krimis in Europa
n°8 Februar-März-April 2007

 

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Funerarium*
Brigitte Aubert

Ed Robin • 2006 • 416 Seiten

Giuseppina La Ciura
Übersetzung: Katharina Schmidt

 

Wenn man sie auf diesem Schwarz-Weiß-Foto1 am Strand sitzen sieht, wirkt Madame Brigitte Aubert wie eine heitere, Vertrauen erweckende Frau in den mittleren Jahren. Eine ruhige Dame, die gerade an einem der schönsten und berühmtesten Plätze der Welt ein Bad genommen hat. Aber man weiß ja, der Schein kann trügen. Dazu muss man nur den Prolog zu ihrem Buch Funerarium (deutsch: Schneewittchens Tod, btb, 2003) lesen, das der Verlag Ed. Robin in seiner spannenden Reihe "I luoghi del delitto", auf deutsch soviel wie "Tatorte", herausgebracht hat - bis jetzt Ontario, Bretagne, Paris, das Midi von Pierre Magnan, Rom und das Veneto - um sofort zu verstehen, dass Madame Aubert zum gleichen Schlag gehört wie Mrs. Highsmith oder Margaret Millar. Brigitte Aubert ist ebenfalls eine Königin der Spannung.

In diesem Roman entwickelt die sich aus dem ständigen, heftigen und verwirrenden Gegensatz zwischen einer Außenwelt, Cannes im April, die sonnenbeschienene Croisette, die von Touristen, Badegästen und Spielern im Casino übervölkert ist, und der dunklen, verborgenen und kalten Welt von ausgeweideten, ausgestopften Toten in der düsteren Werkstatt von Léonard Chib Moreno.

Der junge Mann, Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, ist dunkelhäutig, klein und schmächtig, Sohn einer alleinerziehenden Mutter. Sein vermeintlicher Vater und Lehrer war der unheimliche El Ayache, der von sich selbst behauptet, er sei ein Nachkomme der großen Künstler, die die Pharaonen einbalsamiert haben. Zu Beginn des Romans ist Moreno ein ernsthafter, erfahrener Profi, der bei den Reichen an der Riviera sehr gefragt ist und ohne größere Traumata mit Hilfe seines Freundes Greg, eines klassischen Lebenskünstlers, zwischen den beiden Welten wechselt, obwohl ihm die Gesellschaft der Lebenden oft zu laut ist. Die Begegnung mit Blanche Andrieu, einer schönen, ätherischen und geistig labilen Frau zerstört dieses komplizierte Gleichgewicht. Sie möchte, dass Moreno ihre Tochter konserviert. Die kleine Elilou ist mit acht Jahren durch einen Treppensturz gestorben. Der junge Mann will eigentlich ablehnen, aber Blanche zieht ihn auf morbide Weise an und deshalb sagt er zu. Das ist der Anfang eines langsam fortschreitenden, unausweichlichen Absturzes in den Mahlstrom, den die Autorin sprachlich schmucklos und in eiskaltem Ton beschreibt, ihn mit beißenden, ironischen Bemerkungen und makabren, grotesken sogar surrealen Passagen nachzeichnet. Der nackte Körper des toten kleinen Mädchens, an dem man Spuren von Missbrauch erkennt, ist geschändet worden. Wie in dem unvergessenen Roman Le mannequin assassiné2 von S.A.Steeman, verbirgt sich der Teufel inmitten einer reichen, katholischen Familie, die nach außen hin zwischen den Olivenbäumen in einer eleganten bastide ein perfektes Leben zu führen scheint. Der Tierpräparator vermutet etwas, ermittelt, setzt dabei seinen Verstand und sogar sein Leben aufs Spiel und am Ende, in einem schrecklichen letzten Kapitel, entdeckt er das Gesicht des Bösen. Kann ein Mensch den Blick der Medusa überleben?

Bei Robin ist ein weiteres Buch von Brigitte Aubert erschienen: Requiem caraibico (Karibisches Requiem, btb, 2002).

* Schneewittchens Tod

1 Zeitschrift "813", Nr. 92, S. 12. Diese Ausgabe enthält außerdem ein ausführliches, interessantes Interview mit der Autorin.
2 S.A.Steeman: Die schlafende Stadt, Goldmann, 1953.

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