Die Erforschung des Nationalsozialismus
wird noch viel Stoff für
Kriminalromane bieten. Auch wenn viele glauben, bereits alles zu
wissen, so bleibt doch eine Reihe blinder Flecken übrig, die
es aufzuarbeiten gilt. Wolfgang Schorlau hat sich in seinem zweiten
Roman einem solchen blinden Fleck gewidmet: den von der Zivilbevölkerung
gelynchten alliierten Soldaten, deren geschätzte Zahl über
1000 liegt. In dem Fall, den er der Stuttgarter Zeitung entnahm,
wurde ein abgestürzter schwarzer US-Bomberpilot im März
1945 wahrscheinlich von Bauern gelyncht.
In Romanform liest sich das so: Steven
Blackmore stürzt am
1. März 1945 bei Bruchsal ab. Er wird seine Familie in Chicago
nie wiedersehen. Dem fulminanten Einstieg folgt eine recht tröge
Rahmenhandlung, die sehr an gut gemeinte Tatorte erinnert. Schorlaus
blasser und natürlich auf "Außenseiter" getrimmter
Detektiv Dengler - Ex-BKA-Bulle, "Terroristenjäger" und
Jazzfan -, der seinen zweiten Fall lösen muss, dümpelt
mit seiner Privatkanzlei so vor sich hin, als er von zwei Geschwistern
mit einer Erbsache beauftragt wird. Es geht um ein Hotel, das deren
Vater aus unverständlichen Gründen am 24. Juni 1947 auf
einen anderen übertrug. Die Geschwister sind Fabrikanten von
Befestigungssystemen.
Die zwei Zeitebenen des Romans unterscheiden
sich qualitativ erheblich. Die Beschreibung des Werdegangs von
Steven Blackmore vor und nach der Bombardierung Bruchsals, die
Darstellung der letzten Zuckungen des Nationalsozialismus, des
Volkssturms und die Schilderung des Alltags in Idar und Oberstein
während des Dritten Reichs sind
außerordentlich gelungen, während der Plot im Hier und
Heute erst gegen Ende in Schwung kommt, und zwar dann, als sich die
Zeitebenen überlappen, auch wenn die Verbindungen und die Auflösung
des Plots sehr konstruiert wirken.
Dies mag auch an der mangelnden Ausstrahlung
der Figuren liegen, außer der Langfingerin Olga überzeugen sie nicht. Stuttgart
als Schauplatz gleicht beim besten Willen keiner amerikanischen Großstadt,
während die Dorfbewohner der Vierzigerjahre in Deutschland hervorragend
beschrieben sind. Ebenso ist die Biographie von Steven Blackmore
spannend und vermittelt Zeitkolorit, wohingegen das Treffen seines
Sohnes - des berühmten Jazzmusikers Junior Wells - mit Dengler
in Chicago etwas an den Haaren herbeigezogen ist. Es muss aber stattfinden,
damit Dengler den Auftrag bekommt, den Vater ausfindig zu machen,
und nach und nach auf den Zusammenhang mit der Erbschaftssache stößt.
Die Verstocktheit der alt gewordenen Dorfbewohner lässt nichts
zu wünschen übrig, Verdrängung kann kaum überzeugender
erzählt werden: "Sagen Sie ihnen, sie sollen aufhören,
in den alten Geschichten herumzuwühlen. Für sie sind die
Folgen schlimmer als für uns. Ihnen wird es Leid tun, den alten
Dreck aufzuwirbeln. Es ist ihr Dreck." (S. 175)
Trotz einiger Anfangsschwächen lohnt
es sich, den Krimi zu lesen, denn mit steigender Seitenzahl steigt
die Spannungskurve.