"Engagement schärft die Gefühle"
Politkrimis
in der Peripherie
von D. B. Blettenberg
Elfriede Müller
D. B. Blettenberg wird in der Krimiszene
als Klassiker gehandelt. Dies liegt vielleicht weniger an den diversen
Preisen, die er für seine
Romane erhielt, als an der Zeitspanne, in der er im Geschäft ist.
Er schreibt seit 1972, zunächst allerdings Kurzgeschichten, Romane,
Reportagen und Drehbücher. Der Autor ist 1949 geboren, wuchs als
Arbeiterkind in einer ländlichen Gegend auf und absolvierte in Leverkusen
eine Ausbildung als Technischer Zeichner im Maschinenbau. Nach seinem
Wehrdienst und dem Besuch der Marinefernmeldeschule in Flensburg-Mürwig
fuhr er als Bordfunker zur See. Danach arbeitete er zwanzig Jahre in
der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, in Ecuador, Thailand,
Nicaragua und Ghana. Diese intensiven Auslandsaufenthalte kommen seit
den Achtzigerjahren seiner Literatur zugute. Seit 1994 lebt er als freier
Autor in Berlin.
Sein erster Krimi Weint nicht
um mich in Quito erschien 1981.
Dieser Text wurde zusammen mit Agaven sterben einsam unter dem
schönen Titel Blut für Bolivar 2005
erneut aufgelegt. Auch wenn der Erstling aus den Achtzigern stammt, weist
er die typischen Stärken und Schwächen der Siebzigerjahre-Literatur auf: hochpolitisch
und universalistisch, aber leider nur mit Frauenfiguren als Anhängsel
von männlichen Helden oder Antihelden, die nichts wesentliches zur
Handlung beitragen außer Lockvögel zu sein. Weint
nicht um mich in Quito ist ein Brecht'sches' Lehrstück über die
Herrschaft. In Ecuador scheitert ein Putsch, der genauso gut in jedem
anderen lateinamerikanischen Land hätte stattfinden können.
Der Verantwortliche flieht nach Kolumbien ins Exil, um dort seine Rückkehr
vorzubereiten. Andere wollen ihn umbringen. Der Mord wird u. a. in Argentinien
geplant. Hier gelingen Blettenberg bedrückende Schilderungen der
Verfolgung während der dortigen Diktatur.
Neben einer lästigen und recht klischeehaften
Hauptfigur, die auch in Agaven sterben einsam die erste Geige
spielt, hetzen erstaunlich interessante Nebenfiguren durch Lateinamerika,
vor allem Gabriel Santander Garcia: "Er hatte aus allen möglichen
Stellungen den Hebel angesetzt, um die etablierte Macht aus den Angeln
zu hebeln. Und er hatte viele Enttäuschungen
erlebt. Sein Realismus hatte zynische Züge bekommen. Er machte jetzt
Strukturpolitik per Kleinkrieg. (...) Man hätte ihn Agent nennen
können oder Widerstandskämpfer, einen Rebellen von kontinentalem
Zuschnitt." (S. 205) Es geht um Ecuador, aber auch um die Fußballweltmeisterschaft
in Argentinien, und die Finanzkrise Perus. Blettenberg flicht kenntnisreich
und unpädagogisch die jüngste Geschichte Lateinamerikas mit
ein. Dass ausgerechnet ein deutscher Sozialtechniker namens Wolf Straßner
beauftragt wird, einen politischen Mord aus Überzeugung, aber mit
Bezahlung zu begehen, ist nicht nachvollziehbar. Blettenberg hätte
sich besser auf sein lateinamerikanisches Personal verlassen...
Der rasante Stil wird in Agaven
sterben einsam fortgesetzt,
aber in diesem Buch fehlt der Brecht'sche Akzent. Leider ist Wolf Straßner
wieder mit von der Partie. In Ecuadors Hauptstadt, Quito ermordet ein
rechtsradikales Killerkommando im staatlichen Auftrag siebenundzwanzig
Gewerkschafter. Eine Situation, in der man sich entscheiden muss, was
Straßner schließlich auch tut und seinen Gewerkschaftsfreunden
einen idealen Ort für ein Attentat auf den Innenminister anbietet.
