An Herrn Okuba Kentaro
Moez Lahmédi
Übersetzung:
Andrea Stephani
»Angeklagter zu sein, ist wichtig. Und ich habe allerhand
zu sagen.«
Albert
Camus, Der Fremde, Teil 2, Kap. 4
Ich möchte gegenüber Herrn Okuba Kentaro
klarstellen, dass ich mit meinem Artikel über Intertextualität
im Kriminalroman (Intertextualität
im Kriminalroman: Besonderheiten und Spielräume)
keineswegs die Absicht verfolgt habe, den Kriminalroman auf ein bloßes
intertextuelles Spiel zu reduzieren. Mein Hauptanliegen, und das ist
dem Titel auch klar und deutlich zu entnehmen, bestand darin, auf die
Funktionen und das Potenzial intertextueller Verknüpfungen
im Kriminalroman aufmerksam zu machen. Ich habe mich also auf einen
einzelnen Gesichtspunkt
der Kriminalerzählung konzentriert. In anderen Artikeln habe ich
versucht, auf weitere Aspekte und Besonderheiten des narrativen Syntagmas
im Kriminalroman hinzuweisen. In »Der
Kriminalroman als Schachspiel« beispielsweise
(veröffentlicht
in europolar 4) habe ich mich mit der literarischen Bedeutung des Schachspiels
für den Kriminalroman beschäftigt. Daher scheint mir die Beschuldigung,
ich wolle die Kriminalliteratur auf eine intertextuelle Spielerei reduzieren,
von einem gewissen intellektuellen Fanatismus zu zeugen. Möglicherweise
ist Herrn Kentaros aufmerksamem Blick (ich danke ihm auf jeden Fall für
seinen Versuch, den sich in meinem Auge befindlichen »Splitter« herauszuziehen)
jene Textpassage entgangen, in der ich mit Nachdruck darauf hingewiesen
habe, dass »das intertextuelle Arbeiten [...] eines der definierenden
Grundelemente der Kriminalliteratur« ist. Eben dieser Satz offenbart,
dass für mich das intertextuelle Vergnügen nicht das einzige
ist, das ein Leser seiner Krimilektüre abgewinnen kann. Im Kriminalroman
finden sich ganz unterschiedliche und facettenreiche strategische (geschlechtliche)
Orte und Quellen der Lust.
Zweiter
Punkt: Herr Kentaro wirft mir einerseits vor, mein Artikel ließe
weder stringentes Vorgehen noch »streng methodische« Analyse
erkennen, räumt jedoch andererseits zu Beginn seiner Anklagerede
ein, dass meine Arbeit in der Tradition der Eco'schen Literaturtheorie
oder -doktrin stehe.
Letzter
Punkt: Nach Auffassung von Herrn Okuba gehöre ich zu jenen
Wissenschaftlern, die sich darin hervortun, dem Literaturgenuss einen
tödlichen Stoß zu versetzen.
Der
folgende Artikel (»Der Kriminalroman oder Das faszinierende
Genre«) wird ihm vielleicht das Gegenteil beweisen. Ich durfte mich
der Wonnen von Intertexten, Hypertexten, Metatexten, Überschriften,
Epigraphen, Incipits, Explicits, Deutungen, Stilfragen, stiller Lektüre,
vorgelesenen Texten, Klassenlektüre und lektürefreier Zeit erfreuen
und bin unverändert auf der Suche nach weiteren textuellen Genüssen.
>> Artikel Der
Kriminalroman oder Das faszinierende Genre
>> Artikel
von Okuba Kentaro auquel Moez Lahmédi répond.