Interview mit Barbara
Abel
September 2006
Sophie Colpaert
Übersetzung: Alexander
Ruoff
Sophie Colpaert: La
Mort en écho* (Tod
in Serie) ist voll von
Szenen, in denen, ganz in der Manier von Yvonne Besson, ein Paar sich
gegenseitig aufreibt. Für den
Leser ist dies mit Emotionen und Verheerungen aufgeladen. Wissen
Sie um diese Wirkung, die das Buch mit solchen Szenen produziert,
und welches sind ihre Referenzen, ihre literarischen Vorbilder?
Barbara
Abel: Natürlich weiß ich - und ich muss sagen, glücklicherweise
- um die Reibungen, die ich im Laufe des Romans herausdestilliere.
Was das Schreiben von Krimis und Thrillern betrifft, habe ich gelernt,
dass die Würze einer Erzählung in der Art und Weise liegt,
wie man sie erzählt. Hitchcock vor allem hat das sehr gut erklärt:
Eine Bombe befindet sich in einem Bus, in den ein kleiner Junge steigt.
Wenn der Zuschauer nichts von der Bombe weiß und diese dann explodiert,
dauert die Überraschung nur einen Moment lang. Wenn aber der Zuschauer
gleich von der Existenz der Bombe weiß und den kleinen Jungen einsteigen
sieht, dann bleibt die Spannung während der gesamten Fahrt des Busses
unerträglich. Es hängt alles von der Perspektive ab, die man
wählt, um die Geschichte zu erzählen. Was meine literarischen
Vorbilder anbelangt, habe ich eigentlich keine bestimmten Referenzen,
aber ich beobachte immer gerne, wie andere Schriftsteller Personen
und Ereignisse in Szene setzen. Genauso im Film. Manchmal, wenn ich mir
einen Film ansehe, springt mir eine Idee für einen Aufbau oder eine
Szenerie ins Auge. Ich baue sie um und »verwurste« sie für
meine eigenen Sachen.
SC: Die Frauen in Ihren Romanen, diesen
hier nicht ausgenommen, haben wahrlich grausige Rollen zu spielen. Woher
so viel Hass? Sind wir wirklich so schrecklich?
BA: Nein, natürlich sind wir nicht so schrecklich. Es ist nur so,
dass ich eine Frau bin, und dass es für mich viel einfacher ist,
in die Haut einer Frau zu schlüpfen. Ich habe generell den Eindruck,
dass meine Frauenfiguren viel fassbarer sind als meine männlichen.
Es gelingt mir wesentlich leichter, ihren Platz einzunehmen und ihre Psychologie
zu beschreiben, ihre Gefühle, Ängste, Zweifel und so weiter.
Ich habe seit meiner frühesten Jugend Schauspielunterricht genommen
und finde, das Schreiben ist vom Schauspiel gar nicht so weit entfernt,
jedenfalls in dem Sinn, dass ich, wenn ich schreibe, jede meiner Figuren
interpretiere. Also fällt es mir logischerweise leichter, die Rolle
eine Frau zu interpretieren als die eines Mannes. Und ich denke, dass
auch die Katharsis, die Fähigkeit, sich mit einer Figur identifizieren
zu können und Empathie mit ihr zu empfinden, auf diese Weise besser
funktioniert. Zudem zittert man mehr, wenn eine Frau in Gefahr ist,
als bei einem Mann. Das mag ungerecht sein, aber es ist nun einmal so.
SC: Mord in Serie würde sich hervorragend für
eine Fernsehserie eignen. Es gibt Reibungsflächen, Spannung, Furcht
und ein originelles Setting durch das »Le Cheminot«, dieses
isoliert am Ortsrand stehende Haus. Haben Sie schon Vorschläge für
eine Adaption für das Fernsehen oder das Kino erhalten?
BA: Ja, aber nicht für Mord
in Serie. Jedenfalls
noch nicht. Aber mein erster Roman** wurde vom GTV für eine audiovisuelle Adaption angekauft.
SC: Werden
Ihre Romane in andere Sprachen übersetzt
und wie werden sie aufgenommen?
BA: Meine beiden ersten Romane
wurden ins Deutsche übersetzt. Wie
sie aufgenommen wurden? Ich weiß es nicht, um ehrlich zu sein. Ich
habe jedenfalls keine negativen Rückmeldungen erhalten. Duelle,
meine dritter Roman, wird gerade ins Spanische und Russische übersetzt.
Sie sollten im Laufe des Jahres 2007 erscheinen.
SC: Spielen
Sie mit dem Gedanken, irgendwann einmal einen Roman mit einer männlichen
Hauptfigur zu schreiben?
BA: Ja, warum nicht? Aber viel wichtiger,
als unbedingt einen Mann in Szene setzen zu wollen, ist die Idee, die
dann in einer solchen männlichen
Figur zur Erscheinung kommt. Es stimmt schon, dass in all meinen Romanen
Frauen im Mittelpunkt stehen, aber die Idee der Geschichte selbst verlangt
nach einer weiblichen Hauptfigur: eine Schwangere als Statthalterin, das
Verhältnis einer Mutter zu ihrem in Gefahr geratenem Kind, die Hölle
einer geschlagenen Frau, das Verhältnis eines Paares, das durch das
Warten auf ein Kind in die Brüche geht... Es geht mir nicht darum,
um jeden Preis eine Heldin zu erschaffen, aber die Ideen, die mir in den
Sinn kommen, präferieren Frauen oder eine weibliche Sicht. Mit ihren
guten und mit ihren schlechten Seiten.
* La
Mort en écho (Tod
in Serie) ist der vierte Roman von Barbara Abel. Eine Rezension
findet sich in der Rubrik Rezensionen dieser siebten Ausgabe von
europolar.
** L'instinct
maternel (Mutterinstinkt). Prix Cognac 2002.