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11-11-2010

Patrick Rotman: Die Seele in der Faust

Assoziation A Noir, 214 Seiten

 

ImagePatrick Rotman, ein in Frankreich bekannter Regisseur von Dokumentar- und Spielfilmen, wechselt mit "Die Seele in der Faust" in ein neues Medium - nicht, ohne das alte mitzunehmen. Sein erster Roman wird erzählt aus der Perspektive eines Filmemachers, der die Geschichte der FTP-MOI verfilmen will: einer kleinen Widerstandsgruppe in Frankreich, die bewaffnet gegen die nationalsozialistische Besatzung kämpfte. Als militärischer Arm einer internationalistischen Untergruppe der Kommunistischen Partei entstand die FTP-MOI 1943 in Paris.

Rotmans Krimi folgt dem Schicksal einer kleinen Gruppe Jugendlicher, polnischer Juden, die in den 1930er Jahren nach Frankreich eingewandert sind und sich dort in Arbeitervereinen politisieren. Sascha, Éva, Jules und Olga sind unzertrennlich - bis zum Beginn der Deportationen, die auch ihre Familien auseinander reißen. Sascha, Olga und Jules entscheiden sich, zu kämpfen und ihren sicheren Tod selbst zu wählen...

  Auf den Spuren Saschas trifft der Regisseur dessen jüngeren Bruder Paul, der ihn ebenso an Serge, einen der führenden Kommunisten im Widerstand, wie an den ehemaligen Polizisten Rodier verweist, der die Verfolgung der französischen Juden aktiv mit organisiert hat. Sascha ist verschwunden, und Rotmans namenloser Protagonist und Alter Ego versucht, seinen Tod aufzuklären: nur so kann er seinen Film über die jungen Résistance-Kämpfer beenden. Aber die Realität ist widersprüchlich, und nicht nur Saschas Freundin Èva wird zur Verräterin, als Rodier sie mit dem Leben ihrer Eltern erpresst...

  Aus den Treffen des Ich-Erzählers mit diversen Zeitzeugen, aus Drehbuchausschnitten und Filmszenen, aber auch aus Beschattungsberichten der Renseignements Généraux, des französischen Geheimdienstes, setzt Rotman ein Bild der Geschehnisse zusammen, das die Extremsituation der Jugendlichen im Untergrund greifbar macht. Der Aufwand der Planungen, die von den Führungskadern verordnete straffe Disziplin, ausgeklügelte Vorsichtsmaßnahmen: die ständige Gefahr wird minutiös nachgezeichnet. Obwohl der Aufbau des Romans zunächst vertraut wirkt - ein gewohntes Schema aus zwei Erzählebenen, der Gegenwart und Rückblenden in die Vergangenheit - erzeugt Rotman durch die Genauigkeit seiner Schilderungen, deren Wahrheit und Authentizität trotzdem immer wieder durch alternierende Versionen der Ereignisse in Frage gestellt werden, ein eigentümliches Spannungsfeld aus erlebter Geschichte und Geschichtstheorie. Denn die grundlegende Frage, die sich dem hier ermittelnden Regisseur stellt, betrifft letztlich die Darstellung und Vermittelbarkeit historischer Ereignisse.

  Ein ärgerlicher Bruch mit Rotmans sonst sehr genauem und differenzierendem Blick ist allerdings in der Schilderung der Charaktere von Sascha und Éva angelegt: Sascha, der als junger Mann ums Leben kommt, verblasst als Idealbild neben den als gerissen und widersprüchlich gezeichneten Figuren Rodier und Serge. In der Figur der Éva hingegen wird ein Weiblichkeitsbild manifest, das an Stereotypen kaum zu übertreffen ist und keinen Spielraum lässt für eine ausbalancierte Schilderung der verzweifelten Situation, in der sich die junge Frau nach der Lagerinternierung ihrer Eltern befindet. 

  Insgesamt ist "Die Seele in der Faust" jedoch ein vielschichtiger Kriminalroman, der neben einer spannenden Handlung einen wahren Crashkurs über den Widerstand im Paris der Besatzungszeit beinhaltet und in diesem Zusammenhang z. B. auch die unverzichtbare Rolle der französischen Polizei im Prozess der Deportationen bloßstellt. Zugleich übt Rotman jedoch auch eine scharfe Kritik am Stalinismus, dessen Säuberungslogik bis in den antifaschistischen Widerstand im Ausland reicht. Aufgrund des informativen und geradezu bewegenden Nachworts der Herausgeberin und Übersetzerin Elfriede Müller werden diese historischen Hintergründe des Romans auch für deutsche Leser leicht nachvollziehbar.

  Darüber hinaus liefert Rotman nicht zuletzt eine Neuinterpretation des Detektivs als Historiker und lotet die Grenzen und Möglichkeiten beider Herangehensweisen aus, wenn es darum geht, vergangene Ereignisse in ihrer „Wahrheit" zu erfassen.

Dernire mise jour : ( 28-11-2010 )
 
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