Hammett
Alexander Ruoff
Vorbemerkung der Redaktion:
Bis ein Krimi
aus der Imagination der Autorin seinen Weg in die Hände
des Lesers gefunden hat, hat er einen weiten Weg zurückgelegt.
Neben dem Verlag und seinen Lektoren, den künstlerischen Bemühungen
der Setzerinnen und Grafiker und den Rezensionen in den einschlägigen
Zeitschriften ist eine wichtige Station auf diesem Weg der Buchhandel.
Der Buchladen ist die Drehscheibe, der Präsentierteller für
den Kriminalroman. Der Krimibuchhändler gibt der Leserin Empfehlungen
aus erster Hand, hier kann ein neues Buch zum ersten Mal angefasst
und begutachtet werden.
Mit diesem Artikel
eröffnet europolar
eine neue Reihe, die Krimibuchhandlungen in Europa besucht. Mit ihr
soll, wie schon mit der Serie über die europäischen Krimizeitschriften
auf europolar,
ein weiterer Bereich der lebendigen internationalen Krimiszene vorgestellt
werden.
***
Wenn
man sich durch die Bergmannstraße im vornehmeren Teil des
Berliner Stadtteils Kreuzberg durchgekämpft hat, mit all ihren vergnügungssüchtigen
Jugendlichen und Touristen, die die indischen und pakistanischen Restaurants,
die Sushi-Bars und Espresso Lounges bevölkern, dann erreicht man
den ruhigeren Marheinekplatz mit jener Pension, in der schon Jean-Bernard
Pouy und Frédéric H. Fajardie bei ihren Lesungen logiert
haben. Rechts geht die kleine Friesenstraße eine der wenigen Erhebungen
hoch, die der Berliner, großmäulig wie immer, Berg nennt. Neben
der Buchhandlung Otherland, die sich auf Science Fiction und
Phantasy spezialisiert hat und neben dem Reisebüro namens Rolls
Reisen befindet sich die Krimibuchhandlung Hammett. Polly,
die Schäferhundmischlingsdame und Maskottchen der Buchhandlung döst
zufrieden vor dem Eingang unter dem orange leuchtenden Neon-Revolver
und lässt die Passanten an sich vorüberziehen. Es ist kurz vor
Geschäfteschluss
und Christian Koch, der Inhaber der Buchhandlung, beginnt damit, den
Tisch mit den Sonderangeboten in das Ladenlokal zu räumen. Zwei Räume
stehen ihm zur Verfügung, im ersten findet man wohlsortiert die Neuerscheinungen
und Klassiker, von denen er immer um die 4.500 Stück auf Lager hat,
im kleineren ist das Antiquariat mit seinen 2.500 Bänden untergebracht.
Atemlos stürmt eine Frau
in den Laden und fragt, ganz offensichtlich in Eile, nach einem Krimi,
der in Frankreich spielt.
Christian legt die Bücherstapel beiseite und fragt geduldig, für wen er denn sein
solle, wie alt die zu Beschenkende ist, was sie sonst so liest, was sie
arbeitet. Dann greift er drei Bücher aus dem Regal, gibt Erläuterungen
zu Inhalt und Autor, rät von jenem ab und empfiehlt einen anderen.
Hocherfreut und etwas überrascht verlässt die Dame mit einem
Buch den Laden. Zufrieden blickt Christian ihr nach: »Manche Leute
haben ja ein wenig Angst in einen Spezialladen zu gehen. Sie erwarten
arrogante Verkäufer, deren einziger Spaß darin besteht, einen
merken zu lassen, dass man überhaupt keine Ahnung hat.« Ein
solcher Dünkel, den Christian und seine Mitarbeiter zu oft selbst
schon in Plattenläden oder spezialisierten Videoverleihs erfahren
haben, ist bei ihnen verpönt. »Wir beraten die Katzenkrimiliebhaberin
genauso freundlich wie den hartgesottenen Hardboiled-Fan«. Sie lassen
sich auch gerne von den Kunden Empfehlungen geben und raten schon mal
von einem Titel ab, der nicht den Geschmack des Kunden treffen würde. »Das
schafft natürlich Vertrauen und die Leute kommen gern in unseren
Laden, weil sie wissen, dass sie mit uns reden können.«
Überhaupt wird Service groß geschrieben
im Hammett ,
der 1995 gegründet wurde und den Christian im August 1999 mit großem
Eifer übernahm. Dabei kam er über einen Zufall in den Laden,
der damals von einer Freundin geleitet wurde. Eine Kinky Friedman-Veranstaltung
war der Auslöser. War vor dieser Begegnung seine Krimi-Begeisterung
eher durchschnittlich, so sagt er jetzt, dass es eigentlich reiche, Krimis
zu lesen, um die ganze Bandbreite menschlichen Verhaltens kennen zu lernen
und etwas über die gesellschaftlichen Verhältnisse zu erfahren: »Aus
einem ganz normalen Roman kann man oft mehr erfahren als aus wissenschaftlichen
Wälzern.«
Eine besondere Dienstleistung ist Das
schöne Antiquariat.
