Es war einmal die verständliche Kritik:
Francis Lacassin
Mémoires
Sur les chemins qui marchent*
Francis Lacassin
Editions du Rocher • Oktober 2006 • 355
Seiten
Sophie Colpaert
Übersetzung: Katrin Schielke
Francis Lacassin hat seine Lust an außergewöhnlichen Literaturen
(Comic, Krimis, Fantasyliteratur) und Figuren, die am Rande ihrer Zeit
standen, die ignoriert (Jack London) oder unverstanden (Casanova) waren
in 40 Jahren im Verlagswesen immer wieder aufblitzen lassen. Jetzt veröffentlicht
er den ersten Band seiner Mémoires , ein dickes
und gehaltvolles Buch, 355 Seiten stark, lehrreich und unterhaltsam
zugleich. Man kann es allen Literaturliebhabern empfehlen, ob diese
nun Romane oder Reiseberichte mögen.
Für eine gesamte Lesergeneration bleibt Francis Lacassin derjenige,
der Jack London aus der Jugendbuchsparte geholt und damit das ganze Ausmaß seines
Werkes ans Licht gebracht hat. Das gesamte Werk von Jack London zählt
nicht weniger als 52 Bände (herausgegeben von der Edition 10/18 zwischen
1973 und 1984), eine Weltpremiere, da manche Titel, die in französischer Übersetzung
unter seinem Einfluss herauskamen, nie in den Vereinigten Staaten verlegt
worden waren. Es war eine langfristige Arbeit, die eine entdeckungslustige
Leserschaft neugierig verfolgte.
In den 70er Jahren, als Comics noch als
bebilderte Literatur angesehen wurde, die man besser ganz unten im Schulranzen
versteckte und die, wenn sie in Lehrerhände fielen, sogleich in Fetzen endeten, engagierte
sich Francis Lacassin mit anderen Comic-Liebhabern, darunter Alain Resnais,
dafür, diesem so erfreulichen Genre Anerkennung zu verschaffen.
Im
Vorwort seiner Mythologie du roman policier (Mythologie
des Krimis - Ergänzte und aktualisierte Ausgabe von 1993, Verleger
Christian Bourgois) bezeichnet er sich selbst, der ebenfalls viel für
den Krimi getan hat, der auch seine dunkle Zeit erlebte, als »freundlichen
Beobachter der Randliteraturen«. Im Anfangskapitel seiner Mémoires beschreibt
er nun, wie er durch diese Schundliteratur eigentlich erst den Zugang
zur Verlagswelt gefunden hat.
Die Geschichte beginnt im Frühjahr
1957, in einem Zelt, während
des Algerienkriegs. Francis Lacassin ist vertieft in den Cas Simenon
(Der Fall Simenon) von Thomas Narcejac. In dieser Studie beschreibt
der Krimiautor Narcejac, mit seinem Kollegen Pierre Boileau ebenfalls
ein Erneuerer des Genres, sehr genau und in einfachen Worten, wie Simenon
den Kriminalroman erneuert hatte. Das Motiv des Verbrechens war nun
wichtiger als die Handhabung der Waffe oder die Dosierung des Gifts,
und um den Schuldigen zu finden hörte der Ermittler den in den Fall
Verwickelten sehr aufmerksam zu. Aus der Begeisterung seiner Lektüre
heraus schrieb der junge Lacassin an Thomas Narcejac, der damals schon
als Meister der Spannung angesehen wurde. Dieses Schreiben und die
darauf folgende Antwort waren die Grundsteine einer langen Freundschaft
und einer noch längeren
Karriere im Verlagswesen.
Im
Laufe der Jahre, Arbeiten und Kooperationen, wird sich Francis Lacassin
mit zahlreichen Autoren anfreunden, darunter Marcel Allain (einer der
Erfinder von Fantômas), Léo Malet, Georges Simenon, mit dem
er sich in mehreren Veröffentlichungen beschäftigte (Conversations
avec Simenon - Gespräche mit Simenon , La vraie
naissance de Maigret - Die wahre Geburt von Maigret).
Léo
Malet, der Unverstandene, dessen Isolation und niedrige Verkaufszahlen
Pierre Boileau (immer noch aus dem Zweiergespann Boileau-Narcejac)
damit erklärt, dass er fünfundzwanzig Jahre vor den Anderen
Recht gehabt hatte, wird Lacassin die Freude machen, dass noch zu seinen
Lebzeiten seine gesamten Werke gesammelt und mit Anmerkungen versehen
in fünf
Bänden in der Reihe »Bouquins« (Verlag Robert Laffont)
erscheinen und zu einem kleinen Verkaufsschlager werden.
In vierzig
Jahren Verlagsarbeit hat Francis Lacassin sein ganz eigenes Markenzeichen
prägen können: Sorgfältige und komplette
Veröffentlichungen, die den Autor und sein Werk detailgetreu präsentieren.
Zusätzliche Dokumente, Artikel und Briefe werden mit der gleichen
Genauigkeit und mit genauer Datenangabe präsentiert. Und schließlich
hat er durch sein inzwischen berühmt gewordenen Vorworte gezeigt,
dass man ein kritisches Werk, um ein pompöses Wort zu gebrauchen,
mit einfachen Worten schaffen kann, weit entfernt von jeglichem Fachjargon,
den einige als Selbstzweck pflegen. Und so konnte er die literarische
Sache und ihre zahlreichen Schätze einem möglichst breiten Publikum
zuführen.
Diese Mémoires haben
eigentlich nur einen Fehler: man bekommt Lust, alle Bücher zu lesen,
um die es in dem Werk geht, und sich auf die Entdeckungsreise zu all
diesen Autoren zu begeben!
Ein zweiter Band soll 2007 erscheinen, auch er
im Verlag Rocher.
Dieser Artikel wurde nicht nur durch die
Lektüre der Mémoires von
Francis Lacassin angeregt, sondern auch bereichert durch ein Interview,
das im Literaturmagazin Lire erschienes ist und das man unter folgender
Adresse finden
kann.
* Erinnerungen
(Auf den gehenden Wegen)