Kindstod im Dorf
Das Mädchen vom Wehr
Ein Crinelli Krimi
Werner Köhler
Kiepenheuer & Witsch • Köln • 2005 • 444
S.
Elfriede Müller
Missbrauch und Serienkiller sind beliebte
Themen in den Medien. Dieses Erfolgsrezept beschränkt sich nicht nur auf die amerikanischen Krimis,
sondern findet auch hierzulande Abnehmer. Werner Köhler hat einen
Roman geschrieben, der gut als das zu bezeichnen ist, was der Kritiker
Thomas Wörtche "Designer-Krimis" nennt.
Man nehme ein attraktives mittelständisches Ehepaar, er Kommissar,
sie emanzipierte Fernsehjournalistin. Er selbstredend Einzelgänger,
deshalb Angler und Cowboy, der all seine Fälle allein löst und
dazu noch die beste Aufdeckungsquote seiner Dienststelle hat. Da die Gattin
nun gesegneten Leibes ist, beschließt das Ehepaar nicht in Köln
zu bleiben, sondern aufs Land zu ziehen. Und siehe da, just in diesem
Dorf ist das Böse schlechthin zuhause. Die Morde an Kindern mit vorheriger
Folter reichen nicht aus, fast das gesamte Dorf hat Dreck am Stecken,
den der Kommissar natürlich aufdeckt. Es gibt einen korrupten Dorfpolizisten,
eine sympathische Puffmutter, einen verklemmten Pfarrer, einen Optiker,
der spannt, einen Metzger, der die eigene und andere Frauen gerne sexuell
nötigt, und ähnliche sympathische Menschen.
Der Anfang zieht sich in die Länge, in der zweiten Hälfte kommt
mehr Tempo und Spannung auf, bis dann das Ende so abrupt einsetzt,
dass der Autor vergaß, den Kommissar die tätlichen Angriffe
auf die Ehefrau aufklären zu lassen. Das Thema Missbrauch so zu verhandeln,
entspricht zwar ganz und gar dem medialen Zugriff auf das Thema, drängt
aber die Tatsache in den Hintergrund, dass ca. 95 Prozent der Missbrauchsdelikte
nicht von bösen Serienkillern begangen werden, sondern in der heiligen
Kleinfamilie stattfinden.