krimis in Europa
n°9

 

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La maison des sept jeunes filles*
Georges Simenon

Editions Gallimard, Reihe "Folio policier"
November 2006, 162 Seiten

Sophie Colpaert
Übersetzt von Sarah Florence Gaebler

 

Guillaume Adelin macht Geschäfte! Eine der sieben Töchter, nämlich Huguette, hat endlich einen Verlobten an Land gezogen! Einen echten, einen Heiratskandidaten! Wie soll sie es nur anstellen, dass die Familie - mit der immerzu neben sich stehenden Mutter und den sechs schelmischen Schwestern - den Anwärter nicht flugs das Weite suchen lässt . Hinzu kommt, dass er der einzige Sohn einer betuchten Witwe ist. Wenn er Huguette zur Frau nähme, würde er sich sicher bereit erklären, den Schwiegervater zu unterstützen, um bei Herrn Rorive seine Anzahlung auf das Haus abzubezahlen. Und damit blieben der Familie die allwöchentlichen Besuche des Krämers erspart, der seine Rolle als Gläubiger nutzt, um sich wie ein Patriarch aufzuführen.

Inmitten der Vorbereitung für den kleinen Empfang, den man Gérard Boildieu bereiten will, platzt Herr Rorive herein und tritt auf, als sei er in den eigenen vier Wänden. Und sind dies nicht auch letztlich seine eigenen vier Wände, da er sie zu einem Teil finanziert hat? Wie soll man es nur anstellen, damit Herr Rorive wieder verschwindet, bevor Gérard kommt? Unbedarft erklärt Guillaume Adelin dem Krämer die Umstände, die die gesamte Hausgemeinschaft Kopf stehen lässt. Jeder Normalsterbliche würde dies zum Anlass nehmen, sich zu entschuldigen und sofort von der Bildfläche zu verschwinden. Doch Herr Rorive ist schließlich nicht irgendwer und außerdem kaufte die Mutter von Gérard einst immer bei ihm ein. So kommt es also, dass er der Familienzusammenkunft auf einmal vorsteht, bei der die Schwestern um die Aufmerksamkeit des Verlobten buhlen. Man fragt sich gar, ob er Huguettes wegen gekommen ist. Und wenn nun eine der Schwestern heiratet und das Haus abbezahlt ist, würde Herr Rorive seine einzigen Freunde verlieren. Wem soll er dann nur seine Besuche abstatten? Es sei denn, er wendet die Dinge so geschickt, dass eine der Schwestern ihn heiratet!

Guillaume Adelin vervollständigt wunderbar die Riege der simenonischen Trantüten, die sich von ihrem Umfeld und von den Umständen bestimmen lassen. Er, der Geschichtslehrer, ist davon überzeugt, ein Nachfahre von Guillaume d'Orléans** zu seinund daher bemüht er sich in schweren Momenten redlich, dem Verhalten seines illustren Ahnen nachzueifern. Doch war Guillaume d'Orléans einst nicht von sieben Töchtern umgeben, die handeln, wie ihnen der Sinn steht, nicht von einer Frau, die fast ihren Verstand verloren hat und ebenso wenig von einem ehemaligen Krämer, der den Preis des Camemberts zum Maß aller Dinge gemacht hat!

* Das Haus der sieben Mädchen.
** Es gab einen Erzbischof mit diesem Namen um 1247 in Orléans.

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