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COCO GIVREE [Durchgeknalltes Frchtchen] PDF Drucken
Geschrieben von Alain Berenboom   
Montag, 08 Februar 2010

COCO GIVREE [Durchgeknalltes Früchtchen]

Nadine Monfils 

(Belfond, Februar 2010)

Übersetzt von Sarah Florence Gabler


ImageMit Durchgeknallten kennt Nadine Monfils sich gut aus. Nicht erst seit gestern vereint sie Blutiges und Sarkasmus, bitteres Lachen und verrückte Killer und hat von Buch zu Buch eine eigene Stimme gefunden, eine seltsame und zugleich poetische Welt, die „kleine Leute“ mit wahrhaft Bekloppten zusammenführt, und dies in einem Stil, der ebenso etwas von Charles Williams’ „The Diamond Bikini“ hat als auch von der Comic-Serie „Les Pieds Nickelés“ des goldenen Zeitalters zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine ungewöhnliche Stimme in der französischen Kriminalliteratur, persönlich und wertvoll zugleich. Vielleicht sollte man sagen, dass diese Frau keine Französin sondern Belgierin ist und das ändert natürlich alles!

Denn Belgien ist die Heimat der Durchgeknallten! Belgien ist durchdrungen von den Großen der Phantastischen Literatur (Jean Ray oder der dem Symbolismus verschriebene Maeterlinck, dem einzigen belgischen Literatur-Nobelpreisträger), den Surrealisten (Scutenaire, Achille Chavée) und den Libertären (Marcel Moreau, William Cliff) und zumindest literarisch ist Belgien ein Land der marginalen Unbeugsamen, Kinder Till Eulenspiegels, dem von Charles Coster am Ende des 19. Jahrhunderts verfassten Gründerroman der belgischen Literatur.


Ebendieser Surrealismus, und genau das ist kein Zufall, steht im Mittelpunkt des neuen Romans von Nadine Monfils, oder vielmehr sein bekanntester Maler, René Magritte, der sich selbst auch als Schriftsteller verstand.


Klassischerweise fällt einem bei Magritte das Bild einer gleichsam versteinerten Welt und unwirklicher Begegnungen ein, ein Sammelsurium an Inszenierungen, Beschreibungen oder Personen in paradoxen Situationen. Doch was weniger bekannt ist: Magritte war vernarrt in Volksliteratur und Genrekino. Er hatte die Musidora aus Judex und Die Vampire des Regisseurs Louis Feuillade gemalt – ein ganz in schwarz gekleidetes Phantom (in „Die Diebin“) oder der die Stadt beherrschende Fantômas. Schaudermärchenhaftes Verbrechen und die blutigen Seiten des Feuilletons, das war es, was Magritte liebte! Man führe sich hier nur die in Form von Schuhen geschnittenen Füße in „Das rote Modell“ oder das einen blutüberströmten Vogel verzehrende Mädchen in „Das Vergnügen“ vor Augen. Der Schauer ist in seinen Werken allgegenwärtig („Les chasseurs au bord de la nuit “ [Die Jäger am Ende der Nacht], „Les jours gigantesques“ [Die gigantischen Tage], doch könnte man hier fast alle  seine Werke nennen). Nadine Monfils vollzieht somit gewissermaßen eine Rückkehr zu den Ursprüngen, indem sie das Werk Magrittes auf feuilletoneske, blutige Weise heranzieht.


In einer zwischen Bergen und einem See gelegenen Kleinstadt nahe des Domaine d’Arnheim ereignet sich eine Serie von sonderbaren Morden, wahrhaftige Inszenierungen, die mit einem makaberen Humor Bezug auf einige der bekanntesten Gemälde des berühmten Malers nehmen.

In diesem neuen Roman treffen wir erneut auf die Inspektoren Lynch und Barn, die bereits in den beiden vorherigen Kriminalromanen von Nadine Monfils – Babylone Dream und Tequila frappée – für Furore gesorgt hatten, sowie auf die Hündin Tequila, die ebenso durchgeknallt ist wie die Bekloppten, die ihr Herrchen umgeben. Die Vorgänger gehörten zu den besten Büchern der Autorin, doch mit „Coco givrée“ [Durchgeknalltes Früchtchen] schafft sie es, sowohl in der poetischen Kraft der Handlung als auch in ihrem kristallklaren Stil und ätzenden Humor, noch weiter zu gehen. Indem sie ihren Serienmörder zu einem Magritte-Fan werden lässt, gelingt ihr, eine bemerkenswerte Balance zwischen Fantasy, Horror und Humor zu finden. Ein Hoch auf die Künstlerin! Vielleicht ist dieses Buch ihr schönstes, denn Monfils schafft es, das Universum des Meisters zu nutzen, ohne es zu parodieren, um es sich anzueignen und auch weil aus diesem finster-fröhlichen Ballett eine düstere Poesie entsteigt, die von einer rhythmischen, elektrischen Sprache getragen wird, die den Leser bis zum Schluss begleitet.


Nadine MONFILS lebt in Montmartre in Paris. Sie hat rund dreißig Romane geschrieben. Nachdem sie erst bei Série Noire (u. a. „Une petite douceur meurtrière“ –Kleine, mörderische Sanftheit), Flammarion (der wunderbare Roman „Rouge fou“ – Verrücktes Rot), im Verlag Blanche in der Reihe Suite noire („Le bar crade de Kaskouille“ – Die versiffte Bar von Nervtöt, erschienen 2009) und auch im Verlag Vauvenargues (in dem die Reihe mit Kommissar Léon erschienen ist), veröffentlicht Monfils nunmehr im Verlag Belfond. Sie ist auch Theaterautorin und Filmemacherin. In ihrem ersten Spielfilm hat sie einen ihrer eigenen Romane verfilmt: „Madame Edouard“ (bereits von Magritte heimgesucht). Für „Babylone Dream“ hat sie den Preis „Polar 2007“ der Krimibuchmesse „Polar & Co“ in Cognac verliehen bekommen und den Prix littéraire des lycéens de Bourgogne 2009 für „Nickel Blues“.

 

Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 25 Februar 2010 )
 
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