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Die letzte Zeugin oder Tod einer Fabrik
Lorraine Connection
Dominique Manotti
Rivages/Thriller • Paris 2006 • 194
Seiten
Elfriede Müller
Mit
Lorraine Connection legt
Dominique Manotti einen europäischen
roman noir auf höchstem Niveau vor. Einen Abgesang auf die Arbeiterbewegung,
auf die Produktionssphäre und den ehemaligen Industriestandort
Lothringen. Ein Requiem, das in Erinnerung ruft, dass es Solidarität
unter Lohnabhängigen gegeben hat und was diese auslösen
konnte, auch wenn, wie in diesem Fall, das Scheitern brutaler nicht
sein könnte. Nicht zuletzt deshalb, weil die Produktionssphäre
eigentlich gar nicht mehr existiert und die Fabrik, die bestreikt,
besetzt und schließlich angezündet wird, eigentlich gar
keine Fabrik mehr ist, sondern ein Geldumschlagplatz des Kapitals,
den der koreanische Konzern Daewoo benutzt, um europäische Subventionen
abzuzocken. Daewoo lässt in der postindustriellen Region Lothringen,
in Pondange, Teile herstellen, die in Polen zu Fernsehern zusammengebaut
werden. Diese Fabrik ist der einzige Arbeitgeber in der einstigen
Herzregion der Eisen- und Stahlindustrie. Obwohl viel Ausschuss produziert
wird und die Zahl der Arbeitsunfälle gigantisch ist, bleiben
die Arbeiter bei der Stange, weil sie vor Ort keine Alternative haben.
Als aber eine schwangere junge Arbeiterin an einem Stromschlag stirbt,
eskaliert die Situation.
Die Hauptfigur des Romans - zum ersten Mal gibt es bei Manotti eine
positiv konnotierte Heldin - heißt Rolande Petit und ist eine
hervorragende Arbeiterin mittleren Alters, die ihren Sohn allein
erzieht und dazu noch ihre alkoholabhängige Mutter durchbringen
muss. Rolande ist schön, selbstbewusst, stark, intelligent und
vom Leben enttäuscht: eine Mischung aus Simone Signoret in Goldhelm - Casque
d'or und Jackie Brown in dem gleichnamigen Film von Tarantino.
Als der Meister nach dem tödlichen Stromschlag alle auffordert,
die Arbeit wieder aufzunehmen, fängt Rolande eine Schlägerei
mit ihm an. Daraufhin wird sie fristlos entlassen, doch die Arbeiter
treten in den Ausstand und besetzen die Fabrik mit der Forderung,
Rolande wieder einzustellen und versprochene Prämien endlich
auszuzahlen. Während der ersten Besetzungsnacht wird Feuer gelegt,
es ist unklar, von wem. Die Arbeiter entdecken mithilfe der PCs der
leitenden Angestellten dubiose Konten in Luxemburg. Das koreanische
Management versucht während des Streiks sämtliche Unterlagen
aus der Fabrik zu schaffen. Am nächsten Tag wird der Arbeiter,
der behauptet hatte, die Brandstifter gesehen zu haben, tot aufgefunden.
Daewoo bewirbt sich gemeinsam mit dem
Giganten Matra als Käufer
der Thomson, eines der größten staatlichen Elektronikunternehmen
Frankreichs, das 1879 gegründet wurde und auch international
erfolgreich agiert. Als die beiden Konzerne den Zuschlag erhalten,
glauben die Manager des Konkurrenten Alctatel, der als Kaufinteressent
gescheitert ist, dass es bei der Entscheidung der Regierung nicht
mit rechten Dingen zuging. Daher schicken sie einen privaten Ermittler,
den Exbullen Charles Montoya - der aus der Region stammt -, nach
Pondange.
Der Roman hat vier Teile, ist noch atemloser
geschrieben als die anderen Bücher Manottis, weist ein Panoptikum von überzeugenden Figuren
auf und kritisiert gesellschaftliche Verhältnisse auf eine bittere
und berührende Art und Weise. Der Meister mit dem Namen Antoine
Maréchal, der nicht nur Rassist ist, sondern in manchen Konflikten
auch zu seiner multiethnischen Belegschaft steht, Nourredine, der klassenbewusste
Streikführer, der Techniker Hafed, die Arbeiterin Aicha, und natürlich
Rolande vermitteln den Lesern einen Begriff davon, was die Arbeiterbewegung
dereinst darstellte und woraus ihre Kraft resultierte. Aber das ist
vorbei, was sich vor allem daran zeigt, dass die Produktionsstätte
den Namen nicht mehr verdient und die Machtdemonstration der Arbeiter
deshalb zu nichts führen kann außer zu einem gesteigerten
Selbstbewusstsein der Protagonisten: "Je travaille en usine depuis
six ans. Les gens qui n'ont pas travaillé à la chaine,
comme on travaillait Rolande et moi, ne peuvent pas comprendre ce qui
m'est arrivé. Quand notre équipe a débrayé,
on s'est toutes mises à se promener dans l'usine, librement,
les chefs avaient disparu. J'ai cru devenir folle de joie. J'avais
l'impression d'exister. (.) Rien ne sera plus comme avant." ("Ich
arbeite seit sechs Jahren in der Fabrik. Die Leute, die nie am Band
gestanden haben, wie Rolande und ich, können nicht verstehen,
was mit mir passiert ist. Als wir die Arbeit niedergelegt haben, sind
wir in der Fabrik spazieren gegangen, einfach so, die Chefs sind verschwunden.
Ich glaubte vor Freude durchzudrehen. Ich hatte den Eindruck, dass
ich existiere. (...) Nichts war mehr so wie vorher." S. 114).
Dass dieses Moment nicht weiter trägt, liegt an der desolaten
Situation und dem Fake, den diese Fabrik darstellt. Deshalb ist die
Niederlage zynisch, grausam und bitter. Der sicherlich härteste
Roman von Dominique Manotti hält die Spannung bis zum letzten
Atemzug. Auch deshalb, weil er hautnah an der sozialen Realität
klebt.

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