krimis in Europa
n°8 Februar-März-April 2007

 

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Deutsche Meisterschaft
Richard Birkefeld und Göran Hachmeister

Deutsche Meisterschaft. Frankfurt/M. (Eichborn) • 2006 •386 Seiten

Alexander Ruoff

 

Historische Romane, Krimis zumal, die in der Vergangenheit spielen, geraten schnell in die Gefahr, ihre Protagonisten lediglich als Ausdruck der gesellschaftlichen Strömungen der Zeit zu zeichnen, und ihnen außer der Verkörperung der jeweiligen Position keine eigene Entwicklung oder Persönlichkeit zuzugestehen. Die Weimarer Republik, in der die »Deutsche Meisterschaft« der beiden krimischreibenden Historiker Richard Birkefeld und Göran Hachmeister angesiedelt ist, scheint diese Gefahr zu potenzieren: Nationalistische Bewegungen, Freikorps und Soldatenverbände, Stahlhelm und Reichsbanner, die KPD und das Zentrum, Bürgerliche und Arbeiter - alle wollen dargestellt werden und alle hatten ihre eigene Haltung zur Republik.

Auf den ersten Blick scheinen die Figuren in »Deutsche Meisterschaft« genau diesem Schema zu entsprechen. Da ist zum einen Falk von Dronte, der junge Adlige, der es nicht verwinden kann, dass er knapp zu jung war, um wie seine nationalistischen Vorbilder im Ersten Weltkrieg heldenhaft »die deutsche Ehre« verteidigt zu haben. Er kompensiert seine Enttäuschung dadurch, dass er sich einem Freikorps als Handlanger zur Verfügung stellt und auf seine Bewährung wartet. Die scheint gekommen, als er den Befehl erhält, gemeinsam mit Kameraden einen »Verräter an der nationalen Sache« zu richten. Sein Gegenspieler auf der anderen Seite ist Arno Lamprecht, ein Arbeiter, der den Krieg mitgemacht hat und alles andere als heldenhafte Erinnerungen aus ihm mitbringt. Er kann sich in die Nachkriegszeit, in das zivile Leben, nicht einfügen, ist durch die Kriegserfahrung traumatisiert, unfähig zu geregelter Arbeit, trinkt zu viel, und bei der kleinsten Stresssituation wird er aggressiv und hat jenen Spaten vor seinem geistigen Auge, mit er damals in Ypern dem englischen Soldaten den Kopf ...

Diese beiden antagonistischen Helden des Romans verbindet eine doppelte Leidenschaft: Das Motorradfahren und die Begeisterung für Thea von Bock, eine reiche, eigenständige und selbstbewusste Frau, die für das moderne und weltoffene Weimar steht, für die Roaring Twenties mit Bubikopffrisur, sexueller Freiheit und technischem Fortschritt.

Die Geschichte im Milieu der Motorradrennen um die Deutsche Meisterschaft anzusiedeln ist der Kniff, der den Figuren einen Raum bietet, Eigenständigkeit zu entfalten und so die Geschichte zum Leben zu bringen. Die Zuschauer bei den Rennen kommen aus allen gesellschaftlichen und politischen Bereichen. Motorradfahrerkollegen politisieren vor oder nach dem Rennen und lassen Weltanschauungen wie persönliche Eifersüchteleien aufeinanderprallen, ohne dass es belehrend wirkt. Dabei hilft sicherlich, dass die beiden Autoren Stil und Jargon der Zeit virtuos handzuhaben wissen. Zudem bietet dieses Milieu eine originelle und überzeugende Perspektive auf eine Zeit, die die Geschwindigkeit entdeckt und in der die Motorisierung sowohl den Krieg als auch das zivile Leben gründlich umgestaltet und in gewisser Weise einander angleicht.

Den detailverliebten Schilderungen der Rennfahrer über ihre Motorräder, ihre funktionale Eleganz und Kraft, ihren Fachsimpeleien über Vorzüge und Nachteile dieser oder jener Marke, ihrer Auseinandersetzung mit der aggressiver werdenden Werbung, ihrem eigenen Status als Stars, mit der Wandlung ihres Sports in ein Spektakel aus Werbung und Konsum merkt man die Begeisterung der beiden Historiker an, in den Alltag und die Stimmung jener Zeit einzutauchen. Aber sie sind Schriftsteller genug, ihre mentalitäts- und kulturgeschichtlichen Beobachtungen in einen spannenden Krimiplot zu stellen, in dem am Rande der Rennen um die deutsche Meisterschaft immer wieder Leichen mit abgetrennten Köpfen gefunden werden, in dem die beiden Helden sich gegenseitig belauern und bekämpfen und dabei doch im Dunkeln tappen und die Ereignisse nicht im geringsten beeinflussen können, während im Hintergrund ein Nachwuchswissenschaftler in seinem Forschungstagebuch von seinen Fortschritten berichtet, seinen Professor zu beindrucken...

Wie schon in ihrem Erstling »Wer übrig bleibt hat recht« (besprochen in europolar Nr. 3), der die Endphase des Zweiten Weltkrieges im zerbombten Berlin plastisch darstellt, zeigt das Autorenduo Birkefeld und Hachmeister auch in »Deutsche Meisterschaft«, dass eine genaue historische Darstellung und ein spannender Krimiplot sich hervorragend ergänzen können und dass, darüber hinaus, die Fiktion ein historisches Urteil subtiler und wirksamer vermitteln kann, als eine wissenschaftliche Abhandlung. Es hilft den tragischen Helden dieses Romans nicht, dass sie sich von ihrer gesellschaftlichen Position emanzipieren können. Es hilft ihnen nichts, sich kritisch zu den politischen Bewegungen ihrer Zeit zu verhalten. Dadurch fallen sie vielmehr aus allen Bindungen heraus und werden zu Einzelnen, die den Strömungen der Geschichte hilflos ausgeliefert sind bis sie schließlich untergehen. Und auch das ist ein Statement über die Zeit zwischen den beiden großen Kriegen. Eines, das noch lange nachwirkt, selbst wenn der Krimiplot, längst zu seiner konsequenten Auflösung gelangt ist.

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