Rache sollte kalt genossen werden
The Art of Drowning
Frances Fyfield
Little Brown, 2006, 372 z.
Sue Neale
Übersetzung: Michael Koltan
A. N. Wilson hat Frances Fyfield als "die beste
weibliche Krimiautorin hierzulande" beschrieben. Von Beruf Anwältin,
untersucht sie in ihrem jüngsten Roman, The Art
of Drowning, das
Verhältnis
von Rache und Gerechtigkeit.
Als ein Richter Morddrohungen bekommt, nimmt
er an, dass sie von Angeklagten kommen, die er nicht vor dem Gefängnis bewahrt hat. Die Wahrheit
liegt jedoch viel näher. Der jüngste Roman Fyfields ist ein
spöttischer Thriller mit bedrohlichen Untertönen, die von Anfang
an mitschwingen. Erst beim wiederholten Lesen erschließt sich, wie
klug Fyfield Spannung aufbaut, indem sie winzige Anspielungen auf Verhaltensweisen
oder die Vergangenheit einstreut, die der bewussten Aufmerksamkeit leicht
entgehen können. Von Anfang an weiß der Leser, dass Gefahr
und Unheil in den dunklen Schatten unserer Vorstellungen lauern. Einige
Figuren werden in der ersten Person präsentiert, andere in der dritten,
und man kann nie ganz sicher sein, welche Motive die Einzelnen haben
oder wie sie zueinander stehen.
Carl, der Richter, lebt mit seinem 19jährigen Sohn in London, wie
der Polizist Donald Cousins, der ohne große Begeisterung die Morddrohungen
untersucht. Rachel, eine langweilige Buchhalterin, die in der Stadt arbeitet,
entwickelt immer mehr Freude an der Familie ihrer Freundin Ivy, die auf
dem Land lebt. Weil sie unbedingt dazugehören will, missachtet Rachel
die sich häufenden Anzeichen dafür, dass Äußerlichkeiten
trügen können. Sie glaubt aufrichtig, zu helfen, als sie Kontakt
zu Ivys Ex-Mann Carl aufnimmt. Tatsächlich verhält sie sich
genau so, wie Ivy und ihre Eltern es wollen. In aller Unschuld handelt
sie als Werkzeug, um diese darin zu unterstützen, Rache für
den Unfalltod ihrer Tochter (und ihrer Enkelin) vor zehn Jahren zu nehmen.
Unglücklicherweise handeln Ivy und ihre Eltern als Richter und Geschworene
zugleich und überantworten Carl seiner Strafe (Tod durch Strangulation
und Ertrinken) allein wegen seines Mangels an Fürsorge. Schließlich
versuchen sie, auch Rachel auf eine Weise umzubringen, die keine Spuren
zurücklassen soll, doch sie überlebt und trägt dazu bei,
ihre Pläne zunichte zu machen. In einem letzten Dreh erschießt
Ivys Vater - ein Bauer, der nie etwas anderes als ein krankes Tier getötet
hat - seine Tochter, um deren Mordorgie zu beenden.
Indem sie sich auf seltsame Charaktere konzentriert,
die auf einem Bauernhof leben und zunächst ganz normal wirken, schafft Fyfield es, das Landleben
bedrohlich und gefährlich erscheinen zu lassen, vor allem für
die Mehrheit der Leser, die in einem städtischen Umfeld leben. Die
lächelnde Erdmutter, die Wärme und Unterstützung schenkt,
ist in Wirklichkeit die Hexe aus dem Knusperhäuschen. Der Tod ist
auf dem Land immer präsent; hier kommt er jedoch aus einer unerwarteten
Ecke. Indem sie das Landidyll auf den Kopf stellt, stellt Fyfield auch
die Vorurteile über Wärme und Großzügigkeit ländlicher
Familien in Frage.