1998 erschien unter der Feder des schottischen
Schriftstellers Alexander McCall Smith eine Detektivin einer neuen Art
in der Kriminalliteratur: Mma Ramotswe, Gründerin der Agentur Nr.
1 der Detektivinnen, in Gaboron, Hauptstadt von Botswana.
Zwischen Alexander McCall Smith und Botswana
gibt es eine sehr enge Verbindung. Afrika hat seine Gerüche, seine Geräusche und seine
Farben ins Gedächtnis dieses Mannes, der 1948 in Zimbabwe geboren
ist, eingeprägt. Aber auch das ist in seinem Gedächtnis: die
blutigen Unruhen der Unabhängigkeit ... Die dunkle Seite von Afrika,
staatliche Fehlleistungen, Korruption, Bürgerkriege, verschleppte
Bevölkerungen, die man hungern ließ und malträtierte
... kurz, all das, was wir regelmäßig auf den Titelseiten
unserer Zeitungen sehen. Alexander McCall Smith kennt das nur zu gut.
Er erinnert sich noch daran, wie er in den achtziger Jahren den Transvaal überquerte,
als es nicht ratsam war, sich in diese Provinz Südafrikas zu begeben.
Auf der anderen Seite der Grenze erschien Botswana wie ein idealer Ort.
Ein demokratisches Land seit seiner Unabhängigkeit, 1966, in dem
man nicht scherzte mit dem Respekt vor Gesetzen und der Verfassung. Ein
Land, das verschont blieb von Bürgerkriegen und Hungersnöten.
Dieses Afrika wollte Alexander McCall Smith zeigen. Ein Afrika, das sich
um den Nächsten kümmert, leuchtend wie der Himmel in Botswana,
und großzügig wie Mma Ramotswe.
Precious Ramotswe ist vierunddreißig, als sie ihren lieben Papa
verliert und eine Viehherde erbt. Madame Ramostwe, eine afrikanische
Frau von traditioneller Konstitution, so sagt es der Autor, hat eine
gescheiterte Ehe mit einem gewalttätigen Trompeter und einer zu
früh verstorbenen Tochter hinter sich. Also kann sie den Schmerz
vieler Frauen verstehen und ihnen vielleicht im Alltag helfen ...
Der Verkauf der Viehherde ihres Vaters bringt
ihr genug, um ihren Traum zu verwirklichen: ein Detektivbüro zu eröffnen
um ihren Zeitgenossen zu helfen, die Geheimnisse ihrer Existenz aufzuklären*.
Mma Ramotswe findet einen Laden am Fuße des Berges Kgale und
heuert eine unbedingt notwendige Sekretärin an, Mma Makutsi. Dann
warten sie roten Tee trinkend auf ihren ersten Kunden. Die Stunden
vergehen und das Wunder geschieht: Mma Malatsi tritt über die
Schwelle und vertraut Mma Ramotswe ihre Sorgen bezüglich des Verschwindens
ihres Ehemannes an. Der Mann war in engem Kontakt mit einer religiösen
Gemeinschaft und ist im Fluss verschwunden, als der Reverend ihn gerade
mit fünf Anderen, die nichts gesehen haben, taufen wollte. Durch
eine nächtliche Expedition gelingt es Mma Ramotswe den Fall zu
lösen
(der Verantwortliche ist ein Krokodil) und ihrer Kundin einen materiellen
Beweis des Todes ihres Mannes zu bringen, damit diese ihre Trauerarbeit
beginnen kann. Gestärkt durch diesen ersten Erfolg stürzt
sich die Detektivin in das Handbuch Die Prinzipien privater
Ermittlungen von
Clovis Andersen, um ernsthaft die nächsten Fälle anzugehen.
Ein Kunde, bzw. eine Kundin, denn die Kundschaft
von Mma Ramotswe besteht in der Mehrzahl aus Frauen, gibt der Nächsten die Klinke in die
Hand und jede Ermittlung ist auch dazu da, etwas über das Leben
in Afrika zu erzählen. Mma Pekwane, die sich dafür schämt,
dass ihr Mann in einem gestohlenen Mercedes fährt, möchte,
dass das Auto diskret zu seinem Besitzer zurückkehrt. Happy Bapetsi
ist es leid, einen immer anspruchsvolleren Aufschneider durchzufüttern,
der sich für ihren Vater ausgibt. Nur möchte sie sicher sein,
dass er wirklich ein Aufschneider ist, bevor sie ihn rausschmeißt.
Mma Ramotswe wird einen Weg finden, damit dieser Mann, der skrupellos
die alte Moral in Botswana ausbeutet, die sagt, dass man, koste es was
es wolle, sich um seine Familie kümmern muss, gesteht.
