krimis in Europa
n°7 November-Dezember-Januar 2006/07

 

>> Artikel

Intertextualität und Strukturalismus:
Die beiden Figuren der Verwirrung

Der bedauerliche Fall des Kriminalromans als Annäherungsversuch an die volksnahe Literatur

(Antwort auf den Essay von Moez Lahmédi)

Essay von Okuba Kentaro
Übersetzung: Sarah Florence Gaebler

 

In Europolar Nr. 6 stellte Moez Lahmédi eine Untersuchung vor, in der er das Verfassen von Kriminalromanen auf das Spiel mit der Intertextualität reduziert. Kritischer Essay, brillantes Paradoxon, ergreifende Verkürzung oder kaltblütige Enthauptung? Schwer, dies zu beurteilen, zumal an dieser Stelle auch nicht das Argument eines komplexen technischen Jargons ins Feld zu führen ist, das Interpretationen freien Lauf lässt. Dies würde denn bedeuten, dass der Essay formell gesehen nicht abgeschlossen ist: Doch kommt er als wissenschaftlicher Text daher und lässt sich unter dem Primat der wissenschaftlichen Strenge subsumieren, der Eindeutigkeit seiner Sprache. Letzten Endes sind Pedanten nicht so sehr jene, die einen Jargon verwenden, sondern vielmehr jene, die die Wissenschaft zugunsten von nebensächlichen, zu begleichenden Rechnungen missbrauchen.

Dies ist wahrscheinlich nicht der eigentliche Beweggrund von Herrn Lahmédi, und ich werde ihn diesbezüglich auch nicht verurteilen. Es scheint mir hingegen durchaus angebracht, darauf zurückzukommen, ob seine Darstellung Bestand haben kann, da diese unerfreulichen Interpretationen Tür und Tor öffnet.

 

Erinnern wir uns

Der Autor hat sich zum Ziel gesetzt, anhand eines besonderen Falles, nämlich dem des Kriminalromans, die analytische Methode der so genannten Intertextualität zu untersuchen. Letztere besteht insbesondere darin, im Text, also im geschriebenen Zeichen, die Materie einer Typologie der Vorgehensweisen der romanesken Konstruktion herauszuarbeiten.

Gehen wir einmal vom Postulat des Autors aus, demzufolge das geschriebene Resultat wichtiger ist als die kreativ-schöpferischen Idee - und damit finden wir vieles der Doktrin Umberto Ecos wieder - und folgen wir der Beweisführung der "Krimi"-Intertextualität im Sinne der verkürzten Terminologie von Herrn Lahmédi.

Sicher ist sie anders, weil sie auf der Grundlage einer Anordnung von vorhergehenden Texten funktioniert, die in den Augen des Autors auf der materiellen Basis seiner künftigen Collagen- und Radierarbeit beruht. In der Tradition der mittelalterlichen Kopisten nimmt der "Krimi"-Schriftsteller das Papier alter obskurer Schriftstücke auf, um es zu reinigen und neue Werke darauf niederzuschreiben.

An dieser Stelle der Beweisführung schlage ich vor, letzteren einen Bastler zu nennen, um ihn vom Romancier zu unterscheiden.

Der Autor, der ahnt, dass die Aussage zur Palimpsestehandlung als verkürzt betrachtet werden könnte, greift sogleich ein, um die andere Facette der Intertextualität, verstanden als ein Spiel mit der Lektüre, in Erinnerung zu rufen. Dabei kann der Leser je nach Bildungsstand den gelesenen Text mit anderen bereits erschlossenen Büchern in Verbindung setzen oder eben nicht. Selbstverständlich ist dieses Phänomen vom Literaturgenre und dem Thema des Buches selbst unabhängig, wie Herr Lahmédi einräumt.

Nur dass der Kriminalroman häufig auf andere Romane des gleichen Genres anspielt und somit eine Dynamik der Wiederholung schafft. Wenn nun aber der Leser in einem Werk die Figuren eines oder mehrerer anderer wieder entdeckt, wird er geneigt sein, sich dem Spiel mit der Lektüre hinzugeben, dem "Vertrag", den er somit eingeht und der da eine natürliche Lektüre beansprucht, zuzustimmen.

Es sei darauf zu achten, so Herr Lahmédi, dass die systematische Wiederholung mit einer kurzzeitigen Fossilisation des Genres einhergehe, und dass man aus diesem Grunde nun von einer metatextuellen Dynamik ausgehen müsse. Der Erfindungsgeist des Krimi-Bastlers besteht also in seiner Fähigkeit, Gleiches zu schreiben, mit Ausnahme des Endes, das dazu dient, dem vertraglich gebundenen Leser einen Überraschungseffekt zu liefern. Will man die angewandte Methode analysieren, so ist der Überraschungseffekt selbst zweifelsohne auch Teil des Kontrakts und der Bastler hat die Chance, ebenso wohlwollende Leser zu finden.

Davon ausgehend stellt sich nun die Frage, wie wir überhaupt dorthin gelangt sind.

