krimis in Europa
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Miss Marple mordet.

Katrin Schielke

Dezember 2006

 

Nein, Miss Marple mordet doch gar nicht, sie klärt auch keine Morde auf, sie verkauft Bücher. Seit 2002. Und heißt in Wirklichkeit Cornelia Hüppe-Binder. Gemeinsam ist der Buchladeninhaberin und der kleinen zähen Detektivin jedoch- so finde ich - das Vermögen, sich durchzubeißen und ein unverwechselbarer trockener Humor. An schlechten Tagen aber auch eine mörderische Laune. An guten Tagen, die in der Überzahl sind, ist Frau Hüppe-Binder die reizendste Buchhändlerin, die ich je kennen lernen durfte. Ihr Lachen ist unvergleichlich und ansteckend. Um es zu hören, kann man entweder ein Buch kaufen gehen oder eine der regelmäßig veranstalteten und spannenden Lesungen besuchen, mit leibhaftigen Autoren oder Schauspielern, die aus Izzo, Kästner (Emil und die Detektive) oder aus Japrisot lesen. In ihrer kleinen, gemütlichen Krimibuchhandlung in einer Nebenstraße der belebten Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg findet man deutsche, englische, französische und spanische Bücher und CDs für Erwachsene, aber auch für Kinder, insgesamt ca. 5000 Titel. Gut sortiert, und die Frau kennt sich aus. Im folgenden Interview ergeben sich verblüffende Erkenntnisse über ihre Beratung. Und warum es überhaupt dazu kam, und welche Rolle ein gewisser Bernd Binder spielt, und.

 

Katrin Schielke: Wie kamst du auf die Idee, die Krimibuchhandlung aufzumachen?

Cornelia Hüppe-Binder: Ich hatte beruflichen Frust und wollte gleichzeitig meinen großen Traum verwirklichen. Ich hatte vorher eine Lehre als Buchhändlerin absolviert und nach dem Studium als Betriebswirtin im Ausbildungswesen gearbeitet. Ich hab gearbeitet und gemerkt, dass ich eigentlich was Anderes machen möchte, als das, was ich seit 8 Jahren machte... Entschieden hab ich das dann im Februar 2002 bei einem Glas Bier an einer Fischbude auf Sylt. Mein Mann (Bernd Binder) meinte damals, wenn ich nicht wechsle, damit es mir besser geht, lässt er sich scheiden . Dann habe ich gedacht, warum nicht Krimi? Ich musste ja eine Nische finden. Mein Mann hat mir immer wieder den Rücken gestärkt und investiert selbst immer mehr seiner freien Zeit in die Buchhandlung, moderiert bei Lesungen, übersetzt (vom Französischen).

KS: Wie bist du denn zum Krimi gekommen? Und welche sind deine Favoriten?

C H-B: Meine ersten Krimis waren die 3 Fragezeichen . Dann, nach einer langen Pause habe ich 1987 Gott schütze dieses Haus von Elizabeth George gelesen, und dann fing es an. Ich lese gerne Krimis, weil ich den Eindruck habe, aktiv zu lesen. Ich habe viel gelernt über Politik und andere Länder beim Lesen von Krimis. Ich lese besonders gerne politische Krimis, Birkefeld und Hachmeister oder Wolfgang Schorlau. Aber auch die klassischen britischen Whodunit und den Franzosen Izzo und viele Skandinavier. Was ich nicht mag sind Psychothriller und "eklige" Bücher.

KS: Welche Rolle spielt die Krimibuchhandlung für die Menschen in diesem Viertel?

C H-B: Ich bin so eine Art Dorfkrämer, die Leute geben ihre Schlüssel ab, ihre Kinder, manchmal auch ihre Opas. Ich mag den Kontakt mit Kunden. Ich hab nicht alle Krimis, die in meiner Buchhandlung stehen, gelesen, aber viele und kann die Leute individuell beraten, "von hinten durch die Brust", ich frag, was sie oder die Person, die beschenkt werden soll, sonst noch so gerne liest, aber auch, was sie gerne isst, wo sie am liebsten in den Urlaub fährt etc.

KS: So eine Art Anamnese?

C H-B: Ja, so könnte man das nennen. Und das mach ich gern. Was die Kundschaft betrifft, so gibt es wenige, die nerven. Nur die Arroganten, Eingebildeten, gehen mir auf den Geist, die mir stundenlang erzählen, dass Kriminalromane in die Gattung Schmuddelliteratur fallen, die haben halt noch nie einen richtig guten Krimi gelesen .

K.S: Auf jeden Fall wird man hier wohl persönlicher beraten als bei Hugendubel, der 5 Minuten von hier entfernt direkt in der Einkaufsstraße liegt?

C H-B: Natürlich. Nachdem die vor 3,5 Jahren hier aufgemacht hat, sind erstmal 3 Monate die Kunden weg geblieben. Dann kamen sie wieder. Viele denken auch, weil dies eine Krimibuchhandlung ist, könne man hier keine anderen Bücher bestellen. Das ändert sich aber mit der Zeit. In Berlin gibt es ja mittlerweile schon 3 Krimibuchhandlungen, das ist einzigartig in Deutschland. Eine richtige Konkurrenz gibt es aber nicht zwischen uns, jeder ist in seinem Kiez mit seinem Publikum.

KS: Und die Frauen im Laden und im Krimi?

C H-B: Die Frauen machen 70 % meiner Kundschaft aus. Ich finde, dass Frauen sehr brutale Krimis schreiben und auch lesen.

KS: Was war die traurigste, was die schönste Erfahrung, seitdem du diese Buchhandlung hast?

C H-B: Die traurigste Erfahrung war kurz nach der Eröffnung der 1. Adventssamstag, an dem der Laden leer blieb und ich abends genau 8,50 Euro Umsatz gemacht hatte. Aber das verkaufte Buch war 16:50 Uhr Paddington mit Miss Marple , und so dachte ich, das ist ein positives Zeichen, in solchen Situationen versucht man sich eben an alle Strohhalme zu klammern.
Und die schönste Erfahrung? Na, zum Beispiel die letzte Lesung mit Birkefeld und Hachmeister, da waren die Autoren und das Publikum glücklich, weil die Stimmung, die Texte, die Gespräche gut waren. Diese Lesungen sind wichtig, weil man im Gespräch bleibt, die Kunden auch an sich bindet, es gibt hier einen harten Kern von Leuten, die eigentlich immer kommen und sich untereinander auch gut kennen gelernt haben.

KS: Danke, Miss Marple.

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