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Freitag, 06 November 2009

Guillermo Saccomanno: 77

Buenos Aires: Planeta, 2008. 280 págs. 9,68 €.

Übersetzt von Doris Wieser

77Bevor ich in Urlaub nach Mexiko geflogen bin, wohin mich Voyage, der wundervolle Roman von Sterling Hayden begleitete, hatte ich noch Zeit, den Roman 77 von Guillermo Saccomanno zu lesen, der im Juli den Dashiell Hammett Preis auf der 22. Semana Negra de Gijón gewonnen hat. Das Mindeste, was ich dazu sagen kann, ist, dass er den Preis meiner Meinung nach verdient hat. Schon viele Werke thematisierten den Horror der argentinischen Diktatur, insbesondere viele Kriminalromane, aber nur wenige rufen mit einer so beeindruckenden Kraft die Ereignisse ins Gedächtnis, außer vielleicht die Lyrik eines Juan Gelman. Saccomanno spricht nicht nur vom Terror, sondern verkörpert ihn in schaurigen Szenen, die den Wert von zeitlosen Allegorien besitzen.

Einen Monat nachdem ich das Buch gelesen habe, kann ich einige davon immer noch nicht aus meinem Gedächtnis verbannen: diese Seiten, auf denen der Erzähler dem schwulen Sohn seines Nachbarn still beim Tanzen zusieht, während er gleichzeitig am Telefon den anonymen Schreien aus einer Folterkammer der Armee zuhört; oder diese, auf denen sich eine alte Seherin nicht traut, einer Mutter von ihrem verschwundenen Sohn zu erzählen und ihr stattdessen erklärt, dass sie nicht hinter die Kapuze blicken kann; oder jene, auf denen ein Krüppel, der während eines Selbstmordversuchs einen Herzinfarkt erlitten hat, nachdem die Militärs seinen Sohn verschwinden haben lassen, immer wieder seinen Rollstuhl gegen die Wand fährt, um mit dem Kopf dagegen zu schlagen, während seine Frau im Wohnzimmer ihren Liebhaber empfängt…

Das ist aber alles noch zu kurz gefasst: Mir gelingt es nicht, die Poetik und verheerende Kraft der Bilder einzufangen, die Saccomanno konstruiert.

Aber ich kann über den Dialog sprechen, den der Roman nach meiner Auffassung mit einem anderen entfaltet, der ein ähnliches Thema behandelt, Nocturno de Chile von Roberto Bolaño. Beide Werke haben mehrere Dinge gemeinsam. Beide Male ist der Erzähler ein Literat, bei Saccomanno ein Dozent für Literatur und bei Bolaño ein Pfarrer, der gleichzeitig Literaturkritiker und Poet ist. Beide homosexuell, versuchen sie in der Diktatur zu überleben und sich eine Lebensweise zu erhalten, die sich auf Literatur und das Primat der Schönheit beruft und damit ihre Tatenlosigkeit rechtfertigt. Aber ihre Bestrebungen, sich aus dem Schmutzigen Krieg herauszuhalten, indem sie sich in einem literarischen Elfenbeinturm verschanzen, wo sie ihre politische Neutralität und die reine Schönheit vor dem Horror bewahren soll, führen sie nicht auf dieselben Pfade. Trotzdem werfen die beiden Romane die gleichen Fragen auf: Gibt es einen literarischen Weg, einen dritten Weg, der weder dem der Militärs noch dem der Revolutionäre entspricht? Kann Kunst neutral sein? Gibt es literarische Elfenbeintürme in Bürgerkriegen?

Bolaño, wie immer desillusioniert, hat die Frage kategorisch beantwortet: Die vorgebliche Neutralität der Kunst führt dazu, dass man sich den Henkern verpflichtet. Diese Vorstellung veranschaulicht die Szene in María Canales Haus, in dessen Keller während der literarischen Abende Folterungen durchgeführt werden. Und Pfarrer Urrutia unterrichtet schließlich General Pinochet und seine Gefolgsleute in Marxismus. Saccomanno ist dagegen viel uneindeutiger: Obwohl Professor Gómez offensichtlich mit den ersteren sympathisiert, treffen sich in seiner Wohnung Guerilleros und Militärs, Freunde und Geliebte; und die Liebesbriefe, die eine junge lesbische Revolutionärin dort vergisst, erschaffen schließlich einen poetischen Raum einer unveränderlichen Reinheit inmitten eines vom Horror geprägten Romans, eine literarische mise en abyme, in der Professor Gómez Zuflucht sucht und dank der er am Ende seine Erlösung findet, was im Falle von Bolaños Pfarrer nicht eintritt, da diesen seine Gewissensbisse sowie der Schatten des Autors bis zum Tod verfolgen. Saccomanno lässt seinerseits mit viel Fingerspitzengefühl die Tür für Gómez offen und löst die Frage nach dem Elfenbeinturm nicht…

Wahrscheinlich wird 77 in Frankreich bei L’Atinoir veröffentlicht werden, was mich sehr freut.
    

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Erstmals veröffentlicht auf Diez Negritos , am 23 August 2009.
Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 01 Juni 2010 )
 
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