krimis in Europa
n°9

 

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L'accordatore di Destini*
Salvio Formisano

Meridiano Zero, 2007, 154 Seiten

Giovanni Zucca
Übersetzung: Katharina Schmidt

 

Was für ein geheime Verbindung mag es zwischen dem "kühlen" Norditaliener Marco Vicentini, Verlagsleiter von Meridiano Zero aus Padua (ihm verdanken wir es u. a., dass die Autoren Robin Cook und Derek Raymond in Italien erschienen sind) und dem warmen, lebendigen und oft auch tragischen Neapel geben? Ganz egal, nach dem Debüt Antonio Petrellas mit einem echten Pulproman - wir haben darüber auf Europolar berichtet - kommt jetzt ein zweites Debüt aus Neapel, dem wir den gleichen Erfolg wünschen, denn das Buch verdient es. Es geht um L'accordatore dei destini, ein schöner Titel, den ersten Roman von Salvio Formisano, einem Mann mit vielen Berufen, der sich jetzt dem Schreiben widmet.

Der Icherzähler des Buches ist aus Deutschland, wo er arbeitet, in seine Heimat Neapel zurückgekommen, um einer Frau einen Heiratsantrag zu machen. Aber sie hat ihm den Laufpass gegeben. Er ist dort geblieben. Die seltsame, beinahe perverse Anziehungskraft, die von dieser großartigen und verfluchten Stadt ausgeht, hat ihn in den Bann gezogen. Tagelang läuft er durch die Straßen Neapels, taucht in Gerüche und Klänge ein. Und als er Arbeit finden muss, bietet sich ihm zufällig die Gelegenheit, Privatdetektiv zu werden. Zweihundertfünfzig Euro Fixum plus Spesen nimmt er pro Tag und ist auf schäbige Ehebruchgeschichten abonniert. Sehr bald ist bei ihm ein Tag wie der andere und auch seine Aufgaben gleichen sich: Verfolgen, beschatten, Fotos machen, dem betrogenen Ehepartner die Beweise liefern, damit er oder sie gerichtlich die Trennung oder Scheidung beantragen kann. Seine Aufträge sind mal mehr, mal weniger einfach, sein Berufsethos verbietet es ihm, mit den Auftraggebern oder den "Beschattungsobjekten" zu sympathisieren, doch manchmal versucht unsere Hauptfigur, die Schicksale der Menschen, die ihre Ausgeglichenheit verloren haben, ein wenig zu korrigieren, indem er die Wahrheit etwas verändert. Und je mehr er in die persönlichen Geschichten anderer verwickelt wird, desto dramatischer muss er eingreifen ...

Cane rabbioso ist Pulp, extrem, provozierend und "dreckig", dagegen ist L'accordatore dei destini ausgewogen, gemäßigt und klar. Trotzdem wirkt dieser kleine Roman, aber er gehört eher zufällig zum Noir Genre, nicht programmatisch, sondern philosophisch und ein wenig metaphysisch. Die Vielzahl treffender, tiefsinniger Gedanken über die Schwierigkeiten und die Unlust am Leben und unsere mehr oder weniger vorhandenen Fähigkeiten, unsere Schicksale selbst zu lenken, sind schon Grund genug, um diesen Roman zu lesen, der es nicht nötig hat, mit vielen Seiten unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Und wenn die Hauptfigur von der Liebe zum Schreiben erzählt, wirkt es auf den Leser, als sehe er dem Autor im Halbdunkel dabei zu. Wehmütig verabschiedet man sich von ihm und hofft, bald wieder etwas von ihm zu lesen. Denn wie seine Hauptfigur "konnte er nichts anderes tun".

* Der Schicksalsstimmer

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