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Danilo Arona: Lestate di Montebuio (Der Sommer von Montebuio) PDF Drucken
Geschrieben von Valentina Paggi   
Montag, 23 November 2009

Danilo Arona: L'estate di Montebuio

(dt.: Der Sommer von Montebuio)

Gargoyle, Maggio 2009. 13,50 €.


Aus dem Italienischen von Wolfram Schäfer

August 1962. Der zwölfjährige Morgan Perdinka verbringt seine Ferien in Montebuio, einem kaum bewohnten Provinznest auf dem Ligurischen Appenin. Es ist ein Sommer der Initiation, geprägt von Freundschaften, ersten Liebeserfahrungen, Fahrradspritztouren, einsamen Ausflügen und namenlosem Horror.

Ein schleichender, feiner, mitreißender und greifbarer Horror, der nach Tod und Verwesung riecht, nach unwiderruflichen Tragödien, lockenden Stimmen, nach unerwiderter Liebe, ausreichend, um den jungen Morgan von diesen Orten zu vertreiben.

Dezember 2008. Der bekannte Horrorschriftsteller Morgan Perdinka wird trotz seiner zunehmenden Berühmtheit, trotz seines Geldes und der Neid erweckenden Beziehung mit der schönen und aufreizenden Literaturagentin Cassandra Marcialis, in seiner Wohnung tot aufgefunden. Es war Selbstmord ohne erkennbare Motive.

Doch vielleicht gibt es ein Motiv und dieses muss tatsächlich, auch wegen des Funds der Leiche eines vor fünfundvierzig Jahren verschwundenen Mädchens, in Montebuio ausfindig gemacht werden, zwischen den engen Gässchen, den Einwohnern, der Sternwarte der Jesuiten, den Prozessionen der Gläubigen, die dem sonderbaren Kult der gekreuzigten Jungfrau huldigen, und innerhalb jenes alten, beunruhigenden und entlegenen Ferienlagers ...

ImageEs wäre eine grobe Vereinfachung ein derartiges Werk leichtfertig als „Roman“ zu bezeichnen. Immerhin ist dieses Buch eine Reise in die verborgensten Abgründe einer Existenz – der des Autors – aber auch eine Reise in die Schlupfwinkel allzu menschlicher Ängste und, in einer erbarmungslosen Spirale, die sich in die Unendlichkeit erstreckt, jener alltäglichen Ängste.

Horror, Initiationsweg, Bildungsroman, Metaroman, Schreibanleitung und Grimoire esoterischer Weisheit: L'estate di Montebuoi, der Höhepunkt von Danilo Aronas Poetik, ist ein weises, gotisch-modernes Pastiche, in dem sich Gattungen, Stoffe und Themen umschlingen, harmonisch vereinen und auf diese Weise einem Werk mit außergewöhnlicher narrativer Dichte Leben verleihen.

Wenn einerseits kurze, geschmackvolle Kapitel, voller Überraschungseffekte und Eigenständigkeit aus dem Buch einen hypnotisierenden page-turner machen, dem man sich unmöglich entziehen kann, so bewirken andererseits die Verweise, die Suggestionen und die vielen – auch autobiografischen – Einschübe eine Lektüre auf unterschiedlichen Ebenen.

Der Kontrolle des Autor-Aöden entzogen, der im engen Kontakt mit den Musen steht und von der gunstvollen theia mania ergriffen wird, verliert die Grenze zwischen Danilo Arona und seiner literarischen „dunklen Hälfte“ Morgan Perdinka von Seite zu Seite an Trennschärfe, wird flüchtig und unbestimmt. Es ist schwer, fast unmöglich (aber überhaupt notwendig?) herauszufinden, wo die eigenen Erinnerungen des Autors enden und wo das autonome Leben der Figur beginnt, die bereits dreidimensional und mit Eigenleben dargestellt ist. Die Romanauszüge, die Artikel, sogar die Konferenz im Anhang, allesamt der Urheberschaft Perdinkas zugeschrieben, sind frühere, teilweise bereits veröffentlichte oder autobiografische Texte Aronas, während andere Beiträge (wie diejenigen Don Guido Perdinkas oder der mächtige Roman-im-Roman Die Welle) aus mehreren Händen oder direkt von anderen Autoren stammen und auf diese Weise eine ekstatische Verdrängung beim Leser bewirken, der machtlos mit der fragilen Grenze zwischen literarischer Fiktion und Realität ringt.

Aber es gibt weitere Momente im Roman, die von dieser schmalen und unsicheren Schwelle geprägt sind: die unerbittlichen, brennenden Stunden der Mittagshitze, unbestrittenes Reich der Kinder wie auch des Demone Meridiano (Mittagsdämons), im Gegensatz zu jenen der Erwachsenen: die beängstigende und gefürchtete Stunde um drei Uhr nachts, wenn triumphierend das schreckliche Geheul der Ora del Lupo (Stunde des Wolfs) erklingt. Es sind zwei Momente des Tages, obsessiv und dichotomisch, die allerdings ihren Treffpunkt während der Sonnen- oder Mondfinsternisse haben, einem Moment, in dem die Grenzen zerbröckeln und sich vermischen, während es vor Gemeinheiten wimmelt ...

