krimis in Europa
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Sardinien "in hora Internet"

"Sepultas" von Natalino Piras - Verlag editore Frilli, Okt. 2006
"Tana di Volpe" von Rina Brundu - Verlag Flaccovio editore, 2003

Giuseppina La Ciura
Übersetzt von Dieter Hartmann

 

"Punkt zwölf Uhr mittags" steigt "Diego Rubens, Pfarrer" in Paskas aus dem Zug und erklimmt mit einer alten Kiste auf den Schultern den Anstieg zum verfallenen Pfarrhaus von Regina Celu, Königin des Himmels. Seit einem halben Jahrhundert, seit der Pfarrer Sonnu "unter dem Gejohle einer Meute aus Groß und Klein" auf dem Rücken eines Maultiers weggegangen war, weil man ihn verdächtigte ein brujo (Hexer)1, zu sein, hat die Kirche keinen Priester mehr. Trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) empfängt ihn niemand der Bewohner von Paskas, weder die aus der Oberstadt, die reichen Grundbesitzer, noch die aus der Unterstadt, arme Schafhirten. Auch Don Diego ist kein typischer Priester. Ihn hat die Kirche von Nuoro an diesen gottverlassenen Ort in der Provinz Barbagia geschickt wurde "um den Weinberg des Herrn zu bestellen", einen Ort voller Hexen und bargasse, Huren, anmaßender Rechthaber und "Brandstifter". in den verlassenen Straßen und hinter den alten, hölzernen Haustüren geht nämlich das Gerücht um, dass Don Diego mit seinem Aussehen eines verrufenen Dichters ein Aktivist des Marx River, einer kleiner linksextremen Gruppe, gewesen sei, dass er Kneipen und Alkohol keineswegs verabscheue, ja, gar ein bargasseri, ein Schürzenjäger, soll er sein. Aber Don Diego ist auch ein Mann, der Priester sein will um dem Gott der armen Leute und Bettler zu dienen - und er hat einen starken Glauben. Zunächst bleibt er isoliert, streift ziellos und gelegentlich betrunken durch das verlassene Dorf. Dann füllt sich das Bild, seine Kirche, sein Computer und der Roman mit charakteristischen Figuren, die mit ihm sprechen wollen, Erinnerungen loswerden, beichten. Der erste ist der alte Giacobbo Mura, ein pensionierter Lehrer. Früher war er Kommunist, hat "sich in aussichtslosen Kämpfen und verlorenen Schlachten geschlagen", im Namen eines Paskas, das sich vom Einfluss der Kirche befreie, vom ewigen Hunger, dem Elend und der Unwissenheit; doch nach den Ereignissen von ´56 in Ungarn ist er aus der von Gramsci gegründeten Partei ausgetreten und ein crejastico, ein Kirchgänger geworden. Dann erscheint Don Diego durch die Gitter des Beichtstuhls das faltige, verwelkte Gesicht der Ignazia Perisinni, einer Frau, die in einer Höhle wohnt und vom Betteln und der Hexerei lebt. Sie ist die letzte aus einer langen Reihe von Hexen, die den brussas, den "gefallenen Frauen" bei der Abtreibung halfen, die Babys töteten, weil sie Frucht des Ehebruchs, der Gewalt oder des Inzests waren. Dann ist die Reihe an Spanò, einem alten Eseltreiber, es folgen Istefane Dorvani und dann Piera Cossu, ein Schmied, der im Ruf steht, Dichter zu sein. Dieser bittet Don Diego wegen seiner Tochter Santiaga um Hilfe, die sich seit Jahrzehnten aus mysteriösen Gründen im Haus, Sepultata, lebendig begraben, hat und mit niemandem spricht. Während der Priester in sich selbst, in der Heiligen Schrift, in traditionellen Gebeten und auch im Wein nach der Kraft sucht, um das Rätsel der Begrabenen - die schrecklich stinkt - zu lösen, drängt sich plötzlich und mit dämonischer Wucht der Zwerg Averguo Gras2 in Don Diegos Kirche, in seinen Computer, in sein Leben; der ehemalige Glöckner und Ausrufer fordert von Don Rubens, dass er noch vor Santiaga eine andere lebendig Begrabene aufsuchen müsse: Und zwar mit all seinen Büchern zur Teufelsaustreibung müsse er zu Marisca gehen, die unsichtbar für alle anderen in einer verlassenen Mühle lebe.

Dann erscheint auf dem Computer-Bildschirm .

Mit einer tragischen Langsamkeit à la James und in einer Sprache von seltener Bildkraft (die das Standard-Italienisch mit sardischem Dialekt verschmilzt, mit mehr oder weniger expliziten literarischen Bezugnahmen - Bernanos, Greene, Sewell . - mit biblischen wie liturgischen Textpassagen, die in geradezu obsessiver Manier wie in einem Schlaflied oder einer Litanei wiederholt werden) fügt der Autor alle Puzzleteile nach und nach zu einem Hardboiled im Stile Hammetts zusammen: einer schrecklichen Familienfehde, deren Anfänge im Dunkel der Vorzeit versunken sind, und bietet gleichzeitig einen Spiegel der Gesellschaft - der sardischen als Metapher der kapitalistischen Gesellschaft - die auch im Internet-Zeitalter zwischen Archaik und Moderne schwankt, zwischen Atavismus und Technologie, Dämonen und Rationalität.

