Les Clients d'Avrenos
Georges Simenon
Editions Gallimard, Collection Folio policier',
Nov. 2006, 192 Seiten
Sophie Colpaert
Übersetzung: Katrin Schielke
Seit 1999 erscheinen in der Reihe Folio
Policier in regelmäßigen
Abständen die Romane Georges Simenons. Es handelt sich dabei nicht
um die berühmten Ermittlungen des Kommissars Maigret, die immer einen
kommerziellen Erfolg sicherten, sondern um seit langem vergriffene Romane,
in denen die Spannung wichtiger ist als das klassische Räderwerk
der Polizeigeschichte.
Les Clients d'Avrenos, 1935
zum ersten Mal erschienen und nun endlich aus der Versenkung wieder
aufgetaucht, führt uns
auf eine erstaunliche Reise in die Türkei, die in einem jämmerlichen
Kabarett in Ankara beginnt und in Stamboul, in einer luxuriösen Diplomatenwohnung
endet.
Bernard de Jonsac, Angestellter der französischen Botschaft fühlt
sich angezogen von Nouchi, der jungen ungarischen Tänzerin aus dem
Chat Noir. Die parlamentarische Sitzungsperiode geht zu Ende und schon
am nächsten Tag sollen Jonsac und andere Beamte die Schwüle
der Hauptstadt verlassen, um nach Stamboul und zu den luftigeren Ufern
des Bosphorus zu fahren. Nouchi ist fest entschlossen, ihr Glück
zu versuchen und schleicht sich ins Gepäck und ins Leben von Jonsac.
Ein Leben zu zweit und mit zwei voneinander getrennten Einzelbetten, die
Jonsac sehr gerne und sehr schnell zusammenstellen würde, aber da
hat er nicht mit dem spöttischen Lachen von Nouchi gerechnet. Als
sie ihre Hand auf den Arm von Jonsac gelegt hat, glaubte Nouchi, reich
zu werden. Jonsac jedoch, ist hinter seiner Fassade des wohlsituierten
Vierzigers nur ein kleiner schlecht bezahlter Botschaftsangestellter.
Was soll's. Bestimmt kann man im Umfeld reich werden. Nouchi beginnt die
Freunde von Jonsac aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Da sie
sehr leicht Beziehungen knüpft, kommt eins zum anderen, und Jonsac
wohnt machtlos dem Zusammenbruch seiner Existenz bei. Er wird zu einer
Marionette, deren Fäden Nouchi mit einer sicheren und liebevollen
Hand zieht. Aber wenn er selbst etwas probiert, ist die Katastrophe
nicht fern.
Hier in diesem Klassiker findet man all
das wieder, was die Romane Simenons ausmacht. Ein einfacher, klarer
Stil, eine für alle verständliche
Sprache, eine gründliche Analyse der menschlichen Beziehungen, und
hier vor allem der Paarbeziehungen. Bilden Jonsac und Nouchi ein Paar?
Darüber sind sich die Freunde nicht einig. Nouchi ist das egal und
sie zieht für sie beide Nutzen daraus, während Jonsac darunter
leidet und leidet, weil Nouchi ihn verhöhnt. Aber schon nach drei
Tagen kann er nicht mehr ohne sie, egal was sie sagt oder tut. Denn hinter
seiner scheinbaren Männlichkeit ist Jonsac ein Weichei - großer
Klassiker der Simenonschen Figuren - der wartet, dass jemand oder etwas
für ihn entscheidet und der sich vom Alltag und seinen kleinen Gewohnheiten
tragen lässt. Diese von Langeweile geprägte Stimmung produziert
eine ungeheure Spannung, und man wird bei der Lektüre immer neugieriger.