Die Beschreibung der politischen Szenerie ist genauso gelungen wie im
Vorgängerband. "Es waren zu viele. Zwölf auf einmal. Zwölf
Sonnenbrillen. Zwölf graudunkle Anzüge. Zwölf Gestalten
von mittlerem Wuchs. Ein Teil davon mit Hut. Der Rest mit schwarzem Haar.
Zwölf auf einmal war besser als Gesichtsmasken. Einer tarnte den
anderen. Ein Haufen Unbekannter." (S. 10) Straßner erhält
von einem widerlichen Geschäftsmann, mit einer halb so alten und
lasziven Ehefrau, den Auftrag, ein gestohlenes Bild wieder zu besorgen,
und sticht in ein politisches Wespennest. Dass die Ehefrau auf Straßner
abfährt und schnellstens mit ihm ins Bett will, entspricht dem klassischen
Noirklischee und trägt nichts bei zur Auflösung des Plots oder
zur politischen Lagebeschreibung. Eine fesche Gewerkschafterin hätte
etwas mehr Spielraum gehabt. Auch in diesem Roman bestechen die Nebenfiguren,
vor allem der Killer und Kunsträuber Kleber Larrea, ein Zyniker,
der nicht aus ideologischen Gründen tötet, ihnen aber schließlich
zum Opfer fällt: "Ich blieb ihm die Antwort schuldig. Der Abzug
ging wie durch ein Stück Butter. Der Schuss löste sich, und
die Walther zog leicht nach rechts oben weg. Das Projektil erwischte ihn
in der Brust, riss ihn halb zur Seite." Das feindliche Netz um die
Gewerkschaftsaktivisten wird immer enger, Blettenberg gelingt es, ihre
Beklemmung unpathetisch rüberzubringen. Und dann werden die Leichen
von Campesinos vor das Gewerkschaftsbüro gelegt.
Weniger knapp geht Harte Schnitte von
1995 zu Werke. Der Titel erschien 2005 als Taschenbuch. Stark in Sachen
Antikolonialismus, schwächelt
der Roman an Überladung und erneut an der Hauptfigur. Ein Land und
eine Liebschaft weniger hätten gereicht. Das Thema ist der Lebensborn
e. V., über den Daimler einen Film drehen möchte, der vielen
nicht zu gefallen scheint. Zunächst den Nazis, die seinen Freund
in die Luft jagen, dann auch nicht mehr der Produktionsgesellschaft, die
ihm ihre Unterstützung entzieht - und auch die Liebe: Die Chefin
ist Daimlers Geliebte. Stark ist die literarische Darstellung der Geschichte
Ostafrikas, großartig die Beschreibung des Kilimandscharos als "deutschen
Berg": "Sie meldeten mir voll Stolz, sie hätten auf der
Kaiser-Wilhelm-Spitze zum Zeichen ihres Aufstiegs eine Steinpyramide errichtet
mit einem Gipfelbuch und auf diesem Steinhaufen die deutsche Flagge befestigt,
die dort nun an 'höchster Stelle' auf deutschem Boden wehen soll.
Ich glaube nicht, dass der Feind diese deutsche Flagge niedergeholt haben
wird und somit Besitz ergriffen hat von unserem herrlichsten, höchsten
deutschen Berge." (S. 187), zitiert Blettenberg die Erinnerungen
des Generals von Lettow-Vorbeck, dessen Kolonialismus heute wieder
gerne gesehen wird1. Des Guten zu
viel sind die Ursprünge einer amerikanischen Familie im Lebensborn, und
auch Daimler ist Lebensborn-Kind; außerdem hat er eine attraktive
Zwillingsschwester. Aber das alles bekommt er erst heraus, als er schon
am Drehbuch schreibt. Der Handlungsstrang über einen Ostdeutschen,
der seine Mutter rächen möchte und in Ostafrika nach seinem
Stasivater sucht, um ihn zu töten, wäre ebenso verzichtbar gewesen.
Gelungen dagegen sind die Drehbuchausschnitte
für den Lebensbornfilm
und die Darstellung der Neonazis: "So war das mit den Deutschen.
