"Tart Noir"
Sammelband: Ich hab ihn mariniert:
Probieren
Sie mal die Noir-Schnitte
Lee Horsley
Übersetzung: Alexander
Ruoff
(Conference paper, Lancaster
University's 'The Twenty-First Century Novel:
Reading and Writing Contemporary Fiction', 2-3 September 2005)
Der Titel dieses Aufsatzes soll etwas von
dem Geist, dem Ton und dem Anliegen von »Tart Noir« transportieren - den selbstbewussten
Witz, die aus dem Comic stammende Subversivität und den Hang zum
spielerischen Überschreiten von Genregrenzen, sichtbar an der Mixtur
aus Elementen des Krimis, von Liebes- und Gruselgeschichten. Die »Gründungsmütter« Lauren
Henderson und Sparkle Hayter definierten ihr neues Subgenre Mitte der
Neunziger-Jahre (ihr ursprüngliches Label »Slut Noir« - Votze
Noir -, inspiriert von einem T-Shirt mit dem Aufdruck »Barbie ist
eine Votze«, wurde in »Tart Noir« - Noir-Schnitte - geändert,
weil anzunehmen war, dass die »Amerikaner auf das Wort >Votze< nicht
unbedingt begeistert reagieren würden«). Zusammen mit Stella
Duffy brachte Henderson den hier zu besprechenden Sammelband heraus - zwanzig
Geschichten mit dem Titel Tart Noir, erschienen bei Pan 2002. Gemeinsam
betreiben die beiden auch die website Tart City, auf der man Nachrichten, »Anleitungen
für die Liebe und das Leben«, Papierpüppchen »Ihrer
Lieblingscharaktere von Tart Noir« und weiter Beispiele des »Tart-Ethos« findet: »Hinterlist
und Respektlosigkeit sowie der ständige Versuch, immer wieder neu
zu erfinden, wie Frauen schreiben und worüber sie schreiben sollen«.
Vor diesem Hintergrund geht es mir in diesem Aufsatz darum, welche Formen
diese Neuerfindungen im vorliegenden Sammelband von Tart Noir annehmen.
Welche Strategien werden in dieser bewussten Dekonstruktion von Dichotomien
der Kriminalliteratur angewendet? Wie und auf welche Weise spielen die
Autorinnen mit den Erwartungen ihrer Leserschaft? Und welche neuen Richtungen
gibt es in der Kriminalliteraur des 21. Jahrunderts, angesichts der zahlreichen
Genrerevisionen der letzten zwanzig oder dreißig Jahre des 20.
Jahrhunderts?
Die Zunahme und Entwicklung der Genres populärer Erzählliteratur
legen den Schluss nahe, dass das Spiel mit und die Verletzung von Normen
grundlegende Aspekte des Lesevergnügens darstellen. Überblickt
man die Entwicklung der Kriminalliteratur in groben Zügen, stellt
man eine Abfolge von Überschreitungen der gewohnten Formen des Genres
fest, wobei jeder neue Zweig auf den Veränderungen aufbaut, die bereits
stattgefunden haben. Als der Feminismus in den Achtzigerjahren die Tradition
des hard boiled, der hartgesottenen Detektivgeschichte, herausforderte
und daran ging, sie umzuschreiben, war eine seiner wichtigsten Strategien - und
eine immens erfolgreiche Strategie - natürlich die, das Geschlecht
des Detektivs zu ändern. Die bei weitem bestbekannte Figur in der
zeitgenössischen feministischen Kriminalliteratur ist der hartgesottene
weibliche Detektiv, das die Geschlechtergrenzen in Frage stellende »Mannweib«,
das eiskalt und schießwütig seinen Weg geht. Es gab feministische
Kritik an dieser Strategie (das »Mannweib«, so wird oft argumentiert,
ist ein Oxymoron, ein Begriff, der eine in sich widersprüchlich Figur
beschreibt: so etwas wie ein Philip Marlowe oder ein Mike Hammer in Frauenklamotten,
mithin also kaum mehr als eine Parodie des männlichen Detektivs),
aber man kann sich ausmalen, dass die größere Schwierigkeit
für viele der Autorinnen darin besteht, dass die feministische Detektivin
nach 25 Jahren all zu vorhersehbar geworden ist - eine Schablone, genau
wie die unzähligen männlichen Klone der Detektivfiguren von
Chandler oder Spillane. Die Autorinnen von Tart Noir aber schaffen tatsächlich
eigene weibliche Detektive (es besteht immer eine große Nachfrage
nach starken Serienhelden, und aus nachvollziehbaren Gründen besteht
immer eine größere Nachfrage nach Detektiven als Seriencharakteren
als nach Opfern oder Mördern). Der Vorteil im Sammelband von Tart
Noir besteht im Gegensatz zu sonstigen Kurzgeschichten darin, dass die
Autorinnen nicht gezwungen waren, ihre Herausgeber zufriedenzustellen.
