Intertextualität und Strukturalismus:
Die
beiden Figuren der Verwirrung
Der bedauerliche Fall des Kriminalromans
als Annäherungsversuch an die volksnahe Literatur
(Antwort auf den Essay von
Moez Lahmédi)
Essay von Okuba Kentaro
Übersetzung:
Sarah
Florence Gaebler
In Europolar
Nr. 6 stellte Moez Lahmédi eine Untersuchung vor,
in der er das Verfassen von Kriminalromanen auf das Spiel mit der Intertextualität
reduziert. Kritischer Essay, brillantes Paradoxon, ergreifende Verkürzung
oder kaltblütige Enthauptung? Schwer, dies zu beurteilen, zumal an
dieser Stelle auch nicht das Argument eines komplexen technischen Jargons
ins Feld zu führen ist, das Interpretationen freien Lauf lässt.
Dies würde denn bedeuten, dass der Essay formell gesehen nicht abgeschlossen
ist: Doch kommt er als wissenschaftlicher Text daher und lässt sich
unter dem Primat der wissenschaftlichen Strenge subsumieren, der Eindeutigkeit
seiner Sprache. Letzten Endes sind Pedanten nicht so sehr jene, die einen
Jargon verwenden, sondern vielmehr jene, die die Wissenschaft zugunsten
von nebensächlichen, zu begleichenden Rechnungen missbrauchen.
Dies ist wahrscheinlich
nicht der eigentliche Beweggrund von Herrn Lahmédi,
und ich werde ihn diesbezüglich auch nicht verurteilen. Es scheint
mir hingegen durchaus angebracht, darauf zurückzukommen, ob seine
Darstellung Bestand haben kann, da diese unerfreulichen Interpretationen
Tür und Tor öffnet.
Erinnern
wir uns
Der Autor hat sich
zum Ziel gesetzt, anhand eines besonderen Falles, nämlich dem des Kriminalromans, die analytische Methode der so genannten
Intertextualität zu untersuchen. Letztere besteht insbesondere darin,
im Text, also im geschriebenen Zeichen, die Materie einer Typologie
der Vorgehensweisen der romanesken Konstruktion herauszuarbeiten.
Gehen wir einmal
vom Postulat des Autors aus, demzufolge das geschriebene Resultat wichtiger
ist als die kreativ-schöpferischen Idee - und
damit finden wir vieles der Doktrin Umberto Ecos wieder - und folgen wir
der Beweisführung der "Krimi"-Intertextualität im Sinne der
verkürzten Terminologie von Herrn Lahmédi.
Sicher ist sie anders,
weil sie auf der Grundlage einer Anordnung von vorhergehenden Texten
funktioniert, die in den Augen des Autors auf der materiellen Basis
seiner künftigen Collagen- und Radierarbeit beruht.
In der Tradition der mittelalterlichen Kopisten nimmt der "Krimi"-Schriftsteller
das Papier alter obskurer Schriftstücke auf, um es zu reinigen und
neue Werke darauf niederzuschreiben.
An dieser Stelle
der Beweisführung
schlage ich vor, letzteren einen Bastler zu nennen, um ihn vom Romancier
zu unterscheiden.
Der Autor, der ahnt,
dass die Aussage zur Palimpsestehandlung als verkürzt
betrachtet werden könnte, greift sogleich ein, um die andere Facette
der Intertextualität, verstanden als ein Spiel mit der Lektüre,
in Erinnerung zu rufen. Dabei kann der Leser je nach Bildungsstand den
gelesenen Text mit anderen bereits erschlossenen Büchern in Verbindung
setzen oder eben nicht. Selbstverständlich ist dieses Phänomen
vom Literaturgenre und dem Thema des Buches selbst unabhängig, wie
Herr Lahmédi einräumt.
Nur dass der Kriminalroman
häufig auf andere Romane des gleichen
Genres anspielt und somit eine Dynamik der Wiederholung schafft. Wenn
nun aber der Leser in einem Werk die Figuren eines oder mehrerer anderer
wieder entdeckt, wird er geneigt sein, sich dem Spiel mit der Lektüre
hinzugeben, dem "Vertrag", den er somit eingeht und der da eine natürliche
Lektüre beansprucht, zuzustimmen.
Es sei darauf zu
achten, so Herr Lahmédi, dass die systematische
Wiederholung mit einer kurzzeitigen Fossilisation des Genres einhergehe,
und dass man aus diesem Grunde nun von einer metatextuellen Dynamik ausgehen
müsse. Der Erfindungsgeist des Krimi-Bastlers besteht also in seiner
Fähigkeit, Gleiches zu schreiben, mit Ausnahme des Endes, das dazu
dient, dem vertraglich gebundenen Leser einen Überraschungseffekt
zu liefern. Will man die angewandte Methode analysieren, so ist der Überraschungseffekt
selbst zweifelsohne auch Teil des Kontrakts und der Bastler hat die
Chance, ebenso wohlwollende Leser zu finden.
Davon ausgehend stellt
sich nun die Frage, wie wir überhaupt dorthin
gelangt sind.