Der Status der Frau wird ausgiebig in allen
Romanen durch die Figur von Mma Makutsi, der Sekretärin angesprochen. Sie hat als beste
Schülerin die Sekretärinnenschule von Botswana verlassen, mit
einem Superdurchschnitt von 97/100, aber die junge Frau entspricht mit
ihrer zu dunklen Haut und ihrer großen Brille, die die Hälfte
ihres Gesichts verdeckt, nicht dem üblichen Schönheitsideal
und man zieht ihr immer weniger intelligente, aber um so vieles hübscher
anzusehende Frauen vor . Die Sekretärin, die später auch Assistentin
der Detektivin wird, wird so manche Enttäuschung erleben müssen,
bevor sie ihren zukünftigen Mann begegnet, einem Möbelhändler
aus Gabarone, der krankhaft schüchtern ist.
Die Lehrlinge von J.L.B. Matekoni, dem Automechaniker
und Ehemann von Mma Ramotswe, zeigen, in welche Richtung sich die Mentalität in
Botswana entwickelt, die von der amerikanischen Kultur, so wie sie im
Kino oder durch Fernsehserien vermittelt wird, vereinnahmt wird. Mma
Ramotswe ist in ihrem tiefsten Inneren gegen diesen Kurswechsel. Sie
bleibt der afrikanischen Tradition verhaftet, die verlangt, seinen Besitz
mit jenen zu teilen, die weniger Glück haben. Leute einzustellen
(Putzfrauen, Gärtner) sobald man die Mittel dazu hat, ist also moralische
Pflicht - genauso wie seine Familie finanziell zu unterstützen,
wenn es nötg ist.
Die tragischen Folgen von Aids werden nicht
ausgespart, aber nur angedeutet. Mma Makutsi nimmt ihren Bruder auf und
pflegt ihn bis zum letzten Atemzug. Dieser Arbeiter ist es, der die Krankenkassen
betrügt, um seinen
Kontostand aufzubessern, denn er ernährt seine Familie, Eltern,
Schwestern und einen Bruder, der »an dieser Krankheit leidet, an
der alle Welt jetzt stirbt«. Die Kinder der ausgelöschten
Familien landen dann in der Waisenfarm, einer von Mma Potokwane, einer
energischen Frau traditioneller Konstitution und enge Freundin von
Mma Ramotswe, geleiteten Institution. Als sie von der Verlobung von
Mma Ramotswe mit J.L.B. Matekoni erfährt, überredet sie den Automechaniker,
zwei Kinder zu adoptieren, die ihr Haus bunter machen sollen, ein Mädchen
im Rollstuhl und ihren jungen Bruder. Die beiden Kinder sind kleine Basarwas,
Kinder der Stämme, die in der Wüste von Kalahari leben, was
auch die heikle Frage nach dieser Minderheit stellt. Völlig andere
Lebensbedingungen, eine den Botswanern unverständliche Sprache,
anderer Körperbau . viele Dinge trennen diese Wüstenstämme,
die früher als Sklaven gehalten wurden, von den Botswanern, und
die Vorurteile existieren immer noch und überall.
Mma Potokwane wird es schaffen, J.L.B. Matekoni
zu überzeugen,
diese beiden Kinder zu adoptieren, indem sie ihm ganz einfach deren
Geschichte erzählt. Dann muss der Autohändler nur noch seiner
Verlobten erklären, wie er zwei Kinder adoptiert hat, ohne ihr davon
zu erzählen!
... Mma Ramotswe ist zuerst etwas wütend, dass sie nicht befragt
wurde, nimmt dann aber das Geschenk mit offenem Herz an, wie einen
Beweis der immensen Großzügigkeit des Mannes, den sie heiraten
wird. So wird sie also Leiterin der Agentur Nummer 1 der Detektivinnen,
aber auch Ehefrau und Mutter, Gipfel des Glücks und Erfolgs, in
Botswana und eigentlich auch überall anders!
Manche haben diese
Serie kritisiert und ihr eine zu große Naivität
bezüglich der großen Probleme Afrikas vorgeworfen. Der Autor
wollte ein Afrika voller Hoffnung zeigen. Die Ermittlungen von Mma
Ramotswe sind immer spannend und manche Szenen wirklich lustig. Auch
wenn der allgemeine Ton manchmal etwas naiv erscheint, so bleiben einem
diese Geschichten, wenn man das Buch zugeklappt hat, im Kopf und kommen
dort zu ihrer sozialen Tragweite.
Außer der Untersuchung der Romane, wurde diese Tribüne auch
kräftig von einem Interview mit Alexander McCall Smith inspiriert,
das man auf www.commonwealthclub.org nachlesen
kann.
* Alexander McCall Smith, Mma
Ramotswe détective (The N°1 Ladies'Detective Agency,
1998).
Cormac Miller lebt in Dublin wo er als
Cormac Ó Cuilleanáin
Italienisch am Trinity College unterrichtet. Er ist Übersetzer
und Autor wissenschaftlicher Texte. Seine letzer Krimi ist The
Grounds (Penguin Ireland, 2006). Weitere Informationen unter: www.cormacmillar.com.