In der Einladung, zu diesem Sammelband beizutragen, hieß es, man
solle und könne »etwas anderes machen als das übliche
... vielleicht etwas, was man schon immer schreiben wollte, aber von dem
man wusste, dass der Herausgeber es niemals akzeptieren würde«.
Im Ganzen gesehen besteht das Ergebnis aus einer Sammlung von Kriminal-
im Gegensatz zu Detektivgeschichten, die in der Tradition des Noir (der
nicht-investigativ ist) größere Möglichkeiten für
Subversion, für spielerische Manipulationen der Stereotype des Noir
bieten - und zwar sowohl der Stereotype der früheren männlichen
hard-boiled-Tradition als auch die der darauf folgenden feministischen
Uminterpretierung.
Wenn wir »Tart Noir« in Kontrast zur »Mannweib«-Detektivkriminalliteratur
denken, im Kontrast zu Protagonisten, die ihre intellektuellen und physischen
Kräfte nutzen, um die Ordnung wieder herzustellen, dann haben wir
Protagonisten, die - in der Tradition der Noir - Literatur -
durch Triebe und Begehren bestehende Grenzen überschreiten. Im Tart
Noir- Sammelband sind ein oder zwei Variationen
des »tough chick« zu finden, des »harten Mädchens« mit
kurzen Haaren, aggressiv und durchtrainiert; aber insgesamt ist der Sammelband,
was die Geschlechterideologie anbelangt, um einiges erfindungsreicher
und auf unterhaltsame Weise subversiv. Er bietet wunderbare Gelegenheiten,
die Fluidität weiblicher Identität zu entdecken. Die Geschichten
in Tart Noir liefern keine positiven weiblichen Rollenvorbilder,
sondern zeichnen Charaktere, die den kulturell konformen Bildern weiblicher
Identität und weiblichen Verlangens (oder zumindest denen, die kulturell
in Mode sind) entfremdet sind. Es handelt sich, wie gesagt, um Geschichten,
die sowohl die von Männern geschriebene Kriminalliteratur als auch
das feministische Sub-Genre parodieren. Sie reißen die Gegensatzpaare
von Angreifer/Opfer, sexuell-orientiert/häuslich, verzehrend/nährend,
aggressiv/passiv ein, wobei eine ihre Hauptstrategien darin besteht, die
femma fatale mit der nährend-fürsorglichen und häuslichen
Frau zu amalgamieren. Diese Verknüpfung zweier traditionell antithetischer
Charaktertypen wird meist über kulinarische Motive durchgeführt,
die für einige der besten Geschichten in diesem Sammelband zentral
sind. Im folgenden werde ich vier Geschichten behandeln, in denen Noir-Themen
wie Gesetz und Gesetzesübertritt, Macht und Verwundbarkeit auf allerlebendigste
Weise über ungezügeltes weibliches Verlangen thematisiert werden,
und zwar nicht nur über den Heißhunger nach Sex und Leben,
der die femme fatale auszeichnet, sondern auch über ein enormes Verlangen
nach Essen, dargestellt in einer überbordenden und oftmals grotesken
Körperlichkeit.
