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04-08-2010

Was kostet Berlin? Ein russisches Sommermärchen

 „Im Angesicht des Verbrechens." Der Zehnteiler von Dominik Graf.

Deutschland 2010, 10 Folgen à 50 Minuten, Berlinale 2010, Arte/ARD ab 27. April 2010


ImageAlexander Puschkin, der Begründer der modernen russischen Literatur, behauptete, dass der russische Sommer aufgrund seiner Kürze und Intensität den idealen Hintergrund für spannende Plots liefere. Der deutsche Regisseur Dominik Graf hat sich diese Lebensweisheit zu Eigen gemacht und ein russisches Märchen während eines Berliner Sommers erzählt.

Seit „Eastern Promises" (Tödliche Versprechen) von David Cronenberg aus dem Jahr 2007 hat die Russenmafia die müden Italiener auch im Kino abgelöst. Eine Fernsehserie, die auf einem der drei wichtigsten Filmfestivals uraufgeführt wird, so rasant und spannend daherkommt und mit den Sehgewohnheiten der Zuschauer bricht, wird nicht zu Unrecht auf der Homepage „deutsche-tv serien" als „zu schwer zu verfolgen" und zu komplex für das gewöhnliche Fernsehpublikum und Tatortfans eingestuft. Sieben Erzählstränge, 30 Hauptdarsteller und 140 Sprechrollen. Eine Folge besteht aus 80 bis 90 Szenen, doppelt so viele wie in anderen 45-Minuten-Serien. Die Schnittfrequenz entspricht der eines abendfüllenden Spielfilms, auf halb so wenig Zeit.

ImageDabei erlaubt das Format der Serie Graf eine epische Breite, die das Kino so nicht gestattet hätte (selbst wenn Coppola seinen Paten zu einer ähnlich langen Trilogie aufgebläht hat). Sucht man Vergleiche, bietet sich nicht das Kino, sondern der französische roman-feuilleton mit seinen hypertroph wuchernden Handlungssträngen und wechselnden Schauplätzen an: Liebe und Verbrechen, Sex und Gewalt zwischen der Ukraine, Weißrussland und im Zentrum immer Berlin. Es wäre falsch, dieser Serie Realismus zu unterstellen, sie ist ein hartes Märchen, das einem fast wieder mit dem Fernsehen versöhnen könnte, aber nur, wenn sie weitergedreht wird, denn wie im roman-feuilleton bleiben viele Handlungsstränge unabgeschlossen und bieten reichlich Anknüpfungspunkte für Fortsetzungen.

ImageDer Märchenerzähler ist Onkel Sascha, ein weiser alter jüdischer Mann aus Odessa, der nun Schuster ist, aber ein großer Gauner war und mit diesem Milieu noch Ansprüche verbindet und Politik macht, die darin besteht, dass sich auch die Mafia an Regeln zu halten hat wie die Demokratie.

Berlin wird zur kosmopolitischen Drehscheibe, das Verbrechen bekommt eine Geschichte: den Fall der Mauer. Die beiden Hauptpolizisten des Films kommen beide aus postsozialistischen Staaten: Marek aus Lettland und Sven aus der DDR, Marek kommt dazu noch aus einer jüdischen traditionsbewussten Familie. Seine an Romy Schneider erinnernde traumhafte Schwester Stella hat den Mafiosi Mischa geheiratet. Die Krise beider Beziehungen, der Bruder-Schwester-Liebe und der nachlassenden und wiederaufflammenden Leidenschaft Stellas für ihren Mann stehen im Zentrum des Films. Die große wie die kleine Geschichte bestimmen die Serie, Mareks und Stellas Bruder Grischa wurde vor Jahren ermordet als er ins illegale Zigarettengeschäft -die Hauptaktivität der Mafiosi - eingestiegen war. Marek ist nicht zuletzt deshalb Polizist geworden, weil er diesen Mord aufklären möchte. Fast zufällig trifft er auf Sokolov, den Mörder seines Bruders, der in Mischas Geschäfte verwickelt ist, verfolgt ihn während der 10 Folgen und steht ihm am Schluss in einem Show-down gegenüber, wie einst Grischa.

Die Eingangsszene des Films zeigt eine schwimmende Fee, die ihren zukünftigen Geliebten - den Polizisten Marek - im Wasser gespiegelt sieht, dies sagte ihr die ukrainische Großmutter voraus. Doch bevor sie auf Marek trifft, wird Jelena zur Zwangsprostituierten mit ihrer Freundin Svetlana, die sie überredet ins paradiesische Berlin mitzukommen. Die Darstellung der Zwangsprostitution ist eine der wenigen Schwachstellen des Films, denn sie ist allzu weichgespült und die Frauen kommen fast unbeschädigt wieder heraus. Aber man sollte nicht vergessen, dass es sich dabei nur um ein Märchen handelt. Realismusträchtig und materialistisch wird der Plot in der detaillierten Darstellung der illegalen Zigarettenproduktion und ihrer Umstände. Der dicke Lenz, Spediteur und Strohmann der Mafia für die Zigarettenfabrik, ein ganz böser und widerlicher Kerl, wird großartig interpretiert von Bernd Stegemann, wie auch die meisten der 30 Hauptdarsteller toll besetzt sind. Außer den zwei Hauptfiguren bei der Polizei, Marek Gorsky und Sven Lottner, gibt es noch die anderen Polizisten des Abschnitt 6 des LKA, die korrupten Dummköpfe, die mit der Mafia zusammenarbeiten. Letztere bekriegt sich untereinander, was auch Onkel Sascha nicht verhindern kann. Der geschmeidige Mischa, der nur noch verhandeln und nicht mehr selbst schießen will, bekommt Konkurrenz vom brutalen Andrej, der ihn hintergeht und ermorden lässt. Die Dialoge der beiden eleganten Mafiosi sind erste Sahne, spannender als alle Actionszenen der Serie. Auch der paranoide Killer Joska mit seinem Kampfhund Stalin ist ein Zitat der Filmgeschichte, das auf Russisch seine ganz eigene Note bekommt und den Zuschauern lange in Erinnerung bleiben wird.

Während Jelena dank der Intervention von Onkel Sascha aus der Prostitution herauskommt und eine Beziehung mit Marek beginnt, emanzipiert sich Stella von ihrer Rolle als Restaurantbesitzerin und unwissende Ehefrau und nähert sich gleichzeitig ihrem Mann Mischa wieder an, der ihr seine Geschäfte offenlegt und rote Rosen zu ihrem Geburtstag regnen lässt. Mischas Tod eröffnet Stellas Karriere als Mafia-Geschäftsfrau, die Konfrontation mit ihrem Bruder und dem Konkurrenten Andrej bietet ausreichend Stoff für eine Fortsetzung. Hoffentlich hat der WDR den Mut und eine Produktionsfirma das Geld, es zu wagen. Jedenfalls war die Einschaltquote bei Arte doppelt so hoch wie sonst, wenn auch nur bei 2,2 Prozent.

Dernire mise jour : ( 15-10-2010 )
 
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