krimis in Europa
n°7 November-Dezember-Januar 2006/07

 

 

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Absturz in Gündlingen

Das dunkle Schweigen
Wolfgang Schorlau

Verlag Kiepenheuer & Witsch Edition (Denglers zweiter Fall)
Köln 2006 • 333 Seiten

Elfriede Müller

Die Erforschung des Nationalsozialismus wird noch viel Stoff für Kriminalromane bieten. Auch wenn viele glauben, bereits alles zu wissen, so bleibt doch eine Reihe blinder Flecken übrig, die es aufzuarbeiten gilt. Wolfgang Schorlau hat sich in seinem zweiten Roman einem solchen blinden Fleck gewidmet: den von der Zivilbevölkerung gelynchten alliierten Soldaten, deren geschätzte Zahl über 1000 liegt. In dem Fall, den er der Stuttgarter Zeitung entnahm, wurde ein abgestürzter schwarzer US-Bomberpilot im März 1945 wahrscheinlich von Bauern gelyncht.

In Romanform liest sich das so: Steven Blackmore stürzt am 1. März 1945 bei Bruchsal ab. Er wird seine Familie in Chicago nie wiedersehen. Dem fulminanten Einstieg folgt eine recht tröge Rahmenhandlung, die sehr an gut gemeinte Tatorte erinnert. Schorlaus blasser und natürlich auf "Außenseiter" getrimmter Detektiv Dengler - Ex-BKA-Bulle, "Terroristenjäger" und Jazzfan -, der seinen zweiten Fall lösen muss, dümpelt mit seiner Privatkanzlei so vor sich hin, als er von zwei Geschwistern mit einer Erbsache beauftragt wird. Es geht um ein Hotel, das deren Vater aus unverständlichen Gründen am 24. Juni 1947 auf einen anderen übertrug. Die Geschwister sind Fabrikanten von Befestigungssystemen.

Die zwei Zeitebenen des Romans unterscheiden sich qualitativ erheblich. Die Beschreibung des Werdegangs von Steven Blackmore vor und nach der Bombardierung Bruchsals, die Darstellung der letzten Zuckungen des Nationalsozialismus, des Volkssturms und die Schilderung des Alltags in Idar und Oberstein während des Dritten Reichs sind außerordentlich gelungen, während der Plot im Hier und Heute erst gegen Ende in Schwung kommt, und zwar dann, als sich die Zeitebenen überlappen, auch wenn die Verbindungen und die Auflösung des Plots sehr konstruiert wirken.

Dies mag auch an der mangelnden Ausstrahlung der Figuren liegen, außer der Langfingerin Olga überzeugen sie nicht. Stuttgart als Schauplatz gleicht beim besten Willen keiner amerikanischen Großstadt, während die Dorfbewohner der Vierzigerjahre in Deutschland hervorragend beschrieben sind. Ebenso ist die Biographie von Steven Blackmore spannend und vermittelt Zeitkolorit, wohingegen das Treffen seines Sohnes - des berühmten Jazzmusikers Junior Wells - mit Dengler in Chicago etwas an den Haaren herbeigezogen ist. Es muss aber stattfinden, damit Dengler den Auftrag bekommt, den Vater ausfindig zu machen, und nach und nach auf den Zusammenhang mit der Erbschaftssache stößt. Die Verstocktheit der alt gewordenen Dorfbewohner lässt nichts zu wünschen übrig, Verdrängung kann kaum überzeugender erzählt werden: "Sagen Sie ihnen, sie sollen aufhören, in den alten Geschichten herumzuwühlen. Für sie sind die Folgen schlimmer als für uns. Ihnen wird es Leid tun, den alten Dreck aufzuwirbeln. Es ist ihr Dreck." (S. 175)

Trotz einiger Anfangsschwächen lohnt es sich, den Krimi zu lesen, denn mit steigender Seitenzahl steigt die Spannungskurve.

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