stets Rat weiß und stets bereit ist, gebackenes Zwiebelfleisch, gespickten Kalbsbraten mit Sauerampferpüree oder auch einen Mirabellenkuchen mit Liebe zuzubereiten. Traditionelle Küche, einfach, schmackhaft und immer wieder kräftigend, die zu Simenons Milieu passt. Die Rezeptsammlung, von der hier die Rede ist, wurde zusammengestellt von Courtine, einem engen Freund Simenons, für den der belgische Schriftsteller ein Vorwort zu dessen Buch "L'Encyclopédie universelle de la cuisine" (Universalenzyklopädie des Kochens), erschienen 1969, geschrieben hatte. Die Texte sind illustriert mit Fotografien aus dem Paris der fünfziger Jahre, wo der Schriftsteller und sein Held gerne herumschlenderten und die Atmosphäre einsogen, mit einer gepflegten Tabakpfeife im Mundwinkel.

Dieses bei Robert Laffont 2003 neu herausgegebene Buch wurde erstmals 1974, dann erneut 1992 veröffentlicht. Seine direkt nach Erscheinen erfolgte englische Übersetzung sowie seine Verbreitung in den Vereinigten Staaten waren sehr erfolgreich (Madame Maigret's recipes), ebenso eine italienische Fassung von 1977 (Le ricette della signora Maigret).

Vorwort von Simenon:

Mein lieber Courtine,

es ist nun schon eine ganze Reihe von Jahren her, dass ich keine Vorworte mehr schreibe, denn ich würde darauf einen guten Teil der Zeit verwenden, die ich ja meinen Romanen widmen will, und ihre Anzahl würde sie jeden Wertes berauben. Wollen Sie nicht diesen Brief, den ich Ihnen in aufrichtiger Freundschaft schreibe, als Vorwort betrachten?

Lange schon lese und bewundere ich Ihre Werke. Vor allem in den letzten Jahren tun sich viele Leute groß mit der Gastronomie, und fast jede Tages- oder Wochenzeitung hat ihre eigene Rubrik zur gepflegten Küche. Nun ist aber in den meisten Fällen die Kochkunst, von der die Rede ist, eine unechte Kunst, die besser mit aufblasbaren Plastikmöbeln harmoniert als mit einem schönen, soliden Esszimmer.

Gerne schriebe ich, dass Sie der letzte Klassiker seien, würde ich nicht Gefahr laufen, Ihnen dadurch die Liebhaber der Originalität um jeden Preis abspenstig zu machen. Sie haben sich die Mühe gemacht, jedes Gericht bis zu seinem - oftmals bäuerlichen - Ursprung zurückzuverfolgen, das Warum dieser Zutat, jenes Garverfahrens oder jener Verzierung zu ergründen. Auch haben Sie zahlreiche Vereinfachungen gesucht und gefunden, derer unsere armen Mägen heutzutage bedürfen.

Ich habe Sie bei der Arbeit gesehen. Ihre Neugier und Ihre Umtriebigkeit begeistern mich nach wie vor. Und habe ich es mit einem strittigen Fall zu tun, sind Sie es, den ich um Rat frage.

Man hatte unseren Freund Curnonsky den Prinzen der Gastronomie genannt. Sie sind der würdige Erbe dieses Titels, wenngleich er etwas hochtrabend klingt und ich ihm das Wort Experte vorziehe.

Experten sind es, die gefälschte und echte Gemälde, wertlose und wahrhafte Kunstwerke auseinanderhalten können. Und genau dies tun Sie in der Kochkunst, die eben auch eine Kunst ist, wenn nicht sogar die älteste. Sie wissen, dass ich Sie bewundere. Mit diesem Vorwort in Briefform würde ich meine Bewunderung gerne den wenigen unter Ihren Lesern vermitteln, die sie noch nicht teilen.

In aller Freundschaft, mein lieber Courtine.

Georges Simenon


powered by FreeFind

© 2005 europolar Home | Impressum | Redaktion | Übersetzer | Archiv | Links | Webmaster | Inhaltsverzeichnis | Webmaster: Emma