krimis in Europa
n°9 Mai-Juni-July 2007

 

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Réveillez le président !*
Jean-Hugues Oppel

Rivages/Thriller, 2007

Claude Mesplède
Übersetzung: Elfriede Müller

 

Weckt den Präsidenten! beginnt schlagkräftig mit der Information: "Bum! Eine Atomlast von einer Kilotonne ist genau so stark wie die Explosion von 1000 Tonnen TNT. Ein Flugzeug, bestückt mit einer Bombe von 100 Kilotonnen, transportiert allein an Zerstörungsenergie so viel wie die Bombendepots für 15.000 Bomber von 1944. Man braucht das Zehnfache, um eine Megatonne zu erhalten" und fährt fort, dass am 22. Mai 1957 ein Bomber der US Air Force versehentlich eine Wasserstoffbombe mit einer Sprengkraft von neun Megatonnen in der Nähe von Albuquerque abwarf. Sie explodierte nicht, nur eine Kuh starb. Aber wenn sie explodiert wäre?

Überall auf der Welt bemühen sich die Großmächte, ausgestattet mit Zehntausenden von Atomwaffen, sie dem Iran, Nordkorea und anderen Staaten zu verbieten. Man liest bestürzt in diesem Roman über die Verantwortungslosigkeit machtbesessener Führungskräfte, die anderen gerne Lektionen erteilen, ohne sich dabei nach ihrem eigenen Versagen zu fragen, ihrer Inkompetenz und ihrem unglaublichen Egoismus. Weckt den Präsidenten! wimmelt nur so von Beispielen über Unfälle in der ganzen Welt, die in fast jedem Land, unter fast jedem Regime die Sicherheit des Planeten bedroht haben. Der Autor zeigt, wie aufgrund von Softwareproblemen oder falsch übermittelten Befehlen Atomwaffen ständig unsere Sicherheit bedrohen, obwohl ihre Existenz damit gerechtfertigt wird, dass sie uns beschützen sollen. Dieses Paradoxon ist der rote Faden des Buches, in dem eine Durchblutungsstörung im Gehirn des französischen Präsidenten den Plot ins Rollen bringt. In diesem Augenblick schlägt das Schicksal zu, denn durch einen unglaublichen Zufall wird in Frankreich auf den roten Knopf gedrückt, d. h., es gibt Atomalarm und niemand weiß, was zu tun ist.

Die einzige umfassend informierte Person in Frankreich ist die Verteidigungsministerin. Sie beruft einen Krisenstab ein, an dem auch zwei Informatikerinnen teilnehmen. Sie sind die Heldinnen, die das Rätsel lösen werden.

Die Hypothese von Jean-Hugues Oppel ist nicht nur das Ergebnis einer überbordenden Fantasie. Ein Programmierfehler kann sehr wohl gerade in dem Moment zuschlagen, in dem der Präsident außer Gefecht ist (die einzige Person, die den Befehl zum Atomwaffeneinsatz bestätigen oder verweigern kann mittels eines Geheimcodes, den nur sie kennt). Sicher, im Fall eines Machtvakuums sieht die französische Verfassung vor, dass der Senatspräsident als Stellvertreter einspringt. Aber wenn dieser den Geheimcode vergessen hat, den er sich eigentlich merken sollte, da er ihn sich nicht aufschreiben durfte, was passiert dann? Dann sind wir mit einem Problem konfrontiert, das sich aus Zufällen ergab, und doch erscheint diese Situation plausibel in einer Welt, in der die Paranoia der Großmächte real ist.

Jean-Huges Oppel schickt dem Buch als Motto ein Zitat von Russell Banks voraus: "Die Funktion des Schriftstellers besteht darin, dafür zu sorgen, dass niemand die Welt ignorieren und niemand von sich behaupten kann, er sei unschuldig." Weckt den Präsidenten! passt zu diesem Bekenntnis. Präzise und gut dokumentiert, stößt dieser Roman einen Warnschrei aus, ohne dabei humorlos zu sein, und beschreibt mit Ironie und Spott die Verantwortlichen, deren Entscheidungen oft nach Verantwortungslosigkeit riechen. Jean-Hugues Oppel hat einen spannenden Plot vorgelegt, flüssig geschrieben, der einem in Atem hält und leicht zu lesen ist, trotz der technischen Passagen.

Sein voriges Werk French Tabloïd sucht nach einer Erklärung für den Erfolg des Kandidaten des Front National, der als zweiter in den entscheidenden Wahlgang bei den Präsidentschaftswahlen kam. Und wenn alles vorbereitet und organisiert wurde, um die Wiederwahl des Präsidenten zu garantieren? Auch hier wecken die Hypothesen des Autors Beunruhigung durch einen Anstrich von Authentizität, der den Leser zum Nachdenken bringt, nachdem er das Buch zugeschlagen hat.

Für beide Romane gilt: Und wenn das wahr ist?

* Weckt den Präsidenten!

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