krimis in Europa

Anscheinend... Hervé le Corre [n°1]

Anscheinend hat er guten Tag gesagt, als er eintrat aber niemand hat ihm geantwortet, vielleicht wegen dem Lärm der Glotze, in der gerade ein Spiel um den Pokal von Afrika wiederholt wurde. Er setzte sich an einen Tisch am Fenster, neben die Kartenspieler, die rauchten, dazu Tee tranken, laut diskutierten und manchmal laut auflachten. Es gab andere freie Tische im Raum, doch er ging direkt auf diese Ecke zu, um sich schwerfällig hinzusetzen. Er machte einen müden Eindruck, eingemummt in einen Parka, das Kinn von einem grünen Schal bedeckt, den er nicht gelöst hatte. (...)

Der 21. Juli : Was wäre gewesen, wenn die Attentäter des 20. Juli 1944 gesiegt hätten ? Christian v. Ditfurth [n°1]

Mein erster Gedanke ist, du wirst diesen Tag nicht überleben. Ich bleibe eine Weile im Bett liegen. Übelkeit steigt hoch, mit ihr der Nachgeschmack des Weinbrands. Ich bilde mir ein, mein Körper werde sich an die Trinkerei gewöhnen, aber bisher hat er es nicht getan. Und nun ist es wohl zu spät. (...)

Die Straße der sechs jungen Männer Nadine Monfils [n°3]

Caroline vergeht vor Langeweile in dem großen, zu ruhigen Haus, wo sie mit ihrer Mutter lebt, seit sie drei Jahre alt ist. Wenn man ihr von ihrem Vater erzählt, dann tut sie so, als würde sie sich nicht erinnern, doch unter ihrer Matratze hat sie das einzige Foto versteckt, das sie von ihm besitzt. Sie erinnert sich an seinen Todestag. Es war so, als wäre sie in eine Art Fallgrube gestürzt, in der das Leben nun nur noch schwarz-weiß ablief. All das, was die Mauern etwas bunter gestaltete, war verschwunden und ließ hie und da rechteckige Flecken auf dem vergilbten Papier zurück. Man konnte die Objekte unter ihrer Staubschicht nur noch erahnen. Nur das Parkett empfing manchmal Schläge von der nassen Zunge des Putzlappens. (...)

Kleine Mutter Jean-Baptiste Baronian [n°2]

Schon seit einer ganzen Weile befand sich Claudine im Shopping Center von Woluwé und konnte sich immer noch nicht entscheiden, welches Geschenk sie ihrer kleinen Mutter mitbringen sollte. In jedem Fall würde es nichts Teures sein. Um die fünfzehn Euro maximum. (...)

Hard Billard Denis Leduc [n°4]

Die Abschlussprüfungen waren vorbei, und sie langweilten sich. Alle drei. Léone, die Blonde. Anouk, die ehemalige Punkerin, deren ungekämmte Haartracht noch immer ewas von altem Trockenfutter hatte. Béatriz, die Rothaarige. Doch nur Léone gehörte wirklich zur Studentenschaft – mit der Besonderheit, dass sie bei jedem Prüfungstermin durchzufallen pflegte und mit besonderem Vertrauen in die Nachprüfung ging, die sie dann lässig nasepopelnd überstand. Neiderinnen und eine Legion abgewiesener Typen behaupteten allerdings, sie habe eher ihre „Nase im richtigen Hosenstall“. (...)

Auszug aus "Der Ceylonkompaß" Mariano Sanchez Soler [n°4]

Dort wo früher die Bergkaserne stand und wo heute die Freitreppe zum Debodtempel beginnt, schickte man mich zu einem Treffen mit mehreren Aktivisten des Arbeitersektors, das von einem Venezolaner geleitet wurde, den sie den Schwarzen nannten und der, wie man erzählte, in seinem Land bei der Guerilla gewesen war. Genau dort, auf der verlassenen Promenade, auf der ein Wind wehte, der einem bis in die Seele kroch, sagte uns der Schwarze, das Ziel der Versammlung sei, einige Überfälle vorzubereiten, um den Schuppen, der sich seit Mai in einem üblen Zustand befand, technisch etwas aufzurüsten. (...)

Hinter verschlossenen Türen André-Paul Duchâteau [n°5]

Meine Spezialität ist es, ungewöhnliche Geschichten zu erfinden. In zwanzig Jahren habe ich an die Tausend Geschichten geschrieben, Krimis und Science-Fiction, aber nie Fantasy, und zwar aus dem Grund, weil es mein kartesianisches Bestreben ist, die Rätsel, die ich aufstelle rational und logisch zu erklären und nicht fantastisch.
Ich bin ein außergewöhnliches Mitglied der Trivialliteratur, ich beschränke mich auf den gesunden Menschenverstand.
Die Mysterien der geschlossenen Gesellschaft, des verschlossenen Raums, sind für mich keine Geheimnisse mehr. Sie wissen schon, worum es sich handelt: um ein Verbrechen, das in einem hermetisch abgeschlossenen Raum stattfindet. Eines der Meisterwerke dieses Genres ist zweifellos Le mystère de la chambre jaune des unsterblichen Gaston Leroux. (...)

Schatten des Wahns: Stachelmanns dritter Fall Christian v. Ditfurth [n°5-6]

Sie traten aus dem Haus Kettengasse 25. Drei hatten sich eingehakt, einer ging vorneweg zu einem VW-Käfer, der um die Ecke im Unteren Faulen Pelz stand, an der Mauer des Gefängnisses. Über ihnen hing der Vollmond hinter Stacheldraht.
Sie sagten kein Wort. Der Mann, der eng zwischen zwei anderen ging, schien unwillig zu sein. Er drehte zwei- oder dreimal den Kopf zurück, als wollte er bleiben. Dabei fielen ihm lange braune Locken ins Gesicht, sodass er den Kopf schüttelte, um etwas sehen zu können. Es wirkte, als wollte er nein sagen. Doch er wehrte sich nicht. (...)

Tod einer Langstreckenfresserin Helga Anderle [n°6]

In der Nachkriegszeit war das Café hinter der Oper ein beliebter Treff des Schwarzhandels und der internationalen Geheimdienste gewesen. In den Jahren danach verirrten sich nur selten ausländische Touristen hierher, großteils wurde es von Einheimischen, Cello spielenden Zahnärzten, inkontinenten Hofratswitwen, wirrköpfigen Weltverbessern, Komparsen aus der Oper und pensionierten Beamten bevölkert, die sich in dem vergammelten, plüschigen Ambiente wohlfühlten. (...)

 


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