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Domingo Villar: Strand der Ertrunkenen PDF Drucken
Geschrieben von Juan Pedro Rodrguez-Ledesma   
Freitag, 19 Mrz 2010

Domingo Villar: Strand der Ertrunkenen

Zürich: Unionsverlag metro, 2010. 477 S. 19,90 €.

Aus dem Spanischen von Doris Wieser

ImageDomingo Villar zeigt in seinem neusten Roman, Strand der Ertrunkenen (zum Vorabdruck), die ungewöhnliche Gabe, uns sowohl durch die Sprache als auch den Plot in seinen Bann zu ziehen, und dies beinahe ohne dass wir es merken und ohne den kleinsten Anflug von Arroganz. Eigentlich handelt es sich dabei um einen typischen Kriminalroman, in dem die Protagonisten ein typischer Ermittler der Polizei, Leo Caldas, und sein typischer Assistent, Rafael Estévez, sind. Jedoch enden - oder beginnen - damit die Merkmale des Genres auch schon, denn der Autor würzt die Erzählung mit diversen Zutaten, die den Roman heiter und interessant machen und ein unheimlich nahes Mitverfolgen der Handlung ermöglichen: Dazu gehört erstens das galicische Setting einiger Geschehnisse, die sich unmissverständlich in Vigo oder den galicischen Rias in der Umgebung mit ihrem schnell umschlagenden Wetter, das charakteristisch für diese Region Spaniens ist, zutragen.

Villar ist ein Galicier, der seine Heimat liebt und daher in seinen Romanen die Atmosphäre, die Sprache, Gepflogenheiten und Gastronomie und sogar den widersprüchlichen - oder besser zwiespältigen - Charakter der Leute beschreibt. Auch die etwas melancholische und "distanzierte" Ironie gehört zu diesen Merkmalen, was an Leo Caldas Charakter deutlich wird, einem völlig unkonventionellen Polizeikommissar, der sich eine Zigarette nach der anderen anzündet und etwas unsicher und ziemlich wortkarg auftritt. Diese Wesenszüge stellt der Autor geschickt in Kontrast zu denen seines aragonesischen Helfers, Rafael Estévez, der die Feinheiten der galicischen Seele nicht verstehen kann und häufig an impulsiven Wutausbrüchen leidet. Aber zum Stammpersonal der beiden bisher erschienenen Kriminalromane gehören noch mehr Personen, die in ihrem Umfeld stets auftauchen und dank des nüchternen Duktus des Autors ungewöhnlich real wirken.

Spanien, das "Spanische" oder die Gegensätze zwischen den Sprachen und Autonomen Regionen ist nicht das einzige Thema Domingo Villars, der so galicisch ist, dass er auf unsere Frage scheinbar mit einer anderen Frage antwortet: Was bedeuten die Überschriften der verschiedenen Kapitel? Auf den ersten Blick wirken sie wie Wörterbuchdefinitionen, die abgesehen von ihrer Exaktheit auch Verwendungen des jeweiligen Begriffs angeben, die über die wörtliche Bedeutung hinaus ins Metaphorische, Psychologische und Abstrakte gehen, sowie in den lokalen Gebrauch. Außerdem hat das jeweilige Wort immer etwas mit dem dazugehörigen Kapitel zu tun, denn es kommt an einer Schlüsselstelle des Textes vor und beschreibt eine Haltung, einen Umstand oder ein Gefühl. Damit scheint uns der Autor die schier unendliche Vielfalt der Sprache vor Augen zu führen und ihre Fähigkeit, die Wirklichkeit jeder beliebigen Auslegungsart zu unterwerfen, wie es auch der Kriminalroman tut. [1]

Der erste, deutlich kürzere Kriminalroman Domingo Villars, Wasserblaue Augen (Unionsverlag metro, 2008), weist diese Merkmale bereits auf, leidet aber noch ein einigen Schwachstellen, wie der übertriebenen Zurschaustellung des schrecklichen Verbrechens und dem vergleichsweise simplen Plot, der es uns fast erlaubt, den Täter (die Täterin) am Ende selbst zu identifizieren. Anders verhält es sich mit dem Roman Strand der Ertrunkenen, der 2009 in Spanien, ebenfalls bei Siruela, und 2010 in deutscher Übersetzung beim Unionsverlag erschienen ist. Der Roman dringt tief in die galicische Landschaft ein und sticht mit seinen Personen in die See, die zur großen, mythischen Protagonistin des Volkes wird, wobei er die Fäden der Handlung so gut verknüpft, dass der Leser bis zum Ende keinen Verdacht schöpft, wer der tatsächliche Täter ist. Zweifellos sollte dies eine der wichtigsten Funktionen eines guten Kriminalromans sein: den Leser zu unterhalten und dabei gleichzeitig, in wohldosierter Menge und mit den Zutaten einer guten Küche, eine unaufdringliche Gesellschaftskritik, eine leichte Ironie, eine sehnsüchtige Liebe, einen sicheren Zufluchtsort für die Leiden des wahren Gefühls und zu guter Letzt einen felsenfesten Glauben an die Erhellung der Wahrheit durchblicken zu lassen.

[1] In der deutschen Übersetzung wurden diese Überschriften auf das jeweilige Wort reduziert.

Letzte Aktualisierung ( Montag, 12 April 2010 )
 
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