Chez Max
Jakob Arjouni
Diogenes Verlag Zürich, 2006
Kerstin Schoof
Krimilesern ist Jakob Arjouni vorrangig
durch seine Romans Noirs um den türkischen Ermittler Kayankaya
ein Begriff. Darüber hinaus hat
der in Südfrankreich lebende Autor auch nichtkriminalistische Erzählungen
und Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht. Arjounis neuestes
Buch bewegt sich an der Grenze von Science Fiction, Psychodrama und Thriller:
in naher Zukunft betreibt der Ich-Erzähler
Max Schwarzwald, Agent des französischen Geheimdienstes, zur Tarnung
ein gehobenes Restaurant mit deutscher Küche. Zuständig für
das 11. Arrondissement, in dem sein Laden angesiedelt ist, muss Max
Verbrecher - im
weitesten Sinne - ans Messer liefern, noch bevor sie ihre Taten überhaupt
begehen können. Als gemütlicher Typ mit wenig Antrieb und schlechten
Resultaten leidet er unter seinem Partner Chen, Legende der Verbrechensprävention
und unerträgliches Arschloch. Als Chen selbst ins Visier des Staatsschutzes
gerät, wittert Max seine Chance ...
Chez Max kann als Intervention
Arjounis gegen den aktuellen Sicherheitswahn gelesen werden. Anhand
des psychologischen Porträts
eines Mörders charakterisiert er Typen, die ein umfassendes staatliches Überwachungs-
und Bespitzelungssystem zwangsläufig hervorbringt. Für den Protagonisten
Max rechtfertigt der Zweck unter Verweis auf das "Wohl der Allgemeinheit" alle
Mittel. Der gute Zweck ist jedoch immer bereits ideologisch aufgeladenes
Eigeninteresse einer reichen Staatengemeinschaft, das aufgrund umfassender
Denkverbote nicht mehr hinterfragt werden kann. Trotz oder gerade aufgrund
ihrer hohen Aktualität und des expliziten
Realitätsbezugs leidet Arjounis Zukunftsvision allerdings manchmal
an ihrer gering ausgeprägten Eigenlogik. Angelegt als philosophisch-psychologische
Versuchsanordnung spielt der Roman die Konsequenzen der Abschottungspolitik
der Industrieländer und des Kriegs gegen den Terror durch, ohne jedoch
den Modellcharakter des Szenarios um unvorhersehbare oder widersprüchliche
Komponenten zu erweitern. Das Paris des Jahres 2064 und der Restaurantbesitzer
Max bleiben daher manchmal etwas blass und wenig greifbar. Nichtsdestotrotz
ist Chez Max in
seinem Spannungsverlauf - der
der zerrissenen Anspannung des Protagonisten entspricht - ein Thriller
zum Verschlingen, der auch nach Wiederherstellung von Max' heiler Welt
große Unruhe und ein Bedürfnis nach Erklärungen hinterlässt,
die es nicht geben kann.