Denn zuerst einmal,
so der Autor, muss der Krimi-Bastler Texte nehmen und ihnen einen Indizien-Wert
verleihen. Indem er sie geschickt verteilt und sie gleich einer sinnerfüllten Collage ganz wie einst die ersten
Kubisten zusammenfügt, erlaubt der Bastler es seinem Leser, der nur
so sehr nach bekannten Anhaltspunkten giert, im Text voranzukommen. Denn
in der Folge wird diese Indizien-Funktion um die Reflexionsfunktion verdoppelt:
Der Leser, der ihm bereits bekannte Stücke liest, betrachtet sich
als Leser im Jetzt und als Leser in der Vergangenheit und ist angesichts
eines solchen Spiegeleffekts zutiefst beglückt. Gewiss, dieses Argument
scheint entkräftet, betrachtet man die intertextuelle Funktion als
eine grundlegend palimpsestische in einer Krimicollage und die Tatsache,
dass der psychologische Abstand zwischen den Teilstücken - der eigentlich
immer gleich bleibend ist, denn nihil novi sub sole - schnell
gen null tendiert.
Letztes Argument:
Diese Form der Methode ist dem Kriminal"roman" eigen.
Die
Untersuchung
Nun also sind die
Besonderheiten - wenn man dies so sagen kann -, die
der Intertextualität des Kriminalromans eigen sind, beleuchtet: Ein
simples Formalspiel, das den wenn nicht tautologischen so doch fast ausschließlich
endogenen Prozess ersetzt, mit einem sicheren Überraschungseffekt
für den Leser.
Keine Reflexion über den Wert der schöpferischen Idee, und
nicht einmal über den politischen Anspruch des Autors, im außergewöhnlichen
Freiraum des Krimigenres - Imre Kertèsz und Ismaël Kadaré seien
nur als Beispiel genannt - die Fragen nach dem Verlust von Menschlichkeit,
die dem totalitären System eigen sind, zu stellen. Es wird gerade
einmal Manchette zitiert - doch kann dies zufrieden stellend sein? Denn
steht nicht im Notizheft von Herrn Lahmédi - ein gutes Beispiel
für die Intertextualität im Übrigen -, dass Manchette für
jeden politischen Punkt zu zitieren sei? Ist darüber hinaus nicht
auch das formelle Abenteuer erwähnt, das in Paul Austers New-York-Trilogie
zu seinem höchsten Abstraktionsniveau findet?
Und diese so befremdliche
Vorstellung, mit soviel Inbrunst wiedergegeben, der zufolge es kein
Rätsel im Roman
gibt und vielleicht auch keine Reflexionsfunktion.
Im Namen welchen
Arguments soll man dem unvollständigen Plädoyer
von Herrn Lahmédi folgen: Genette, Barthes? Strukturalisten, wenn
man ihnen denn Glauben schenken will, Menschen, die an die Allmacht der
stilistischen Strukturen glauben. Gewiss, doch haben sie nicht erklärt,
dass diese Struktur lediglich für die Kriminalromane gilt? Weshalb
und auf welche Weise - dies sind die Mindestfragen, die es in einer konstruktiven
These zu stellen gälte, und die nicht nur hier Erwähnung finden.
Man könnte beispielsweise die Situation der literarischen Texte im
17. Jahrhundert aufgreifen und die der Intertexte der damaligen Zeit:
Die lateinischen Schriftsteller in lingua originalis, wenn ich bitten
darf, die Mythologie, die Bibel. Also, mein guter alter Racine, mit Ihren
500 Wörtern und Ihren Intertexten - ein Schriftsteller?!
Oder aber, und dies
ist vielleicht ein einfacher Anpassungsfehler, Herr Lahmédi denkt an Gérard de Villiers und an seine 164 Romane,
die in sich schon ein Rätsel sind: Wie können normale Menschen
mit einer derartigen Freude in ein immergleiches Wasser eintauchen? Vielleicht
versucht Herr Lahmédi gar, den Wert der volksnahen Literatur zu
verstehen oder gar zu bezwingen, ohne jedoch genau zu wissen, wie er sie
bezeichnen und analysieren sollte. Man kann ihm in jedem Falle vorwerfen,
dass er zu der Verwirrung, die er aufzulösen kam, beiträgt.
Das
Urteil
Als Leser und Vorleser
bin ich immer wieder auf unangenehme Weise von der Fähigkeit der Forscher beeindruckt, der Freude den Garaus zu
machen, als wenn dieser Freiraum, dieser Raum für Entspannung und
Träumerei - im Sinne Bachelards -, ihnen grundlegend zuwider wäre.
Ebenso überrascht mich, in der Folge der Arbeiten des unermüdlichen
Umberto Eco, das befremdliche Porträt des Kriminalromanlesers zu
lesen: Ein Mensch, der immer Gleiches liest und der sich gleichzeitig
dabei betrachtet, wie er liest. Ein wunderbares Beispiel für solipsistische
Selbstverleugnung.
Herr Lahmédi ist dabei nicht der Schlimmste von allen, doch schlägt
er sich - bewusst oder nicht - auf die Seite der Vivisektoren. Sich in einem
Kreis von Lesern und Autoren vorzustellen, um - ohne jede stringente Methode - das
Objekt ihrer Freude zu vernichten, das Verfassen eines Buches auf
ein Spiel von copy and paste zu reduzieren, dies sind nun
also Prozedere, die ihn zu den brillanten Elementen der kommenden Generation
zählen
lassen. Schade nur, dass er den bedauerlichen Fall des Kriminalromans gewählt
hat, um sich einer kaltblütigen Attacke auf die volksnahe Literatur
hinzugeben: Für ihn handelt es sich um einen von vornherein zum Scheitern
verurteilten Fall (verächtliches Lachen...).
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auf Moez Lahmédi