krimis in Europa
n°9 Mai-Juni-July 2007

 

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Chez Max
Jakob Arjouni

Diogenes Verlag Zürich, 2006

Kerstin Schoof

 

Krimilesern ist Jakob Arjouni vorrangig durch seine Romans Noirs um den türkischen Ermittler Kayankaya ein Begriff. Darüber hinaus hat der in Südfrankreich lebende Autor auch nichtkriminalistische Erzählungen und Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht. Arjounis neuestes Buch bewegt sich an der Grenze von Science Fiction, Psychodrama und Thriller: in naher Zukunft betreibt der Ich-Erzähler Max Schwarzwald, Agent des französischen Geheimdienstes, zur Tarnung ein gehobenes Restaurant mit deutscher Küche. Zuständig für das 11. Arrondissement, in dem sein Laden angesiedelt ist, muss Max Verbrecher - im weitesten Sinne - ans Messer liefern, noch bevor sie ihre Taten überhaupt begehen können. Als gemütlicher Typ mit wenig Antrieb und schlechten Resultaten leidet er unter seinem Partner Chen, Legende der Verbrechensprävention und unerträgliches Arschloch. Als Chen selbst ins Visier des Staatsschutzes gerät, wittert Max seine Chance ...

Chez Max kann als Intervention Arjounis gegen den aktuellen Sicherheitswahn gelesen werden. Anhand des psychologischen Porträts eines Mörders charakterisiert er Typen, die ein umfassendes staatliches Überwachungs- und Bespitzelungssystem zwangsläufig hervorbringt. Für den Protagonisten Max rechtfertigt der Zweck unter Verweis auf das "Wohl der Allgemeinheit" alle Mittel. Der gute Zweck ist jedoch immer bereits ideologisch aufgeladenes Eigeninteresse einer reichen Staatengemeinschaft, das aufgrund umfassender Denkverbote nicht mehr hinterfragt werden kann. Trotz oder gerade aufgrund ihrer hohen Aktualität und des expliziten Realitätsbezugs leidet Arjounis Zukunftsvision allerdings manchmal an ihrer gering ausgeprägten Eigenlogik. Angelegt als philosophisch-psychologische Versuchsanordnung spielt der Roman die Konsequenzen der Abschottungspolitik der Industrieländer und des Kriegs gegen den Terror durch, ohne jedoch den Modellcharakter des Szenarios um unvorhersehbare oder widersprüchliche Komponenten zu erweitern. Das Paris des Jahres 2064 und der Restaurantbesitzer Max bleiben daher manchmal etwas blass und wenig greifbar. Nichtsdestotrotz ist Chez Max in seinem Spannungsverlauf - der der zerrissenen Anspannung des Protagonisten entspricht - ein Thriller zum Verschlingen, der auch nach Wiederherstellung von Max' heiler Welt große Unruhe und ein Bedürfnis nach Erklärungen hinterlässt, die es nicht geben kann.

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