krimis in Europa
n°8 Februar-März-April 2007

 

>> Krimibuchhandlung

Hammett

Alexander Ruoff

Vorbemerkung der Redaktion:

Bis ein Krimi aus der Imagination der Autorin seinen Weg in die Hände des Lesers gefunden hat, hat er einen weiten Weg zurückgelegt. Neben dem Verlag und seinen Lektoren, den künstlerischen Bemühungen der Setzerinnen und Grafiker und den Rezensionen in den einschlägigen Zeitschriften ist eine wichtige Station auf diesem Weg der Buchhandel. Der Buchladen ist die Drehscheibe, der Präsentierteller für den Kriminalroman. Der Krimibuchhändler gibt der Leserin Empfehlungen aus erster Hand, hier kann ein neues Buch zum ersten Mal angefasst und begutachtet werden.

Mit diesem Artikel eröffnet europolar eine neue Reihe, die Krimibuchhandlungen in Europa besucht. Mit ihr soll, wie schon mit der Serie über die europäischen Krimizeitschriften auf europolar, ein weiterer Bereich der lebendigen internationalen Krimiszene vorgestellt werden.

 

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Wenn man sich durch die Bergmannstraße im vornehmeren Teil des Berliner Stadtteils Kreuzberg durchgekämpft hat, mit all ihren vergnügungssüchtigen Jugendlichen und Touristen, die die indischen und pakistanischen Restaurants, die Sushi-Bars und Espresso Lounges bevölkern, dann erreicht man den ruhigeren Marheinekplatz mit jener Pension, in der schon Jean-Bernard Pouy und Frédéric H. Fajardie bei ihren Lesungen logiert haben. Rechts geht die kleine Friesenstraße eine der wenigen Erhebungen hoch, die der Berliner, großmäulig wie immer, Berg nennt. Neben der Buchhandlung Otherland, die sich auf Science Fiction und Phantasy spezialisiert hat und neben dem Reisebüro namens Rolls Reisen befindet sich die Krimibuchhandlung Hammett. Polly, die Schäferhundmischlingsdame und Maskottchen der Buchhandlung döst zufrieden vor dem Eingang unter dem orange leuchtenden Neon-Revolver und lässt die Passanten an sich vorüberziehen. Es ist kurz vor Geschäfteschluss und Christian Koch, der Inhaber der Buchhandlung, beginnt damit, den Tisch mit den Sonderangeboten in das Ladenlokal zu räumen. Zwei Räume stehen ihm zur Verfügung, im ersten findet man wohlsortiert die Neuerscheinungen und Klassiker, von denen er immer um die 4.500 Stück auf Lager hat, im kleineren ist das Antiquariat mit seinen 2.500 Bänden untergebracht.

Atemlos stürmt eine Frau in den Laden und fragt, ganz offensichtlich in Eile, nach einem Krimi, der in Frankreich spielt. Christian legt die Bücherstapel beiseite und fragt geduldig, für wen er denn sein solle, wie alt die zu Beschenkende ist, was sie sonst so liest, was sie arbeitet. Dann greift er drei Bücher aus dem Regal, gibt Erläuterungen zu Inhalt und Autor, rät von jenem ab und empfiehlt einen anderen. Hocherfreut und etwas überrascht verlässt die Dame mit einem Buch den Laden. Zufrieden blickt Christian ihr nach: »Manche Leute haben ja ein wenig Angst in einen Spezialladen zu gehen. Sie erwarten arrogante Verkäufer, deren einziger Spaß darin besteht, einen merken zu lassen, dass man überhaupt keine Ahnung hat.« Ein solcher Dünkel, den Christian und seine Mitarbeiter zu oft selbst schon in Plattenläden oder spezialisierten Videoverleihs erfahren haben, ist bei ihnen verpönt. »Wir beraten die Katzenkrimiliebhaberin genauso freundlich wie den hartgesottenen Hardboiled-Fan«. Sie lassen sich auch gerne von den Kunden Empfehlungen geben und raten schon mal von einem Titel ab, der nicht den Geschmack des Kunden treffen würde. »Das schafft natürlich Vertrauen und die Leute kommen gern in unseren Laden, weil sie wissen, dass sie mit uns reden können.«

Überhaupt wird Service groß geschrieben im Hammett , der 1995 gegründet wurde und den Christian im August 1999 mit großem Eifer übernahm. Dabei kam er über einen Zufall in den Laden, der damals von einer Freundin geleitet wurde. Eine Kinky Friedman-Veranstaltung war der Auslöser. War vor dieser Begegnung seine Krimi-Begeisterung eher durchschnittlich, so sagt er jetzt, dass es eigentlich reiche, Krimis zu lesen, um die ganze Bandbreite menschlichen Verhaltens kennen zu lernen und etwas über die gesellschaftlichen Verhältnisse zu erfahren: »Aus einem ganz normalen Roman kann man oft mehr erfahren als aus wissenschaftlichen Wälzern.«

Eine besondere Dienstleistung ist Das schöne Antiquariat. Sucht man eine bestimmte Ausgabe eines vergriffenen Buches, so gibt man in die Suchmaske die entsprechenden Daten ein und wenn das Team vom Hammett das gewünschte Buch aufgetrieben hat, wird man umgehend benachrichtigt, »natürlich unverbindlich«, wie Christian betont.