Kulinarische Motive fehlen natürlich auch in der auf eine Detektivin
fokussierten Kriminalliteratur nicht, sie sind im Gegenteil oft ein wichtiges
Merkmal des »weiblichen« im Gegensatz zum »männlichen« Protagonisten,
während sie allerdings im allgemeinen für die Struktur des Aufklärungsnarrativs
nur von peripherer Bedeutung sind. Patricia Cornwell zum Beispiel sagt,
dass es ihr bei der Entwicklung der Figur Kay Scarpetta ganz natürlich
erschien, »dass sie gerne kochte ... nachdem Scarpetta den ganzen
Tag mit dem Tod zu tun hat, muss sie einfach in ein schönes zu Hause
kommen, zu Wein und hervorragendem Essen mit der Familie und mit Freunden
... sie muss Sorgfalt darauf verwenden, kalt gepresstes, extra virgines
Olivenöl oder Büffel-Vollmich-Mozarella aufzutreiben.« Es
gibt sogar ein Kochbuch zur Scarpetta-Serie. Die symbolische oder stark
referenzielle Funktion des Motivs des Essens in der Kriminalliteratur
ist allen bekannt, die den klassischen Film-Noir kennen. Dort freilich
tritt die »dunkle Seite« dieses Motivs stärker hervor,
werden die Figuren regelmäßig durch ihr Verlangen zerstört,
werden gefährliche erotische Triebe oftmals als eine Art gegenseitiger
Verzehrung dargestellt (man denke nur an »Wenn der Postmann zwei
Mal klingelt«, in dem der destruktive Hunger, das Verlangen und
die Gier von Frank und Cora symbolisch durch die Anordnung des Gedecks
dargestellt sind).
Die kulinarischen Metaphern in diesen vier Tart Noir -Geschichten
funktionieren sowohl positiv als auch negativ, evozieren sie in einigen
der Geschichten dunkle Assoziationen mit kapitalistischer Konsumption,
sind sie in anderen mit lebenserweiternden, ritualisierten und gemeinschaftsbestätigenden
Qualitäten verknüpft. Die eher positiven Bedeutungen treten
dann zutage (wie wir in der dritten und vierten Geschichte sehen werden),
wenn die Motive des Essens dazu dienen, die traditionell getrennten Charaktere
der femme fatale und der nährenden Frau zu vereinen. Die Figuren
aller vier Geschichten sind auf die ein oder andere Art und Weise »hart«,
aber dennoch sorgfältig in Kontrast zu den aggressiven, unabhängigen
aber hochmoralischen Heldinnen der Mannweibliteratur kreiert - jede einzelne
etabliert ihre eigene Ordnung, die aber in keiner der vier Geschichten
eine Wiederherstellung jener Ordnung ist, die von der dominierenden Gesellschaft
gut geheißen würde (vorausgesetzt die dominierende Gesellschaft
wüsste um die Wahrheit). Alle Figuren, außer vielleicht die
Tagebuchschreiberin in »Ausgesetzt!« sind »Schnitten« im
Sinn einer femme fatale, aber die Beziehungen, die sie eingehen, sind
von denen des traditionellen Noir scharf abgesetzt: Auch wenn sie die
Männer kontrollieren, die in ihr Leben treten, umhegen sie diese
auch und erfüllen so die Funktionen der »mütterlichen« Frau,
die für gewöhnlich (jedenfalls im herkömmlichen Noir) die
Antithese der femme fatale darstellt. In den ersten beiden Geschichten
treffen wir auf junge, gnadenlose und unverwüstliche Anti-Heldinnen,
deren Härte so extrem gezeichnet ist, dass man sich kaum vorstellen
kann, sie würden auch nur im geringsten offiziell anerkannt werden,
obwohl ihre Selbstbehauptung letztlich dazu dient, sie dort hinzubringen,
wo sie in einer von Männern kontrollierten Gesellschaft hinwollen.
