krimis in Europa
n°7 November-Dezember-Januar 2006/07

 

 

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Die letzte Zeugin oder Tod einer Fabrik

Lorraine Connection
Dominique Manotti

Rivages/Thriller • Paris 2006 • 194 Seiten

Elfriede Müller

 

Mit Lorraine Connection legt Dominique Manotti einen europäischen roman noir auf höchstem Niveau vor. Einen Abgesang auf die Arbeiterbewegung, auf die Produktionssphäre und den ehemaligen Industriestandort Lothringen. Ein Requiem, das in Erinnerung ruft, dass es Solidarität unter Lohnabhängigen gegeben hat und was diese auslösen konnte, auch wenn, wie in diesem Fall, das Scheitern brutaler nicht sein könnte. Nicht zuletzt deshalb, weil die Produktionssphäre eigentlich gar nicht mehr existiert und die Fabrik, die bestreikt, besetzt und schließlich angezündet wird, eigentlich gar keine Fabrik mehr ist, sondern ein Geldumschlagplatz des Kapitals, den der koreanische Konzern Daewoo benutzt, um europäische Subventionen abzuzocken. Daewoo lässt in der postindustriellen Region Lothringen, in Pondange, Teile herstellen, die in Polen zu Fernsehern zusammengebaut werden. Diese Fabrik ist der einzige Arbeitgeber in der einstigen Herzregion der Eisen- und Stahlindustrie. Obwohl viel Ausschuss produziert wird und die Zahl der Arbeitsunfälle gigantisch ist, bleiben die Arbeiter bei der Stange, weil sie vor Ort keine Alternative haben. Als aber eine schwangere junge Arbeiterin an einem Stromschlag stirbt, eskaliert die Situation.

Die Hauptfigur des Romans - zum ersten Mal gibt es bei Manotti eine positiv konnotierte Heldin - heißt Rolande Petit und ist eine hervorragende Arbeiterin mittleren Alters, die ihren Sohn allein erzieht und dazu noch ihre alkoholabhängige Mutter durchbringen muss. Rolande ist schön, selbstbewusst, stark, intelligent und vom Leben enttäuscht: eine Mischung aus Simone Signoret in Goldhelm - Casque d'or und Jackie Brown in dem gleichnamigen Film von Tarantino. Als der Meister nach dem tödlichen Stromschlag alle auffordert, die Arbeit wieder aufzunehmen, fängt Rolande eine Schlägerei mit ihm an. Daraufhin wird sie fristlos entlassen, doch die Arbeiter treten in den Ausstand und besetzen die Fabrik mit der Forderung, Rolande wieder einzustellen und versprochene Prämien endlich auszuzahlen. Während der ersten Besetzungsnacht wird Feuer gelegt, es ist unklar, von wem. Die Arbeiter entdecken mithilfe der PCs der leitenden Angestellten dubiose Konten in Luxemburg. Das koreanische Management versucht während des Streiks sämtliche Unterlagen aus der Fabrik zu schaffen. Am nächsten Tag wird der Arbeiter, der behauptet hatte, die Brandstifter gesehen zu haben, tot aufgefunden.

Daewoo bewirbt sich gemeinsam mit dem Giganten Matra als Käufer der Thomson, eines der größten staatlichen Elektronikunternehmen Frankreichs, das 1879 gegründet wurde und auch international erfolgreich agiert. Als die beiden Konzerne den Zuschlag erhalten, glauben die Manager des Konkurrenten Alctatel, der als Kaufinteressent gescheitert ist, dass es bei der Entscheidung der Regierung nicht mit rechten Dingen zuging. Daher schicken sie einen privaten Ermittler, den Exbullen Charles Montoya - der aus der Region stammt -, nach Pondange.

Der Roman hat vier Teile, ist noch atemloser geschrieben als die anderen Bücher Manottis, weist ein Panoptikum von überzeugenden Figuren auf und kritisiert gesellschaftliche Verhältnisse auf eine bittere und berührende Art und Weise. Der Meister mit dem Namen Antoine Maréchal, der nicht nur Rassist ist, sondern in manchen Konflikten auch zu seiner multiethnischen Belegschaft steht, Nourredine, der klassenbewusste Streikführer, der Techniker Hafed, die Arbeiterin Aicha, und natürlich Rolande vermitteln den Lesern einen Begriff davon, was die Arbeiterbewegung dereinst darstellte und woraus ihre Kraft resultierte. Aber das ist vorbei, was sich vor allem daran zeigt, dass die Produktionsstätte den Namen nicht mehr verdient und die Machtdemonstration der Arbeiter deshalb zu nichts führen kann außer zu einem gesteigerten Selbstbewusstsein der Protagonisten: "Je travaille en usine depuis six ans. Les gens qui n'ont pas travaillé à la chaine, comme on travaillait Rolande et moi, ne peuvent pas comprendre ce qui m'est arrivé. Quand notre équipe a débrayé, on s'est toutes mises à se promener dans l'usine, librement, les chefs avaient disparu. J'ai cru devenir folle de joie. J'avais l'impression d'exister. (.) Rien ne sera plus comme avant." ("Ich arbeite seit sechs Jahren in der Fabrik. Die Leute, die nie am Band gestanden haben, wie Rolande und ich, können nicht verstehen, was mit mir passiert ist. Als wir die Arbeit niedergelegt haben, sind wir in der Fabrik spazieren gegangen, einfach so, die Chefs sind verschwunden. Ich glaubte vor Freude durchzudrehen. Ich hatte den Eindruck, dass ich existiere. (...) Nichts war mehr so wie vorher." S. 114). Dass dieses Moment nicht weiter trägt, liegt an der desolaten Situation und dem Fake, den diese Fabrik darstellt. Deshalb ist die Niederlage zynisch, grausam und bitter. Der sicherlich härteste Roman von Dominique Manotti hält die Spannung bis zum letzten Atemzug. Auch deshalb, weil er hautnah an der sozialen Realität klebt.

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