krimis in Europa
n°8 Februar-März-April 2007

 

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Es war einmal die verständliche Kritik: Francis Lacassin

Mémoires
Sur les chemins qui marchent*

Francis Lacassin

Editions du Rocher • Oktober 2006 • 355 Seiten

Sophie Colpaert
Übersetzung: Katrin Schielke

 

Francis Lacassin hat seine Lust an außergewöhnlichen Literaturen (Comic, Krimis, Fantasyliteratur) und Figuren, die am Rande ihrer Zeit standen, die ignoriert (Jack London) oder unverstanden (Casanova) waren in 40 Jahren im Verlagswesen immer wieder aufblitzen lassen. Jetzt veröffentlicht er den ersten Band seiner Mémoires , ein dickes und gehaltvolles Buch, 355 Seiten stark, lehrreich und unterhaltsam zugleich. Man kann es allen Literaturliebhabern empfehlen, ob diese nun Romane oder Reiseberichte mögen.

Für eine gesamte Lesergeneration bleibt Francis Lacassin derjenige, der Jack London aus der Jugendbuchsparte geholt und damit das ganze Ausmaß seines Werkes ans Licht gebracht hat. Das gesamte Werk von Jack London zählt nicht weniger als 52 Bände (herausgegeben von der Edition 10/18 zwischen 1973 und 1984), eine Weltpremiere, da manche Titel, die in französischer Übersetzung unter seinem Einfluss herauskamen, nie in den Vereinigten Staaten verlegt worden waren. Es war eine langfristige Arbeit, die eine entdeckungslustige Leserschaft neugierig verfolgte.

In den 70er Jahren, als Comics noch als bebilderte Literatur angesehen wurde, die man besser ganz unten im Schulranzen versteckte und die, wenn sie in Lehrerhände fielen, sogleich in Fetzen endeten, engagierte sich Francis Lacassin mit anderen Comic-Liebhabern, darunter Alain Resnais, dafür, diesem so erfreulichen Genre Anerkennung zu verschaffen.

Im Vorwort seiner Mythologie du roman policier (Mythologie des Krimis - Ergänzte und aktualisierte Ausgabe von 1993, Verleger Christian Bourgois) bezeichnet er sich selbst, der ebenfalls viel für den Krimi getan hat, der auch seine dunkle Zeit erlebte, als »freundlichen Beobachter der Randliteraturen«. Im Anfangskapitel seiner Mémoires beschreibt er nun, wie er durch diese Schundliteratur eigentlich erst den Zugang zur Verlagswelt gefunden hat.

Die Geschichte beginnt im Frühjahr 1957, in einem Zelt, während des Algerienkriegs. Francis Lacassin ist vertieft in den Cas Simenon (Der Fall Simenon) von Thomas Narcejac. In dieser Studie beschreibt der Krimiautor Narcejac, mit seinem Kollegen Pierre Boileau ebenfalls ein Erneuerer des Genres, sehr genau und in einfachen Worten, wie Simenon den Kriminalroman erneuert hatte. Das Motiv des Verbrechens war nun wichtiger als die Handhabung der Waffe oder die Dosierung des Gifts, und um den Schuldigen zu finden hörte der Ermittler den in den Fall Verwickelten sehr aufmerksam zu. Aus der Begeisterung seiner Lektüre heraus schrieb der junge Lacassin an Thomas Narcejac, der damals schon als Meister der Spannung angesehen wurde. Dieses Schreiben und die darauf folgende Antwort waren die Grundsteine einer langen Freundschaft und einer noch längeren Karriere im Verlagswesen.

Im Laufe der Jahre, Arbeiten und Kooperationen, wird sich Francis Lacassin mit zahlreichen Autoren anfreunden, darunter Marcel Allain (einer der Erfinder von Fantômas), Léo Malet, Georges Simenon, mit dem er sich in mehreren Veröffentlichungen beschäftigte (Conversations avec Simenon - Gespräche mit Simenon , La vraie naissance de Maigret - Die wahre Geburt von Maigret). Léo Malet, der Unverstandene, dessen Isolation und niedrige Verkaufszahlen Pierre Boileau (immer noch aus dem Zweiergespann Boileau-Narcejac) damit erklärt, dass er fünfundzwanzig Jahre vor den Anderen Recht gehabt hatte, wird Lacassin die Freude machen, dass noch zu seinen Lebzeiten seine gesamten Werke gesammelt und mit Anmerkungen versehen in fünf Bänden in der Reihe »Bouquins« (Verlag Robert Laffont) erscheinen und zu einem kleinen Verkaufsschlager werden.

In vierzig Jahren Verlagsarbeit hat Francis Lacassin sein ganz eigenes Markenzeichen prägen können: Sorgfältige und komplette Veröffentlichungen, die den Autor und sein Werk detailgetreu präsentieren. Zusätzliche Dokumente, Artikel und Briefe werden mit der gleichen Genauigkeit und mit genauer Datenangabe präsentiert. Und schließlich hat er durch sein inzwischen berühmt gewordenen Vorworte gezeigt, dass man ein kritisches Werk, um ein pompöses Wort zu gebrauchen, mit einfachen Worten schaffen kann, weit entfernt von jeglichem Fachjargon, den einige als Selbstzweck pflegen. Und so konnte er die literarische Sache und ihre zahlreichen Schätze einem möglichst breiten Publikum zuführen.

Diese Mémoires haben eigentlich nur einen Fehler: man bekommt Lust, alle Bücher zu lesen, um die es in dem Werk geht, und sich auf die Entdeckungsreise zu all diesen Autoren zu begeben!

Ein zweiter Band soll 2007 erscheinen, auch er im Verlag Rocher.

Dieser Artikel wurde nicht nur durch die Lektüre der Mémoires von Francis Lacassin angeregt, sondern auch bereichert durch ein Interview, das im Literaturmagazin Lire erschienes ist und das man unter folgender Adresse finden kann.

* Erinnerungen (Auf den gehenden Wegen)

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