In den beiden anderen Geschichten werden die Protagonistinnen auf eine
Weise definiert, die sie in aller Deutlichkeit von den durchtrainierten
und sportlichen weiblichen Detektiven abhebt und sie ebenso (künstlich)
von der kurvenreichen, attraktiven und konventionell gezeichnten Sexualität
der Noir-Spinnenfrau unterscheidet. Und gerade in diesen Figuren (so würde
ich argumentieren wollen) werden die klassischen Stereotype am gründlichsten
unterminiert.
Die dunkleren Konnotationen des Essens und
der Mahlzeiten sind in den ersten beiden Geschichten zu finden, mit
denen ich mich beschäftige.
Das ist zum einen die Erzählung im Stil von »Der Stärkere überlebt« mit
dem Titel »Das Tagebuch von Sue Peaner, Ausgesetzt! Wettbewerbsteilnehmer« und
zum anderen Karin Slaughters »Die notwendige Frau«. Hayter
dachte sich »Das Tagebuch« aus, während sie sich »Survivor!« (Der Überlebende!)
anschaute (und dieses ganz spezielle Weird Deird Popcorn aß) und
konzipierte sie als eine Mordgeschichte, die sie mit einer extrem comichaften
parodistischen Mischung verband, im Stil von »Survivor!« trifft
auf »Cannibal Island« (Die Insel der Kannibalen). Nach ihrer
eigenen Aussage ist die Frage, die Hayter interessiert, die folgende: »Was
würde geschehen ... wenn die Teilnehmer wirklich gezwungen würden
in dieser Umgebung zu überleben, und zwar ohne Kameras?« Die
Antworten, die sie gibt, legen nicht nur die Schwindeleien dieser Art
des Fernsehprogramms offen, das sie persifliert. Sie führen auch
zu einer Kritik der Gesellschaft, die den Gewinner des elementaren Kampfes
ums Überleben vermarktet und belohnt. Die Tagebuchschreiberin selber
erscheint als die raffgierigste der Figuren, was dazu führt, dass
der Kannibalismus nicht nur metaphorisch als heißhungriges Einverleiben
in Erscheinung tritt, sondern in gewisser Weise auch in einer eher positiven
Rolle - als tabubrechende Aktivität, die die Fähigkeit bezeichnet,
sich von konventionellen Restriktionen zu befreien. Wie in den anderen
beiden Geschichten, die wir noch betrachten, führt dies in Hinsicht
auf das Verbrechens sowohl dazu, den üblichen Plot neu zu strukturieren
als auch herkömmliche Charaktere neu zu zeichnen. Den Plot und die
Figuren, um die es hier geht, findet man in den (überaus zahlreichen)
Kriminalgeschichten, die von Männern Mitte des Jahrhunderts geschrieben
worden sind und in denen das grundlegende Szenario darin besteht, dass
eine Gruppe von Menschen durch irgendeine Katastrophe, einen Unfall oder
durch die gemeinsame obsessive Jagd auf ein Ziel, das finanzielle Vorteile
verspricht, zusammengewürfelt werden. Nehmen wir das berühmteste
Beispiel für eine solche Geschichte, den »Malteser Falken«:
Dort haben wir den harten männlichen Protagonisten (Bogart/Spade),
das gute Mädchen (Effie, Sam Spades Sekretärin), die femme fatale,
den dekadenten und korrupten Gutman, den verweiblichten Joel Cairo und
so weiter. Und alle jagen dem Falken hinterher, dem Signifikanten (dem
leeren Signifikanten, wie sich herausstellen wird) unermesslichen Reichtums.
Die auf Hayters Insel versammelte Gruppe ist dieser nicht unähnlich,
aber (wenn wir die Analogie des »Malteser Falken« verwenden)
hier wäre der harte Sam Spade ein Blender und die einzigen kompetenten
Charaktere die Sekretärin und die Schwuchtel. Hayters Sekretärin
Sue schreibt das Tagebuch und ist zunächst »erstaunt über
die Erfahrung dieser Leute«, unter denen sich ein Doktor und ein
Kriegsveteran »mit Überlebenstraining in der Wildnis« befinden.
