La nuit du pigeon*
Jean-Baptiste Baronian
Espace Nord, Noir de Noir, Editions Labor • 2006 • 210
Seiten
Etienne Borgers
Übersetzung: Alexander Ruoff
Jean Malherbe ist Langzeitarbeitsloser und
lebt zurückgezogen in
einem bescheidenen Viertel von Nivelles, einer kleinen und friedlichen
Stadt, dreißig Kilometer von Brüssel entfernt. Sein beruflicher
Werdegang ist ziemlich jämmerlich und liegt weit unterhalb seiner
tatsächlichen Fähigkeiten, aber das stört ihn nicht weiter.
Nachdem er ständig die Arbeit gewechselt hat, ist er nun seit 18
Monaten arbeitslos, nachdem ihn die Sadec im Zuge von Umstrukturierungsmaßnahmen
entlassen hat, wo er sieben Jahre lang der Fahrer von Clark war. Die Arbeitsaussichten
in der Region sind so schlecht, dass man selbst mit 33 Jahren kaum noch
Chancen hat. Mit einer gewissen resignativen Freude schickt er sich denn
auch in dieses triste Leben. Bis zu jenem Tag, als er nach einem seiner
regelmäßigen Termine beim Arbeitsamt draußen auf der
Straße von einem Unbekannten bedrängt wird, einen lukrativen
Job anzunehmen. Einen sehr lukrativen. Er hat nichts zu verlieren, hört
sich aber trotzdem nur mit Skepsis an, was der Unbekannte ihm zu sagen
hat, der ohne Umschweife direkt zur Sache kommt: Er solle jemanden umbringen,
und zwar nach den Anweisungen derer, für die er arbeitet. Es handelt
sich um einen hohen Gewerkschaftsvertreter, den Malherbe vage aus der
Gewerkschaft kennt, die in der Sadec vertreten ist. Die Sache ist offensichtlich
hervorragend bezahlt. Warum ausgerechnet er, ein durchschnittlicher Niemand,
der nie mit dem Milieu in Kontakt gekommen ist? Die Auftraggeber sind
wegen seiner Vergangenheit als Scharfschütze bei der Armee an ihm
interessiert. Das Geld lockt ihn, es könnte ihm helfen, aus seiner
Misere herauszukommen. Er akzeptiert, ohne sich große Gedanken zu
machen, aber trotz des vielen Geldes schafft er es nicht, sich ruhig in
seine Rolle zu fügen. Sein falscher Arbeitsvertrag im Namen einer
Gesellschaft, die es nicht zu geben scheint, die Männer, die ihm
ständig folgen und nicht gerade zu seiner Beruhigung beitragen (auch
wenn sie immerhin keine Limousine fahren) - Jean Malherbe gleitet langsam
in eine innere Paranoia, erstickt an seinen Zwängen, er findet sich
abgeschnitten von der wirklichen Welt auf Grund der Angst, die ihn ständig
erdrückt und würgt. Er glaubt, in die wunderschöne Simone
verliebt zu sein, mit der er sich zufällig in einer Kneipe in der
Umgebung von Nivelles wiederfindet. In jener Kneipe, in der sein Anwerber
Stammgast ist. Aber selbst das Verhältnis, das er mit der jungen
Frau anfängt, erscheint voller Widersprüche und offener Fragen.
Die Angst ist immer da, bis zu jener Nacht,
wo er in einem verlassenen Gebäude in Nivelles einen Mann, der sich auf ihn stürzt, tötet,
um seinen Verfolgern zu entgehen, die ihm ständig auf den Fersen
sind. Von einer immer größer werdenden Angst ausgelaugt geht
Malherbe nach Charleroi und folgt den Anweisungen, um das Attentat vorzubereiten.
Da er aber auf irrationale Art und Weise handelt und die Absichten seiner
Begleiter, selbst seiner nächsten, nicht richtig beurteilen kann,
verwickelt er sich im Glauben, er entkomme der infernalischen Situation,
in die er sich begeben hat, nur noch weiter in sie hinein. Und immer
noch weiter, in jener Nacht der Taube.
Dieser Roman über Isolation und Angst, geschrieben als Ich-Erzählung,
wirft uns sofort in das enge Universum der Hauptperson. Ein Protagonist,
der sich in einer nahen und bekannten Realität auf das Wesentliche
konzentriert, unfähig, sich eine Zukunft vorzustellen, die nicht
feindselig und sinnlos wäre, und für die er nur eine Lösung
kennt: die Flucht ...
Flüssig und präzise erzählt, führt uns J. B. Baronian
den Abstieg des Jean Malherbe in die Abgründe der inneren Angst vor
Augen, einer Figur, die sich in ihren eigenen Schlingen verliert. Der
Stil spiegelt mit seiner an Distanzierung grenzenden Kälte das Leben
dieser Figur wider, das sich zwischen Indifferenz und unkontrollierbarer
Imagination bewegt.
Der graue Alltag trübt sich schnell zu einer dunklen und sinistren
Geschichte, die direkt in Tragik und Verzweiflung führt. Und das
alles mit der besonderen Note von Baronian und seinem konzisen Stil,
der jede Emphase verweigert und dessen vordergründig einfache Art
des Schreibens nichts als Eleganz ist. Eine Eleganz, die von einem
tiefen Schwarz durchdrungen ist...
Anmerkung: Dieser Roman ist 1982 unter dem
Pseudonym Alexandre Lous veröffentlicht
worden.
* Die Nacht der Taube
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