krimis in Europa
n°9 Mai-Juni-July 2007

 

>> Porträt

"Engagement schärft die Gefühle"
Politkrimis in der Peripherie
von D. B. Blettenberg

Elfriede Müller

 

D. B. Blettenberg wird in der Krimiszene als Klassiker gehandelt. Dies liegt vielleicht weniger an den diversen Preisen, die er für seine Romane erhielt, als an der Zeitspanne, in der er im Geschäft ist. Er schreibt seit 1972, zunächst allerdings Kurzgeschichten, Romane, Reportagen und Drehbücher. Der Autor ist 1949 geboren, wuchs als Arbeiterkind in einer ländlichen Gegend auf und absolvierte in Leverkusen eine Ausbildung als Technischer Zeichner im Maschinenbau. Nach seinem Wehrdienst und dem Besuch der Marinefernmeldeschule in Flensburg-Mürwig fuhr er als Bordfunker zur See. Danach arbeitete er zwanzig Jahre in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, in Ecuador, Thailand, Nicaragua und Ghana. Diese intensiven Auslandsaufenthalte kommen seit den Achtzigerjahren seiner Literatur zugute. Seit 1994 lebt er als freier Autor in Berlin.

Sein erster Krimi Weint nicht um mich in Quito erschien 1981. Dieser Text wurde zusammen mit Agaven sterben einsam unter dem schönen Titel Blut für Bolivar 2005 erneut aufgelegt. Auch wenn der Erstling aus den Achtzigern stammt, weist er die typischen Stärken und Schwächen der Siebzigerjahre-Literatur auf: hochpolitisch und universalistisch, aber leider nur mit Frauenfiguren als Anhängsel von männlichen Helden oder Antihelden, die nichts wesentliches zur Handlung beitragen außer Lockvögel zu sein. Weint nicht um mich in Quito ist ein Brecht'sches' Lehrstück über die Herrschaft. In Ecuador scheitert ein Putsch, der genauso gut in jedem anderen lateinamerikanischen Land hätte stattfinden können. Der Verantwortliche flieht nach Kolumbien ins Exil, um dort seine Rückkehr vorzubereiten. Andere wollen ihn umbringen. Der Mord wird u. a. in Argentinien geplant. Hier gelingen Blettenberg bedrückende Schilderungen der Verfolgung während der dortigen Diktatur.

Neben einer lästigen und recht klischeehaften Hauptfigur, die auch in Agaven sterben einsam die erste Geige spielt, hetzen erstaunlich interessante Nebenfiguren durch Lateinamerika, vor allem Gabriel Santander Garcia: "Er hatte aus allen möglichen Stellungen den Hebel angesetzt, um die etablierte Macht aus den Angeln zu hebeln. Und er hatte viele Enttäuschungen erlebt. Sein Realismus hatte zynische Züge bekommen. Er machte jetzt Strukturpolitik per Kleinkrieg. (...) Man hätte ihn Agent nennen können oder Widerstandskämpfer, einen Rebellen von kontinentalem Zuschnitt." (S. 205) Es geht um Ecuador, aber auch um die Fußballweltmeisterschaft in Argentinien, und die Finanzkrise Perus. Blettenberg flicht kenntnisreich und unpädagogisch die jüngste Geschichte Lateinamerikas mit ein. Dass ausgerechnet ein deutscher Sozialtechniker namens Wolf Straßner beauftragt wird, einen politischen Mord aus Überzeugung, aber mit Bezahlung zu begehen, ist nicht nachvollziehbar. Blettenberg hätte sich besser auf sein lateinamerikanisches Personal verlassen...