Aber unter Stress zeigt sich bald, dass der angebliche Kriegsveteran ein »affektierter
Langeweiler« ist, der niemals auch nur in die Nähe eines richtigen
Krieges geraten war, der »Doktor« entpuppt sich lediglich
als Universitätsdozent für Literatur - und als alles ziemlich
schlimm zu werden beginnt, ist das einzig wirklich kompetente Mitglied
des »Stammes« der schwule filippinische Koch, der zu Sues
einzig brauchbarem Verbündeten wird. Er schlägt heimlich dem
Nervigsten der Überlebenden den Kopf ein, grillt die zarteren Teile,
mariniert den Rest in Salzwasser und stellt daraus Trockenfleisch her.
Als am Ende nur diese beiden übrig bleiben, hat Sue genug gelernt,
um ihrerseits die Initiative zu ergreifen, den Koch zu töten, zu
marinieren und ihn so zu überleben, bis sie gerettet wird, in einem
schicken Hotel Steak und Hummer serviert bekommt und den Hauptpreis, die
Million erhält, hinter der sie alle her waren.
Wie in der Geschichte von Hayter geht es
auch in der zweiten Geschichte, die ich behandeln möchte, in Karin
Slaughters makabrer Erzählung »Necessary
Women« (Notwendige Frauen) um eine junge Frau, die Männer mit
ihren eigenen Waffen schlägt, indem sie häusliche Tugenden in Überlebenstaktikten
umfunktioniert. Und auch hier sind die Zubereitung und der Verzehr
von Lebensmitteln zentral für die Macht und Stärke der Protagonistin,
spielt der Kannibalismus die Rolle einer Metapher sowohl für die
Verwilderung der porträtierten Gesellschaft als auch - von der Perspektive
der Figur aus gesehen - für die unverschämte Respektlosigkeit
gegenüber gesellschaftlichen Konventionen, als eine Demonstration
der Freiheit, analog der femma fatale. Wie Hayters Protagonistin ist
sie nicht bereit, sich den Traditionen zu beugen, die ihre Rolle als Frau
bestimmen - auch wenn ihr Ziel darin besteht, sich eine halbwegs sichere
Position in einer ziemlich traditionellen und von Männern dominierten
Gesellschaft zu sichern. In ihrem Nachwort beschreibt Karin Slaughter
ihren Standpunkt als Autorin im Gegensatz zum früheren, von Männern
geschriebenen Noir, einem Genre in dem, wie sie sagt, ein aufrechter
Mann die falsche Frau trifft: »Adam und Eva, allerdings mit mehr
Sex und Alkohol«. Die Frauen im Noir »sind durch die Männer,
die in ihr Leben treten, definiert« und können Macht lediglich
darüber erlangen, dass sie ihre Sexualität einsetzen, wofür
sie unweigerlich bestraft werden. In Tart Noir, so Slaughter,
geht es im Gegensatz dazu »auschließlich darum, dass Frauen
belohnt werden, wenn sie die Macht ergreifen«. Mag sein, dass sie,
indem sie diese Macht an sich reißen, falsche Entscheidungen treffen,
aber es sind ihre eigenen Entscheidungen. Die Männer, die dabei involviert
werden, sind lediglich Mittel zum Zweck - Accessoires, lästige Anhängsel,
Opfer. Slaughters Geschichte baut auf der typischen Dreiecksgeschichte
des Noir auf: Hausfrau, »loses Mädchen«, der Mann dazwischen - und
geht daran, unsere fundamentalen Erwartungen an die Rolle, die jeder
Charakter zu spielen habe, zu destruieren: Die Geschichte wird aus der
Perspektive einer jungen Frau (einem Schulmädchen) erzählt,
die offensichtlich in einer weißen Unterschichtsfamilie gefangen
ist, mit einer toten Mutter und einem gewalttätigen Vater, von dem
wir annehmen müssen,
dass er beim Tod der Mutter die Hand im Spiel hatte, und der jetzt
vorhat, mit »der anderen Frau« etwas anzufangen. Durch diesen
Kniff wird die Dreiecksgeschichte neu beleuchtet, und zwar indem die Rolle
der nährenden und häuslichen Frau auf emphatische Weise anders
gewendet wird als im von männlichen Bedürfnissen bestimmten
