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Quais du polar- Lyon 2010 PDF Drucken
Sonntag, 21 März 2010

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Übersetzerin: Ursula Bachhausen 

Bereits zum sechsten Mal findet in diesem Jahr in Lyon das Krimi-Festival „Quais dupolar“ statt. Infolge des großen Besucherzuspruchs mit mehr als 30.000 Interessierten im Jahr 2009 erobert die Veranstaltung in diesem Jahr mit einem attraktiven, selbstverständlich durchweg Noir-geprägten Programm neue Bereiche des kulturellen Lebens. Von Monatsbeginn an haben die Einwohner der drittgrößten Stadt Frankreichs, ganz gleich ob sie zu den Liebhabern dieses literarischen Genres gehören oder nicht, die Qual der Wahl zwischen Kino- und Theateraufführungen sowie einer Vielzahl weiterer Veranstaltungen. Ein deutlicher Beleg dafür,welchen Niederschlag die Kriminalliteratur auch in anderen Kunstformen finden kann. Darüber hinaus locken interessante Ausstellungen, wie z. B. „Empreintes d’Edmond Locard“ [dt.: Edmond Locards Spuren]: Der Gerichtsmediziner Locard war im Jahr 1910 Begründer des ersten modernen kriminaltechnischen Labors … Das 100-jährige Jubiläum nehmen die Städtischen Archive von Lyon zum Anlass für eine Hommage anden Gründer Locard.

Mit Treffen und originellen Ideen wie Stadtrallyes, bei denen eine Krimihandlung raffiniert mit der Stadtgeschichte verknüpft wird, breitet sich das Festival über mehrere Viertel der Stadt des Lichtes aus. So etwa bei „Enquête à Croix Rousse“ [dt.: Untersuchung in Croix Rousse]: Gesucht wird hier der Dieb eines Lochkartons, der Vorlage zur Herstellung der berühmten Seidenstoffe. Die Lösung des Rätsels finden die Teilnehmer bei einer Entdeckungstour durch die Straßen des berühmten Viertels.

Zwei Beispiele, die belegen, dass die Organisatoren ausdrücklich nicht allein Signierstunden mit Autoren aus aller Herren Länder veranstalten wollen, sondern mit einer Vielzahl von Aktivitäten auf die Bevölkerung zugehen. Ein Publikum, das unter Umständen weniger Interesse am Besuch von Lesungen oder literarischen Cafés hat, das zögern (womöglich gar fürchten?) würde, einem Autor zu begegnen, wird auf die Art deutlich eher geneigt sein, den Palais du Commerce zu besuchen, in dem ab Freitag, den 10. April, mehr als fünfzig Literaturschaffende zu Gast waren: Ein buntes, abwechslungsreiches Programm mit Stars des Genres wie Don Winslow oder Larry Beinhart, aber auch mit Newcomern wie der Französin Ingrid Astier, dem Amerikaner Ron Rash oder dem Isländer Stephán Máni..

Hoch im Kurs standen in diesem Jahr Russland und Südafrika. Zwei Länder, deren Beiträge in der Geschichte des Genres noch jung sind, wobei eine Erklärung für die geringe Zahl der veröffentlichen und vor allem übersetzten Krimis sicher in den ehemaligen politischen Regimes beider Staaten zu suchen ist. Einer der Gastautoren ist Vladimir Kozlov, der soeben sein Debüt vorgelegt hat: „Racailles“ (Editions Moisson rouge) [dt.: Abschaum, auf Deutsch bislang nicht veröffentlicht]: Messerscharf seziert die Chronik das Leben der Vorstadtjugend in den Zeiten der Perestroïka. Vor dem Hintergrund einer im Wandel begriffenen Sowjetunion, die man in aller Welt bald darauf wieder Russland nennen wird, porträtiert der Roman eine Reihe Teenager aus einer Vorstadtsiedlung, in deren Leben es keinen anderen Horizont gibt als die schmutzigen Mauern ihres Wohnblocks. Der Afrikaner Deon Meyer, der bereits zum zweiten Mal Gast beim „Quais du Polar“ ist, erlaubt den Lesern, nach eigenem Bekunden, sein Land nach der Apartheid zu entdecken, ein Land, in dem Versöhnung tatsächlich nicht so einfach ist, wie gesagt wurde, in dem Elend und Gewalt allgegenwärtig sind.

Im Laufe des Wochenendes bieten zahlreiche Lesungen die Gelegenheit, die Welt der verschiedenen Gäste besser kennenzulernen. Europolar, zum ersten Mal Partner der Veranstaltung, wird einen deutschen Autor präsentieren: Volker Kutscher..

In Deutschland hat der Historiker und Journalist Kutscher bereits drei Romane veröffentlicht. Im April erscheint bei Seuil Policiers mit „Le Poisson mouillé“ („Der nasse Fisch“) die erste französische Übersetzung. Nasse Fische stehen in Deutschland stellvertretend für nicht geklärte Fälle. Der Roman spielt in der Weimarer Republik im Jahr 1929, am Vorabend eines blutigen 1. Mai, dessen Demonstrationen die Anhänger des künftigen Nazi-Regimes in ihren Dienst stellen wollen. Die Bevölkerung soll in Angst und Schrecken versetzt und auf diese Weise von der Notwendigkeit einer Politik überzeugt werden, die die öffentliche Sicherheit garantiert. Inmitten dieser Unruhen gibt der erst seit Kurzem in Berlin wohnende Kommissar Gereon Rath seinen Einstand bei der Sitte. Insgeheim untersucht er jedoch den verdächtigen Mord an einem aus dem Kanal geborgenen Mann. Rath ist der Einzige, der ihn erkennt, er war ihm in der Nacht kurz zuvor begegnet …

Wenn aus diesem Mord kein „nasser Fisch“ wird, dann kann Rath vielleicht zurück zur Kripo, von der er nach einem „Übergriff“, wie man heute wohl sagen würde, versetzt wurde. Und was er entdeckt, überzeugt ihn endgültig davon, mit seinen Nachforschungen fortzufahren..

Die vom Autor gewählte Zeit macht aus dem klassisch erzählten Krimi einen Roman Noir. Die besondere Kraft des Buches liegt in der sorgfältigen Rekonstruktion eines Schlüsselmomentes der deutschen Geschichte, in den kleinen Details, der Atmosphäre, den verschiedenen Gedankenströmungen der Deutschen jedweder sozialen Stellung.

Dies ist bloß ein Beispiel für die zahllosen Facetten der Kriminalliteratur, die anlässlich des sechsten „Quais du polar“ am 9., 10. und 11. April in Lyon zu entdecken waren.

Informationen und Programm unter www.quaisdupolar.com/
Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 30 Mai 2010 )
 
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