Der rasante Stil wird in Agaven sterben einsam fortgesetzt, aber in diesem Buch fehlt der Brecht'sche Akzent. Leider ist Wolf Straßner wieder mit von der Partie. In Ecuadors Hauptstadt, Quito ermordet ein rechtsradikales Killerkommando im staatlichen Auftrag siebenundzwanzig Gewerkschafter. Eine Situation, in der man sich entscheiden muss, was Straßner schließlich auch tut und seinen Gewerkschaftsfreunden einen idealen Ort für ein Attentat auf den Innenminister anbietet. Die Beschreibung der politischen Szenerie ist genauso gelungen wie im Vorgängerband. "Es waren zu viele. Zwölf auf einmal. Zwölf Sonnenbrillen. Zwölf graudunkle Anzüge. Zwölf Gestalten von mittlerem Wuchs. Ein Teil davon mit Hut. Der Rest mit schwarzem Haar. Zwölf auf einmal war besser als Gesichtsmasken. Einer tarnte den anderen. Ein Haufen Unbekannter." (S. 10) Straßner erhält von einem widerlichen Geschäftsmann, mit einer halb so alten und lasziven Ehefrau, den Auftrag, ein gestohlenes Bild wieder zu besorgen, und sticht in ein politisches Wespennest. Dass die Ehefrau auf Straßner abfährt und schnellstens mit ihm ins Bett will, entspricht dem klassischen Noirklischee und trägt nichts bei zur Auflösung des Plots oder zur politischen Lagebeschreibung. Eine fesche Gewerkschafterin hätte etwas mehr Spielraum gehabt. Auch in diesem Roman bestechen die Nebenfiguren, vor allem der Killer und Kunsträuber Kleber Larrea, ein Zyniker, der nicht aus ideologischen Gründen tötet, ihnen aber schließlich zum Opfer fällt: "Ich blieb ihm die Antwort schuldig. Der Abzug ging wie durch ein Stück Butter. Der Schuss löste sich, und die Walther zog leicht nach rechts oben weg. Das Projektil erwischte ihn in der Brust, riss ihn halb zur Seite." Das feindliche Netz um die Gewerkschaftsaktivisten wird immer enger, Blettenberg gelingt es, ihre Beklemmung unpathetisch rüberzubringen. Und dann werden die Leichen von Campesinos vor das Gewerkschaftsbüro gelegt.

Weniger knapp geht Harte Schnitte von 1995 zu Werke. Der Titel erschien 2005 als Taschenbuch. Stark in Sachen Antikolonialismus, schwächelt der Roman an Überladung und erneut an der Hauptfigur. Ein Land und eine Liebschaft weniger hätten gereicht. Das Thema ist der Lebensborn e. V., über den Daimler einen Film drehen möchte, der vielen nicht zu gefallen scheint. Zunächst den Nazis, die seinen Freund in die Luft jagen, dann auch nicht mehr der Produktionsgesellschaft, die ihm ihre Unterstützung entzieht - und auch die Liebe: Die Chefin ist Daimlers Geliebte. Stark ist die literarische Darstellung der Geschichte Ostafrikas, großartig die Beschreibung des Kilimandscharos als "deutschen Berg": "Sie meldeten mir voll Stolz, sie hätten auf der Kaiser-Wilhelm-Spitze zum Zeichen ihres Aufstiegs eine Steinpyramide errichtet mit einem Gipfelbuch und auf diesem Steinhaufen die deutsche Flagge befestigt, die dort nun an 'höchster Stelle' auf deutschem Boden wehen soll. Ich glaube nicht, dass der Feind diese deutsche Flagge niedergeholt haben wird und somit Besitz ergriffen hat von unserem herrlichsten, höchsten deutschen Berge." (S. 187), zitiert Blettenberg die Erinnerungen des Generals von Lettow-Vorbeck, dessen Kolonialismus heute wieder gerne gesehen wird1. Des Guten zu viel sind die Ursprünge einer amerikanischen Familie im Lebensborn, und auch Daimler ist Lebensborn-Kind; außerdem hat er eine attraktive Zwillingsschwester. Aber das alles bekommt er erst heraus, als er schon am Drehbuch schreibt. Der Handlungsstrang über einen Ostdeutschen, der seine Mutter rächen möchte und in Ostafrika nach seinem Stasivater sucht, um ihn zu töten, wäre ebenso verzichtbar gewesen.

