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Dienstag, 26 April 2011

Une étude en sang et or 

Eine Etüde in Blut und Gold

Aus dem Französischen Von Kerstin Schoof  

la reine de Ponoma KemNunnKem Nunn ist ein Autor weniger, aber umso wertvollerer Krimis: in seinen insgesamt fünf Romanen beschreibt er auf sehr unterschiedliche Weise das scheinbar unbedeutende Leben derer, die sich am Rande des Kaliforniens der Träume befinden  voller Nostalgie für das, was war und nicht mehr sein wird.

Der Held des Romans «Pomona Queen» (Pocket Books, 1992) lebt alt und abgeschieden das «Klagelied» der vergangenen Pracht inmitten des an Gemüsefarmen reichen Pomona Valleys, dem Ort seiner Ahnen. In dieser umweltverschmutzten Hölle, ausgeliefert an Fertighäuser, Nebel und Straßengangs, kommt das Heil vielleicht in Form der Sängerin der Band «Ponoma Queen» daher, die in einer großartig beschriebenen, heruntergekommenen Kneipe spielt.

In «Surf City» (französische Ausgabe: Edition Gallimard, 2003 / Sonatine, 2011) lässt ein Jugendlicher aus Arizona den Kontinent und die bösen Jungs auf ihren Motorrädern zurück, um die Wellen des Pazifiks zu reiten. Abgesehen von der etwas überstrapazierten Symbolik des guten Ozeans und der Finsternis des Festlandes verfügt der Roman über fesselnde Charaktere, deren Ambivalenz ihrem Charme keinerlei Abbruch tut, sowie über eine ebenso fesselnde Handlung, die ständig Hochspannung erzeugt. 

«Tijuana Straits» (No Exit Press, 2005) führt den Leser nach Mexiko: der Roman thematisiert die Grenze zwischen dem Norden und Süden des Rio Grande, in der Terminologie des Westerns gesprochen. Aber die Grenzzone zwischen beiden Ländern ist hier nicht mehr ein verlockender Raum voller Mysterien, die nur auf ihre Erkundung durch die Gringos warten. Es ist ein rabiater, naher Ort – bis zur Zerstörung beschädigt durch menschliches Handeln, durch Umweltverschmutzung und Gewalt.

An anderer Stelle führt der Autor den Begriff der Apokalypse bereits in der ersten Zeile des Romans ein. Aber es wäre falsch zu glauben, die Anklage gegenüber der unerträglichen Situation an der mexikanischen Grenze bilde das zentrale Element dieses Romans. Es ist stattdessen die private Reise zweier Charaktere, die den Hintergrund der Geschichte einer Erlösung konstituiert. Zumindest für Samuel Fahey. Dieser frühere Profi-Surfer – «die Möwe Sam» genannt aufgrund seiner ungewöhnlichen Armhaltung, wenn er den Wellen trotzte – hat einen tiefen Fall in seiner Jugend erlebt: wegen Drogenhandel verurteilt, verbringt er zwei Jahre im Gefängnis und erholt er sich seitdem nur langsam. So lebt er in Nostalgie für die riesigen Wellen, die sich im Delta des Tijuana Rivers formieren können, und in der Erinnerung an einen gehassten Vater, der illegale Einwanderer auslieferte und ihm als einziges Erbe eine Wurmzucht an der Grenze hinterließ.

Sein Leben in der Gegenwart ist bedrückend, nur zu ertragen mit Bier und Tabletten, während die Arbeit ihn abstumpft. Bis er Magdalena Rivera rettet, eine junge Mexikanerin aus Tijuana mit einer verheerenden Kindheit, die von einer Truppe Ganoven verfolgt und zugerichtet wurde. Sam pflegt und beschützt die junge Frau, die ihm von ihrem Kampf gegen die Konzerne erzählt, die ihr Dorf geplündert haben, und von ihrem Kampf für die Würde der Frauen, die Opfer des Machismo und leichte Beute einer entfesselten kapitalistischen Ausbeutung sind. Natürlich beginnt ein zartes Gefühl, beide zu vereinen; gemeinsam erwehren sie sich der zwielichtigen Killer, die auf Magdalena gehetzt werden – an den verschmutzten Ufern, im Schlick und Pesthauch des Tijuana.

Über das Ende des Romans, das der Intention des Autors nachgibt, einen Ausschnitt der Komplexität des Lebens ohne jede Manieriertheiten zu erzählen, soll hier geschwiegen werden. Wie immer bei Nunn findet man dieses Universum aus Schwärze,  Blut und Gold, hier vielleicht etwas akzentuierter als sonst. Sein Schreibstil reflektiert die Wahrnehmung einer eigenen Welt all jener, die sich in den physischen Extremen von Sport oder Drogen aufgerieben haben. Man begegnet der eindringlichen Schilderung besonders unheimlicher, heruntergekommener geographischer Zonen (z. B. die Beschreibung der Colonia Cartolandia, in den USA auch Cartoland genannt), aber auch geschützten Orten, die wie ein Refugium außerhalb der Welt liegen. So wie ein Tal auf der nordamerikanischen Seite der Grenze, «Garage Door Tijuana» genannt, wo die Indianer aus Oaxaca – die Oaxaqueños – von Rodeos leben : ein Schlaraffenland, das mich an den Zufluchtsort der Helden aus dem Film «The Getaway» von Sam Peckinpah (nach dem Roman von Jim Thompson) erinnert. Bleiben noch die malerischen Beschreibungen von psychedelisch gefärbten Himmeln und eine gewisse kirchliche Atmosphäre: wie dieses rote Trägerkleid, das Magdalena auf dem Ball trägt – ein fast sakrales Bild der Frau, die von ihren Jägern Madonna genannt wird. Auch die Banditen selbst, die sie verfolgen, sind nahezu fantastische Gestalten: Hybriden, die aus der Umweltverschmutzung hervorgegangen sind. Man sollte daher dem Vergnügen dieser Lektüre nicht aus dem Weg gehen.

Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 04 Mai 2011 )
 
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