Konzept des »Frauchens«:
Die »notwendige Frau« trifft ganz und gar eigene Entscheidungen,
die nach »normalen« Maßstäben als geradezu mythische
Selbsverleugnung gelten müssen (sie schläft nicht nur mit ihrem
Vater, sondern hat, damit alles so bleibt wie es ist, auch ihre Mutter
umgebracht und zum Abendessen serviert - und plant dasselbe Schicksal
für jede eventuelle Stiefmutter). Es ist ihre Entscheidung, zu Hause
bei Papi zu bleiben; indem sie dieses Ziel verfolgt, stillt sie geschickt
das männliche Bedürfnis sowohl in sexueller als auch in kulinarischer
Hinsicht (der Braten, den sie aus den Stücken ihrer Mutter zubereitet
hatte, war köstlich). Sie spricht mit ihrem Vater in töchterlicher
Ehrfurcht und Unterwürfigkeit, aber sie bereitet, mit dem Messer
in der Hand, nicht nur den Braten zu. Die letzten Zeilen der Geschichte,
die auf der Ebene der Rede ihre Unterwürfigkeit gegenüber dem
männlichen Komplizen zu zeigen scheinen, deuten in Wirklichkeit auf
ihre zukünftige Kontrolle über den Vater und jede »andere
Frau« hin, die er je nach Hause bringen wird: »>Aber natürlich,
Papi,< sagte ich, bemüht, freudig zu klingen. Ich blickte zu ihm
hoch und strahlte übers ganze Gesicht: >Warum lädst du sie nicht
für kommenden Sonntag ein? Sie kann zum Essen bleiben.<«
Bezüglich der Veränderung der Charaktertypen des Noir haben
wir in Karin Slaughters Geschichte eine Protagonistin, die die tödlich
femme fatale mit der nährenden und unterstützenden häuslichen
Göttin vereint, wobei diese Kombination am offensichtlichsten in
der Vermischung von Sex und Essen ausgedrückt wird. Diese subversive
Unterminierung einer der feststehendsten Dichotomien im Noir (Amalgamierung
statt Gegenüberstellen der sexuell-offensiven und der häuslichen
Frau) wird in den zwei anderen Geschichten, die ich behandlen möchte,
sogar noch weiter getrieben: In Jen Banburys Geschichte »Take, for
Example, Meatpie« (Man nehme zum Beispiel Fleischpastete) und Stella
Duffys »Martha Grace«. In diesen beiden Geschichten wird über
das Zubereiten und/oder Verzehren von Lebensmitteln eine starke Ritualität
und Gemeinschaft hergestellt. Der Akt des Essens verliert nicht all seine
potenziell dunkleren Bedeutungen (In »Martha Grace« gibt es
zum Beispiel einen Mord durch Überfressen), aber die Betonung liegt
auf der Verknüpfung der nährenden Reichhaltigkeit des Essens
und erotischer Erfahrung, von Essen und der Befriedigung sexueller Bedürfnisse.
Im Gegensatz zu den ersten beiden Geschichten, die ich besprochen habe,
wird weiblicher Sieg durch eine essenziell positive Mütterlichkeit
erreicht, über die pflegende und mütterliche Unterstützung.
Diese äußert sich sowohl durch das Bereitstellen von Nahrung
wie auch von Ratschlägen durch eine ältere Frau, die die jungen
Männer unter ihren Fittichen verändert und stärkt. Und
obwohl diese Geschichten ganz im Sinne des Noir enden - Verlust, Abweichung,
Tod - sind wesentliche Ereignisse mit freudigen, unvergleichlichen Akten
des Essens verknüpft, die zumindest zeitweise sowohl die männlichen
als auch die weiblichen Charaktere von den Limitierungen der Protagonisten
des Noir befreien. Obwohl diese Figuren Außenseiter sind, wird durch
ihr Kochen und Essen eine Einverleibung der Welt bezeichnet. Im Gegensatz
zu einem entfremdeten Protagonisten, der von »der Welt« getrennt
und besiegt ist, trifft man hier auf weibliche Protagonisten, die die
Welt assimilieren und inkorporieren. Für die Männer, die bei
ihnen lernen, kreieren sie auf ihre erdmütterliche Art kurzfristig
eine reiche, ursprüngliche, beinahe paradiesische Einheit.