In Villarosa, am Fuße des majestätischen Berges Gennargentu, unweit von Natalino Piras Paskas in der Provinz Barbargia, spielt Tana di Volpe (Fuchsbau), der Erstlingsroman von Rina Brundu Eustace, einer jungen Schriftstellerin, die über alle Mittel verfügt, um dem klassischen Krimi neuen Glanz zu verleihen: Vergnügen an der Intrige, Liebe zum Detail, Erfindungskraft, Sensibilität, stilistische Eleganz und eine Prise britischen Humors. Ein Genre, das nach den glücklichen Dreißigern eines Tito A. Spagnol, De Angelis und dem frühen Scerbanenco mit wenigen Ausnahmen (Grimaldi, Di Martino) überrollt worden ist vom hard-boiled-Krimi US-amerikanischen Typs oder vom roman noir. Tradition und Moderne (das ideale Sardinien für die Autorin, die zwar in Ogliastra geboren ist, aber in Dublin lebt und arbeitet) bilden eine unwiderstehliche Mischung mit der Figur des skurrilen und sympathischen Amateur-Detektivs Osvaldo da Silva Ochoa, einem siebzigjährigen pensionierten Lehrer und aktiven Jungbibliothekar des Städtchens. "Schmale Figur, klein, mager", so wie fast alle Sarden, und mit der vornehm-kultivierten Ausstrahlung eines Liebhabers guter Literatur, Kreuzworträtseln und Informatik. Don Osvaldo ist so "besessen vom Internet" (er bevorzugt DOS, denn "In a world without walls and borders, who needs Windows or Gates?')", dass er sogar Zeit und Geduld gefunden hat, dessen Mysterien seiner Gattin Palmira zu erklären, einer klassischen Hausfrau mit Vorlieben fürs Häkeln und Tratschen und der Gabe, den einflussreichen Dorfpfarrer Don Flavio zu ärgern - ihm wirft sie vor, ein "Trittbrett-Kommunist" zu sein. Über Don Osvaldos Computer lernt der Leser das Dorf kennen. Und mittels Computer kommuniziert Don Osvaldo auch mit Asdrubale Vinci, Maresciallo bei den Carabinieri; da dieser begriffen hat, dass sich hinter der Pater Brown'schen Gutmütigkeit des älteren Herrn ein scharfsinniger Kopf mit hervorragend arbeitenden grauen Zellen verbirgt, greift er bei seinen Ermittlungen häufig auf dessen Hilfe zurück.

Ende November, Zeit des ersten Schnees. Im winzigen Dorfzentrum mit seinen gleichförmigen Häuschen wird von nichts anderem mehr gesprochen: Demnächst soll das Tana di volpe öffnen, der "Fuchsbau", ein sehr elegantes Hotel, das einem Paar aus Mailand gehört. Zwar haben nur wenige Kunden gebucht, aber unter ihnen befinden sich Don Attilio Cocco, der frühere Dorfpfarrer, und vor allem die arrogante Marchesa Prizzi Bonomi, Witwe des Gutsherrn im Dorfe. Ein anonymer Brief hat beide auf das Wochenende im "Fuchsbau" einbestellt. Während der erste Schnee fällt, wird die Köchin Rosa Conca brutal ermordet. Neben ihrer Leiche die blutige Schreckensbotschaft: Der Mörder wird wieder zuschlagen. Und wieder. Und diesmal wird es ein Verbrechen hinter verschlossenen Türen (dem der Meister dieses Fachs, J. D. Carr, Respekt gezollt hätte). Während Maresciallo Vinci und Don Osvaldo, wie in einem klassischen Krimi aus den Dreißigerjahren, eingesperrt in diesem verfluchten Hotel, das der Sturm von der Außenwelt abgeschnitten hat, ermitteln, steigt die Spannung unaufhörlich: Der Mörder kann nur einer der Hotelgäste sein, alles zwielichtige Gestalten mit rätselhaften Geschichten. Just als der mittlerweile entmutigte Mareschiallo beschlossen hat sich an die Kollegen in Cagliari zu wenden, findet der scharfsinnige Alte die Lösung: Er macht sich eine Volksweisheit zu Nutze: " prima is margianeddos e poi su margiani ", "zuerst die Füchslein fangen und dann den Fuchs", und er nutzt die Computer-Standleitung zu seiner Gattin, um das Motiv zu finden, das durch alle Zeiten hindurch seinen alten Namen behalten hat, eingeschrieben in die Chromosomen des sardischen Volkes - auch "in Hora Internet", "in Zeiten des Internet".

* Alle kursiv gedruckten Stellen sind von La Giura zitierte Originalstellen aus dem Sardischen, denen sie im vorliegenden Text wegen ihrer Unverständlichkeit für die meisten Italiener eine standard-italienische Übersetzung beigestellt ist.
* Im sardischen Dialekt bedeutet der Name so viel wie: "Ich kontrollier's morgen."

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