Sucht man eine bestimmte Ausgabe eines vergriffenen Buches, so gibt
man in die Suchmaske die entsprechenden Daten ein und wenn das Team vom Hammett das
gewünschte Buch aufgetrieben hat, wird man umgehend benachrichtigt, »natürlich
unverbindlich«, wie Christian betont.
Vier bis sechs Lesungen organisiert Hammett im
Jahr mit ausgewählten
Autoren, dabei auch, wie im Herbst 2006, in Zusammenarbeit mit anderen
Buchhandlungen, so zum Beispiel mit Miss Marple aus dem vornehmen
Berliner Stadtteil Charlottenburg mit der Autorin Gisa Klönne.
Auf eine Einrichtung sind er und sein Team besonders stolz, und das ist
die Neuerscheinungsliste auf der homepage des Ladens, die monatlich erneuert
wird (auf europolar wurde
sie in der Nummer 3 bereits vorgestellt).
Dazu durchforsten er und seine Mitarbeiter sämtliche deutschsprachigen
Verlagsankündigungen, so dass sie wohl die einzige komplette Übersicht über
die deutschsprachigen Veröffentlichungen dieses Genres darstellt.
Viele der Bücher werden von ihnen auch selbst rezensiert und bewertet.
Ein Service, dessen Dimensionen anfangs nicht genau absehbar waren, aber
weitergeführt wird, da er gern in Anspruch genommen wird. »Auch
und gerade von der Konkurrenz«, wie Christian hinzufügt.
An dieser Liste, die archiviert wird, kann
man zudem die Modewellen ablesen: »Reichte
früher ein Mord, um die Leser zu fesseln, so musste er schon bald
besonders grausam sein. Dann reichte auch das nicht mehr und dann kam
Sex hinzu und dann ein Psychopath und jetzt sind wir schon so weit, dass
es zwei Psychopathen braucht. Der plot muss immer entsetzlicher werden.«
Diesem
Prinzip des Höher-Schneller-Weiter misstraut Christian zutiefst.
Nicht nur, dass man merkt, dass die Verlage Auftragsschreiber engagieren,
um diese Moden nicht zu verpassen, sondern vor allem, weil sich ein guter
Krimi seiner Ansicht nach nicht durch gesteigerte Grausamkeit auszeichnet,
sondern durch die Reflexion sozialer und gesellschaftlicher Verhältnisse
und durch sein Interesse an der menschlichen Seele: »Ein Verbrechen
zu begehen ist eine intensivere Stufe von etwas Tun - es ist etwas anderes,
als zur Arbeit zu gehen, es ist eine Handlung, die aus dem Alltag ausbricht,
sei es aus Neid oder Missgunst, sei es, um die Welt zu verändern.« Ein
guter Krimi ist einer, der die Beweggründe nachvollziehbar macht,
die Menschen zu diesen außergewöhnlichen Handlungen veranlasst.
Um die Zukunft ist es Christian nicht bange,
denn das Gute am Krimi ist, dass man ihn auch noch mit achtzig Jahren
verkaufen kann. »Zudem
sind 20 Prozent aller verkauften Bücher Krimis«, sagt er, »in
Deutschland sogar noch mehr«. Das sollte reichen für ihn und
die anderen Krimibuchläden, die alle auf der homepage verlinkt sind.
Bleibt ein Umstand, den er sich nicht recht erklären kann, und das
ist das Fehlen von Sekundärliteratur, von wissenschaftlichen Untersuchungen über
den Krimi, vor allem im deutschsprachigen Raum. »Der Krimi ist das
einzige Genre in der Literatur, das beständig wächst, da müssten
unter seinen Lesern doch auch Leute sein, die sich wissenschaftlich für
ihn interessieren.«
Seine Wünsche für die Zukunft: »Eine Markise, grad jetzt
im Herbst, das wär gut,« sagt Christian mit einem Blick auf
Polly, die noch immer auf dem Bürgersteig döst und auf die Wolken,
die sich langsam über dem Kreuzberg zusammenbrauen.
Hammett Krimibuchhandlung
Friesenstraße 27
10965 Berlin
Tel.: +49 30 691 58 34
Fax: +49 30 693 35 65
e-mail: hammett@hammet-krimis.de
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Montag-Freitag 10.00-20.00 Uhr
Samstag 9.00 16.00 Uhr
Weitere Informationen unter:
www.hammet-krimis.de