Gelungen dagegen sind die Drehbuchausschnitte für den Lebensbornfilm und die Darstellung der Neonazis: "So war das mit den Deutschen. Wenn die Befehle vom Oberkommando ausbleiben, herrscht Orientierungslosigkeit." (S. 81) Das gilt auch für die Figur des amerikanischen Militärs, der zum Immobilienmakler in Florida mutiert.

Neben einer Altersphobie lässt Blettenberg Unwillen bis Ressentiment gegenüber dem öffentlichen Dienst erkennen, in diesem Fall der staatlichen Filmförderung. Als müssten auch die letzten Reservate des Gesellschaftlichen noch privatisiert werden! Daimler ist ein Unsympath, der sich mal für einen großen Künstler hält, mal für einen Versager. Seine Interaktion mit anderen Gestalten des Romans - mit Ausnahme des alten Amerikaners - ist nicht glaubhaft. Die interessanteste Figur ist der ehemalige Kommunist Staal, der sich in Ostafrika auf die Spur von SS-Leuten begeben hat und leider zu selten zum Zug kommt.

Blettenbergs jüngstes Buch Land der guten Hoffnung beschreibt die schwierige Tätigkeit der Wahrheitskommission in Südafrika. Die Konzentration auf ein einziges Land kommt dem Plot sehr zugute und lässt die Leser in die Zeitgeschichte Südafrikas eintauchen. Landschaft, Musik und Lebenswelten Südafrikas bekommen in Blettenbergs Beschreibung eine politische Dimension. Die Personen sind nicht immer das, was sie vorgeben, und wie ein roter Faden durch Blettenbergs Romane bewegen sich starke Nebenfiguren, deren Haltung sich aus Kultur und Geschichte ihres Landes erschließt. Ausgangspunkt des Plots ist die Entführung einer deutschen Bürgertochter, die zwar freigelassen wird, aber die Täter werden nicht zur Verantwortung gezogen und das Lösegeld ist flöten gegangen. Deshalb kommt die Hauptfigur Helm Tempow ins Spiel, der sieben Jahre später nach Kapstadt geschickt wird, um zu ermitteln. Dort stößt er auf einen falschen Entführer, der bald sein Leben lässt, trifft die Entführte, die zu ihrem Häscher zurück will, von dem sie ein Kind bekommen hat. So überzeugend die Suche der Wahrheitskommission nach Beweisen für die Schlechtigkeit des Entführers dargestellt wird, so schwach kommt die Paarzusammenführung daher. Der Weiße Betrand ist ein Verbrecher, der Oppositionelle gejagt und ermordet hat, bei dem Stan Wishbone sich unter einer falschen Identität als Handlanger anheuern ließ, um ihn schließlich zu entlarven. Die Mimesis von Wishbone ist beachtlich und psychologisch sehr überzeugend: "'Sie sind ja recht vielseitig. Was machen Sie sonst noch so', fragte ich Wishbone. 'Außer Schlagzeug, Oberkellner und Mädchen für alles für Betrand zu spielen?' (...) Was hatte Desmond über Wishbone gesagt? Ein guter Kamerad. Er war einer unserer Besten, ein guter Kämpfer für die Sache - und ein hervorragender Musiker. Immer bescheiden. Stand nie gerne im Mittelpunkt. Leider hat er sich wohl zurückgezogen. Man hört und sieht nichts mehr von ihm. So war das mit den ehemaligen Freiheitskämpfern. Der eine ging unter Menschen und wurde Winzer, der andere arbeitete undercover weiter für die Sache." (S. 183f .)

Blettenberg schreibt spannend und gut, seine Beschreibungen ferner Länder sind das Gegenteil einer Touristenkulisse, und es wäre schön, wenn seine Frauenfiguren mehr Eigenständigkeit und Intelligenz entwickeln würden. Doc, eine ehemalige Kollegin der Hauptfigur in Land der Hoffnung, wäre dafür ein Anfang.

Alle Bücher sind im Pendragon Verlag erschienen.

1 Vgl. Böhlke-Itzen, Janntje und Joachim Zeller: Eine schöne Erinnerung. Wie der deutsche Kolonialismus verherrlicht wird. In: Iz3w Nov/Dez 2006. Ausgabe 297. S. 14-17.

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