Christine Lehmann: Malefizkrott.
Adriane
Kriminalroman 1185. Hamburg 2011. 318 Seiten. 11 Euro
Malefizkrott
ist der erste von inzwischen neun Lisa Nerz Romanen,
den ich gelesen habe und dabei bin ich
auf eine Hommage an das Buch an sich gestoßen. Die als provokant gelobte queere
Serienheldin ist eine ordentliche schwäbische Handwerkerin, die, weil sie alles
genau wissen will, sich nicht davon abhalten lässt, hinter die Kulissen zu
schauen, auch und gerade wenn es sich beim Buchmarkt nicht gerade um ihr
Fachgebiet handelt. Dadurch wird Malefizkrott
zu einem Bildungsroman über den Verkauf, das Schreiben und die Herstellung
von Büchern, über die Veränderung einer Branche, in der nur die überleben
können, die auch bereit sind Esoterik und Socken zu verkaufen.
Der Plot handelt von einer Jungautorin, die
über Sexfantasien schreibt, die sie selbst kaum erlebt haben kann. Nicht nur
deshalb wird sie des Plagiats bezichtigt und erhält Drohmails. Als
Buchhandlungen anfangen zu brennen, in denen die Schriftstellerin Lesungen
hält, beginnt Lisa Nerz in der Vergangenheit der Familie der Autorin und der
diversen Buchhandlungen zu forschen. Dabei stößt sie auf den Mord an Benno
Ohnesorg, den SDS, die Gründung der RAF und die Geschichte des linken
Buchhandels der siebziger und achtziger Jahre.
Seit Stuttgart
21 wird das Schwabenland wieder mit Widerstand und Ungehorsam in Verbindung
gebracht. Anscheinend sind nicht alle aufrechten Einwohner/innen nach Freiburg
oder Berlin abgewandert. In Lehmanns neuestem Krimi wird deutlich, dass es in
Stuttgart eine linke Tradition gibt, die, wie kann es auch anders sein, mit
Buchläden als Orten des Zusammenfindens zu tun hat. Nun sind diese Orte aber
bedroht, wie der Laden von Durs Ursprung, einem Fossil, bei dem sich schon
Marcuse, Habermas und Böll eingefunden hatten. Dort taucht ein Buch auf, dessen
unscheinbarer Buchdeckel nicht nur ein Einschussloch aufweist, sondern das auch
die Gründungserklärung der RAF enthält. Mit ihrem Spürsinn krieg Lisa Nerz
heraus, dass dieses Buch der Schlüssel zur Auflösung zweier Morde und der Anschläge auf diverse
Buchhandlungen ist.
Das Ganze wird von einer rührenden Sorge um
die aussterbenden Leser getragen, um die Erhaltung guter Buchhandlungen, die
von schlechten Ketten und dem allgemeinen Verwertungsdruck verdrängt werden:
„Und deshalb muss eine Buchhandlung die Bücher im Regal stehen haben, die man
entdecken kann, nach denen man aber nie verlangen würde. Das ist der
Unterschied zwischen Wirtschaft und Kultur. Eigentlich müsste man
Buchhandlungen subventionieren."
Der Krimi handelt aber nicht nur von Büchern,
sondern auch von politischen Ideen und Menschen, die diese umsetzen. Neben der
Geschichte der Studentenbewegung geht es auch um den aktuellen Prozess des
Mörders an Benno Ohnesorg, um eine Kritik an linken Zusammenhängen, linken
Frauen- und Männerbildern und an der Bildungsbürgerbewegung gegen Stuttgart 21:
„Keiner übergewichtig, alle gesund ernährt und mit dem Gesicht des anthroposophischen
Stuttgart in den Augen und Nasenfalten.
Es gab auch blutjunge, blonde Schönheiten, gut erzogene Studenten, (...)
kaum einen in schwarzen Klamotten mit Anarchozeichen auf der Hose." All das
wird so witzig, erotisch und spannend erzählt, dass ich unbedingt weitere
Abenteuer von Lisa Herz lesen möchte.
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