In Dantes De Vulgari Eloquentia wird
erklärt, dass die
menschliche Seele pflanzlich, tierisch und rational ist. Die pflanzliche
Seele sucht nach Sicherheit und Überleben. Die tierische Seele hat
des Vermögen der Bewegung, insbesondere zu dem, was sie anzieht und
führt so zur Liebe. Die rationale Seele sucht das Richtige zu tun.
Gute Kriminalliteratur spricht unsere dreiteilige Seele in all ihren Dimensionen
an, angefangen von den heroischen Sagen in denen die Sicherheit verteidigt
wird. Die Antort auf die Frage nach dem Überleben ist natürlich
mit der nach der Erotik verbunden, die wiederum manchmal - über die
klassische Figur einer Frau, die gleichzeitig gut und böse, Spenderin
von Leben und Tod ist - mit Liebe und Tod verknüpft ist.
So dramatisch ist es natürlich nicht immer. Die Krimiliteratur kennt
eine Unmenge von Frauengestalten, die die ganze Palette »weiblicher« Werte
repräsentieren. Und noch der langweiligste Ton dieser Palette hat
seinen Wert, kann er doch die Geschichte in der Alltagsrealität verankern.
Simenons Madame Maigret ist das schönste Oxymoron: Eine respektable
verheiratete Frau. Als die bessere Hälfte des normalen und häuslichen
Lebens ihres Gatten repräsentiert sie den absoluten Nullpunkt der
Weiblichkeit, die doch den Ausgangspunkt jeglicher Erzählung darstellt.
Krimierzählungen sind mit der Schuld befasst und also muss die Unschuld
ihr hübsches Haupt erheben. Es ist ein Gesetz: wenn eine Frau
wirklich unschuldig ist, dann ist sie in Gefahr. In Sciascias meisterhaftem
Roman To
Each His Own (Jedem das Seine) tritt Luisa Roscio auf, die Mutter-Verführerin,
die den depperten Detektiv ins Verderben führt. Wenn sich das Buch
dem Ende nähert, ist ihre Geschichte so viel besser als seine, dass
man gerne akzeptiert, dass der kleine Trottel sterben musste. Luisa hat
viele weniger subtile Schwestern im Verführungsgeschäft. Sie
ziehen einige Befriedigung aus ihren Sünden.
Neben Opfer und Vamp gibt es die weiblichen Figuren der Retterin oder
der Frau als Belohnung, oft in ein und derselben Figur. In Hugo Hamiltons Headbanger (erst
kürzlich in Frankreich als Meisterwerk gelobt) vollführt die
drogensüchtige Naomi vulgäre exotische Tänze bei rituellen
Morden und bringt einen verheirateten Bullen dazu, vom rechten Pfad
abzukommen. Sie oszilliert zwischen der Rolle des Vamp und des Opfers
und im fesselnden Finale versucht sie gar, das Leben des Bullen zu
retten.
»All die Weiber, die ich mit Sex geprügelt hab / Ich hab sie
geknackt wie Meringues« erinnert sich das jämmerliche alter
ego von Philip Larkin in A Study of Reading Habits (Eine Untersuchung
von Lesegewohnheiten) wehmütig. In der Kriminalliteratur kann
die Frau als frei verfügbare Belohnung erscheinen, nicht nur für
den Leser, sondern auch für den geschmackvollen Helden. Man denke
nur daran, wie Pepé Carvalhos sich als Gourmet an Chilean Gladys
in Vázquez Montalbans Murder on the Central Committee (Mord
im Zentralkomitte) heranmacht.
Errettung ist etwas Fundamentaleres als Belohnung. Die richtige Superheldin
kriegt alles auf einmal hin. Zum Beispiel Grazia Negro, eine Polizistin
aus Bologna in Carlo Lucarellis Almost Blue . Sie spürt nicht
nur rechtzeitig den verrückten Serienmörder auf, bevor er er
den netten blinden Jungen umlegen kann, sondern sie wartet auch noch taktvoll,
bis er die etwas überfürsorgliche Mutter des blinden Jungen umgebracht
hat um den Jungen sodann in die Wunder des erwachsenen Sexlebens einzuweihen.
Und all das, während sie mit fürchterlichen Menstruationsschmerzen
zu kämpfen hat.
In meinem ersten eigenen Roman geht es um
einen Mann in seinen besten Jahren, der von seiner langweiligen Frau
fest im Griff gehalten wird. Durch den Stimme der Vernunft einer alten
Nonne und eines besorgten Schulmädchens,
die versuchen, das Leben der rationalen Seele zu leben und das Richtige
zu tun, erwacht er zu Bewusstein. Das, so stellt sich heraus, ist ein gefährliche
Lösung.
Nicht jede Regel ist unter allen Umständen
gut. Frauen gehen nicht in den Erwartungen, die an sie herangetragen
werden auf.
Links zu den erwähnten Büchern:
To
Each His Own
Headbanger
Murder
on the Central Committee
Almost
Blue
An
Irish Solution