The Bullet Trick
Louise Welsh
Edinburgh : Canongate • 2006 • 368
z.
Claire Gorrara
Übersetzung: Kerstin
Schoof
Louise Welshs jüngster
Roman The Bullet Trick hat
in Großbritannien
eine Menge lobender Kritiken erhalten, in erster Linie dafür, daß er
geschickt mit den Konventionen der Kriminalliteratur spielt. Wie Mark
Lawson, Rezensent des Guardian, trocken bemerkt, steht Welshs Verwendung
von der Kriminalliteratur entlehnten Motiven, literarischer Stilistik
und packender Schreibweise dafür, daß sie als als eine der
wenigen britischen Autoren eine Position einnimmt, die in der Lage ist,
die immer noch in Grabenkämpfe verstrickte Unterscheidung von "wirklicher" und
Kriminalliteratur umzustürzen. Er fragt daher: könnte sie die "Krimi"-Autorin
sein, die den vielbegehrten Booker Prize gewinnt und damit endlich
die Anerkennung der Kriminalliteratur durch die Kritiker erzwingt?
Der Roman kreist um die Figur William Wilson,
eines außerordentlichen
Zauberkünstlers und Illusionisten, dem der Leser erstmals in einem
düster gezeichneten Glasgow begegnet, wohin Wilson nach einem Aufenthalt
in Berlin zurückkehrt - dem Schauplatz entsetzlicher, aber zunächst
nicht enthüllter Ereignisse. Die Erzählung kehrt in Zeit und
Ort nun zurück in das London von vor einigen Monaten, um anschließend
das Puzzle von Williams Flucht aus Berlin und die Ursprünge seines
zunehmend depressiven und alkoholisierten Abstiegs bis an den Rand der
Wohnsitzlosigkeit zusammenzusetzen. Zu einem faszinierenden Vorgang wird
dies durch Welshs spielerische Verwendung der Begriffe Erscheinung und
Realität, Betrug und Illusion. Denn Wilsons Beruf als Illusionist
bildet nicht nur das Movens für den Plot und das Geschehen (es ist
seine Geschicklichkeit als Taschendieb, die ihn in die kriminelle Intrige
verstrickt), sondern er bildet auch den metaphorischen Rahmen des Romans.
Nichts ist, wie es scheint; Freunde können einen verraten und täuschen,
während feindselige Polizisten als Retter auftreten, selbst Mord
kann mit entsetzlichen Konsequenzen vorgetäuscht werden. Der Roman
ist wie ein Spiegelkabinett so konstruiert, daß er die Erwartungen
der Leser manipuliert, unsere Annahmen und Vorurteile hochtreibt und seinen
brutalen Höhepunkt im titelgebenden Schießkunststück findet.
Auch wenn der Roman souverän aus der Perspektive eines männlichen
Ich-Erzählers geschrieben ist, interessiert sich Welsh jedoch deutlich
mehr für die Frauen, die seinen Weg kreuzen und die alle bis zu einem
gewissen Grad von dominanten und beherrschenden Männern ausgebeutet
werden. Es sind die weiblichen Charaktere, die sowohl aus theatralischem
Effekt wie auch zu deutlich finstereren Zwecken "verschwinden". Ihre Körper
werden verstümmelt, zerlegt, man schießt auf sie; dieses Spektakel
des Missbrauchs wiederholt sich in häuslichen Gewalt- und Mordtaten.
Und hier gewinnt Welshs Roman wahrscheinlich seine literarische und
kulturelle Substanz. Denn auch wenn es sich bei dem Protagonisten mit
großer
Wahrscheinlichkeit um ein zum Detektiv gewandeltes Opfer handelt, werden
die Leser unwillkürlich in den suggestiven Subtext gezogen, den der
Roman über die Stellung der Frau in der zeitgenössischen Kultur
einflicht; es geht um ihre Benutzbarkeit und ihren Opferstatus, vor
allem, wie hier, an den Rändern der Unterhaltungs- und Sex-Industrie.
Auch wenn es für eine weibliche Autorin ungewöhnlich ist, die
Stimme eines männlichen Erzählers anzunehmen, so verliert diese
Bauchrednerstimme nie ihr Ziel aus den Augen: Männliche Gewalt und
Missbrauch von Frauen. Wie bei der perfekten Ausführung des Schießkunststücks
trifft Welsh die Leser genau zwischen die Augen.