krimis in Europa
n°7 November-Dezember-Januar 2006/07

 

>> Artikel

An Herrn Okuba Kentaro

Moez Lahmédi
Übersetzung: Andrea Stephani

 

»Angeklagter zu sein, ist wichtig. Und ich habe allerhand zu sagen.«
Albert Camus, Der Fremde, Teil 2, Kap. 4

Ich möchte gegenüber Herrn Okuba Kentaro klarstellen, dass ich mit meinem Artikel über Intertextualität im Kriminalroman (Intertextualität im Kriminalroman: Besonderheiten und Spielräume) keineswegs die Absicht verfolgt habe, den Kriminalroman auf ein bloßes intertextuelles Spiel zu reduzieren. Mein Hauptanliegen, und das ist dem Titel auch klar und deutlich zu entnehmen, bestand darin, auf die Funktionen und das Potenzial intertextueller Verknüpfungen im Kriminalroman aufmerksam zu machen. Ich habe mich also auf einen einzelnen Gesichtspunkt der Kriminalerzählung konzentriert. In anderen Artikeln habe ich versucht, auf weitere Aspekte und Besonderheiten des narrativen Syntagmas im Kriminalroman hinzuweisen. In »Der Kriminalroman als Schachspiel« beispielsweise (veröffentlicht in europolar 4) habe ich mich mit der literarischen Bedeutung des Schachspiels für den Kriminalroman beschäftigt. Daher scheint mir die Beschuldigung, ich wolle die Kriminalliteratur auf eine intertextuelle Spielerei reduzieren, von einem gewissen intellektuellen Fanatismus zu zeugen. Möglicherweise ist Herrn Kentaros aufmerksamem Blick (ich danke ihm auf jeden Fall für seinen Versuch, den sich in meinem Auge befindlichen »Splitter« herauszuziehen) jene Textpassage entgangen, in der ich mit Nachdruck darauf hingewiesen habe, dass »das intertextuelle Arbeiten [...] eines der definierenden Grundelemente der Kriminalliteratur« ist. Eben dieser Satz offenbart, dass für mich das intertextuelle Vergnügen nicht das einzige ist, das ein Leser seiner Krimilektüre abgewinnen kann. Im Kriminalroman finden sich ganz unterschiedliche und facettenreiche strategische (geschlechtliche) Orte und Quellen der Lust.

Zweiter Punkt: Herr Kentaro wirft mir einerseits vor, mein Artikel ließe weder stringentes Vorgehen noch »streng methodische« Analyse erkennen, räumt jedoch andererseits zu Beginn seiner Anklagerede ein, dass meine Arbeit in der Tradition der Eco'schen Literaturtheorie oder -doktrin stehe.

Letzter Punkt: Nach Auffassung von Herrn Okuba gehöre ich zu jenen Wissenschaftlern, die sich darin hervortun, dem Literaturgenuss einen tödlichen Stoß zu versetzen.

Der folgende Artikel (»Der Kriminalroman oder Das faszinierende Genre«) wird ihm vielleicht das Gegenteil beweisen. Ich durfte mich der Wonnen von Intertexten, Hypertexten, Metatexten, Überschriften, Epigraphen, Incipits, Explicits, Deutungen, Stilfragen, stiller Lektüre, vorgelesenen Texten, Klassenlektüre und lektürefreier Zeit erfreuen und bin unverändert auf der Suche nach weiteren textuellen Genüssen.

 

>> Artikel Der Kriminalroman oder Das faszinierende Genre

>> Artikel von Okuba Kentaro auquel Moez Lahmédi répond.

PicoSearch

© 2005 europolar Home | Impressum | Redaktion | Archiv | Links | Webmaster | Inhaltsverzeichnis | Webmaster: Emma