krimis in Europa
n°7 November-Dezember-Januar 2006/07

 

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The Bullet Trick
Louise Welsh

Edinburgh : Canongate • 2006 • 368 z.

Claire Gorrara
Übersetzung: Kerstin Schoof

 

Louise Welshs jüngster Roman The Bullet Trick hat in Großbritannien eine Menge lobender Kritiken erhalten, in erster Linie dafür, daß er geschickt mit den Konventionen der Kriminalliteratur spielt. Wie Mark Lawson, Rezensent des Guardian, trocken bemerkt, steht Welshs Verwendung von der Kriminalliteratur entlehnten Motiven, literarischer Stilistik und packender Schreibweise dafür, daß sie als als eine der wenigen britischen Autoren eine Position einnimmt, die in der Lage ist, die immer noch in Grabenkämpfe verstrickte Unterscheidung von "wirklicher" und Kriminalliteratur umzustürzen. Er fragt daher: könnte sie die "Krimi"-Autorin sein, die den vielbegehrten Booker Prize gewinnt und damit endlich die Anerkennung der Kriminalliteratur durch die Kritiker erzwingt?

Der Roman kreist um die Figur William Wilson, eines außerordentlichen Zauberkünstlers und Illusionisten, dem der Leser erstmals in einem düster gezeichneten Glasgow begegnet, wohin Wilson nach einem Aufenthalt in Berlin zurückkehrt - dem Schauplatz entsetzlicher, aber zunächst nicht enthüllter Ereignisse. Die Erzählung kehrt in Zeit und Ort nun zurück in das London von vor einigen Monaten, um anschließend das Puzzle von Williams Flucht aus Berlin und die Ursprünge seines zunehmend depressiven und alkoholisierten Abstiegs bis an den Rand der Wohnsitzlosigkeit zusammenzusetzen. Zu einem faszinierenden Vorgang wird dies durch Welshs spielerische Verwendung der Begriffe Erscheinung und Realität, Betrug und Illusion. Denn Wilsons Beruf als Illusionist bildet nicht nur das Movens für den Plot und das Geschehen (es ist seine Geschicklichkeit als Taschendieb, die ihn in die kriminelle Intrige verstrickt), sondern er bildet auch den metaphorischen Rahmen des Romans. Nichts ist, wie es scheint; Freunde können einen verraten und täuschen, während feindselige Polizisten als Retter auftreten, selbst Mord kann mit entsetzlichen Konsequenzen vorgetäuscht werden. Der Roman ist wie ein Spiegelkabinett so konstruiert, daß er die Erwartungen der Leser manipuliert, unsere Annahmen und Vorurteile hochtreibt und seinen brutalen Höhepunkt im titelgebenden Schießkunststück findet.

Auch wenn der Roman souverän aus der Perspektive eines männlichen Ich-Erzählers geschrieben ist, interessiert sich Welsh jedoch deutlich mehr für die Frauen, die seinen Weg kreuzen und die alle bis zu einem gewissen Grad von dominanten und beherrschenden Männern ausgebeutet werden. Es sind die weiblichen Charaktere, die sowohl aus theatralischem Effekt wie auch zu deutlich finstereren Zwecken "verschwinden". Ihre Körper werden verstümmelt, zerlegt, man schießt auf sie; dieses Spektakel des Missbrauchs wiederholt sich in häuslichen Gewalt- und Mordtaten. Und hier gewinnt Welshs Roman wahrscheinlich seine literarische und kulturelle Substanz. Denn auch wenn es sich bei dem Protagonisten mit großer Wahrscheinlichkeit um ein zum Detektiv gewandeltes Opfer handelt, werden die Leser unwillkürlich in den suggestiven Subtext gezogen, den der Roman über die Stellung der Frau in der zeitgenössischen Kultur einflicht; es geht um ihre Benutzbarkeit und ihren Opferstatus, vor allem, wie hier, an den Rändern der Unterhaltungs- und Sex-Industrie. Auch wenn es für eine weibliche Autorin ungewöhnlich ist, die Stimme eines männlichen Erzählers anzunehmen, so verliert diese Bauchrednerstimme nie ihr Ziel aus den Augen: Männliche Gewalt und Missbrauch von Frauen. Wie bei der perfekten Ausführung des Schießkunststücks trifft Welsh die Leser genau zwischen die Augen.

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