Denn zuerst einmal, so der Autor, muss der Krimi-Bastler Texte nehmen und ihnen einen Indizien-Wert verleihen. Indem er sie geschickt verteilt und sie gleich einer sinnerfüllten Collage ganz wie einst die ersten Kubisten zusammenfügt, erlaubt der Bastler es seinem Leser, der nur so sehr nach bekannten Anhaltspunkten giert, im Text voranzukommen. Denn in der Folge wird diese Indizien-Funktion um die Reflexionsfunktion verdoppelt: Der Leser, der ihm bereits bekannte Stücke liest, betrachtet sich als Leser im Jetzt und als Leser in der Vergangenheit und ist angesichts eines solchen Spiegeleffekts zutiefst beglückt. Gewiss, dieses Argument scheint entkräftet, betrachtet man die intertextuelle Funktion als eine grundlegend palimpsestische in einer Krimicollage und die Tatsache, dass der psychologische Abstand zwischen den Teilstücken - der eigentlich immer gleich bleibend ist, denn nihil novi sub sole - schnell gen null tendiert.

Letztes Argument: Diese Form der Methode ist dem Kriminal"roman" eigen.

 

Die Untersuchung

Nun also sind die Besonderheiten - wenn man dies so sagen kann -, die der Intertextualität des Kriminalromans eigen sind, beleuchtet: Ein simples Formalspiel, das den wenn nicht tautologischen so doch fast ausschließlich endogenen Prozess ersetzt, mit einem sicheren Überraschungseffekt für den Leser.

Keine Reflexion über den Wert der schöpferischen Idee, und nicht einmal über den politischen Anspruch des Autors, im außergewöhnlichen Freiraum des Krimigenres - Imre Kertèsz und Ismaël Kadaré seien nur als Beispiel genannt - die Fragen nach dem Verlust von Menschlichkeit, die dem totalitären System eigen sind, zu stellen. Es wird gerade einmal Manchette zitiert - doch kann dies zufrieden stellend sein? Denn steht nicht im Notizheft von Herrn Lahmédi - ein gutes Beispiel für die Intertextualität im Übrigen -, dass Manchette für jeden politischen Punkt zu zitieren sei? Ist darüber hinaus nicht auch das formelle Abenteuer erwähnt, das in Paul Austers New-York-Trilogie zu seinem höchsten Abstraktionsniveau findet?

Und diese so befremdliche Vorstellung, mit soviel Inbrunst wiedergegeben, der zufolge es kein Rätsel im Roman gibt und vielleicht auch keine Reflexionsfunktion.

Im Namen welchen Arguments soll man dem unvollständigen Plädoyer von Herrn Lahmédi folgen: Genette, Barthes? Strukturalisten, wenn man ihnen denn Glauben schenken will, Menschen, die an die Allmacht der stilistischen Strukturen glauben. Gewiss, doch haben sie nicht erklärt, dass diese Struktur lediglich für die Kriminalromane gilt? Weshalb und auf welche Weise - dies sind die Mindestfragen, die es in einer konstruktiven These zu stellen gälte, und die nicht nur hier Erwähnung finden. Man könnte beispielsweise die Situation der literarischen Texte im 17. Jahrhundert aufgreifen und die der Intertexte der damaligen Zeit: Die lateinischen Schriftsteller in lingua originalis, wenn ich bitten darf, die Mythologie, die Bibel. Also, mein guter alter Racine, mit Ihren 500 Wörtern und Ihren Intertexten - ein Schriftsteller?!

Oder aber, und dies ist vielleicht ein einfacher Anpassungsfehler, Herr Lahmédi denkt an Gérard de Villiers und an seine 164 Romane, die in sich schon ein Rätsel sind: Wie können normale Menschen mit einer derartigen Freude in ein immergleiches Wasser eintauchen? Vielleicht versucht Herr Lahmédi gar, den Wert der volksnahen Literatur zu verstehen oder gar zu bezwingen, ohne jedoch genau zu wissen, wie er sie bezeichnen und analysieren sollte. Man kann ihm in jedem Falle vorwerfen, dass er zu der Verwirrung, die er aufzulösen kam, beiträgt.

 

Das Urteil

Als Leser und Vorleser bin ich immer wieder auf unangenehme Weise von der Fähigkeit der Forscher beeindruckt, der Freude den Garaus zu machen, als wenn dieser Freiraum, dieser Raum für Entspannung und Träumerei - im Sinne Bachelards -, ihnen grundlegend zuwider wäre. Ebenso überrascht mich, in der Folge der Arbeiten des unermüdlichen Umberto Eco, das befremdliche Porträt des Kriminalromanlesers zu lesen: Ein Mensch, der immer Gleiches liest und der sich gleichzeitig dabei betrachtet, wie er liest. Ein wunderbares Beispiel für solipsistische Selbstverleugnung.

Herr Lahmédi ist dabei nicht der Schlimmste von allen, doch schlägt er sich - bewusst oder nicht - auf die Seite der Vivisektoren. Sich in einem Kreis von Lesern und Autoren vorzustellen, um - ohne jede stringente Methode - das Objekt ihrer Freude zu vernichten, das Verfassen eines Buches auf ein Spiel von copy and paste zu reduzieren, dies sind nun also Prozedere, die ihn zu den brillanten Elementen der kommenden Generation zählen lassen. Schade nur, dass er den bedauerlichen Fall des Kriminalromans gewählt hat, um sich einer kaltblütigen Attacke auf die volksnahe Literatur hinzugeben: Für ihn handelt es sich um einen von vornherein zum Scheitern verurteilten Fall (verächtliches Lachen...).

>> Antwort auf Moez Lahmédi

PicoSearch

© 2005 europolar Home | Impressum | Redaktion | Archiv | Links | Webmaster | Inhaltsverzeichnis | Webmaster: Emma