Funerarium*
Brigitte Aubert
Ed Robin • 2006 • 416 Seiten
Giuseppina La Ciura
Übersetzung: Katharina Schmidt
Wenn
man sie auf diesem Schwarz-Weiß-Foto1 am Strand sitzen sieht,
wirkt Madame Brigitte Aubert wie eine heitere, Vertrauen erweckende
Frau in den mittleren Jahren. Eine ruhige Dame, die gerade an einem
der schönsten
und berühmtesten Plätze der Welt ein Bad genommen hat. Aber
man weiß ja, der Schein kann trügen. Dazu muss man nur den
Prolog zu ihrem Buch Funerarium (deutsch:
Schneewittchens Tod, btb, 2003) lesen, das der Verlag Ed. Robin in
seiner spannenden Reihe "I
luoghi del delitto", auf deutsch soviel wie "Tatorte", herausgebracht
hat - bis jetzt Ontario, Bretagne, Paris, das Midi von Pierre Magnan,
Rom und das Veneto - um sofort zu verstehen, dass Madame Aubert zum gleichen
Schlag gehört wie Mrs. Highsmith oder Margaret Millar. Brigitte Aubert
ist ebenfalls eine Königin der Spannung.
In diesem Roman
entwickelt die sich aus dem ständigen, heftigen
und verwirrenden Gegensatz zwischen einer Außenwelt, Cannes im April,
die sonnenbeschienene Croisette, die von Touristen, Badegästen und
Spielern im Casino übervölkert ist, und der dunklen, verborgenen
und kalten Welt von ausgeweideten, ausgestopften Toten in der düsteren
Werkstatt von Léonard Chib Moreno.
Der junge Mann,
Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, ist dunkelhäutig,
klein und schmächtig, Sohn einer alleinerziehenden Mutter. Sein vermeintlicher
Vater und Lehrer war der unheimliche El Ayache, der von sich selbst
behauptet, er sei ein Nachkomme der großen Künstler, die die
Pharaonen einbalsamiert haben. Zu Beginn des Romans ist Moreno ein
ernsthafter, erfahrener Profi, der bei den Reichen an der Riviera sehr
gefragt ist und ohne größere Traumata mit Hilfe seines Freundes
Greg, eines klassischen Lebenskünstlers, zwischen den beiden Welten
wechselt, obwohl ihm die Gesellschaft der Lebenden oft zu laut ist.
Die Begegnung mit Blanche Andrieu, einer schönen, ätherischen
und geistig labilen Frau zerstört dieses komplizierte Gleichgewicht.
Sie möchte,
dass Moreno ihre Tochter konserviert. Die kleine Elilou ist mit acht
Jahren durch einen Treppensturz gestorben. Der junge Mann will eigentlich
ablehnen, aber Blanche zieht ihn auf morbide Weise an und deshalb sagt
er zu. Das ist der Anfang eines langsam fortschreitenden, unausweichlichen
Absturzes in den Mahlstrom, den die Autorin sprachlich schmucklos und
in eiskaltem Ton beschreibt, ihn mit beißenden, ironischen Bemerkungen
und makabren, grotesken sogar surrealen Passagen nachzeichnet. Der
nackte Körper
des toten kleinen Mädchens, an dem man Spuren von Missbrauch erkennt,
ist geschändet worden. Wie in dem unvergessenen Roman Le
mannequin assassiné2 von S.A.Steeman, verbirgt sich der
Teufel inmitten einer reichen, katholischen Familie, die nach außen
hin zwischen den Olivenbäumen in einer eleganten bastide ein
perfektes Leben zu führen scheint. Der Tierpräparator vermutet
etwas, ermittelt, setzt dabei seinen Verstand und sogar sein Leben
aufs Spiel und am Ende, in einem schrecklichen letzten Kapitel, entdeckt
er das Gesicht des Bösen. Kann ein Mensch den Blick der Medusa überleben?
Bei Robin ist ein weiteres Buch von Brigitte Aubert
erschienen: Requiem caraibico (Karibisches Requiem, btb, 2002).
* Schneewittchens Tod
1 Zeitschrift "813", Nr. 92, S. 12. Diese Ausgabe enthält
außerdem
ein ausführliches, interessantes Interview mit der Autorin.
2 S.A.Steeman: Die schlafende Stadt, Goldmann, 1953.