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Pulp wird 50! * PDF Drucken
Dienstag, 02 Mrz 2010

Pulp JB PouyIn der Welt des Krimis sind Serienhelden nichts Besonderes. Aber wenn sich der fieberhafte und fantasievolle Jean-Bernard Pouy diese Person ausdenkt und dabei von seinen Kollegen Serge Quadruppani und Patrick Raynal unterstützt wird, entsteht etwas ganz Besonderes, dass nun schon fünfzehn Jahre andauert. Pulp wird 1995 geboren. Mit seinem wirklichen Namen Gabriel Lecouvreur, will sich diese Person, die innerhalb des französischen Roman Noir nicht außergewöhnlich ist, von seinen eher reaktionären Vorgängern abheben.

Auszug aus der „Bibel": Der Pulp ist eher libertär (im Gegensatz zu SAS, diesem oder jenem Vollstrecker), zumindest fortschrittlich, antifaschistisch. Aber er ist kein Moralprediger, oder Vertreter einer bestimmten politischen Gruppe. Sein Engagement erkennt man in der Wahl seiner Gegner und an seinem Verhalten.  Ein genaues, drastisches Leistungsprofil, ein Raster, dem die anderen Autoren folgen müssen, von denen ein jeder eine Episode schreibt, wobei sich die drei Erfinder natürlich die ersten drei Abenteuer dieses Ermittlers vorbehalten haben. Die ersten drei Bände geben den Ton an, die gesellschaftskritischen Themen begeistern die Krimileser. Lecouvreur  entscheidet sich immer nach der Lektüre eines Zeitungsartikels, dass er sich einmischen und in der Unordnung des Alltags herumstöbern muss. Es scheint, als sei er eine Art Rächer, aber die Persönlichkeit ist komplexer. Lecouvreur zögert, nicht Mythen zu zerstören, Übeltäter aus dem Weg zu räumen und Geld für sich zu behalten, auf das er hie und da stößt. In allen Episoden spielen seine Geliebte Cheryl, eine unglaubwürdige und explosive Mischung aus Pin-up, Tussi und befreiter Frau und seine Kumpels mit, insbesondere Gérard, der Besitzer des „Schweinefuß von Sankt Scolasse", wo jedes Abenteuer Gabriels beginnt, vor einem Bierchen und manchmal einem Schweinefuß. Oder Vlad, ein alter spanischer Anarchist, der seinen Freund jedes Mal mit Waffen und falschen Papieren ausstattet. Ein innovatives Projekt, ein bisschen verrückt, ein bisschen waghalsig. Erst recht, weil diese Reihe von einem neuen, noch unbekannten  Verlag herausgegeben wird: „Baleine". Doch schnell begeistern die ersten Titel Publikum und Kritik, der Erfolg stellt sich sofort ein. Die Reihe erscheint regelmäßig mit den wunderbar farblich illustrierten Einbänden von Miles Hyman. Alle möglichen Autoren beteiligen sich an der Reiserei des Kopffüßlers, einige haben sich mehr oder wenig erfolgreich geschlagen. Ein Film, eine Comic-Reihe („Céphalopode" im Verlag Six pieds sur terre) und sogar ein Bier, „La Poulpeuse", das zwar die Erfinder nicht bereichert, aber eine Hommage an diesen Helden und seine Autoren ist. Und die über 200 Titel nicht zu vergessen.

Pulp RaynalDiese Reihe ist einzigartig in der Verlagswelt in Frankreich, wie in Europa. Woher kommt die Begeisterung in einer Zeit, in der der Roman Noir nicht seine größten Erfolge feiert?

Eine Erklärung drängt sich auf. Die Helden sind müde und die Leser sind entzückt in diesen kurzen Romanen die Themen wiederzufinden, die sie selber umtreiben und nicht die versponnenen Probleme eines James Bond, immer damit beschäftigt, die Welt zu retten oder die eines weiteren depressiven Bullen oder Privatdetektivs. Man muss nicht mehr ans Ende der Welt fahren, um zu träumen, man kann auch in Charleville Mézières oder am hintersten Ende der Creuse echten Menschen begegnen, die man auch im wahren Leben trifft. Das ist kein Stoff zum träumen, aber diese Geschichten geben zu denken und unterhalten dabei. Das ist zwar auch das Credo einer Reihe exzellenter Romans Noirs, aber das Format, die Wortspiele (manchmal unheilvoll, aber immer witzig), die Titel und vor allem der Preis ziehen Leser an, die sich vielleicht schon vom Krimi abgewandt haben. Eine andere Erklärung vom Erfinder der Reihe: „Zur Zeit der großen Auflagen, wurde die Série Noire zu einer wirklich populären Reihe, weil die Bände im Zug gelesen wurden, in drei Stunden, zwischen Paris und Limoges, von Soldaten wie Generaldirektoren! Diesen Geist wollen wir wiederfinden. Weil wir bei der Lektüre von Fachzeitschriften feststellen, dass alle Vidocq und Arsène Lupin vermissen."  Als unermüdlicher Vertreter der Populärliteratur, hat sich Jean-Bernard Pouy nicht getäuscht. Ein beachtlicher Erfolg, der so weit geht, dass andere Reihen in der Art entstehen, mehr oder weniger erfolgreich, insbesondere eine Krimireihe für Jugendliche, geleitet von Franck Pavloff „Le Furet enquête" (Spürnase ermittelt).

Pulp Prudon2010 wird der Pulp nun 50 Jahre alt. Das einzige Detail, das vielleicht gegen die Realität verstößt, ist, dass er eigentlich nicht wirklich älter geworden ist, man wohnt fast einem Lifting bei dank einer neuen Generation von Schriftstellern, die ohne von der sakrosankten Bibel abzuweichen, sich viele willkommene Übertretungen dieses Genres erlauben. Bei den neuen Titeln - nach einer Pause wegen Ärger beim Verlag Baleine - bekam Gabriel sicherlich ein paar Falten hinzu und leidet an anderen Zipperlein, aber er ist immer noch so schneidig und prompt, wenn es darum geht, einem Freund zu helfen oder einer launischen Dame in Not. Mit aktuellen Themen wie den neuen Technologien oder der nachhaltigen Entwicklung. Aber diese Autoren vergessen dabei nicht das Wichtigste, unser Held empört sich und uns weiter über die großen gesellschaftlichen Probleme, die sich im 21. Jahrhundert wenig verändert haben. Ein subaquatisches Tier, ein wenig nesselnd, das mit Gutmütigkeit und beißendem Humor uns dabei hilft unser anästhesiertes Bewusstsein aufzurütteln. Besser ein wirbelloser  Subversiver als ein wiederkäuendes Säugetier!


 * Damit hatten seine Erfinder nicht gerechnet, die auf dem Klappentext schrieben: Im Jahr 2000 wird Pulp 40 ...

Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 19 Mai 2010 )
 
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