»Man nehme zum Beipspiel Fleischpastete« spielt mit einem
Standard-Plot des Noir, in dem eine starke und zielstrebige Frau sich
einen schwächeren Mann nimmt, ihn nach ihrem Willen formt und - nachdem
sie sein ganzes Selbstbewusstsein untergraben und ihn sich ganz hörig
gemacht hat - schließlich zerstört. Hier finden wir die starke
Frau als Lehrerin und Formerin, die ältere Frau, die sich den langweiligsten
und unscheinbarsten Jungen, den sie finden kann, in ihr Leben und ihr
Bett holt. »Fleischpastete«, dessen abfälliger Spitzname
direkt aufs Essen verweist, wird mit Keksen und Mini-Muffins, mit Sex,
Musik und Gedichten verführt. Die Protagonistin lehrt ihn Kreativität - aber
sie schult ihn auch darin, aus den Konventionen einer Gesellschaft auszubrechen,
die ihn entwertet und überzeugen will, seinen Stolz darin zu finden,
eine »Fleischpastete« zu sein. Sie verzehrt ihn sexuell, aber
(als Kontrapunkt zum traditionellen Noir) benutzt sie dieses Verzehren
dazu, ihm eine eigene Identität zu geben, indem sie die Beziehung
der starken femme fatale mit dem schwachen Mann nicht dazu nutzt, ihn
zu schwächen und zu traumatisieren, sondern ihm hilft, sein erwachsenes
Selbst zu finden. Diese lehrende ältere Frau nimmt keine der Positionen
ein, die die traditionellen sozioökonomischen Gefüge bereitstellen,
sondern positioniert sich völlig außerhalb konventioneller
Gesellschaften. Daraus resultiert als Konsequenz, dass ihr transformatives
Potenzial auch jenseits der Reichweite dieser Geschichte bestehen bleibt:
am Ende zieht sie los, um sich um die »Flausen« eines neuen
schwachen Mannes zu kümmern, der wie »Fleischpastete« vielleicht
irgendwann einmal zu einem selbstbewussten Erwachsenen überführt
werden wird. Die kulinarische Metapher, die Stella Duffy benutzt, um über »Martha
Grace« zu sprechen, trifft auch auf Jen Banburys Geschichte zu:
die Außenseiter der Gesellschaft, so Duffy, seien »der Trank,
der die fiebernde Phantasie des konformistischen Rests nährt«.
Die am eindrücklichsten gestaltete
Frauenfigur im Sammelband Tart
Noir ist für mich Duffys Martha Grace, die den Leser
an die ausladend fleischigen Körper der Frauen in den Gemälden
Jenny Savilles erinnert. Wie Saville hinterfragt Duffy Vorstellungen
von Schönheit, indem sie einen Körper beschreibt, der in konventioneller
Hinsicht eben nicht schön ist, sondern aufgeschwommen, übergewichtig,
auf beunruhigende Weise grotesk. Wie Saville fordert sie uns auf, auf
Dinge zu achten, die Frauen in einem normativen kulturellen Klima zu
verbergen haben - »die Teile des Körpers, die als fett, schwabbelig,
außer Kontrolle und exzessiv gelten.« Die Physiognomie von
Duffys liebevoll gezeichneter Figur ist das Gegenteil des glatten, »schlank
gehaltenen« Körpers, der das gegenwärtige ideal weiblicher
Schönheit und Attraktivität verkörpert. Sie ist eine
Subversion männlicher Stereotypen der begehrenswerten Frau und
ein deutlicher Kontrast zu der von Duffy so genannten »dünnen
und grazilen Heldin«, die zum Standardrepertoire der feministischen
Kriminalliteratur nach den 1980ern geworden ist. Der Körper von
Martha Grace in seiner wogenden Exzessivität verweist auf ungezügelte
Wünsche und Verlangen. »Ich wollte,« sagt Duffy in
ihrem Nachwort zu diesem Sammelband, »eine fette und alte Frau - und