Auch die Figur Mariana, die Gekreuzigte Jungfrau, ist zwielichtig und zweideutig: eine Heilige mit herätischem Ruf, Schutzpatronin der Wöchnerinnen oder Dämonentochter? Ist sie das einzige Bollwerk, um sich vor den Zannuten (weibliche Wesen mit Stoßzähnen – Anm. des Übers.) zu schützen oder ist sie ebenfalls mit der gottlosen schwarzen Flüssigkeit, die Montebuoi von innen auffrisst, innig verbunden und von ihr durchdrungen? In diesem Buch gibt es keine dualistische Trennung von Gut und Böse: Beide leben eng miteinander verflochten und eins vom anderen durchdrungen, während sie ihre Wurzeln in die Menschen und die Materie treiben: in der Erwartung einer Apokalypse – der Welle – dem bevorstehenden Schicksal ...

Auch der Stoff Montebuoi offenbart sich hier als geschmeidig und formbar. Auf einem chemisch-alchemistischen Weg, der sich von Demokrits Atomen über Quantenphysik erstreckt, zerlegt Arona die Substanz des Universums, um sie unstet zu machen und um sie nach dem Bilde des Bösen zu formen, welches, sobald es konkret und greifbar geworden ist, diese Substanz seinerseits vergewaltigt um ihre Materie zu durchdringen und real zu werden. Übrigens entkommt auch die Zeit diesem Zersetzungsprozess nicht, da sie ihrerseits eine Dimension ist, die es gilt zu überrennen und zu besiegen, sobald die Grenzen der uns bekannten menschlichen Körperlichkeit überschritten sind.

Es gibt also ein weiteres Universum, das, anfangs unbemerkt, schließlich immer eindringlicher, gegen unseres – das bekannte und erkennbare – stößt, gärt, drückt bis schließlich die dünnen Grenzen aufgehoben werden und es zum Ausbruch in seiner ganzen metaphysischen und verheerenden Gewalt kommt. Der Ausbruch trifft den Alltag, der zu einem unsicheren und gefährlichen Terrain wird und direkt in das Freud'sche Unheimliche mündet.

Und, wie es klassisch der Fall ist, werden es Kinder sein, die vor dem Eintritt dieses Geschehens warnen. Kinder, die in ihrem ersten Taumel, mit ihrer angeborenen Neugierde, mit ihrer im jungen Alter begründeten Nähe zum Jenseits (verstanden als dasjenige, was zeitlich vor dem Sein liegt) noch eine Fähigkeit haben, die sie als Erwachsene verlieren werden: die des Sehens. Insofern stehen Kindheit und Horror miteinander in enger Wechselbeziehung und es kann keine Initiation ohne Tod geben, wenn es auch nur derjenige dieser Fähigkeit ist: Die Leiche eines kleinen Mädchens und vieler Erwachsener, die vergessen haben und nicht mehr sehen können, werden die traurige Bestätigung dieser Wechselbeziehung sein.

In diesem Sinne handelt es sich um einen Bildungsroman, aber nicht nur: Aronas gesamte Vorstellungswelt ist in diesen Seiten verdichtet, in denen Musikzitate stecken, auch Großstadtmythen, die konkret werden und dabei ihre symbolische Dimension leugnen, Anspielungen, die gleichermaßen schöpfen aus der Hoch- und Populärkultur, der Folklore, existierenden oder erdachten Riten und Mythen ...

Zahlreich sind ebenfalls die literarischen Kniffe, die allesamt peinlich genau angegeben werden. Alle stammen von Aronas Lieblingsautoren und tragen dazu bei, eine lebendige und bekannte Atmosphäre zu erzeugen. Einerseits sind da die Verweise auf Bradburys The Autumn People und The Lake, die eine Hommage an die saturnische, dunkle und grauenvolle Seite der Kindheit darstellen. Was die Verweise auf Stand by me und Kings Universum betrifft, so gilt, dass diese nicht die Absicht verfolgen, einen weiteren Bildungsroman à la King zu erschaffen, sondern auf eine bekannte und feste Vorstellungswelt anspielen, die bereits im Leser vorzufinden ist. Für den Fall, dass wirklich von King-Elementen gesprochen werden muss, würde mir als erste Verbindung diejenige zu On writing einfallen: Denn auch L'estate di Montebuoi ist eine wundervolle, größtenteils autobiografische Erklärung darüber, wie und warum man die Notwendigkeit verspürt, Schriftsteller zu werden, welchen Preis man dafür zahlt und ... ja, dem Autor gelingt teilweise sogar die Stephen King Am-Meisten-Verhasste-Frage-Überhaupt zu beantworten: „Woher nimmst du deine Ideen?“.

Während King schweigt, antwortet Arona siegreich in seinem Buch.

Jedoch ist dieses Buch vor allem eines, das Angst macht. Eine blinde, angeborene und kosmische Angst; diese in jedem von uns verborgene Angst, von der wir hoffen, dass sie niemals erwacht; diese Angst, die, ob man will oder nicht, universell, kollektiv und unveräußerlich ist.

Deshalb seien diejenigen gewarnt, die wie Schriftsteller morgens um 4:48 Uhr mit aufgerissenen Augen aus dem Schlaf fahren und dabei entsetzt aus nächtlichen Traumgespinsten auftauchen, diejenigen, die vom Wiederholungstraum wie durch eine Flutwelle verfolgt werden, die über ihnen und ihren Städten zusammen stürzt und dabei jede Hoffnung auslöscht, sie seien gewarnt: Dieses Buch ist die Welle und sie werden gnadenlos erfasst.

Letzte Aktualisierung ( Freitag, 29 Januar 2010 )
 
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