Wenn die Befehle vom Oberkommando ausbleiben, herrscht Orientierungslosigkeit." (S.
81) Das gilt auch für die Figur des amerikanischen Militärs,
der zum Immobilienmakler in Florida mutiert.
Neben einer Altersphobie lässt Blettenberg Unwillen bis Ressentiment
gegenüber dem öffentlichen Dienst erkennen, in diesem Fall der
staatlichen Filmförderung. Als müssten auch die letzten Reservate
des Gesellschaftlichen noch privatisiert werden! Daimler ist ein Unsympath,
der sich mal für einen großen Künstler hält, mal
für einen Versager. Seine Interaktion mit anderen Gestalten des Romans - mit
Ausnahme des alten Amerikaners - ist nicht glaubhaft. Die interessanteste
Figur ist der ehemalige Kommunist Staal, der sich in Ostafrika auf
die Spur von SS-Leuten begeben hat und leider zu selten zum Zug kommt.
Blettenbergs jüngstes Buch Land
der guten Hoffnung beschreibt
die schwierige Tätigkeit der Wahrheitskommission in Südafrika.
Die Konzentration auf ein einziges Land kommt dem Plot sehr zugute und
lässt die Leser in die Zeitgeschichte Südafrikas eintauchen.
Landschaft, Musik und Lebenswelten Südafrikas bekommen in Blettenbergs
Beschreibung eine politische Dimension. Die Personen sind nicht immer
das, was sie vorgeben, und wie ein roter Faden durch Blettenbergs Romane
bewegen sich starke Nebenfiguren, deren Haltung sich aus Kultur und Geschichte
ihres Landes erschließt. Ausgangspunkt des Plots ist die Entführung
einer deutschen Bürgertochter, die zwar freigelassen wird, aber die
Täter werden nicht zur Verantwortung gezogen und das Lösegeld
ist flöten gegangen. Deshalb kommt die Hauptfigur Helm Tempow ins
Spiel, der sieben Jahre später nach Kapstadt geschickt wird, um zu
ermitteln. Dort stößt er auf einen falschen Entführer,
der bald sein Leben lässt, trifft die Entführte, die zu ihrem
Häscher zurück will, von dem sie ein Kind bekommen hat. So überzeugend
die Suche der Wahrheitskommission nach Beweisen für die Schlechtigkeit
des Entführers dargestellt wird, so schwach kommt die Paarzusammenführung
daher. Der Weiße Betrand ist ein Verbrecher, der Oppositionelle
gejagt und ermordet hat, bei dem Stan Wishbone sich unter einer falschen
Identität als Handlanger anheuern ließ, um ihn schließlich
zu entlarven. Die Mimesis von Wishbone ist beachtlich und psychologisch
sehr überzeugend: "'Sie sind ja recht vielseitig. Was machen
Sie sonst noch so', fragte ich Wishbone. 'Außer Schlagzeug, Oberkellner
und Mädchen für alles für Betrand zu spielen?' (...) Was
hatte Desmond über Wishbone gesagt? Ein guter Kamerad. Er war
einer unserer Besten, ein guter Kämpfer für die Sache - und
ein hervorragender Musiker. Immer bescheiden. Stand nie gerne im Mittelpunkt.
Leider hat er sich wohl zurückgezogen. Man hört und sieht nichts
mehr von ihm. So war das mit den ehemaligen Freiheitskämpfern.
Der eine ging unter Menschen und wurde Winzer, der andere arbeitete undercover weiter
für die Sache." (S. 183f .)
Blettenberg schreibt spannend und gut, seine
Beschreibungen ferner Länder
sind das Gegenteil einer Touristenkulisse, und es wäre schön,
wenn seine Frauenfiguren mehr Eigenständigkeit und Intelligenz entwickeln
würden. Doc, eine ehemalige Kollegin der Hauptfigur in Land
der Hoffnung, wäre dafür ein Anfang.
Alle Bücher sind im Pendragon
Verlag erschienen.
1 Vgl. Böhlke-Itzen, Janntje
und Joachim Zeller: Eine schöne Erinnerung. Wie der deutsche Kolonialismus
verherrlicht wird. In: Iz3w Nov/Dez 2006. Ausgabe 297. S. 14-17.