Vier bis sechs Lesungen organisiert Hammett im Jahr mit ausgewählten Autoren, dabei auch, wie im Herbst 2006, in Zusammenarbeit mit anderen Buchhandlungen, so zum Beispiel mit Miss Marple aus dem vornehmen Berliner Stadtteil Charlottenburg mit der Autorin Gisa Klönne.

Auf eine Einrichtung sind er und sein Team besonders stolz, und das ist die Neuerscheinungsliste auf der homepage des Ladens, die monatlich erneuert wird (auf europolar wurde sie in der Nummer 3 bereits vorgestellt). Dazu durchforsten er und seine Mitarbeiter sämtliche deutschsprachigen Verlagsankündigungen, so dass sie wohl die einzige komplette Übersicht über die deutschsprachigen Veröffentlichungen dieses Genres darstellt. Viele der Bücher werden von ihnen auch selbst rezensiert und bewertet. Ein Service, dessen Dimensionen anfangs nicht genau absehbar waren, aber weitergeführt wird, da er gern in Anspruch genommen wird. »Auch und gerade von der Konkurrenz«, wie Christian hinzufügt.

An dieser Liste, die archiviert wird, kann man zudem die Modewellen ablesen: »Reichte früher ein Mord, um die Leser zu fesseln, so musste er schon bald besonders grausam sein. Dann reichte auch das nicht mehr und dann kam Sex hinzu und dann ein Psychopath und jetzt sind wir schon so weit, dass es zwei Psychopathen braucht. Der plot muss immer entsetzlicher werden.« Diesem Prinzip des Höher-Schneller-Weiter misstraut Christian zutiefst. Nicht nur, dass man merkt, dass die Verlage Auftragsschreiber engagieren, um diese Moden nicht zu verpassen, sondern vor allem, weil sich ein guter Krimi seiner Ansicht nach nicht durch gesteigerte Grausamkeit auszeichnet, sondern durch die Reflexion sozialer und gesellschaftlicher Verhältnisse und durch sein Interesse an der menschlichen Seele: »Ein Verbrechen zu begehen ist eine intensivere Stufe von etwas Tun - es ist etwas anderes, als zur Arbeit zu gehen, es ist eine Handlung, die aus dem Alltag ausbricht, sei es aus Neid oder Missgunst, sei es, um die Welt zu verändern.« Ein guter Krimi ist einer, der die Beweggründe nachvollziehbar macht, die Menschen zu diesen außergewöhnlichen Handlungen veranlasst.

Um die Zukunft ist es Christian nicht bange, denn das Gute am Krimi ist, dass man ihn auch noch mit achtzig Jahren verkaufen kann. »Zudem sind 20 Prozent aller verkauften Bücher Krimis«, sagt er, »in Deutschland sogar noch mehr«. Das sollte reichen für ihn und die anderen Krimibuchläden, die alle auf der homepage verlinkt sind. Bleibt ein Umstand, den er sich nicht recht erklären kann, und das ist das Fehlen von Sekundärliteratur, von wissenschaftlichen Untersuchungen über den Krimi, vor allem im deutschsprachigen Raum. »Der Krimi ist das einzige Genre in der Literatur, das beständig wächst, da müssten unter seinen Lesern doch auch Leute sein, die sich wissenschaftlich für ihn interessieren.«

Seine Wünsche für die Zukunft: »Eine Markise, grad jetzt im Herbst, das wär gut,« sagt Christian mit einem Blick auf Polly, die noch immer auf dem Bürgersteig döst und auf die Wolken, die sich langsam über dem Kreuzberg zusammenbrauen.

 

Hammett Krimibuchhandlung

Friesenstraße 27
10965 Berlin
Tel.: +49 30 691 58 34
Fax: +49 30 693 35 65
e-mail: hammett@hammet-krimis.de

Öffnungszeiten:
Montag-Freitag 10.00-20.00 Uhr
Samstag 9.00 16.00 Uhr

Weitere Informationen unter:
www.hammet-krimis.de

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