krimis in Europa
n°9 Mai-Juni-July 2007

 

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Cruelles natures*
Pascal Dessaint

Rivages/thriller, 2007, 194 z.

Jean-Marc Laherrère
Übersetzung: Matthias Drebber

 

Früher war Antoine Schriftsteller. Er veröffentlichte in großen Publikumszeitschriften und in der wissenschaftlichen Presse naturwissenschaftliche Artikel, die ihm großes Renommee einbrachten. Das ging gut bis zu dem Tag, an dem er nicht mehr schreiben konnte. Er zog sich zurück in den Brenne-Nationalpark mit seinen berühmten Teichen - zusammen mit Myriam. Doch seit ihrem letzten Streit sprechen sie nicht mehr miteinander.
Mauricette ist 17 Jahre alt und lebt in Dünkirchen. Sie lebt allein, seit ihr Vater nach einem Autounfall in der Klinik im Koma liegt. Vor einem Jahr hat sie ein paar Briefe von ihrer Mutter bekommen, die die Familie verlassen hat, als Mauricette sieben war. Myriam versucht darin zu erklären, warum sie eines Tages mit Antoine weggegangen ist.

Pascal Dessaint verlässt Toulouse. Es zieht ihn zu den Nebelschwaden über den Teichen des Brenne-Nationalparks und zu dem weißen Himmel Nordfrankreichs. Er lässt auch die vertraute Einsatzgruppe der Polizei hinter sich und bringt uns, wie in seinen ersten Romanen, etwa Une pieuvre dans la tête (Eine Krake im Kopf) oder Bouche d'ombre (Schattenmund), wieder mit Einzelpersonen in Krisensituationen zusammen. Verglichen mit diesen hervorragenden Romanen hat er jetzt noch gewonnen: an handwerklichem Schliff, am Können im Aufbau der Story, im Tempo und in der Sprache. Dabei geht nichts von seiner emotionalen Erzählkraft verloren. Der Sprachrhythmus passt sich dem Erzähler und den erzählten Gegebenheiten an. Je nachdem verlangsamt er sich, beschleunigt sich dann wieder und geht mit Leichtigkeit von der Kontemplation zu stressiger Spannung über. Pascal Dessaint, früher eigentlich der Inbegriff eines Städters, zeigt hier, dass seine Prosa und seine Poesie den ländlichen Themen - etwa dem schönen Gesang eines Vogels an einem Teich - ebenso gewachsen sind wie der Schilderung einer großstädtischen Irrfahrt. Die zunächst völlig zusammenhanglos erscheinenden wechselnden Erzählstränge nähern sich mehr und mehr einander an, bezaubern den Leser und führen ihn ganz unbemerkt an den Wahnsinn und an den Schmerz heran.

* Böse Menschen

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