Deutsche Meisterschaft
Richard Birkefeld und Göran
Hachmeister
Deutsche Meisterschaft. Frankfurt/M.
(Eichborn) • 2006 •386 Seiten
Alexander Ruoff
Historische
Romane, Krimis zumal, die in der Vergangenheit spielen, geraten schnell
in die Gefahr, ihre Protagonisten lediglich als Ausdruck der gesellschaftlichen
Strömungen der Zeit zu zeichnen, und ihnen außer der Verkörperung
der jeweiligen Position keine eigene Entwicklung oder Persönlichkeit
zuzugestehen. Die Weimarer Republik, in der die »Deutsche Meisterschaft« der
beiden krimischreibenden Historiker Richard Birkefeld und Göran Hachmeister
angesiedelt ist, scheint diese Gefahr zu potenzieren: Nationalistische
Bewegungen, Freikorps und Soldatenverbände, Stahlhelm und Reichsbanner,
die KPD und das Zentrum, Bürgerliche und Arbeiter - alle wollen dargestellt
werden und alle hatten ihre eigene Haltung zur Republik.
Auf den ersten Blick scheinen die Figuren
in »Deutsche Meisterschaft« genau
diesem Schema zu entsprechen. Da ist zum einen Falk von Dronte, der junge
Adlige, der es nicht verwinden kann, dass er knapp zu jung war, um wie
seine nationalistischen Vorbilder im Ersten Weltkrieg heldenhaft »die
deutsche Ehre« verteidigt zu haben. Er kompensiert seine Enttäuschung
dadurch, dass er sich einem Freikorps als Handlanger zur Verfügung
stellt und auf seine Bewährung wartet. Die scheint gekommen, als
er den Befehl erhält, gemeinsam mit Kameraden einen »Verräter
an der nationalen Sache« zu richten. Sein Gegenspieler auf der anderen
Seite ist Arno Lamprecht, ein Arbeiter, der den Krieg mitgemacht hat und
alles andere als heldenhafte Erinnerungen aus ihm mitbringt. Er kann sich
in die Nachkriegszeit, in das zivile Leben, nicht einfügen, ist durch
die Kriegserfahrung traumatisiert, unfähig zu geregelter Arbeit,
trinkt zu viel, und bei der kleinsten Stresssituation wird er aggressiv
und hat jenen Spaten vor seinem geistigen Auge, mit er damals in Ypern
dem englischen Soldaten den Kopf ...
Diese beiden antagonistischen Helden des
Romans verbindet eine doppelte Leidenschaft: Das Motorradfahren und
die Begeisterung für Thea von
Bock, eine reiche, eigenständige und selbstbewusste Frau, die für
das moderne und weltoffene Weimar steht, für die Roaring Twenties
mit Bubikopffrisur, sexueller Freiheit und technischem Fortschritt.
Die Geschichte im Milieu der Motorradrennen
um die Deutsche Meisterschaft anzusiedeln ist der Kniff, der den Figuren
einen Raum bietet, Eigenständigkeit
zu entfalten und so die Geschichte zum Leben zu bringen. Die Zuschauer
bei den Rennen kommen aus allen gesellschaftlichen und politischen Bereichen.
Motorradfahrerkollegen politisieren vor oder nach dem Rennen und lassen
Weltanschauungen wie persönliche Eifersüchteleien aufeinanderprallen,
ohne dass es belehrend wirkt. Dabei hilft sicherlich, dass die beiden
Autoren Stil und Jargon der Zeit virtuos handzuhaben wissen. Zudem bietet
dieses Milieu eine originelle und überzeugende Perspektive auf eine
Zeit, die die Geschwindigkeit entdeckt und in der die Motorisierung sowohl
den Krieg als auch das zivile Leben gründlich umgestaltet und in
gewisser Weise einander angleicht.
Den detailverliebten Schilderungen der Rennfahrer über
ihre Motorräder,
ihre funktionale Eleganz und Kraft, ihren Fachsimpeleien über Vorzüge
und Nachteile dieser oder jener Marke, ihrer Auseinandersetzung mit
der aggressiver werdenden Werbung, ihrem eigenen Status als Stars, mit
der Wandlung ihres Sports in ein Spektakel aus Werbung und Konsum merkt
man die Begeisterung der beiden Historiker an, in den Alltag und die Stimmung
jener Zeit einzutauchen. Aber sie sind Schriftsteller genug, ihre mentalitäts-
und kulturgeschichtlichen Beobachtungen in einen spannenden Krimiplot
zu stellen, in dem am Rande der Rennen um die deutsche Meisterschaft
immer wieder Leichen mit abgetrennten Köpfen gefunden werden, in
dem die beiden Helden sich gegenseitig belauern und bekämpfen und
dabei doch im Dunkeln tappen und die Ereignisse nicht im geringsten beeinflussen
können, während im Hintergrund ein Nachwuchswissenschaftler
in seinem Forschungstagebuch von seinen Fortschritten berichtet, seinen
Professor zu beindrucken...
Wie schon in ihrem Erstling »Wer übrig bleibt hat recht« (besprochen
in europolar Nr. 3), der die Endphase des Zweiten Weltkrieges im zerbombten
Berlin plastisch darstellt, zeigt das Autorenduo Birkefeld und Hachmeister
auch in »Deutsche Meisterschaft«, dass eine genaue historische
Darstellung und ein spannender Krimiplot sich hervorragend ergänzen
können und dass, darüber hinaus, die Fiktion ein historisches
Urteil subtiler und wirksamer vermitteln kann, als eine wissenschaftliche
Abhandlung. Es hilft den tragischen Helden dieses Romans nicht, dass sie
sich von ihrer gesellschaftlichen Position emanzipieren können. Es
hilft ihnen nichts, sich kritisch zu den politischen Bewegungen ihrer
Zeit zu verhalten. Dadurch fallen sie vielmehr aus allen Bindungen heraus
und werden zu Einzelnen, die den Strömungen der Geschichte hilflos
ausgeliefert sind bis sie schließlich untergehen. Und auch das ist
ein Statement über die Zeit zwischen den beiden großen Kriegen.
Eines, das noch lange nachwirkt, selbst wenn der Krimiplot, längst
zu seiner konsequenten Auflösung gelangt ist.