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Kultur umsonst im Internet?
Ja, aber
zu einem hohen Preis
Paolo Roversi
Übersetzung: Dieter Hartmann
Paolo Roversi ist Journalist und Schriftsteller. Er hat Blue Tango - noir
metropolitano (Stampa Alternativa, 2006) veröffentlicht,
sowie La mano sinistra del diavolo (Mursia, 2006) »Die
linke Hand des Teufels«). Er ist Gründer und Direktor
des NebbiaGialla Suzzara Noir Festival.
Im Netz findet sich bekanntermaßen alles. Auch Webseiten und
Blogs zu Literaturkritik, einige davon beschäftigen sich ausschließlich
mit Krimis. Alles gratis und mit einem Klick zugänglich. Aber
ist wirklich alles gratis, oder hat die Unentgeltlichkeit des Internets
ihren Preis?
Erlauben Sie mir, bevor ich antworte,
eine kurze Vorbemerkung. Vor ungefähr sechs Monaten habe ich
zusammen mit einigen befreundeten Schriftstellern einen blognoir
gegründet, der sich dem Krimi und
Polizeiroman widmet; Sie finden ihn unter: http://milanonera.com.
Das Projekt ist zufällig entstanden, weil wir Lust hatten, im
Netz die Rezensionen der Krimis auszutauschen, die uns am meisten gefallen
haben. Daraus hat sich eine ganze Welt eröffnet: Innerhalb kurzer
Zeit hat sich dieses Spiel fast in einen Beruf verwandelt. Ich habe
befreundete Schriftsteller, Literaturkritiker, Journalisten und Krimi-Begeisterte
hinzugewinnen können. Der Rummel darum hat den Rest besorgt. Innerhalb
kürzester Zeit ist MilanoNera ein Treffpunkt
für sehr viele Krimifans geworden: Heute sind es mehr als zehntausend
im Monat.
Unser Ansatz war: Hauptsächlich Rezensionen veröffentlichen,
denn die Menschen, die das Lesen lieben, sind nach unserer Einschätzung
immer auf der Suche nach guten Lesetipps. Das ist schon fast alles.
Unser - um beim Krimi zu bleiben - modus operandi ist einfach: Lesen,
eine Rezension schreiben, eine Einschätzung geben . Denn Bücher
kosten. Und weil nur gute Bücher es der Mühe wert sind, sie
zu lesen. Nicht notwendigerweise nur gerade neu erschienene Bücher,
sondern solche, die uns gefallen oder früher gefallen haben. Wir
suchen nicht nur unter den Neuerscheinungen (Wo steht geschrieben,
dass neue Bücher die schöneren sind?), sondern auch unter
denen aus der Vergangenheit; wir bemühen uns, der schrecklichen
Verleger-Regel, der zufolge ein Buch nach drei Monaten tot und beerdigt
ist, ihren Zauberschein zu nehmen und sie zu bekämpfen. Für
uns gilt diese Regel nicht: Ein gutes Buch bleibt immer ein gutes:
Außerdem haben wir mit einer großen Zahl von Autoren gesprochen
und Interviews geführt, so etwa mit Alfredo Colitto, Andrea Carlo
Cappi, Barbara Garlschelli, Eraldo Baldiini, Grazia Verasani, Loriano
Macchiavelli, Luca Di Fulvio, Valerio Varesi und vielen mehr.
Wahrscheinlich war es unser Glück, dass wir uns den herkömmlichen
Geschäftsmodellen der Verleger entzogen haben. Wir haben das Flachwasser
der medialen Einflüsterungen gemieden und das Diktat der Mega-Auflagen
und lärmender PR-Kampagnen ignoriert. Wir wollten vom Krimi so
erzählen, wie wir ihn sehen, in einer geradezu altmodisch gewordenen
Manier: Erst lesen und dann die Rezension. Auch die Romane der ganz
kleinen Verlage, wo man sich oft der mühsamsten und nobelsten
Arbeit des Verlagswesens widmet: dem scouting.
Dies alles hat natürlich seinen Preis: Keiner von uns erhält
irgendeine Vergütung für diese Arbeit.
Doch könnte, wie ich zu Beginn sagte, das, was als Leidenschaft
begann, sich in einen Beruf verwandeln. Eigentlich arbeitet unsere
Redaktion schon wie eine Literatur-Beilage einer Tageszeitung: Die
Verleger schicken uns die Bücher, die Büros der Zeitungen
fordern uns auf Bücher zu rezensieren, unsere Rezensionen erscheinen
gut sichtbar in der Presseschau.
Der Unterschied zwischen dem Internet
und bedrucktem Papier besteht in Folgendem: Die gleiche Dienstleistung,
die gleiche Rezension wird im Print-Sektor bezahlt, im Internet nicht.
Aus gutem Grund, werden sie sagen. Mag sein. Die Literaturkritik
des Internet hat immer den Wunsch verkörpert, sich nicht nach der offiziellen Kritik zu richten.
Im Internet kann man experimentieren, einen Stein lostreten, ohne nachher
zum Rückzieher gezwungen zu sein. Aber Bezahlung gibt es keine.
Dort liest man aus Leidenschaft und schreibt Rezensionen um mit anderen
Begeisterten in Austausch zu treten; ein wenig ist es wie eine Schatzsuche,
bei der man nichts zu verlieren, und alles zu gewinnen hat, indem man
sich mit anderen austauscht .
Die interaktive Dimension des Internet
ist sein Vorsprung: Das Vermögen
des Lesers, die Thesen des Rezensenten zu verwerfen und sich mit ihm
zu messen. Dies bedeutet eine verfeinerte und privilegierte Form des
Stille-Post-Spiels, die, wie alle berufsmäßig damit Beschäftigten
bestätigen werden, den Ausschlag für den Erfolg oder Misserfolg
eines Buches geben kann. Ein außerordentliches Marketing-Instrument
zum Nulltarif für die Verleger.
Was also tun? Ich habe keine Antwort
darauf, aber eine Befürchtung
habe ich schon: Das Internet ist frei, weil bisher noch niemand Hand
daran legen wollte. Wenn eine große Verlagsgruppe ernsthaft investieren
und massenweise Webseiten und Blogs aufkaufen würde, wie Google
es mit YouTube tat, als diese Seite anfing, Millionen von Nutzern anzuziehen,
würde sich auch im Internet jemand finden, der der Versuchung
nachgeben würde sich anzupassen .
Die Frage hier ist also klar: Ist es
besser frei und abgebrannt zu sein, oder die Taschen voll Geld zu
haben und den Leser mit den Einflüsterungen
der Presse zu überhäufen?