eine, die absolut zum Ficken einlädt ... Und das macht aus Martha
Grace ein ideales Material für eine >Schnitte< - selbsgenügsam,
geheimniskrämerisch und immer auf der Suche nach einer guten Nummer
und ein bisschen Liebe.« In Duffys Geschichte reißt sie
die Wochenenden eines High-School-Sportlers an sich, der klug und handzahm
ist, »und in Ordnung. Und reif.« Aus der Vermischung von
Sex und Essen besteht die ganze Substanz der Geschichte. »Frisch
und warm in der verfickten [aber porentief sauberen] Küche« gibt
Martha ihm zu essen und verschlingt ihn sexuell: Nachdem sie ihm zum
Beispiel frisch gebackenes Brot mit dicker gelber Butter und einem dicken
Belag aus cremigem Honig serviert hat, küsst sie ihn, während
er isst (»Tim Culver ist großartig«, und er liebt
ihren »immer hungrigen Mund«). Wie die »ältere
Frau« in »Fleischpastete« unterrichtet Martha ihren
jungen Mann im Bett, bis er schließlich aufs College geht.
Die Beziehung dauert so
lange, bis sie, wenn auch kurz, auf seinem Terrain erscheint und ihm
einen unangekündigten Besuch in einem Café in
der Nähe seines Colleges abstattet. Duffy gestaltet dieses Café als
das kulinarische und emotionale Gegenteil all dessen, was Marthas eigenes
Haus repräsentiert: Tim selber verhält sich dort grobschlächtig
und laut, Martha Grace sitzt allein in einer Ecke mit einem »Stückchen
getrockneten Schaum von einem Capuccino im Mundwinkel«, von seinen
Freunden wird sie verhöhnt. Ihr Masse und ihr Benehmen wirken unangebracht
und unangemessen in dieser kommerziellen Parodie eigentlicher Nahrungszuführung.
Sie ist körperlich eingeengt in ihrer Ecke. Die Szene endet in einem
grotesken Chaos von verschüttetem Essen aus dem Korb, den sie mitgebracht
hat - wunderbare Sachen, Kuchen, Erdbeeren, alles fällt umher, und
sie schämt sich zu Tode. Nach diesem Debakel sieht Martha ein, dass
die Beziehung enden muss und die letzte Szene der Geschichte ist eine tour
de force aus Sex und Essen, für die Martha die reichhaltigsten und
leckersten Gerichte zubereitet, die Tim am liebsten hat, »richtige
dunkle Schokolade« in einem »Brombeerenkuchen«, der mit
warmen, konzentrierten Essenzen gewürzt ist, die noch aus den Tagen
ihrer Großmutter stammen. Dies alles serviert sie mit Sex und Wein.
Es ist eine »Sonderbehandlung«, die er nicht überlebt.
Es ist eine Mordgeschichte mit den traditionellen Elementen des Noir - brave
häusliche Frau, femme fatale und ein toter Mann, der in ihre Fänge
geraten ist -, aber auch hier wurden die Dichotomien dekonstruiert und die
Bedeutungen verändert: Die femme fatale und die nährenden Frau
sind ein und dieselbe und der tote Mann hat sowohl seine Identität
als auch die ultimative Erfüllung mit dieser mytischen Frau gefunden.
Nachdem er an einem Herzschlag gestorben ist, trägt Martha Grace ihn
hinaus und lässt ihn heimlich in der dunklen Straße liegen, wo
er den Geruch von »Schokolade, Essen und Sex verströmt«.
Es war ihm vergönnt, die befriedigendsten Erfahrungen zu machen, die
das Leben zu bieten hat. Er stirbt glücklich an einem Exzess aus Freuden,
die von einer Frau stammen, die (in jeder Hinsicht) immense Kräfte
besitzt - ein Ende, das sowohl eine Bestätigung als auch eine Umkehr
der Muster der Tradition des Noir darstellt.